„Jopie war kein Nazi“

Die Deutschen hatten zwar den Krieg verloren, sollten aber als Vernichtungsgewinnler aus ihm hervorgehen, indem sie den Ermordeten noch die Rolle des Opfers stahlen.“ Eike Geisel

Als im Dezember 2008 Deutschland in Form des „Wetten dass…“-Publikums die Bitte Johannes Heesters’ um Verzeihung für „etwas Dummes, etwas Blödes, etwas Fürchterliches“ (Heesters), das er einige Tage zuvor im Interview mit einem niederländischen Fernsehteam geäußert hatte, mit standing ovations bedachte, war ein Prozess abgeschlossen, der spätestens in den ersten Minuten nach der bedingungslosen Kapitulation eingesetzt hatte.
Der Skandal war bereits keiner mehr; schließlich galt es, das fortgeschrittene Alter des Tunichtgut zu berücksichtigen, der noch die hartnäckigsten ‚Entertainer’ des ‚Dritten Reichs’ überlebt hat: Marika Rökk (90), Leni Riefenstahl (101), Ernst Jünger (103) etc. pp. So konnte man auch augenzwinkernd darüber hinwegsehen, dass Heesters eine ‚grundlegende deutsche Wahrheit‘ (Kinder, Betrunkene … und Senile…) ausgesprochen hatte: „Hitler war ein guter Kerl.“ Quittiert wurde das Statement von seiner Frau mit einem deutlichen „Na, Jopie!“, das sich verräterisch nach „Aus, Jopie!“ anhörte. Woraufhin Heesters präzisierte: „Naja, das war er nicht, aber für mich war er nett.“ Neben einigen wenigen Niederländern, Ungarn, Schweden galt eben dies für den weitaus größten Teil der Deutschen in den Jahren 1933 bis 1945 und darüber hinaus.
Da des Deutschen liebste Rolle aber immer schon die des Opfers war und das auch in der Ära des deutschen ‚Übermenschentums‘, mussten Strategien entwickelt werden, um zu vertuschen, dass der Nationalsozialismus ‚den Volksgenossen‘ nahezu alles gegeben hatte, wonach sie verlangten.
Bereits 1946 hatte der spätere Bundespräsident Theodor Heuß in erster Linie zu beklagen, dass der Nationalsozialismus die Deutschen zwang sich zu schämen und „daß wir Sehnsucht haben müssen nach dem Tage, wieder mit freier Seele stolz drauf sein zu dürfen, Deutscher zu sein.“ (zit. nach Joachim Bruhn, 1994). Seitdem hat sich die Nation diesem Ziel mit unterschiedlichen Mitteln, aber unaufhaltsam und immer als selbststilisiertes Opfer, angenähert. Vom „War da was?“ oder „Irgendwann muss doch mal Schluss sein mit der Selbstkasteiung“, als noch kaum die Tinte auf den Waffenstillstandsverträgen getrocknet war; über das mitleidende „Aber dieses Mädchen hätten sie doch verschonen können“ als verbreitete Reaktion auf das Tagebuch der Anne Frank; den angeblichen Vatermord der um ihre verlorenen Vorbilder trauernden 68er, der irgendwann in die Selektion jüdischer Flugzeugpassagiere in Entebbe mündete; die ‚Versöhnung’ an den SS-Gräbern von Bitburg, „die Gustloff“; „den Brand“; „den Untergang“, der endlich bewies, dass man nichts hatte wissen können; „die Mauer“; die Deutschen, die „unter der Dauerrepräsentation unserer Schande“ (Martin Walser) unerträglich leiden und zwanzigmal wegsehen mussten; die Deutschen als allesamt verkannte Oskar Schindlers, die immer nur „Guten Tag“ gesagt hatten und niemals „Heil Hitler“, die Deutschen, die sich ein weltweit einzigartiges Mahnmal errichteten und spätestens damit Auschwitz als Gründungsmythos ihres zurückgewonnenen Nationalbewusstseins neuerfunden hatten – als Freizeitpark. Das ist „die neue Lust am historischen Schuldbekenntnis der Deutschen“ (Eike Geisel).
Nach ihrer Selbstkrönung als das ultimative und unhinterfragbare Opfer des Nationalsozialismus sind die Deutschen nunmehr die einzige anerkannte Instanz, die den Tätern alles vergeben und verzeihen kann. Verlangt es die Täter nach Absolution, haben sie sich ein wenig kleinlaut oder auch versuchsweise trotzig ‚dem deutschen Volke‘ zu stellen, das unabwendbar Gnade walten lassen und sie zudem gegen jegliche sich Urteile anmaßende Konkurrenz verteidigen wird.
Entgegen der eine Zeitlang durchaus berechtigten Aussage des israelischen Psychoanalytikers Zvi Rex, die Deutschen würden den Juden Auschwitz niemals verzeihen, sind die Deutschen mittlerweile geradezu dankbar für Auschwitz, das ihnen generöse Gesten und die endlose Inszenierung als Opfer welcher Couleur auch immer ermöglicht – oder wie Gremliza schrieb: „Wenn die Deutschen Auschwitz nicht erfunden hätten, hätten sie Auschwitz erfinden müssen.“
Als das „Wetten dass…“-Publikum Johannes Heesters mit großer Geste (nur da capo-Rufe hätten mehr Respekt zollen können; man stelle sich das vor…) verzieh, waren die tatsächlichen Opfer endgültig vergessen, erledigt, vereinnahmt. Die Deutschen hatten sich mit ihnen so vollkommen identifiziert und sie zugleich so abschließend verdrängt, dass sie ab sofort alles in deren wie im eigenen Namen erledigen können.

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