Archiv für Juni 2009

„Don‘t stop till you get enough“: Schlesien, Winnetou, Michael Jackson – alles ‚unser‘!

Der Papst ist Deutscher, Gott (s.u.) wohnt mit seiner Frau Simone am Starnberger See und sein Sohn ist Niedersachse. Erika Steinbach, Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, wusste bereits 2007 von den Wundern (Lukas7, 11 – 17), die er vollbringt, zu berichten: „Es ist gut und richtig, dass Ministerpräsident Christian Wulff in Verantwortung vor der Patenschaft des Landes Niedersachsen für die Schlesier beim Schlesiertreffen am Wochenende in Hannover sprechen will. Damit erfüllt er diese Patenschaft, die unter der rot/grünen Landesregierung eingeschläfert wurde, endlich wieder mit Leben.
Im Jahre des Herren 2009 sprach er wieder zu ihnen und ihrem Bundesvorsitzenden Rudi Pawelka, ehemals Vorstandsvorsitzender der „Preußischen Treuhand“, CDU-Mitglied etc. pp.
Noch 2007 wollte Wulff seinen schlesischen Patenkindern nur dann seinen Segen spenden, wenn sie zeigten, dass sie mit rechtsex-tremistischem „Gedankengut gar nichts zu tun haben“. (Aka: Was ich nicht sehe, gibt es nicht.) Pawelka nahm sich das damals so zu Herzen, dass er beklagte, die Vertreibung der Deutschen aus den ‚Ostgebieten’ würde immer wieder damit begründet, dass sie Adolf Hitler gewählt hätten – dem sei aber nicht so, weil eigentlich Ilja Ehrenburg die Rote Armee aufgehetzt habe – offenbar dermaßen, dass sie glauben musste, die Deutschen hätten so etwas wie den Kommissarbefehl erlassen, vergewaltigt, gefoltert, Vernichtungslager errichtet und Millionen von Menschen ermordet. Natürlich, wenn man so aufs Glatteis geführt wird…
Erika Steinbach begrüßte damals die Entscheidung Wulffs, „für die Schlesier“ zu sprechen und: Die „Tatsache, dass der jetzige Vorsitzende dieser Landsmannschaft daneben eine Organisation betreibt, die auch vom BdV abgelehnt wird, kann alleine kein Grund sein, dem Schlesiertreffen […] fernzubleiben und alle Schlesier damit auszugrenzen“. Schließlich, da ist sich Steinbach mit Pawelka trotz der manchmal unterschiedlichen Wahl der Waffen einig, darf man Deutsche keinesfalls für ihre irgendwie gewählten Repräsentanten bestrafen – so was passiert schon mal und „anständig“ (Heinrich Himmler) sind sie dann doch immer geblieben. Außerdem hätte eine „Bevölkerungsgruppe wie die Schlesier, die Opfer völkerrechtswidriger Vertreibung wurden, die ihres gesamten Hab und Gutes [sic] beraubt wurden, […] auch mehr als 60 Jahre nach dem Vorgang die Solidarität aller Deutschen verdient.“ Das Hab und Gut, dessen sie ‚beraubt’ wurden, haben sie zwar zu einem nicht unerheblichen Teil anderen geraubt und es wird ihnen seit 60 Jahren ausgiebig erstattet, aber… wie auch immer.
2009 begab es sich nun also, dass Michael Pietsch, der Präsident der schlesischen Landesvertretung, Wulff als „guten Freund der Schlesier“ bezeichnete und konstatierte: „Sie passen gut zu uns.“ Der Ministerpräsident von Niedersachsen wollte den Schlesiern daraufhin „immer wieder nur Danke sagen“ und versprach, alles zu tun, „um das Schicksal der Heimatvertriebenen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen“. Denn: „Für uns alle sollte es eine Selbstverständlichkeit sein, dass wir uns unserer Heimat erinnern. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Ihnen dieses Grundrecht verweigern wollen.“ Die brutale Unterdrückung des Rechts auf Heimaterinnerung hat dazu geführt, dass seit 1947 (älteste dokumentierte Gedenkstätte) in Deutschland und zunehmend in ehemals heimgesuchten Ländern nur „über 1.400“ „Mahnmale und Gedenkstätten der Vertriebenen und Flüchtlinge“ (hierbei handelt es sich ausschließlich um die vom BdV registrierten, der dazu auffordert, weitere aufzufinden und ihm zu melden(!)) errichtet werden konnten. Laut BdV hat bis dato allein Deutschland „eine vielgestaltige und beeindruckende Gedenkstättenlandschaft für diesen Teil deutscher Geschichte aufzuweisen“ – das muss natürlich geändert werden! Wenn nur der schreckliche Gegenwind nicht wäre, man fühlt sich geradezu in das zugefrorene Haff zurückversetzt… Vermutlich sind die Polen, Tschechen, Ungarn, Serben etc. etc. immer noch so verblendet durch die Propaganda Ehrenburgs, dass sie tatsächlich glauben, die Deutschen hätten ihnen im 2. Weltkrieg ein mörderisches System aufoktroyiert.
Egal, die Schlesier, Pommern, Ostpreußen und wie sie auch immer heißen mögen, haben laut Spiegel online Konkurrenz bekommen: „Der „King of Pop“ [Michael Jackson] hat in Deutschland mehr Spuren hinterlassen, als in den meisten anderen Winkeln der Welt. Jetzt ist es an seinen Fans, sie zu bewahren und zu pflegen“. Das nächste Großprojekt des ZDF oder von RTL wird sich also voraussichtlich mit der Vertreibung Jacksons aus den USA auseinandersetzen, wo man die Verschleierung seiner Kinder laut Spon nicht ganz so gelassen sah wie hier „im Land von Loreley, Schwarzwald und Neuschwanstein“, wo „man ihm noch durchgehen [ließ], dass er seine Kinder fast komplett in Tücher eingehüllt spazieren führte“. Aber deutsche Identitätspolitik setzt sich ja zunehmend durch… Letzten Endes werden sich auch die Amerikaner überwinden müssen und ihre ‚Verbrechen‘ an den Deutschen (oder was von den Deutschen als zu ihnen gehörend identifiziert wurde: ‚Indianer’, Michael Jackson, Wieheißt-dasgegenteilvonprüderie? – irgendwann kommt noch was zu 3sats Kulturzeitschaffenden, die es hingekriegt haben, in einem Beitrag über hurricane Katrina unterzubringen, dass die Amis prüde seien – usw. usf.) mithilfe einer „vielgestaltige[n] und beeindruckende[n] Gedenkstätten-landschaft“ zu dokumentieren.

recommended reading:
Erich Später – Kein Frieden mit Tschechien
Frank Stern – Im Anfang war Auschwitz
Raul Hilberg – Täter, Opfer, Zuschauer
Gerhard Scheit – Die Meister der Krise

„Hinter‘m Horizonte geht’s weiter…“

horizonte, das Magazin zur Verortung und Weiterentwicklung der Zukunft der Sozialdemokratie in Mecklenburg-Vorpommern distanziert sich von Jürgen Elsässer… irgendwie: „Das Interview mit dem umstrittenen Publizisten Jürgen Elsässer wurde bereits im Mai 2009 geführt. Im Juni 2009 hat Elässer [sic] im Zusammenhang mit den Wahlen im Iran zum Teil Äußerungen getätigt, die er besser unterlassen hätte. Die Redaktion weist ausdrücklich darauf hin, dass sie Elsässers diesbezüglichen [sic] Auffassungen keinesfalls teilt.
Da das Interview trotzdem in voller Länge und mit einem nur milden Lächeln ob des Alkoholkonsums des Befragten veröffentlicht wurde, scheinen folgende statements (zukünftigen) sozialdemokratischen Verortungen nicht zu widersprechen:
Wir wollen die Arbeiterklasse gegen den Angriff der finanzkapitalistischen Heuschrecken, gegen den Hyper-Imperialismus der Globalisierung verteidigen.
„[…] aber mittlerweile ist offenkundig, dass die USA der gefährlichste Schurkenstaat ist [sic].“
Während wir seinerzeit eine populare, volksorientierte Politik betrieben haben und ich auch heute noch für einen solchen Ansatz stehe, dominiert im jetzigen antideutschen Spektrum der Hass – ausgenommen sind nur Lesben aus dem Iran und Transsexuelle aus Tibet. Im Vordergrund steht der Hass auf jede Form von Kollektivität: ob Nation, Staat, Religion oder Familie ist da schon fast egal.
diktatorische[r] Schandvertrag [von Lissabon] [???]
Der Kampf für den Sozialstaat ist die Suppe, die Verteidigung der nationalen Souveränität der Pfeffer, der sie schmackhaft macht. Die richtige Dosierung zu finden, ist eine knifflige Sache in Deutschland – man darf das Ganze natürlich nicht verwürzen.
Und wer ein solches strategisches Bündnis zur Rettung des Nationalstaates will, stößt auf politische Hürden, die durch die Viruserkrankung political correctness verursacht sind, weil jeder brave Konservative gleich als Nazi gilt.“
Mit den anstehenden wirtschaftlichen Zerrüttungen wird nach unserer Überzeugung auch der politische Nährboden zur Verteidigung des Nationalstaates wieder gedeihen. Also war die Gelegenheit günstig.“
etc. pp.
Hätte Elsässer es also unterlassen, seine Ressentiments noch einmal zu bekräftigen, wäre das alles nur ein wenig putzig und er jemand, mit dem man zumindest mal reden könnte, wenn’s um den Aufbau einer „Volksini“ (!) geht, der zurzeit „etwa 30 Personen [angehören], obwohl wir erst in Berlin aktiv sind. Anfang Juli werden wir einen bundesweiten Kongress mitveranstalten, zu dem 500 Leute erwartet werden. Unser mittelfristiges Ziel ist der Aufbau einer netzwerkartigen Organisation wie Attac mit regionalen Gruppen im ganzen Land.
Mit denen will man es sich ja nicht verderben – schon gar nicht, wenn man sich vorstellt, wie das langfristige Ziel der völkischen Erhebungsaktion gegen „das global agierende[n] und von den USA dominierte[n] Kapital“ aussehen mag.
Und so wird am Ende dann doch wieder einmal zusammenwachsen …

Alle Jahre wieder…

…im Bachmann-Wettbewerb – der Konjunktiv(II)-Text:

The actual state of affairs…

„Milly tried to be amused, so as not – it was too absurd – to be fairly frightened.“
Henry James – The Wings of the Dove

Lob der Retardation

Matussek lobt Weimer, Weimer lobt die „Bonner Republik“ und gemeinsam erfreuen sie sich der Ruhe im Lande und des Niedergangs einer ‚Linken’, wie sie nur von Adenauer-Apologeten imaginiert werden kann. Das kann lustig sein, wenn Weimer z.B. den „geifernde[n] Grass“ „und die Seinen“ als „Zöglinge des tausendjährigen Reiches […,] Nietzsches, Jüngers und Heideggers“ bezeichnet und ganz so weit ist er dann ausnahmsweise nicht von der Wirklichkeit entfernt (nachzulesen bei Klaus Briegleb – Mißachtung und Tabu, Wolfgang Beutin – Der Fall Grass, Yoram Kaniuk – Der letzte Berliner oder Klaus Bittermann – Literatur als Qual und Gequalle). Kein Wort allerdings zu (auf das Wort geifernd ist zu verzichten, es ist so unschön!) Walser und den „Seinen“, die aus derselben Schule hervorgingen. Wie überhaupt nahezu das gesamte politische, philosophische, literarische etc. pp. Personal, das in der Bundesrepublik im Nachkrieg etwas zu melden hatte. Laut Weimer, Anhänger der ‚Stunde Null’-These, erbauten Adenauer „und die Seinen“ (unter ihnen der Kommentator der Nürnberger Rassengesetze Hans Josef Maria Globke) „aus den Trümmern der Stahlgewitter ein Haus der Ehre“, das den Deutschen „nicht bloß den größten Wirtschaftswunder-Wohlstandsschub ihrer Geschichte [brachte]. Zum ersten Mal formierte sich eine sozial verfasste Gesellschaft, ein Wohlfahrtsstaat, der seinesgleichen suchte. Man integrierte Millionen Vertriebener und Flüchtlinge […].“ „Man“ hatte ja auch genug Platz geschaffen für die Millionen ‚Volksgenossen’. (Mehr über „Kriegsverlierer und Vernichtungsgewinnler“ ist in Gerhard Scheits Die Meister der Krise zu erfahren. Auch darüber, dass „ein Wohlfahrtsstaat“ der Deutschen so neu nicht war.)
Des Trauerspiels um die ungeliebte Republik zweiter Akt ist den „Jünger[n] Sartres und Brechts, Marxens und Adornos“ gewidmet, hielten sie doch „diese bürgerliche Bonner Republik für ein böses Kapitalismusgespenst [war mit dem umgehenden Gespenst bei Marx nicht einstmals der Kommunismus gemeint? Egal, bei Ibsen hieß das Puppenhaus, auf das Weimer offenbar anzuspielen glaubt, ja auch noch Puppenheim bzw. dukkehjem, J6ON] in der Maske des Biedermeiers. „Schweinesystem“ schimpften es die linken Wortführer schließlich sogar und bahnten dem RAF-Terrorismus den Weg.“ Weist die Genealogie (dt. Sippenforschung), die Weimer auf Grass und Konsorten anwendet, mindestens noch Zeitleisten-Stringenz auf, kommt er nun vollends ins Schleudern – die richtige Reihenfolge lautet: Marx, Brecht, Adorno, Sartre (streng nach Geburtsdatum!). Und das „Schweinesystem“ ist seltsame Wege gegangen von George Orwell, in Abwandlung über die Beatles und Charles Manson, bis zur RAF (womit nicht die ruhmreiche Royal Air Force gemeint ist, sondern eben nur die völkerbefreiende Fraktion der Roten Armee, die auch schon mal Sinnvolleres vollbracht hatte).
Geschenkt: Denn worauf Weimer eigentlich hinaus will, ist die erfolgreiche konservative, an Arendt nicht einmal mehr angelehnte Idee der Ineinssetzung von Nazis und Kommunisten (als die ihm bereits sich Barockmenschen wähnende SPD-Unterstützer verdächtig erscheinen) – sie allein sind seiner Ansicht nach Schuld daran, dass auch die Protagonisten des dritten Aktes (das Trauerspiel gerät ihm zur Saga), „die eigenen Kinder, die 89er“ sich nicht in das Land des „Jägerzaun[s] und Kaffeekännchen[s], Moselwein[s] und nickenden Dackel[s]“ „verliebten“ (!). Es reicht Weimer offenbar nicht, dass mittlerweile kaum ein Mahnmal für die Opfer der Nazis errichtet werden, keine offizielle Rede zum Thema mehr gehalten werden kann, ohne auf die ‚deutschen Opfer’ der … eigentlich des Rests der Welt zu verweisen und die Sozialdemokratie in Personalunion mit den Grünen sich als der erfolgreichere ‚Vergangenheitsbewältiger’, als der international glaubwürdigere Vertreter des „Nie wieder!“ und national dienlichere Schwarz-Rot-Gold-Maler erwiesen hat. Das große Pathos für das „bürgerlich-christlich Miefige“, das der „gute Kern“ der von „’Spießer[n]’“ geschaffenen Bonner Republik gewesen sei, wird verlangt, denn „[d]er Mief dieser Bescheidenheit duftet im Nachhinein nach wahrer Größe.“
Anlass für den Sermon ist ihm im Übrigen ein ganz bescheidenes bürgerlich-christliches, miefiges Gefühl – Schadenfreude: „Der Todesschütze von Benno Ohnesorg war von [!] der Stasi. Für die Linke in Deutschland bricht ein Mythos zusammen.“ In der Tat! Zum Thema ist von Alex Feuerherdt und Jörn Schulz schon alles, was Sinn ergibt, geschrieben worden.
Über Weimers (natürlich angemessen gedimmte) Lichtgestalten, Adenauer „und die Seinen“, und die seiner Meinung nach „zu Unrecht!“ ungeliebte „rheinische Republik“ kann man alles in Frank Sterns Im Anfang war Auschwitz. Antisemitismus und Philosemitismus im deutschen Nachkrieg lesen. Für die Rechte in Deutschland ist damit offenbar kein Mythos zusammengebrochen, dabei ist das Buch bereits 1991 erschienen. Wie schon Adenauer sagte: „[I]m Übrigen dürfen wir nicht mehr zwischen zwei Klassen von Menschen in Deutschland unterscheiden: die politisch Einwandfreien und die Nichteinwandfreien. Diese Unterscheidung muß baldigst verschwinden. Der Krieg und auch die Wirren der Nachkriegszeit haben eine so harte Prüfung für viele gebracht und solche Versuchungen, daß man für manche Verfehlungen und Vergehen Verständnis aufbringen muss“ (zitiert nach Stern, 1991).
Zu Matussek bleibt dann nicht mehr viel zu sagen, außer dass er Weimer entlarvend zitiert: „In einem Zehn-Punkte-Programm zur Überwindung der „Brisanzkrise“ empfiehlt Weimer einen „geistigen Instrumentenkasten“, einen „Risikoschirm der Haltung, um unsere weltanschaulichen Einlagen abzusichern“. Darunter ein Lob auf die retardierenden Momente Europas im Gegensatz zu den angelsächsischen Rasereien, sowie eine „Kultur der Verlässlichkeit“: Glaube statt Gold, Familie statt Finanzen. Und Sparsamkeit: „Der Homo ludens der Börsenkultur dürfte vom homo credens der neuen Bescheidenheit abgelöst werden.“
Und dass er neben Wolfram Weimer Peter Sloterdijk mit dem Attribut „brillant“ versieht.

„DIE LINKE erklärt sich solidarisch mit den Protesten im Iran“…

…besteht aber letztendlich auf dem von ihr so geschätzten ‚Selbstbestimmungsrecht der Völker‘: „Vor diesem Hintergrund ist die internationale Staatenwelt gefordert, nicht durch äußere Einmischung oder konfrontative Rhetorik die Spannungen zwischen den politischen Lagern weiter anzuheizen: Die Gefahr einer weiteren Eskalation der Lage besteht real und sollte für niemanden von Interesse sein. Eine weitere Destabilisierung der Lage im Iran kann die gesamte Region gefährden. Das gilt auch in Hinblick auf mögliche Bewegungen in der Nahostfrage, denn der mit der Kairoer Rede von US-Präsident Obama [in der er die Lage der Palästinenser unverantwortlich mit jener der Sklaven in den Südstaaten der USA verglich, siehe auch Lizas Welt, J6ON] über das Herangehen des Westens an die islamische Welt aufgetane Hoffnungsschimmer würde so schnell wieder zunichte gemacht. Stabile politische Verhältnisse im Iran sind Mitvoraussetzung für ein dauerhaftes und belastbares Fundament einer Lösung des Nahostkonfliktes.
…und will sich auch sonst nicht wirklich positionieren: „Die gegenwärtigen Proteste signalisieren das seit Jahren massivste gesellschaftliche Aufbegehren, und dennoch darf nicht übersehen werden, dass die politischen Kräfte um den bisherigen Präsidenten weiterhin über eine starke Verankerung in großen Teilen der iranischen Bevölkerung verfügen.“
Nun denn…

http://die-linke.de/nc/presse/presseerklaerungen/detail/zurueck/aktuell-2/artikel/iran-eskalation-der-lage-fuer-niemanden-von-interesse-1/

For more serious (!) information: http://freeirannow.wordpress.com/

„Denn heute gehört uns…“

Sie waren Widersacher im Denken, respektvoll im Umgang, nie langweilig, mit einer Antihaltung gegenüber allem auf Würde bedachten Akademikertum, einfach sachlich. In anderen Nationen würde man das stolz sehr deutsch nennen.“ (Nikolaus von Festenberg für Spiegel online zum Tode Ralf Dahrendorfs und zum 81.(!) Geburtstag von Jürgen Habermas)
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,631290,00.html
Jenseits davon, dass „Widersacher im Denken“ (sollte das nicht Widersacher des Denkens heißen?), „nie langweilig“ (außer man betrachtet die Anzettelung von zwei Weltkriegen als entertainment), „respektvoll im Umgang“ (ausgerechnet!) und „Antihaltung gegenüber“ würdevollem Akademikertum (abgesehen von der üblichen Intellektuellenfeindschaft) bis dato noch nicht in den ständig selbstherrlich erweiterten Kanon ‚deutscher Tugenden‘ aufgenommen wurden, mag man bezweifeln, dass das absurde Konglomerat „in anderen Nationen“ (?) auch noch „stolz (!) sehr deutsch“ genannt werden würde. Außer ich habe was verpasst: „…und morgen die ganze Welt.“

„Da capo, Jopie!“

Die deutsche Öffentlichkeit hat ihren mit standing ovations bekundeten Willen durchgesetzt: Johannes Heesters ist nunmehr … Gott!
Das Publikum der Stuttgarter Aufführung von Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ bedachte ihn dafür mit Szenenapplaus. Sehr passend – with a twist – denn in der diesjährigen Inszenierung darf Gott aka Jopie, anders als in der Originalvorlage, den geldanbetenden (!) Jedermann sogar selbst richten: „So viel ich vermocht, hab ich vollbracht.“
Man sollte nicht zu früh hoffen, einer geht offensichtlich immer noch rein!

Kurze rhetorische (!) Frage…

Kann ein Land, das Kriegsverbrecher schützt, in die Europäische Union aufgenommen werden? Einfache Antwort aus Brüssel: Kann es nicht.“ (ZDF, Heute in Europa vom 12.06.09)
Einfache Frage: Was hat dann Deutschland, das eben dies seit 1945 ununterbrochen und höchst erfolgreich praktiziert, in der EU zu suchen?

Grundlegendes 3

„Ihr hättet sehen müssen und eure Jugend ist kein Freibrief und brecht mit eurem Vater.“
Jean Améry – Jenseits von Schuld und Sühne

Deutsches Triptychon: Dresden – Buchenwald – Mauerfall

Herr Präsident, meine Damen und Herren, an diesem Ort wurde 1937 ein Konzentrationslager errichtet. Nicht weit von diesem Ort liegt Weimar, ein Ort, an dem Deutsche wunderbare Beiträge zur europäischen Kultur geschaffen haben. Nicht weit also von dem Ort, an dem sich einst Künstler, Dichter und Denker trafen, herrschten hier, in diesem Lager, fortan Terror, Gewalt und Willkür.“
Rede Angela Merkels anlässlich des Besuchs Barack Obamas in Buchenwald

Weimar, wie andere Orte in Deutschland, an denen Dichter und Denker wunderbare Beiträge zur deutschen Kultur schufen, niemals weit also von Schauplätzen deutschen Terrors, deutscher Gewalt und deutscher Willkür.
Beispielsweise Berlin, nicht weit gelegen also vom KZ Sachsenhausen: Die Christlich-Deutsche Tischgesellschaft mit ihren dichtenden, denkenden und überhaupt kreativen Mitgliedern, u.a. Achim von Arnim, Clemens Brentano, Karl Friedrich Schinkel, Johann Gottlieb Fichte, denen es die ‚Wohlanständigkeit’ gebot, Juden aus ihrem Kreis prinzipiell auszuschließen. Arnim empfahl bereits 1811 in „Über die Kennzeichen des Judenthums“, einem Juden zum Zwecke der Bestimmung seiner ‚Rassenzugehörigkeit’ die Haut abzuziehen und ihn in Asche zu verwandeln: „[M]an nehme also einen, zerstoße ihn erst und gebe Achtung auf Kristallisation und Bruch […] Ob er scharf-süßlich rieche u.s.w. Nachher zerreibe man ihn im Feuersteinmörsel, erwärme ihn mit Ätzlauge im Platintiegel, allmählich bis zum Durchglühen“ (zitiert nach Gerhard Scheit – Verborgener Staat, lebendiges Geld).
Oder der schöne See Stechlin, nicht weit entfernt also vom KZ Oranienburg und Sachsenhausen, wo Theodor Fontane seinen gleichnamigen Roman (1898) angesiedelt hat und den bis dahin als ‚judenfreundlich’ angesehenen Hauptprotagonisten irgendwann schwadronieren lässt: „Engelke, mit Baruch is es auch nichts. Ich dachte wunder, was das für ein Heiliger wär, und nun is der Pferdefuß doch schließlich rausgekommen. […] Sonderbar, Uncke, mit seinem ewigen ‚zweideutig’ wird am Ende doch recht behalten. Überhaupt solche Polizeimenschen mit `nem Karabiner über die Schulter, das sind, bei Lichte besehen, immer die feinsten Menschenkenner.“
Oder Bayreuth, nicht weit also von Nürnberg und einem Außenlager des KZ Flossenbürg, wo Richard Wagner 1882 die Komposition des Parsifal vollendete und in einem Brief an Ludwig II sein letztes Werk fast resigniert abhakte: „Was soll jetzt dieses christlichste aller Kunstwerke in einer Welt, welche vor Feigheit vor den Juden vergeht“ (zitiert nach Gerhard Scheit, ebd.). Bayreuth, der heilige deutsche Kulturgral auch der Bundeskanzlerin und der Ort, über dem regelmäßig beklagt wird, dass man Wagner ja in Israel nicht aufführen könne. Aus unerfindlichen Gründen natürlich, da Wagner nun mal nur von den Nazis missbraucht worden sei, wie alle Angehörigen der Kulturnation Deutschland.
Oder Dresden, ganz in der Nähe also von z.B. Freital, einem weiteren Außenlager Flossenbürgs, das für Merkel ebenso ein Ort der Mahnung ist wie Buchenwald und der wie kaum ein anderer „in unserem Bewusstsein so eindrücklich für Leid und Zerstörung durch Krieg [steht]. Doch daraus ist Dresden heute auch eine ganz besondere Symbolkraft erwachsen: für Versöhnung und Wiederaufbau, für Weltoffenheit und Zukunftsgestaltung, die im Bewusstsein der Verantwortung für die Geschichte gelingen kann“ (Merkel anlässlich des Besuchs Obamas in Dresden und Buchenwald in der Sächsischen Zeitung).
Es geht eben niemals ohne die ausdrückliche Betonung der ‚deutschen Opfer’. Obwohl man trotz des engen Zeitplans Obama noch nach Dresden gescheucht hatte, kann man es sich selbst in Buchenwald nicht verkneifen: „Wir gedenken heute der Opfer dieses Ortes. Dies schließt das Gedenken der Opfer des so genannten „Speziallagers 2″ mit ein, des Internierungslagers, das die sowjetische Militäradministration hier von 1945 bis 1950 unterhielt. Darin erlagen viele tausend Menschen den Strapazen unmenschlicher Haftbedingungen“ (Rede Merkels in Buchenwald). Dass unter diesen vielen tausend Menschen viele tausend Täter waren, ist, seit ein anderer Kanzler einen anderen US-Präsidenten nach Bitburg verschleppte, offenkundig nicht mehr erwähnenswert.
Angela Merkel würde Barack Obama auch gerne nach Berlin zum 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls einladen – am 9. November 2009! „Denn wir vergessen nie“ (Merkel). Die lustigen „Spiele ohne Grenzen“ für die Jubelfeier werden entsprechend angemessen gestaltet: „Berlin feiert den 20. Jahrestag des Mauerfalls mit einem „Fest der Freiheit“ am Brandenburger Tor, das Kulturprojekte Berlin organisiert. Symbolisch soll der Fall der Mauer zwischen Reichstag und Potsdamer Platz mit 1000, etwa 2,5 Meter hohen Dominosteinen aus Styropor nachempfunden werden – live im ZDF übertragen. Auch wenn die komplette Choreografie noch nicht steht: Die letzten 30 bis 40 Steine sollen von den geladenen Zeitzeugen und Politikern umgestoßen werden“ (Der Tagesspiegel vom 6.6.2009).
Symbolisch wäre mit diesem Besuch Obamas auch das von Merkel geplante Deutsche Triptychon vollendet, ein handlicher Reisealtar – mit den deutschen (!) Opfern der alliierten Bombenangriffe auf Dresden links, der sühnenden Opferbereitschaft der Deutschen, sich den Holocaust als Gründungsmythos aufzuerlegen, um forthin als das moralischste und leidendste ‚Volk’ der Erde auftreten zu können prominent in der Mitte und rechts davon das strahlende Paradies in Einheit und deutsch verstandener Freiheit. Auf den Außenseiten des Triptychons findet man dann in schöner Kalligraphie die ganzen „Wirs“ und „Uns Deutschen“, die in Merkels Rede vorherrschten.

„Ich ziehe es vor, in eigenem Namen und andererseits von „den Deutschen“ zu sprechen. Verfährt man so, dann wird man regelmäßig von jenen angegriffen, die darin eine unzulässige Verallgemeinerung sehen. Aber gleichzeitig sich selbst eilfertig durchstreichen und bei jeder Gelegenheit „wir“ oder „wir Deutsche“ sagen.“ (Eike Geisel)

D-Day

„Jopie war kein Nazi“

Die Deutschen hatten zwar den Krieg verloren, sollten aber als Vernichtungsgewinnler aus ihm hervorgehen, indem sie den Ermordeten noch die Rolle des Opfers stahlen.“ Eike Geisel

Als im Dezember 2008 Deutschland in Form des „Wetten dass…“-Publikums die Bitte Johannes Heesters’ um Verzeihung für „etwas Dummes, etwas Blödes, etwas Fürchterliches“ (Heesters), das er einige Tage zuvor im Interview mit einem niederländischen Fernsehteam geäußert hatte, mit standing ovations bedachte, war ein Prozess abgeschlossen, der spätestens in den ersten Minuten nach der bedingungslosen Kapitulation eingesetzt hatte.
Der Skandal war bereits keiner mehr; schließlich galt es, das fortgeschrittene Alter des Tunichtgut zu berücksichtigen, der noch die hartnäckigsten ‚Entertainer’ des ‚Dritten Reichs’ überlebt hat: Marika Rökk (90), Leni Riefenstahl (101), Ernst Jünger (103) etc. pp. So konnte man auch augenzwinkernd darüber hinwegsehen, dass Heesters eine ‚grundlegende deutsche Wahrheit‘ (Kinder, Betrunkene … und Senile…) ausgesprochen hatte: „Hitler war ein guter Kerl.“ Quittiert wurde das Statement von seiner Frau mit einem deutlichen „Na, Jopie!“, das sich verräterisch nach „Aus, Jopie!“ anhörte. Woraufhin Heesters präzisierte: „Naja, das war er nicht, aber für mich war er nett.“ Neben einigen wenigen Niederländern, Ungarn, Schweden galt eben dies für den weitaus größten Teil der Deutschen in den Jahren 1933 bis 1945 und darüber hinaus.
Da des Deutschen liebste Rolle aber immer schon die des Opfers war und das auch in der Ära des deutschen ‚Übermenschentums‘, mussten Strategien entwickelt werden, um zu vertuschen, dass der Nationalsozialismus ‚den Volksgenossen‘ nahezu alles gegeben hatte, wonach sie verlangten.
Bereits 1946 hatte der spätere Bundespräsident Theodor Heuß in erster Linie zu beklagen, dass der Nationalsozialismus die Deutschen zwang sich zu schämen und „daß wir Sehnsucht haben müssen nach dem Tage, wieder mit freier Seele stolz drauf sein zu dürfen, Deutscher zu sein.“ (zit. nach Joachim Bruhn, 1994). Seitdem hat sich die Nation diesem Ziel mit unterschiedlichen Mitteln, aber unaufhaltsam und immer als selbststilisiertes Opfer, angenähert. Vom „War da was?“ oder „Irgendwann muss doch mal Schluss sein mit der Selbstkasteiung“, als noch kaum die Tinte auf den Waffenstillstandsverträgen getrocknet war; über das mitleidende „Aber dieses Mädchen hätten sie doch verschonen können“ als verbreitete Reaktion auf das Tagebuch der Anne Frank; den angeblichen Vatermord der um ihre verlorenen Vorbilder trauernden 68er, der irgendwann in die Selektion jüdischer Flugzeugpassagiere in Entebbe mündete; die ‚Versöhnung’ an den SS-Gräbern von Bitburg, „die Gustloff“; „den Brand“; „den Untergang“, der endlich bewies, dass man nichts hatte wissen können; „die Mauer“; die Deutschen, die „unter der Dauerrepräsentation unserer Schande“ (Martin Walser) unerträglich leiden und zwanzigmal wegsehen mussten; die Deutschen als allesamt verkannte Oskar Schindlers, die immer nur „Guten Tag“ gesagt hatten und niemals „Heil Hitler“, die Deutschen, die sich ein weltweit einzigartiges Mahnmal errichteten und spätestens damit Auschwitz als Gründungsmythos ihres zurückgewonnenen Nationalbewusstseins neuerfunden hatten – als Freizeitpark. Das ist „die neue Lust am historischen Schuldbekenntnis der Deutschen“ (Eike Geisel).
Nach ihrer Selbstkrönung als das ultimative und unhinterfragbare Opfer des Nationalsozialismus sind die Deutschen nunmehr die einzige anerkannte Instanz, die den Tätern alles vergeben und verzeihen kann. Verlangt es die Täter nach Absolution, haben sie sich ein wenig kleinlaut oder auch versuchsweise trotzig ‚dem deutschen Volke‘ zu stellen, das unabwendbar Gnade walten lassen und sie zudem gegen jegliche sich Urteile anmaßende Konkurrenz verteidigen wird.
Entgegen der eine Zeitlang durchaus berechtigten Aussage des israelischen Psychoanalytikers Zvi Rex, die Deutschen würden den Juden Auschwitz niemals verzeihen, sind die Deutschen mittlerweile geradezu dankbar für Auschwitz, das ihnen generöse Gesten und die endlose Inszenierung als Opfer welcher Couleur auch immer ermöglicht – oder wie Gremliza schrieb: „Wenn die Deutschen Auschwitz nicht erfunden hätten, hätten sie Auschwitz erfinden müssen.“
Als das „Wetten dass…“-Publikum Johannes Heesters mit großer Geste (nur da capo-Rufe hätten mehr Respekt zollen können; man stelle sich das vor…) verzieh, waren die tatsächlichen Opfer endgültig vergessen, erledigt, vereinnahmt. Die Deutschen hatten sich mit ihnen so vollkommen identifiziert und sie zugleich so abschließend verdrängt, dass sie ab sofort alles in deren wie im eigenen Namen erledigen können.

recommended reading:
Detlev Claussen – Grenzen der Aufklärung
Wolfgang Schneider – Wir kneten ein KZ
Eike Geisel – Die Banalität der Guten
Gerhard Scheit – Die Meister der Krise
ISF – Schindlerdeutsche. Ein Kinotraum vom Dritten Reich
Stephan Braese – Die andere Erinnerung
Klaus Briegleb – Mißachtung und Tabu
Nicolas Berg – Der Holocaust und die westdeutschen Historiker
Jean Améry – Unmeisterliche Wanderjahre