Forwarded: Die Menschen in den Gemeinschaftsunterkünften in Aub und Würzburg brauchen DRINGEND Lebensmittel

Die Menschen in den Gemeinschaftsunterkünften in Aub und Würzburg brauchen DRINGEND Lebensmittel, um über das Wochenende zu kommen. Vor allem benötigt werden Brot, Wurst, Käse, Milch. Wer Lebensmittel spenden will, hier die Adressen: GU in Würzburg: Veitshöchheimer Straße 100, Würzburg
Da man dort nicht ohne Erlaubnis auf das Gelände kommt, bitte einfach davor unter 0176/69355356 bescheidgeben, dann wartet jemand am Tor.
GU in Aub: Hauptstraße 1-2, 97239 Aub.
Aub ist circa 1 Fahrtstunde von Würzburg entfernt.
Bei Problemen/Fragen bitte Bescheid sagen. Auch Geldspenden sind willkommen, wer spenden will, einfach hier kommentieren und wir werden uns melden!

_____________________
In der GU Würzburg wurden gestern die gelieferten Lebensmittel von den Flüchtlingen untereinander aufgeteilt. Es sind noch etwa 30% übrig, sie werden sparsam essen, um über das Wochenende zu kommen. Das heißt jedoch, dass sie SPÄTESTENS am Montag (besser wäre bis Sonntagabend) UNBEDINGT neue Lebensmittel brauchen. Es wird Essen für ca 100-120 Leute benötigt. Wir haben noch Spendengelder übrig, allerdings bei weitem nicht genug. Es werden daher weiterhin Geldspenden oder Lebensmittelpakete benötigt.

Es werden außerdem Gelder für die Asylbewerber aus Aub benötigt, vor allem, um die Fahrkarten nach Würzburg am 13. Februar zu finanzieren. Aus eigenen Mitteln ist das nicht machbar. Die meisten dort haben weder Internet noch Handy, und wenn, dann haben sie kaum Guthaben, daher wäre es wichtig, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich vor Ort mit ihren Freunden in der Würzburger GU austauschen und vernetzen zu können.

Für eine Spende wie immer einfach einen Kommentar auf der Seite hinterlassen, wir kontaktieren euch dann. Bei Fragen 0160/97798570.
Wer selbst hinfahren will, die Adresse der GU Würzburg/Veitshöchheim:
Veitshöchheimer Straße 100, 97080 Würzburg

Wenn ihr vor der GU seid, bitte unter 0176/69355356 Bescheid sagen, dann kommen Leute aus der GU zu euch und holen die Lebensmittel. Benötigt wird Brot (wenn möglich in Scheiben), Wurst (kein Schwein), Käse, Milch und Getränke. Gerne auch Knabbereien oder Anderes!

Bitte TEILEN und an Freunde, Vereine, Gruppen, u.ä. WEITERLEITEN! Ruft bei Bäckereien, Metzgern, Supermärkten an, ob sie etwas spenden!

https://www.facebook.com/pages/Solidarit%C3%A4t-mit-den-Bewohnern-des-Asylbewerberheims-W%C3%BCrzburg/232568653495872
___________
Hintergrund

Pausenbild IV

Buchjournal: „Was nützt es uns, wenn wir uns der Vergangenheit vergewissern?
Thea Dorn: „Ein Land, das 99 Prozent seiner Geschichte vergisst, kann nicht vital und zukunftsfähig sein. Mein Haupteindruck von der gegenwärtigen Gesellschaft ist eine furchtbare Verzagtheit, Ratlosigkeit, fast kindliche Hilflosigkeit, ein ängstliches In-die-Zukunft-Blinzeln, vor lauter Problemen sehen wir den Wald nicht mehr. Es gibt keinen Lebensmut und keine Energie, und das, obwohl Deutschland in der Mitte Europas gut aufgestellt ist.“
{…}
Und was ist für Sie „typisch deutsch“? Unter allen Kommentatoren verlosen wir 1 Exemplar von Thea Dorns und Richard Wagners Buch „Die deutsche Seele“!
Die Kommentarfunktion finden Sie weiter unten.

„Was heißt es, deutsch zu sein?“ Thea Dorn und Richard Wagner im Interview mit dem Buchjournal

Korrekturvorschlag:
Wie im Interview erneut belegt wird, ist es xxxx, sich permanent als Opfer von allem möglichen auszustellen. Die adäquatesten Kommentare zu den xxxx hat Eike Geisel verfasst, u.a. den folgenden:
„Die xxxx hatten zwar den Krieg verloren, sollten aber als Vernichtungsgewinnler aus ihm hervorgehen, indem sie den Ermordeten noch die Rolle des Opfers stahlen.“

__________
Recommended reading:
Joachim Bruhn – Was deutsch ist

„Aber diese Sendung ist ja weit davon entfernt, billige Banker-Klischees zu bedienen.“

Dass das mit den Vampiren und dergleichen doch überhaupt nicht auf die Juden gemünzt sei, wird von den Apologeten einschlägiger Bebilderungen permanent repetiert. Wie aber bereits am Beispiel der Occupy-Bewegung (die eigentlich überhaupt keinen Vorwurf mehr von sich weisen dürfte, weil sie eben 99% zu repräsentieren bzw. zu sein behauptet) wiederholt nachgewiesen wurde, wird selbst der Hinweis darauf, dass die Stereotype, mit denen man seine Empörung über das „raffende Kapital“ illustriert, von erklärten oder unverkennbaren Antisemiten (z.B. Joseph Sheridan LeFanu – Carmilla oder z.B. Adolf Hitler – Mein Kampf, S. 337ff) geschaffen und verbreitet wurden und seither kontinuierlich das „Gerücht über den Juden“ (Adorno) befördern, oft als Lappalie abgetan.
Immunisierungsstrategien können allerdings auch als ha! witzige Distanzierung daherkommen, die sich jedoch regelmäßig in der Pointe auflöst, wie vor kurzem im ZDF.
__________________

„The Jews are seen as sapping the host nation of its vital energy. They are, in Drumont’s words ‚like an evil bird that occupies the nest that others have built.’ Because of their ability to adapt to most societies and yet remain unchanged, the Jews are seen as possessing symbolic immortality obtained at the detriment of other nations. Comparisons of Jews with parasites, including blood sucking parasites such as leeches, lice, bed bugs etc. were common. Karl Lueger, the mayor of Vienna from 1897 to 1910, a man Hitler called ”an inspiration”, referred to the Jews as ‚Blutsauger’ – a word meaning ‚bloodsucker’ or ‚vampire’.“ Peter Dan – How Vampires became Jewish

„Dieser Herr, der so eindeutig in faschistischer Tradition steht, daß es schwer zu begreifen ist, wie seine Bücher bis in „alternative“ Kreise hinein beliebte Lektüre sein können, nennt sich van Helsing, weil er sich als Vampirjäger sehen will, gleich jenem van Helsing in dem Roman „Dracula“ von Bram Stoker. Tatsächlich heißt er – wie sich inzwischen herausgestellt hat – Jan Udo Holey.
{…} Wer sind nun die „Vampire“, die van Helsing bekämpft? ‚Menschen, die das Leben nicht bereichern, sondern Leben nehmen und auf Kosten anderer Menschen existieren, auch energetisch’. („Geheimgesellschaften, 2. Band – Interview mit Jan van Helsing“, S. 40) Das Buch, so heißt es in der Vorrede zum 1. Band, erkläre das Elend der Welt – und warum der Reichtum sich in den Händen weniger befinde. So etwa stellt sich das Weltbild des Jan van Helsing dar: Allgegenwärtige Feinde sind Freimaurer, Juden und wiederum Juden.“ Jens-Uwe Riess – Karma, Ufos und Antisemitismus. Antisemitische Verschwörungslegenden in der esoterischen Szene (analyse & kritik Nr. 394, 19.9.1996)
__________________


Transcript: ZDF Heute-Show vom 9.12.2011, „Nachts vor der Ratingagentur“, Oliver Welke und Christine Prayon

Welke: „Warum macht diese Rating-Agentur sowas? Oder sind die einfach doch nur die Überbringer der schlechten Nachrichten. Ich meine, die sind ja nicht einfach böse. Vor der Deutschland-Zentrale von Standard & Poor’s steht jetzt die Kollegin Birte Schneider. Birte, äh, ist das wirklich Frankfurt?“
Prayon: „Ja klar, das ist eine kleine Nebenstraße im Frankfurter Bankenviertel*. Um die Ecke ist die Deutsche Bank.“


Heute-Show, Screenshoot
* Kaum eine der antisemitischen Verschwörungstheorien um beispielsweise „die Rothschilds“ kommt ohne Verweis auf die Judengasse in Frankfurt aus.

Welke: „Aha.“
Off: Wolfsgeheul
Welke: „Wer war das denn?“
Prayon: „Och, das ist so’n Investement-Banker. Der läuft mir schon den ganzen Tag hinterher. Will mir italienische Staatsanleihen verkaufen.“
Welke: „Gut, aber diese Sendung ist ja weit davon entfernt, billige Banker-Klischees zu bedienen. Reden wir lieber über Standard & Poor’s. Warum drohen die der Euro-Zone drei Tage vor diesem Brüsseler Gipfel mit Runterstufung? Hätten die nicht mal die Ergebnisse abwarten können?“
Prayon: „Ergebnisse abwarten? Welke! Süß! Kennen sie nicht das alte Rating-Sprichwort: Du musst die Leiche runterstufen, so lange sie noch warm ist.“
Welke: „Tja, aber warum? Warum machen die das?“
Prayon: „Warum? Warum reißt der Eisbär das wehrlose Robbenbaby? Ha, warum? Weil er’s kann. Und weil’s verdammt nochmal geil ist. Spüren, wie das Leben aus deinem Opfer herausfließt und dir warm über’s Kinn läuft.“


Antisemitische Darstellung, Demonstration in Bremen gegen den Stopp der Mavi Mamara, Reflexion

Welke: „Birte, diese Umgebung tut Ihnen irgendwie nicht gut, finde ich. Was war das denn jetzt hinter ihnen?“


Heute-Show, Screenshoot

Prayon: „Ach, das ist der Standard & Poor’s-Vorstand, der fliegt zum Meeting nach New York.“
Welke: „Ja, wie gesagt, keine Klischees, aber nur nochmal zum Verständnis: Diese Agenturen erstellen doch einfach nur Gutachten für Investoren?“
Prayon: „Ja genau, und der Weihnachtsmann ist ganz doll in den Osterhasen verliebt. Mann, wachen Sie auf, Welke! Die großen Rating-Agenturen gehören indirekt den Hedge Fonds, die wiederum einen Arsch voll Geld verdienen, wenn dank Rating-Agentur kurz vor dem Euro-Gipfel Panik ausbricht. Ein absolut teuflischer Plan.{Entsprechendes Gelächter} Tschuldigung.“
Welke: „Wenn das so ist, kann man diese Rating-Idioten nicht einfach ignorieren?“
Prayon: „Dat is’ ja ne tolle Idee. {Off: Wolfsgeheul} Sehnse, da lacht sogar mein Investment-Banker.“


Heute-Show, Screenshoot

Prayon: „Oh, der Pressesprecher von Standard & Poor’s. Tschuldigung, aber den muss ich jetzt echt interviewen.“


Heute-Show, Screenshoot

Welke: „Viel Erfolg! Birte Schneider, meine Damen und Herren.“
__________________

Recommended reading
Judith Halberstam – Skins Shows. Gothic Horror and the Technology of Monsters, S. 86ff
Carol Margaret Davison – Gothic Cabala: the anti-semitic spectropoetics of British Gothic
Allan Nadler – Imaginary vampires, imagined Jews. The practice of depicting Jews as drinkers of blood has been common for centuries.
Richard S. Levy – Antisemitism: a historical encyclopedia of prejudice and persecution, Band 1, S. 188ff
Joel Kotek – Cartoons and Extremism. Israel and the Jews in Arab and Western Media

Deutschland im November 2011 III: Das Lichtlein am Ende des deutschen Tunnels ist ein Fackelzug…

Als hätte die Zwickauer Zelle die Anschläge von Combat 18 kopiert. 1999 {!} bombte Combat 18 in Londons Straßen. Die Waffe – Nagelbomben. Das Ziel – Einwanderer und Schwule. Die Waffe in der Kölner Keupstraße – eine Nagelbombe. Das Ziel – Einwanderer. Die Übereinstimmung zwischen den Netz und dem Zwickauer Trio sind erschreckend. Und so wie sie in allen Blood-and-Honour-Terroranleitungen stehen. Man soll Anschläge gegen Einwanderer verüben, keine Bekennerschreiben hinterlassen, in kleinen Zellen arbeiten, Nagelbomben einsetzen und Listen von möglichen Opfern erstellen.
Monitor, 24.11.2011 (u.a. wurden in der Sendung Verbindungen des „NSU“ zu „Blood an Honour“ nachgewiesen)

Die unermüdlich und letztlich von fast allen Seiten (nahezu ausschließlich im Umfeld der Ermordeten wurde verzweifelt auf der Unschuld der Opfer bestanden – die in der deutschen Öffentlichkeit zynisch irgendwann nur noch als Nummern in der ebenso kalt wie grausam so benannten „Döner“-Mordserie gehandelt wurden, im- oder explizit selbst zu Tätern erklärt; die Benennung der Ermittlungsgruppe schloss sie mit ein: „Bosporus“1) vorgetragene Formel, man habe nicht von rechtem Terror ausgehen können, weil keinerlei Bekennerbriefe vorlagen, verweist vielfach zurück auf die Motivation und das alltägliche Handeln beziehungsweise die mindestens bequeme Ignoranz der sich damit nichts als Exkulpierenden. Zwar zutreffend aber die tatsächlichen Konsequenzen bereitwillig ausblendend wird schonmal vom „alltäglichen Rassismus“ gesprochen, der womöglich zur Mordserie oder zum Serienmord beigetragen habe. Von Einstellungs- und Vermietungspraktiken ist dann die Rede, die Personen mit so genanntem „migrantischen Hintergrund“ benachteiligen, woraufhin sich schnell diverse Deutsche einfinden, die das entweder übertrieben finden, weil es ihnen auch schonmal passiert sei oder solche, die es eben deswegen schlimm finden. Das Dilemma der Veranschaulichung wird hier evident. So sorgt das Pathos der Nachvollziehbarkeit regelmäßig dafür, dass der gerade noch erfahrbare Alltag Zurückgewiesener zum Maßstab von „Deutschem Mitleid“ wird. Das großzügigste Eingeständnis lautet dann, dass den Deutschen ‚fremdartig’ Erscheinende gravierend häufiger denn als ‚Volksgenossen’ identifizierte in jeglicher Hinsicht abgewiesen werden.
Diese Praxis wurde unter anderem geschult an Pfarrer Martin Niemöllers, zum Bonmot geratenen:
Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.

Niemöller meldete sich noch 1939 als „Ehrenhäftling“ aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen heraus als Freiwilliger zur Teilnahme am soeben in Polen begonnenen Vernichtungsfeldzug, um das ihm nach wie vor als Vaterland geltende Deutschland verteidigen zu dürfen und meinte später im von den Alliierten „besetzten Deutschland“ Verhältnisse feststellen zu müssen, „die auf Schritt und Tritt an die hinter uns liegenden Schreckensjahre erinnern“ oder behauptete, „manche durch die Besatzungsbehörden zu verantwortende Zustände und Maßnahmen seien ‚selbst unter dem Naziregime niemals gewesen’“ (Wikipedia). Bezeichnend im Text sind diejenigen, die nicht genannt werden. Niemöller war weder Kommunist noch Sozialdemokrat noch Gewerkschafter sondern deutscher Christ – dennoch: Allen Erwähnten gestand er die Möglichkeit zu, als Deutsche Opfer zu leiden, an der Katastrophe, die die Nationalsozialisten seinem Deutschland bereitet hatten. Diejenigen, die von Anfang an im Zentrum der Vernichtungspropaganda standen: die Juden ignoriert der Antisemit Niemöller, und außerdem die so genannten „Zigeuner“, die Homosexuellen oder die „Asozialen“. (Natürlich wurde eingewendet: Auch die Katholiken, darauf muss man allerdings aus naheliegenden Gründen nicht eingehen…) Antisemitismus und Rassismus unterscheiden sich zwar grundlegend, trotzdem sind Antisemiten zumeist auch Rassisten (in welcher Erscheinungsform auch immer), und Niemöllers Veranschaulichungsvierzeiler diente seit jeher auch dazu, alles von sich zu weisen, was mit Deutschem Mitleid nicht kompatibel war und immer noch nicht ist.

Das ist eine Schande, das ist beschämend für Deutschland.“ Angela Merkel, 2011

Wir sind zutiefst beschämt“. Bundesrat, 2011

Jenseits davon, dass man sich hierzulande ganz gewiss erschrocken an die weltweiten Schlagzeilen nach den rassistischen Morden zu Beginn der 1990er erinnert und erleichtert daran, dass der erste allgemein warnende Aufschrei dem Standort Deutschland galt, trägt Niemöllers – wie die Praxis im „Dritten Reich“ bewies – abwegige Drohkulisse dazu bei, auch ein wenig selbst Opfer sein zu dürfen. So oder so: Die Kommentarspalten in allen Medien liefern die Belege für noch die absurdesten Teilhabeversuche, darunter besonders häufig der ebenso abwegige – es reicht ein Blick auf unzählige Schlagzeilen der letzten Jahre – Vorwurf, dass man von Deutschen Opfern niemals spräche.
Terror aber, so meint man jetzt erst gelernt zu haben, kommt auch ohne triumphierende ad hoc Bekennerschreiben aus, rechter Terror wenigstens. Als sei er nicht deutscher Alltag seit Jahrzehnten, zum Beispiel in den „No Go Areas“ deutscher Städte oder an jeder roten Ampel, die sich „illegal“ in Deutschland aufhaltende Menschen nicht zu ignorieren trauen. Terror läuft – verkürzt – darauf hinaus, durch Gewalttaten respektive –androhung Angst und Schrecken einzujagen und die Gemeinten einzuschüchtern, abzuhalten oder zu eliminieren, während die Nichtgemeinten durch ihn entweder befriedet oder befriedigt (oder erstmal aufgeweckt) werden sollen. Wenn in Deutschland nun von einer neuen Dimension rechtsextremen Terrors die Rede ist, so gilt das bloß für das, was das deutsche Veranschaulichungspotential gerade noch hergeben mag. An den Außengrenzen der EU, auf deutschen Flughäfen, auf Polizeistationen nämlich wird das mindestens verbale Einjagen von Angst und Panik (und immer wieder auch das tätliche und das Morden) zu Zwecken der Abschreckung regelmäßig praktiziert. Ohne, dass man triumphierende Bekennerschreiben ablieferte – die „Erfolge“ werden wenn überhaupt eher beiläufig oder in Statistiken versteckt mitgeteilt. Das Einverständnis der Deutschen voraussetzend, und zwar zu Recht. Das gnadenlose Placet für beispielsweise zehntausende Tote an den Grenzen zur Europäischen Union. Mehr zu diesem Aspekt und darüber hinausgehendes ist bei Nichtidentisches – „Shocking: Nazis auf einmal Terroristen – was ging schief im Wintermärchen?“ zu lesen.
Durch die rassistischen Morde des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ – der eben vornehmlich das Produkt der so beförderten Vorstellung ist, man vollstrecke bloß den als insgeheim ausgestellten Volkswillen – müsste eigentlich für jeden der Terror sichtbar werden, den bisher alle deutschen Regierungen für die Aufrechterhaltung der Integrität der immer noch vorwiegend völkisch definierten deutschen Nation in Auftrag gegeben haben. Er wird es nicht!
Stattdessen schämt man sich mal wieder und leidet erneut an der Schande, die flugs aus dem dann doch ganz gerne nachvollzogenen Alltagsrassismus („Man wird doch wohl noch…!“) Suspendierte über Deutschland gebracht haben – ganz offiziell und mit höchsten deutschen Weihen versehen (sogar von Entschädigungszahlungen ist die Rede, ganz schnell diesmal und darauf setzend, dass die damals um Jahrzehnte verspätete geizige Geste schonmal zum Weiterziehen des Schlussstrichs beitrug) und demnächst sicherlich wieder irgendwie noch kollektiver. Das bloß einheitsstiftende Potential der Lichterketten wird bereits wieder herbeigesehnt, denn nichts erscheint schlimmer, als sich jetzt nicht kollektiv als die Guten beweisen zu dürfen. Der Bundestag, der zuletzt in zuvor unvorstellbarer Einmütigkeit (mit allen Stimmen aller Fraktionen: CDU/ CSU, FDP, SPD, Grüne, Die Linke) Israel für letztendlich die (wie dann sogar die UN befanden rechtmäßige) Verteidigung gegen erklärtermaßen gewaltbereite Personen, die in aller Öffentlichkeit zum Beispiel „Tod den Juden“ gesungen hatten, verurteilte („An dieser Stelle verzeichnet das Protokoll der Sitzung „Beifall im ganzen Hause„.), einigt sich nun ebenso einmütig auf die Verurteilung des mörderischen Neonazismus. Das anständige Volk in Form des Spiegel-Kolumnisten Jakob Augstein („Es ist eine Erleichterung, dass die Abgeordneten aller Fraktionen sich in dieser Woche in eine demokratische Lichterkette eingereiht haben – weil die Bürger es nicht tun.Spiegel.online) oder eines FAZ-Korrespondenten jedoch wünscht sich eine an- oder beschaulichere Bestückung der „nationalen Kuschelecke“ (Eike Geisel): „Der Fall hat die Politik in eine Art Starre des Entsetzen versetzt. Mehr als drei Wochen sind seit dem Tod des Terror-Duos Böhnhardt und Mundlos in ihrem Wohnmobil vergangen. Doch die Staatsspitzen haben noch immer keinen passenden Ton, keine tröstlichen Gesten gefunden. Nichts ist geschehen, um Opfer, Hinterbliebene und die fassungslose Öffentlichkeit zu einer trauernden, aber demokratische Wehrhaftigkeit demonstrierenden Gemeinschaft zu fügen.“ (FAZ.online)
Opfer, Hinterbliebene und die fassungslose Öffentlichkeit zu einer trauernden, aber demokratische Wehrhaftigkeit demonstrierenden Gemeinschaft“ zusammenzufügen, ist auch eine urdeutsche ‚Utopie’: Immer wieder werden hierzulande die Toten aus den Gräbern gezerrt, um für irgendetwas herzuhalten, um völlig undifferenziert an ihnen und mit ihnen zu leiden zu dürfen, um eine perverse Inszenierung der Lebenden, die die „Toten beneiden“ werden aufzuführen. Den Toten jedoch, deren Ermordung Schande übers Volk gebracht hat, wird in Deutschland mit der „Ungeduld des Herzens“ (Stefan Zweig) begegnet: „Es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mitleiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens vor der eigenen Seele. Und das andere, das einzig zählt – das unsentimentale, aber schöpferische Mitleid, das weiß, was es will, und entschlossen ist, geduldig und mitduldend alles durchzustehen bis zum Letzten seiner Kraft und noch über dies Letzte hinaus.“ Dass die Deutschen in ihrer Erscheinungsform als Volk zu letzterem nicht bereit sind, haben sie in ihrer Geschichte unzählige Male bewiesen. Beispielsweise vor zwanzig Jahren, nach der damals auch schon neuen und bis dahin unvorstellbaren Dimension rechten Terrors, als sie – „die Reihen fest geschlossen“ – im „Aufstand der Anständigen“ so lange Händchen gehalten und sich im Licht der Kerzen vorteilhaft beleuchtet gefühlt hatten, dass es ihnen dann doch schon wieder zu bunt in der Republik wurde. Und zu voll, all die vielen Menschen auf den Straßen, denen man die eigene scheinheilige Empörung und den schrecklich sentimentalen Willen zur Pflichterfüllung am Gesicht ablesen konnte.

Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Wenn ich merke, daß sich in mir etwas dagegen wehrt, versuche ich, die Vorhaltung unserer Schande auf Motive hin abzuhören und bin fast froh, wenn ich glaube, entdecken zu können, daß öfter nicht mehr das Gedenken, das Nichtvergessendürfen das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken. Immer guten Zwecken, ehrenwerten. Aber doch Instrumentalisierung.
Martin Walser, 1998

Scham und Schande sind Begriffe, die sowohl eigenes Opfertum als auch ihre irgendwann unbedingt nötig erscheinende Abwehr implizieren. Mit ihnen wird das eigentliche Opfer selbst zum Täter erklärt. Durch seine bloße Existenz war es in der Lage, aus den ‚Ausauschwitzallesgelernthabenden‘ die „Unbelehrbaren“ zu exzerpieren. Auf die „peinliche Ergriffenheit“, auf die Sentimentalität folgt regelmäßig die „Ungeduld“, die „instinktive Abwehr“, der laute Applaus für den nächsten Brandstifter, der das Volk vom Mitleiden mit ‚den Anderen’ zu befreien verspricht und das Leiden der Deutschen an ihnen und an Wasauchimmer erneut zur Priorität erklärt. Spätestens in diesem Moment greift das Ressentiment. Die Entlarvung der perfiden und höchstoffiziellen Wortwahl im Kontext der Ermordung völlig wehrloser Menschen wird in der Zeit geradezu genervt klingend konstatiert: „Dass dies nach so vielen Tagen {?} endlich aufgefallen ist, ist wieder einmal dem Zentralrat der Juden in Deutschland zu verdanken. Schließlich haben Deutschlands Juden ihre eigenen Erfahrungen mit symbolischen Ausgrenzungen gemacht, die dann nicht im Serien-, sondern im Massenmord endeten. Und es ist ihren Repräsentanten, hier dem Vorsitzenden Dieter Graumann, zu danken, dass sie auch für die heutigen Opfer von Ausgrenzung immer wieder Stellung beziehen – wobei die der Juden ja nicht aufgehört hat. Und sie tun es meist früher als die übrige sogenannte Mehrheitsgesellschaft. Besser wäre es freilich, „wir“ hörten auch die entsprechenden Hinweise der türkischen und Migrantencommunities, an denen es auch diesmal nicht fehlte. Noch besser wäre, es würde auch ohne diese Hinweise etwas kritischer hingesehen.“ (Zeit.online)


Deutschland 1990, 1991, 1992: „In Eberswalde lässt man monatelang die Ermittlungen gegen Skinheads schleifen, die den Angolaner Antonio Amadeu Kiowa totgetreten hatten. Polizisten hatten zugesehen und waren nicht eingeschritten. Fünf der Täter werden Mitte September verurteilt, von denen kein einziger glaubhaft Reue zeigt. Sie kommen mit Strafen zwischen zwei und vier Jahren davon.

Was auch immer in nächster Zeit von den Deutschen zur Überwindung ihrer Schamgefühle veranstaltet werden sollte, es wurde bereits adäquat kommentiert; denn solange niemand bereit ist, die einzig relevante Konsequenz aus dem mörderischen Treiben deutscher Volksgenossen (und zwar nicht nur in deren Namen sondern mit ihrer im- oder expliziten Billigung), zu ziehen, gilt nach wie vor Folgendes:

Für all diese widerwärtigen Auftritte sind natürlich nicht die Erfinder der Lichterketten, sondern die xenophilen Gesinnungstäter selbst verantwortlich, oder wie es die Leuchtspurgenossen der taz mit pädagogischer Absicht formulierten: ‚Jeder und jede ist für seine Kerze verantwortlich.’ Erlaubt sein muß allerdings die Frage, ob derlei Unfug nicht notwendig aus dem illuminierten goodwill resultiert, ob Erfindung und Anwendung nicht mehr miteinander gemein haben, als den Initiatoren begreiflicherweise lieb ist. Und erst recht muß die Frage gestellt werden, ob das leuchtende Bekenntnis zu den Ausländern nicht nur gleichzeitig, sondern vor allem als glänzende, pseudosakrale Bestätigung des Kollektivs dient {…}. Von Leuten, die allenfalls ihre Frau oder ihre Kinder verprügeln würden, war in diesen Tagen kein Satz so oft zu hören wie: ‚Wir schämen uns als Deutsche.’ Ohne Kollektiv keine Scham. Schamgefühl macht hierzulande offenbar noch keine menschliche Regung aus, weshalb die durchaus nichtmenschliche Eigenschaft, deutsch zu sein, als Auslöser von Gesittung dienen muß.
Eike Geisel – Triumph des guten Willens. Die Selbstinszenierung der guten Seelen (1992), in ders. Triumph des guten Willens. Gute Nazis und selbsternannte Opfer – Die Nationalisierung der Erinnerung

Recommended reading:
Jochen Schmidt – Politische Brandstiftung. Warum 1992 in Rostock das Ausländerwohnheim in Flammen aufging
Eike Geisel – Triumph des guten Willens und Die Banalität der Guten
Wolfgang Pohrt – Das Jahr danach und Der Weg zur inneren Einheit
Hannah Arendt – Besuch in Deutschland

  1. ‚Hier‘ wurde angesichts der damaligen Streuung der Tatorte vor einigen Jahren spekuliert, dass mindestens ein rechtsradikaler Wahnsinniger Koordinaten für ein Hakenkreuz über Deutschland markieren wollte. Die später bekannt gewordene symbolträchtige Anzahl Anzugreifender auf der Liste des „NSU“ – 88 – und die Symbolismus-Fixierung von Nazis überhaupt legen den Verdacht einer solchen wenigstens ursprünglichen Intention nahe. [zurück]

Deutschland im November 2011 II/ Forwarded: haGalil – „Antisemitische Sprüche im Frankfurter Römer: “Die Gunst der Stunde genutzt“…“

Auszüge:
„Jutta Ditfurth sitzt für ÖkoLinX-ARL als Stadtverordnete im Frankfurter Römer. Hier wurde sie Zeuge, als nur einen Tag nach den üblichen Reden zur Reichspogromnacht eine plumpe antisemitische Äußerung in der Sitzung des Stadtparlaments ohne Folgen blieb, und stattdessen jene, die darauf aufmerksam machen wollte, zum Ziel von Spott und Rüge wurde…
{…}
In einer Pressemeldung berichtet Jutta Ditfurth:
Diskutiert wurde (am 10-11-2011) der Antrag NR 97 von CDU und Grünen über die dauerhafte kulturelle Nutzung des Hauses Gutleutstr. 8-12. In der Debatte machte der FDP-Stadtverordnete Stefan von Wangenheim Anmerkungen zur Geschichte des Hauses. Er sagte, das Haus habe früher einem Juden gehört, der dann »die Gunst der Stunde genutzt« und das Haus verkauft habe, um seine Flucht aus Deutschland zu bezahlen.
Meine empörten Zwischenrufe, das sei schierer Antisemitismus, was denn an jener Stunde »günstig« gewesen sei, ob er das antisemitische Klischee des geschäftstüchtigen Juden bedienen wolle, dass er aufhören und die Sache erklären und sich entschuldigen solle, {…} usw., blieben unbeantwortet.
Ich rief in einen toten Raum. {…} Kein CDUler, kein Grüner rührte sich. Die antisemitische Aussage ging im Römer glatt und unbeanstandet durch, nur eine SPD-Stadtverordnete sprach in ihrem Redebeitrag von »Entgleisung«.
Ich wurde vom Präsidium gerügt.
Aber es kam lautes Gegröhle und Stammtischgejohle bei FDP, CDU und Teilen der Grünen auf, als Wangenheim, statt sich zu erklären, im weiteren Verlauf seiner Rede abfällige Bemerkungen über mich machte.
{…}
Der Zigarettenfabrikant Adam Becker war Eigentümer des Hauses Gutleutstr. 8-12. Er verkaufte sein Haus 1933 an die NSDAP Gauleitung Hessen-Nassau (das Haus hieß fortan Adolf-Hitler-Haus) und bezahlte davon seine Flucht aus Deutschland. Er nutzte also, wie Stefan von Wangenheim (Mitglied einer Partei, die so vielen NS-Faschisten nach 1945 ein wohliges politisches Zuhause bot) meint, die ungeheure »Gunst der Stunde«, den angeblichen Vorteil der Situation.
{…} Am 1. April 1933 gab es in ganz Deutschland gewalttätige Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte, Büros, Arztpraxen. Die Botschaft war klar. Viele Juden begannen, ihre Flucht zu organisieren. Auch Adam Becker.
»Günstig« war die Stunde nur für ihre späteren Mörder.“
Quelle: HaGalil – Antisemitische Sprüche im Frankfurter Römer: “Die Gunst der Stunde genutzt“…

Mehr: Martin Krauss – »Gunst der Stunde 1933«. Frankfurter FDP-Politiker sorgt für Eklat im Römer (Jüdische Allgemeine.de)

The Occupation Wasn‘t Televised. Die „Occupy-Bewegung“ ist längst vereinnahmt

„Ah, the fierce-hearted wolves,“ she said, „the followers of Sense and many gods – greedy of gain and faction-torn. I can see their dark faces yet. So they crucified their Messiah? Well can I believe it. That He was a Son of the Living Spirit would be naught to them, if indeed He was so, and of that we will talk afterwards. They would care naught for any God if He came not with pomp and power. They, a chosen people, a vessel of Him they call Jehovah, ay, and a vessel of Baal, and a vessel of Astoreth, and a vessel of the gods of the Egyptians – a high-stomached people, greedy of aught that brought them wealth and power. So they crucified their Messiah because He came in lowly guise – and now are they scattered about the earth? Why, if I remember, so said one of their prophets that it should be. Well, let them go – they broke my heart, those Jews, and made me look with evil eyes across the world, ay, and drove me to this wilderness, this place of a people that was before them.“
Rider Haggard – She, 1887

Die Deutschen sind persönlich einfach noch nicht betroffen genug.“ „Occupy“-Demo-Ordner, 12.11.2011 (zitiert nach Zeit.online)

Der britische Schriftsteller Rider Haggard, der später die Juden außerdem für beispielsweise die Morde an den Romanows, die Folterung und Hinrichtung Jesus Christus und die Russische Revolution verantwortlich machte, für die weltweite Ausbreitung des Bolschewismus und für die Massaker an den amerikanischen ‚Ureinwohnern’ („The States at the moment are being swamped by immigrants, an enormous part of whom are Jews from Central Europe, and does not know how to stem the torrent, although it does not desire to have more jews in the country where the native americans are vanishing under a flood of aliens.“) ließ in seinem gegen Ende des 19. Jahrhunderts erschienenen Roman „She“ die über zweitausend Jahre alte, unvorstellbar weise, weiße und ihr eigentlich adäquatem Luxus entsagende Gottkönigin (sie stirbt erst, als sie ihr Begehren erfüllen will!) eines im afrikanischen Urwald versteckten Volkes ihren Hass auf die Juden mit antisemitischen Stereotypen bebildern (der ebenso offensichtliche Rassismus Haggards lässt im Gegensatz zu seinem Antisemitismus jederzeit den ‚edlen Wilden’ oder insbesondere die ‚edle Wilde’ als Ausnahme zu). Der Wissenschaftler und ostentative Christ Holly, der sich unsterblich in „She“/ „Ayesha“ (Ayşe, türkisch-arabisch: lebhaft, lebensfroh, lebend, lebendig), die natürlich nach wie vor strahlend schön ist, verliebt, seufzt nur zustimmend und hat nun endlich eine Erklärung für den einzigen Mangel, den er an ihr entdecken kann – ihre Grausamkeit und Mordlust: Die Juden sind schuld.
Während Haggard seinen Feind beim Namen nannte, ist es heutzutage unter Antisemiten und denen, die sich niemals für solche halten würden, üblich zu behaupten, man dürfe ja nichts gegen „die Juden“ sagen. Entsprechend begnügt man sich weitgehend mit Anspielungen. Wie tief sich die Codes ins Voksbewusstsein gebrannt haben, lässt sich derzeit an den Slogans der „Occupy“-Bewegung erkennen. Ihre Akteure und Exkulpierer greifen immer wieder auf Motive und Bilder zurück, die vor der Aufklärung über die deutschen Verbrechen in unter anderem Auschwitz noch in einem Atemzug mit Angriffen auf Juden geäußert wurden. Da es aber seither keine Antisemiten mehr gibt (vgl. Horkheimer/ Adorno), wird jeder Vorwurf von bewusstem oder auch nur unbewusstem Antisemitismus empört von sich gewiesen. Dabei reichte es aus, sich einschlägige Literatur, die bis auf wenige drastische Ausnahmen noch ausleih- oder bestellbar ist, vorzunehmen. Vom angeblichen Judenfreund Theodor Fontane, dem der Jude am Ende vom „Stechlin“ als Teufel gilt, über Rider Haggard, Sheridan LeFanu, Algernon Blackwood, bis zu Thomas und Heinrich Mann, Fjodor M. Dostojewskij, Martin Walser und so weiter und so fort; bei allen finden sich Opfer, die sich einer unnachgiebig was auch immer raffenden Macht ausgesetzt wähnen, wie sie sich im Moment von den „Occupy“-Bewegten ausgemalt wird. Noch werden die kaum mehr als vereinzelt zu bezeichnenden Ausbrüche, in denen „Occupy“-Demonstranten ganz explizit Juden verantwortlich machen, als nicht repräsentativ dargestellt, und da man nunmal eine „offene Bewegung“ sei und sich vor allem nicht vereinnahmen lassen wolle (von wem eigentlich nicht, wenn man sich bereits von 99% hat vereinnahmen lassen?), müsse man eben mit derartigen angeblich marginalen Erscheinungen rechnen. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht mindestens eine weitere einschlägige Marginalie dokumentiert wird. Und das angesichts der (weltweit! „Deutschland kann nicht überall sein, aber es ist die Mitte, die überallhin ausstrahlt.“ Gerhard Scheit) konsequent mit Ressentiment aufgeladenen Behauptung, dass „man nichts gegen Juden sagen darf“. In Deutschland sind derlei Vorfälle noch relativ selten. Was daran liegen mag, dass die re-education zumindest ein wenig bewirkt hat oder aufgrund von German Angst, die sich allen angeblichen Verboten laut jammernd und vor allem erst einmal zu unterwerfen hat oder daran, dass man irgendwann gelernt hat, seinen Opferneid aufopferungsvoll zu bemänteln und an dergleichen Phänomenen mehr. Hinter all dem steht aber drohend die allgemeine, auch wissenschaftlich mehrheitlich vertretene Auffassung, dass der Antisemitismus in Deutschland vor 1933 als vergleichsweise „harmlos“ galt. Sobald man sich hierzulande eingestehen will, dass man sehr wohl sagen darf und dass schon lange gesagt wird, setzt womöglich erneut der run auf die begehrtesten aller Tickets ein.
Die Deutschen haben ihre „Endlösung“ im Wortsinne aufgearbeitet und ‚übernehmen’ unreflektiert die Bezeichnung „Bewegung“, und der Vorschlag der Lektüre von Romanen erscheint lächerlich, wenn schon treffende Vergleiche der „Occupy“-Parolen mit den Aussagen führender Nationalsozialisten als irrelevant abgetan werden, insofern als „nur, weil die es gesagt haben“, es ja „nicht falsch sein muss.“ Wenn in den Kommentaren zu „Occupy“-kritischen Texten „die Fahnen hoch“ skandiert und als einer der Säulenheiligen ständig Gandhi (oder auch nicht) zitiert wird. Gandhi, der Israelfeind und das Vorbild des gäbeesnochantisemitendannunteranderen Desmond Tutu, Gandhi, der den deutschen Juden 1938 empfahl: „Wenn ich Jude wäre und in Deutschland geboren […], würde ich Deutschland selbst dann noch als meine Heimat betrachten, so wie der größte nichtjüdische Deutsche, und ich würde es herausfordern, mich erschießen oder in den Kerker werfen zu lassen […]. Und das freiwillig auf sich genommene Leid brächte ihnen und mir innere Stärke und Freude…“ (Zitiert nach Castollux – Tutu und Gandhi: Keine Übermenschen – eher schlichte Antisemiten) Kraft durch Freude also?
Etwas, das sich eine „Bewegung“ nennt, die außerdem allen gerecht werden will, die sich ausschließlich als Opfer von denen, die womöglich etwas haben könnten, was man selbst nicht hat und sich deswegen nicht unbefangen zu haben vorstellen mag und es deswegen sowieso niemandem gönnt, kann nur eine deutsche Bewegung sein. Eine „Bewegung“, die Luxus ankreidet, statt ihn einzufordern, beruht auf Abspaltung, Neid und Projektion, will einebnen und nimmt ihre vorgebliche „Buntheit“ als Ausrede dafür, noch die irrsinnigsten Paranoiker als kreativen Protestler gewinnen zu können. „Paranoia ist der Schatten von Erkenntnis.“ (Adorno). Und die grellbunten Motive, mit denen die Kornkreise-, HAARP-, Ufo-, Echsen- und so weiter und so fort Gläubigen sich nahtlos in die Reihen der selbst ernannten „Empörten“ integrieren können, zeugen davon, dass man eben weiß, was gemeint ist. Neben ihnen nimmt man sich außerdem nur umso harmloser und verständiger aus und besonders tolerant.
Insbesondere in der populären deutschen und skandinavischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts gibt es die Figur des ‚Dorf-Irren’, der (im Gegensatz zu französischen Romanen von beispielsweise Victor Hugo oder britischen von u.a. William Wilkie Collins, wo er respektive sie anklagend auf gesellschaftliche Widersprüche und Missstände verweist) einerseits für comic reliefs gut ist und andererseits von kommenden Katastrophen kündet – fatalerweise sorgt der ‚Dorf-Irre’ hier fast immer dafür, dass am Ende alles gut wird; mit seinem kindisch rücksichtslosen Verhalten nämlich produziert er irgendwann eine Katastrophe, aus der die notwendige Versöhnung aller mit allem resultiert (vgl. z.B. Trygve Gulbranssen – Das Erbe von Björndahl aber auch Søren Kragh-Jacobsens Dogma-Film „Mifune“). Die „Occupy“-Bewegung, die sich wie alle Bewegungen dem Konsens verpflichtet hat, braucht den ‚Dorf-Irren’ in genau diesem Sinne. Er dient ihr zugleich als Beweis der volkstümlichen Breite des Spektrums wie auch als Drohung, die daraus entsteht, dass man allein die Wahngläubigen, wenn man nur nett zu ihnen ist, zu bändigen in der Lage ist und als Hoffnung auf die mal wieder alle einende Katastrophe; zugleich bieten die erschreckend vielen aber trotzdem noch nicht der Majorität einleuchtend erscheinenden völlig abwegigen Wahnbilder der selbst erklärten „Erwachten“ oder „der Matrix Entkommenen“ die notwendige Verschleierung der eigenen verworrenen Ahnungen, der eigenen Alltagsreligion (Detlev Claussen).
War die deutsche Spaßgesellschaft in den 1990ern eine ostentative Spaß-trotz-Auschwitz-Gesellschaft („Dies ist mein Aufruf an alle Juden der Welt, sie sollen doch mal eine neue Platte auflegen. Und nicht immer nur rumheulen.“ DJ Motte, 1995), so wird hierzulande nunmehr signalisiert, der Spaß sei jetzt endlich vorbei – Spaßhaben vorzutäuschen war der grimmig zwanglose Prolog. Wenn die „wahren Volksvertreter“ (und sie bezeichnen sich nicht nur als solche, sie sind es tatsächlich, auch davon – und von noch viel mehr – zeugen die devoten Grußadressen deutscher Spitzenpolitiker und: „Führer wird, wer sich keinen Zwang antun muß, wenn er der Masse gehorcht.“ Wolfgang Pohrt) ‚Schluss mit lustig’ machen, also letztlich zugeben, die Drohkulissen ihrer gewählten Verteter endlich ernst zu nehmen, werden sie im vorgeblichen Protest gegen sie eins mit ihnen. Wenn die Deutschen, die als deutsche Spaßgesellschaft bereits ausschließlich angetreten waren, allen außer den Deutschen den Spaß zu verderben, und die im deutschen Fußball-Sommermärchen permanent damit beschäftigt waren, No Go-Areas und dergleichen fröhlich grinsend zu leugnen und wenn man diejenigen, die Zeugnis davon hätten ablegen können, aus der U-Bahn prügeln musste, wenn also diese Deutschen erneut „erwachen“ (! Daueraufforderung der „Occupy“-Anhänger) wollen oder sich „wehren“ (dito) zu meinen müssen, deutet schon die reflexionslose (geschichtsvergessene) Terminologie auf die eigentliche Intention hin. Dem deutschen Imperativ „Erwache!“ folgt unweigerlich das „aus deinem bösen Traum! Gib fremden Juden in deinem Reich nicht Raum!“ („Heil Hitler Dir!“, Bruno Schestak, 1937) und dem „Wehrt Euch!“ das „Deutsche, kauft nicht bei Juden!“.


Original („I’m not!“)


Fälschung

Wenn die konservativen Fundamentalisten behaupten, Amerika sei eine christliche Nation, dann sollte man sich vor Augen halten, was das Christentum eigentlich ist: der Heilige Geist, die freie, egalitäre Gemeinschaft von Gläubigen, vereint in der Liebe. So sind es die Demonstranten, die zum Heiligen Geist geworden sind, während die Heiden an der Wall Street falschen Götzen huldigen.
Slavoj Žižek – Occupy-Wall-Street-Streit „Lasst euch nicht umarmen!“, 2011, Süddeutsche.online

Slavoj Žižek, der in der „Zeit“ zum Thema „Was mir heilig ist“ aus Buchenwald bloß ein kitschiges Heiligenbildchen zu exzerpieren fähig war beziehungsweise keinesfalls mehr wollte, verleiht in der Süddeutschen mit wenigen Worten der „Occupy-Bewegung“ einen Heiligenschein, der grell alles beleuchtet, was an ihr ablehnenswert ist. Natürlich war das nicht Žižeks Intention, der hatte vor, ein übermenschliches, ein allen Göttern und Götzen überlegenes Bild vollkommener Erleuchtung erstehen zu lassen – der Heilige Geist ist im Christentum reiner noch als Gott oder Jesus – der eigentlich (!) als Identifikationsfigur nahegelegen hätte, aber … das kann hier im Moment nicht auch noch erörtert werden –, reiner als der Schöpfer alles Erzeugbaren, alles Anfass- und daher Antastbaren und reiner als der Erzeugte, Anfass- und Antastbare. Er verleiht der der Gemeinschaft der sich zum Glauben bekennenden Gemeinschaft in der Kommunion die Antidote zu den von Papst Gregor definierten Sieben Todsünden (Stolz, Geiz, Wollust, Neid, Völlerei, Zorn, Trägheit): Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit, Gottesfurcht (analog zu den sieben Tugenden: Glaube, Hoffnung, Liebe, Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung). In der Trinität: Gott-Vater, Gott-Sohn und Gott-Heiliger Geist steht er für die Gemeinschaft, für das Ziel.
Anfassbares produziert Differenz und Distinktion und die Möglichkeit von einzigartig erfahrbarem Begehren; Begehren wiederum impliziert die Möglichkeit der Zurückweisung oder Verweigerung. Antastbarkeit impliziert die Möglichkeit zu verletzen, zu zerstören. Alles, was von Gott oder von Menschen erzeugt wurde, unterliegt diesen Voraussetzungen. Der Heilige Geist dient ausschließlich ihrer Aufhebung in der Gemeinschaft der vom Begehren befreiten Gleichen. Notwendiges Resultat derartig Individualität einebnender Gemeinschaftschaftsziele sind Abspaltung und Projektion. Diese generieren prinzipiell ein grundlegend Anderes, das begehrt, haben will und in der Fantasie im Überfluss zu haben hat. Und das Begehren der Gemeinschaft bricht sich irgendwann im Verlangen nach der Bestrafung und Zerstörung derer, in die man alles im Antast- und Anfassbaren Implizierte projiziert hat, Bahn.
Alles wird dann gut werden, glaubt man, und nach der Verteilung der Beute herrscht außerdem wieder Gerechtigkeit, denkt man.

»Love is evil«, sagt Slavoj Žižek und begründet das so: Das Universum als Ganzes ist Balance. Es schließt alles mit ein. Die Liebe aber ist das Paradebeispiel der Partikularität, denn statt das Ganze zu meinen, pickt sie sich ein Einzelnes heraus – sie partikularisiert, und das ist schlecht.
Cordula Bachmann – Die Transformation der Liebe, Jungle World

Um antisemitisch zu agieren, muß man weder Traktate lesen sich noch sonst irgendwie intellektuell vorbereiten; es reicht der Reiz konformistischer Rebellion.“
Detlev Claussen – Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus

In zwei Sätzen bringt Žižek ein Leitthema unter, das Rider Haggard noch umständlich erklären zu müssen glauben wollte, während um ihn herum schon längst Antisemiten die Vernichtung der Juden vorbereiteten. Mit keinem Wort erwähnt hingegen Žižek die Juden und meint ganz gewiss auch nicht sie auszugrenzen. Dennoch bedient er sich eines relevanten Motivs, das seit Jahrhunderten zu ihrer Aussonderung appliziert wurde. So lange und so nachdrücklich, bis eines ohne das andere nicht mehr gedacht werden konnte, sollte und wollte.
Solche Äußerungen treffen völlig unreflektiert auf eine selbsternannte Bewegung, mit der sich erkennbar viele identifizieren, die sich fragen: „Was und wieviel ist eigentlich schon wieder erlaubt?“ (Jean Améry – Der ehrbare Antisemitismus. Rede zur Woche der Brüderlichkeit, 1976, in: Weiterleben – aber wie? 161) Und: „Wer einigen Einblick hat […], wird geneigt sein, den Ungeduldigen zu versichern, daß in der Tat sehr vieles nicht nur gestattet, sondern geboten ist. Siebengescheite sprechen erleichtert von der Tabu-Brechung, nicht ahnend, welchen obskuren Kräften sie damit ihre Stimme leihen.

The stereotypes about Jews and money endure, and the fact that more Americans are now accepting these statements about Jews as true suggests that the downturn in the economy, along with the changing demographics of our society, may have contributed to the rise in anti-Semitic sentiments“. Abraham Foxman (ADL) (zitiert nach Shlomo Shamir – Report: U.S. anti-Semitism on the rise amid economic downturn, Haaretz.online)

Andrei S. Markovits, der der Jungle World im Interview auf die Frage inwiefern eine „Argumentation, die sich derart auf die ‚Macht der Banken’ und der Banker kapriziert, eine verkürzte Kapitalismuskritik und damit indirekt ein antiamerikanisches und antisemitisches Ressentiment“ transportiere, antwortete: „Es stimmt natürlich, dass diese Kritik furchtbar verkürzt ist, aber in Amerika werden Banker nicht mit Juden assoziiert. Die Banken waren nie jüdisch und waren im Gegenteil sogar lange Zeit sehr antisemitisch. Anders als in Europa, wo Geld immer etwas Übles war. […] Juden werden hier mit Hollywood, mit Journalismus, Medizin, Jura, mit Wissenschaft, mit Nobelpreisen, aber nicht mit Banken assoziiert. Insofern ist diese Bewegung auch nicht antisemitisch“, fällt hinter seine eigenen Standards („Amerika, dich haßt sich’s besser. Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa“) zurück. Muss es tun! Weil er wie viele „Occupy“ für eine progressive Veranstaltung halten will. Was sie in weiten Teilen nicht ist, auch nicht in den USA. Richtig benennt er die ostentative Israel-Feindschaft zahlreicher Demonstranten, die nun einmal – soweit richtig! – weltweit typisch für die Linke sei, und separiert sie insofern, als er sie einzelnen linken Gruppen zuschreibt. Dass die Banken in Amerika antisemitisch waren – wie übrigens auch diverse Hollywood-Studios, Verleger, Ärzte, Anwälte und Wissenschaftler (und wie übrigens die Banken in Europa) – macht sie jedoch nicht immun gegen Projektionen, die eben nicht bloß auf amerikanischer Geschichte beruhen. Was Amerika von Europa unterscheidet, ist nicht, dass es dort keinen Antisemitismus gäbe, der sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht sondern ein immer wieder erneuertes Bestehen auf dem „pursuit of happiness“, der dem Individuum ein Vorrecht vor der Gemeinschaft gibt. Dieses Vorrecht aber ist es, was europäisch (aka deutsch und auch in den USA oft Amerika-feindlich) derzeit gravierend in Frage gestellt wird.

’Antikapitalismus’, der das Konkrete verklärt und das Abstrakte unmittelbar abschaffen möchte – anstatt praktische und theoretische Überlegungen darüber anzustellen, was die historische Überwindung von beidem bedeuten könnte –, kann politisch und gesellschaftlich im besten Fall unwirksam bleiben. Schlimmstenfalls wird er jedoch selbst dann gefährlich, wenn die Bedürfnisse, die der „Antikapitalismus“ ausdrückt, als emanzipatorisch interpretiert werden könnten. Die Linke machte einmal den Fehler anzunehmen, daß sie ein Monopol auf Antikapitalismus hätte; oder umgekehrt: daß alle Formen des Antikapitalismus zumindest potentiell fortschrittlich seien. Dieser Fehler war verhängnisvoll – nicht zuletzt für die Linke selbst.“
Moishe Postone – Deutschland die Linke und der Holocaust (being reminded of by universalestate)

Den so genannten Antizionisten oder ‚Israelkritikern’, die weltweit den Protest ausschließlich gegen zwei Nationen auf die Demonstrationen tragen, und darunter ist absurderweise nicht Deutschland (außer in Griechenland womöglich), und die sich über Grußadressen und nette „Occupy Wall Street!“-Bilder aus Gaza, dem Iran etc. freuen, sei u.a. Hans Mayer empfohlen: „Wer den Zionismus angreift, aber beileibe nichts gegen die Juden sagen möchte, macht sich oder anderen etwas vor. Der Staat Israel ist ein Judenstaat. Wer ihn zerstören möchte, erklärtermaßen oder durch eine Politik, die nichts anderes bewirken kann als solche Vernichtung, betreibt den Judenhaß von einst und von jeher.“ (Zitiert nach Améry ebd.)
Außerdem: Wer trotz aller Übereinstimmungen mit den Texten von Nationalsozialisten, die auf tatsächlich nichts aufbauten als auf ihrem Antisemitismus und am die Ende keine ‚Utopie’ vorzuweisen hatten als die einer Welt ohne Juden, nach wie vor glaubt, „nur weil die es gesagt haben, muss es ja nicht falsch sein“, und er sei deswegen noch lange kein Antisemit, sei darauf hingewiesen, dass es seit 1945 nicht nur einen „Antisemitismus ohne Juden“ sondern auch einen ohne Antisemiten gibt. Und auf Adorno/ Horkheimer, die in ihrer „Dialektik der Aufklärung“, erklärten, warum es „keine Antisemiten mehr“ gibt, Antisemitismus aber dennoch das Weltbild allzu vieler beherrscht.
Antisemitismus und Antisemiten wird es so lange geben, wie der (notwendige) Protest gegen den Kapitalismus sich im Konstruieren einer entsagungsvollen und moralisch überlegen sich imaginierenden Opfergemeinschaft erschöpft. Und in der Krise kommen sie ganz zu sich. „Occupy“ ist nicht in der Lage, diesen Mechanismus zu unterbrechen, da bloß wieder das „eine Andere“ gegen die 99% „Empörten“ evoziert wird – und damit auch das Abstrakte gegen das Konkrete. Es ist gleichgültig, dass ‚die Juden’ eben nicht die Banken beherrschen, nicht die Medien, die Anwaltskanzleien, die Wissenschaft, dass weder Israel noch die USA eine Erdbebenmaschine besitzen oder dass Echsen die Erde ganz und gar nicht besetzt haben; es ist ebenso gleichgültig, dass ein Großteil der „Occupy“-Demonstranten derartiges Gedankengut womöglich mehr oder weniger oder selbst völlig ablehnt. Dass die „Occupy“-Proteste die entsprechende Klientel magnetisch anziehen hingegen sollte zum Anlass genommen werden, sowohl die eigene Position als auch die Form, Intentionen von und „Occupy“ überhaupt einer kritischen Reflexion zu unterziehen.

Recommended reading:
Reflexion – Die Märsche der Demokraten (+++)
Cosmoproletarian Solidarity – Das Verhängnis der kapitalisierten Gattung
La vache qui rit. – Die Empörten („occupy Frankfurt“)
Yitzhak Benhorin – Anti-Semitism tainting Occupy Wall Street protests, Ynet News
Samuel Salzborn – Moneten und Mythen
Nichtidentisches – Ich bin 0,000000014 %
Manfred Dahlmann – Die Gemeinschaft der Nichtssager, Jungle World
Thomas von der Osten-Sacken – Nicht links und nicht rechts. Aber unheimlich wütend, jungleblog
+
Detlev Claussen – Grenzen der Aufklärung und Elemente der Alltagsreligion
Max Horkheimer/ Theodor W. Adorno – Dialektik der Aufklärung
Moishe Postone – Deutschland, die Linke und der Holocaust
Jean Améry – Weiterleben – aber wie?
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Antisemitism from Antiquity to the Global Jihad
Alfred Sohn-Rethel – Ökonomie und Klassenstruktur
ISF – Das Konzept Materialismus
+
Bonus Track: Reine Polemik…
Wenn sich deutsche Medien kritisch mit der „Occupy“-Bewegung auseinandersetzen, geschieht dies meistens im amerikakritischen Kontext, so beispielsweise in der „Zeit“, wo man sich u.a. eine Modestrecke in der New York Times zum Anlass von Ridikülisierung der hierzulande oft als absurderweise im Protest ungeübt geltenden Amerikaner vornahm. Sieht man sich die auf Youtube veröffentlichten Dokumentationen der deutschen Proteste an, kann man sich beruhigt zurücklehnen, eine Modestrecke lässt sich daraus tatsächlich nicht erstellen. Keine einschlägige Modekette, kein ‚Modemacher’ (Produktionsdeutsch für couturier), kein Lifestyle-Sender, keiner der von Naomi Klein so gefürchteten trend scouts (die doch nur der erste Schritt der Verwertungskette sind, die irgendwann alles in den geschätzten Second Hand Stores enden lässt, und sei es vierzig Jahre später, coming soon: „Fault-il brûler Wertmüller? Toward the end of fashion“) fände hierzulande Inspiration. Dennoch: Passenderweise suchte sich „Die Zeit“ zur Illustration ihres Artikels eine ein grün gefärbtes Palituch tragende Demonstrantin aus, und liegt damit nicht mal so falsch (s.o.). Die deutsch Empörten aber gehen vorwiegend zum Protest gekleidet wie zum Sonderangebot-Einkauf bei ihrer bevorzugten Supermarkt-Kette und stellen also die entsprechende Kundschaft ästhetisch dar. Dazu kommen noch diejenigen, welche die Wegwerfgesellschaft kritisieren und Mülltonnen als veritable und ansprechende Nahrungsdepots proklamieren wollen. Die derzeitige und sehr unangenehm geführte Debatte um Mindesthaltbarkeitsdaten ist auch ihnen zu verdanken – Steilvorlage. Statt denen, die im Müll zu wühlen haben, um überhaupt überleben zu können, Teilhabe am zunehmend realisierbaren Luxus zu ermöglichen, erklärt man sie zum Ideal; das ist Winterhilfswerk und Volxküche united.
___________________________
Later:
»Je weniger man von diesem Ort sieht, desto besser versteht man ihn. Der Sinn der Occupy-Bewegung liegt nicht darin, dass wir daran teilnehmen, sondern dass möglichst viele Leute von ihr erfahren.« Paradoxie à la Slavoj Žižek: Eine Illusion, die durchschaut ist, hat sich noch lange nicht erledigt – wir müssen uns trotzdem dazu verhalten. Die Leute müssen protestieren, damit ein Bewusstsein entsteht, aber eigentlich sind es, natürlich, die falschen Leute.Zeit.de via Teilnahmebedingungen
+ Noch mehr zum „Heiligen Geist
+ „Oft­mals wird be­haup­tet, dass es sich um keine keine ho­mo­ge­ne Be­we­gung, son­dern um die An­samm­lung von In­di­vi­du­en han­deln würde. Diese bil­den den „Schwarm“, heißt es in den Selbst­dar­stel­lun­gen der Ak­ti­vis­t_in­nen. Dabei wird un­ter­schla­gen, dass es sehr wohl ge­mein­sam Nen­ner gibt, die die Ak­ti­vis­t_in­nen auf die Stra­ßen und in die Camps ge­bracht haben.Reflexion – Die Gemeinschaft gegen die „1 Prozent“

Sonstiges: Deutschland im November 2011

_____________________________________________________________

Screenshot Homepage, Eckhard Uhlenberg, CDU: „Ich bin 1948 in Werl geboren und habe drei, inzwischen lange erwachsene Kinder. In Werl-Büderich bin ich auf einem wunderschönen, alten Bauernhof zu Hause, der seit vielen Generationen Heimat der Familie ist.
_________________

Screenshot Zeit.online

Wenn wir vom Deutschen also ohnehin mehr geprägt sind, als wir uns eingestehen wollen – wäre es dann nicht redlicher, diese historischen Traditionslinien offen zu reflektieren? Und wäre es nicht hilfreicher, sich auch wieder von dem anstecken zu lassen, das diesem Land jahrhundertelang seine ungeheure Dynamik und Vitalität beschert hat? Von seiner überschwänglichen Liebe zur Kunst, zur Dichtung, zur Musik? Von seiner maßlosen Lust am Hervorbringen, am Arbeiten, am »Schaffen«? Goethes Verheißung, »wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen«, ist uns zur fremdsprachlichen Zumutung geworden.
Thea Dorns (!) am 6.11. veröffentlichtes “Kraft durch Freude”-Geleitwort zum nahenden Jahrestag der Reichspogromnacht: Die deutsche Seele…, Zeit.online
_____________________________________________________________

‚Das Vergessen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung‘ – diesen jüdischen Spruch hat sich die Politik der Erinnerung angeeignet. Da aber niemand mehr erlöst werden kann, weil diese Auskunft an der Geschichte zuschanden geworden ist, soll die veranstaltete Erinnerung Erlösung von der Geschichte bringen. Die Deutschen wollen aus dem Exil, aus der Kälte der Gesellschaft in die Wärme, in die Gemeinschaft, sie wollen zu sich kommen. So ist aus der Asche der Ermordeten der Stoff geworden, mit dem sich der neue Nationalismus das gute Gewissen macht, jetzt können die Landsleute statt Menschen Deutsche sein.
Eike Geisel – Opfersehnsucht und Judenneid. Ein Kommentar zur Nationalisierung der Erinnerung, in ders. Triumph des guten Willens
_________________

In Memoriam Herschel Grynszpan
herschel3

„Der Rest ist Schweigen“? Lars von Triers jüngstes Gelübde

Wo [die Antisemiten] sich ernsthaft vorwagen bei antisemitischen Manifestationen, müssen die wirklich zur Verfügung stehenden Machtmittel ohne Sentimentalität angewandt werden, gar nicht aus Strafbedürfnis oder um sich an diesen Menschen zu rächen, sondern um ihnen zu zeigen, dass das einzige, was ihnen imponiert, nämlich wirkliche gesellschaftliche Autorität, einstweilen [!] denn doch noch gegen sie steht.“
Theodor W. Adorno – „Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute“, Gesammelte Schriften Bd. 20.I, 364

Si j‘aurais su j‘aurais pas venu.“
Petit Gibus, La guerre des boutons

Lars von Trier hat sich bei allen entschuldigt, seine Entschuldigungen wieder zurückgenommen („I can‘t be sorry for what I said. It’s against my nature.“ + „All apologies to me are nonsense.“), weil er es ja doch nicht so sondern dänisch gemeint habe und durfte sich vor einigen Tagen in Interviews beispielsweise mit der FAZ und dem Tip ausführlich als hilfloses Opfer von Zensur, Depressionen, Identitätskrisen und Angststörungen ausstellen. Erneut wurde ihm unisono konstatiert, er sei gar kein Nazi. Und erneut wurden diejenigen Passagen seiner Cannes-Jeremiade ignoriert, in denen sein Neid und seine Missgunst die vorgebliche Ironie seiner Aussagen immer wieder zusammenbrechen ließen. Lars von Trier hat sich bei allen öffentlich entschuldigt außer bei Susanne Bier. Um Bier herum allerdings hatte er sein Wahngebäude aufgebaut, redete von der seiner Meinung nach ungerechten Bevorzugung der Regisseurin, ließ implizit keinen anderen Schluss zu, als dass diese darin gründe, dass sie Jüdin sei, betonte, er habe natürlich und seiner Natur gemäß nichts gegen Juden und zog dann sofort wie alle, die nichts gegen Juden haben, über Israel her.
Lars von Trier hat sich auch bei den Deutschen entschuldigt: „I‘ve also offended Germans, when instead of saying ‚German‘ I used the word ‚Nazi,‘ as though every German is a Nazi.“ (Haaretz.com) Was ebenso relativierend gemeint wie überflüssig war. In Deutschland übte man sich wohlweislich im Ignorieren der entsprechenden Sätze. Sei es, weil man sie ob der Begeisterung, dass zum wiederholten Male ein Künstler von Weltrang sein Genie ganz zwanglos mit antisemitischen Äußerungen zu beweisen hatte, einfach überhörte oder weil man sich durch Nachsicht abermals als das bessere Opfer darstellen konnte.

Remember that guy who said he understood Adolf Hitler and sympathized with him? Lars Von Trier? […] Now, fast forward through a hundred apologies later, and we have him announcing his withdrawal from interviews and any sort of public speaking from this point onward. Apparently he was questioned by Danish police, and that was all he needed to convince himself of what we‘ve all known since the debacle — the man needs to shut the hell up!
Perez Hilton – Lars von Trier swears off public speaking

Während ein Großteil der angloamerikanischen Presse sich Anspielungen auf den „Vow of Chastity“ des dänischen Dogma 95 nicht entgehen ließ und betonte, dass Lars von Trier „now vows silence“ (oder auch: „Lars von Trier vows never to vow again“, LA Times) galten deutschen Journalisten die Ermittlungen der französischen Justiz gegen Lars von Trier als Maulkorb, Zensur oder repressive Political Correctness. Ob der nicht näher bezeichnete Gesetzesartikel (wahrscheinlich: Article 48-2; créé par Loi n°90-615 du 13 juillet 1990 – art. 13 JORF 14 juillet 1990), der zu seiner Befragung durch die dänische Polizei führte, in diesem Fall anzuwenden ist oder nicht, kann hier nicht erörtert werden, auch nicht, ob derartige Gesetze sinnvoll sind oder doch nicht nur noch mehr Opferdarsteller generieren. Letztere Chance ließ sich von Trier erwartungsgemäß nicht entgehen und teilte mit, dass „{t}oday at 2 pm I was questioned by the Police of North Zealand in connection with charges made by the prosecution of Grasse in France from August 2011 regarding a possible violation of prohibition in French law against justification of war crimes. The investigation covers comments made during the press conference in Cannes in May 2011. Due to these serious accusations, I have realized that I do not possess the skills to express myself unequivocally, and I have therefore decided from this day forth to refrain from all public statements and interviews.“ Die Ähnlichkeiten mit Martin Walsers Rechtfertigungsversuchen nach seiner Paulskirchenrede sind unübersehbar. Nicht mehr an seinen Reden, eine Form, die er als Schriftsteller nunmal nicht wirklich beherrsche, sondern an seinen literarischen Erzeugnissen wollte er fortan gemessen werden. Woraufhin sich Matthias N. Lorenz aufmachte und systematisch und minutiös die antisemitischen Passagen in Walsers Romanen nachwies („Auschwitz drängt uns auf einen Fleck. Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser“). Eine umfassende Analyse der von Trierschen Filme in diesem Sinne steht noch aus. Bis dato gibt es nur wenige einschlägige Artikel (vgl. zum Beispiel: Felix Hedderich – Dogma 2005. Lars von Trier und Thomas Vinterberg sind die „Avantgarde für Vollidioten“, Konkret).


John Everett Millais – Ophelia, Detail


Kirsten Dunst in Lars von Triers „Melancholia“, screenshot

Wer von Trier nicht bloß als angenehm verwirrtes Genie oder mutigen Rebell gegen Sprachkonventionen bezeichnen mochte, wagte anzudeuten, es könnte sich bei der Pressekonferenz um einen inszenierten Eklat ausschließlich aus Gründen der Promotion für dessen letztes Werk „Melancholia“ handeln. Und natürlich ist von Trier bekannt dafür, seine Werbemaßnahmen als provokativ auszustellen. Üblicherweise folgt die Presse seiner Einschätzung, obwohl es sich meist um recht harmlose Effekthaschereien handelt. Aus verschwörungstheoretischer Sicht böten sich Anlässe genug, das alles (Pressekonferenz, Befragung durch die Polizei und Schweigegelübde) für einen reinen Marketing-Coup (oder womöglich eine intendierte ‚Hinrichtung’ des Künstlers) zu halten, die Bezüge zum Film sind mannigfaltig und lassen sich bis zu obskuren Details zurückverfolgen: zum wiederholten Male evoziert von Trier das Ophelia-Motiv aus Shakespeares „Hamlet“ (Des Dänenprinzen letzte Worte lauten: „The rest is silence.“) oder eben Kristina Söderbaum, die „Reichswasserleiche“, während der Feierlichkeiten steigt eine Himmelslaterne auf, die grob mit Herzen, Glückwünschen und gut sichtbar einem Davidstern verziert wurde, und verbrennt in einer Einstellung, in der nächsten bleibt sie unversehrt. Sympathische Charaktere werden im Film dadurch gekennzeichnet, dass sie immer wieder Rituale ridikülisieren, ignorieren oder nicht über Kenntnisse gesellschaftlicher Konventionen verfügen und so z.B. während der Hochzeitsfeierlichkeiten peinliche Momente in Serie produzieren etc. pp. Den Kausalkettenverdrehern jedoch sei hiermit ein für alle Mal gesagt, dass auch von Triers, ob er es hören will oder nicht, Autoren-Filme und seine Äußerungen nunmal einer Quelle entspringen, und die ist sein Kopf!
Zum mittlerweile und nicht überraschend hochgelobten „Melancholia“ bliebe ebenfalls nur Schweigen, wäre es nicht ein so misslungener Film. Die wenigen, die tatsächlich ernstzunehmende Kritik an von Triers Ausfällen übten, tendierten dazu, sein Œuvre in Gänze zu verdammen und ihn zu einem unbegabten Filmemacher zu erklären. Das ist er nicht. „Breaking the Waves“ beispielsweise ist wenigstens Kino, zu diskutierendes, zu problematisierendes, unbedingt vor allem hinsichtlich seiner Ideologie zu kritisierendes Kino – aber im Gegensatz zu vielen zeitgenössischen europäischen Produktionen eben doch Kino. Entgegen der vor allem in Deutschland aufgrund der ganz offensichtlich mangelnden Fähigkeiten vertretenen Meinung bedeutet Kino nicht, eine gute Geschichte gut zu erzählen. Gutes Kino – und der Begriff ist eigentlich zu bieder, um dem, was Kino kann, gerecht zu werden – schafft Paralleluniversen. Statt dieses Versprechen umzusetzen, lässt von Trier einen Planeten auf der Erde einschlagen und bebildert sie zuvor derart, dass man ihre vollkommene Zerstörung nicht einmal bereuen kann. Andererseits ist es unmöglich, mit Justine (!, Kirsten Dunst) zum ersten Mal im Film ehrlich zu lächeln, außer wegen der Tatsache, dass der Film nun endlich vorbei ist. „Melancholia“ ist der platt illustrierte und filmisch mangelhaft umgesetzte Endpunkt einer Entwicklung im Werk des Regisseurs, die den Tod nicht mehr als tragischen und zu bedauernden Ausweg aus unerträglichen Zuständen darstellt sondern als von allen Eingeweihten erwünscht und wünschenswert. Der Tod ist nicht mehr individuelle Katastrophe, sondern nimmt jenseits aller individuellen Einwände gegen ihn in einem Erlösung versprechenden Moment alle mit sich – buchstäblich alle. Erst im Untergang der Menschheit greift von Trier wieder auf die makellosen Bilder zurück (von denen einige erkennbar an die Gemälde der Präraffaeliten angelehnt sind oder in dann doch interessanter Rückführung an Gregory Crewdsons ‚mock film stills‘), die er bereits vor dem Vorspann (bezeichnend: Der Titel wurde offenbar mithilfe ‚nichtverträglicher Materialien’ – z.B. Wasserfarbe auf Wachskreide oder Acrylharz auf Ölfarbe – hergestellt) ausführlich wie viktorianische Kapitelüberschriften oder fernsehserientypisch als Ausblick auf kommende Folgen gezeigt hat. Dazwischen gibt es Dogma pur (inklusive der erforderlichen Regelbrüche): Jump Cuts, Reißschwenks, ruckelnde, zappelnde und wackelnde Handkameraführung, das Elend der Welt aus nächster Nähe, unbeholfener Sex u.a. als Authentifizierungsstrategie usw. In den zwei Kapiteln dieser unübersehbaren „Festen“-Reprise – Justine: sepia/ Claire (Charlotte Gainsbourg): blaugrau – werden wieder Frauen zu Opfern oder opfern sich auf. Die unvermeidliche Unschuldsfigur wird diesmal allerdings von einem Mann (bei Trier eher unüblich, aber an Vinterbergs Film erinnernd) gegeben, dem Gatten, der Justine einen Apfelgarten („Wenn ich wüsste, dass morgen der jüngste Tag wäre, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Der zum Katholizismus konvertierte von Trier bemüht ausgerechnet Martin Luther.) schenken möchte, den sie als Depressive und in der Werbeindustrie Verdorbene jedoch nicht zu schätzen weiß; als sie das kleine Bildchen, das er ihr hoffnungsfroh überreicht hat, einfach liegen lässt, ist die Ehe bereits am Hochzeitstag gescheitert. Und wieder verleiht von Trier seinem Ekel angesichts von bürgerlicher Dekadenz mit allzu Beifall heischenden Bildern (u.a. Stretch-Limousine kriegt die Kurve in der Wildnis nicht) Ausdruck. Der Film ist überladen mit Anspielungen, Zitaten und Allegorien, die geradezu nach Aufmerksamkeit schreien, da sie aber dermaßen ostentativ und unoriginell daherkommen, vergeht einem der Spaß am Entschlüsseln. Und wer Wagners süßliche Tristan und Isolde-Ouvertüre bis dahin noch schätzte, wird sie nach dem Film verabscheuen; sie liegt, schwer (wie einige Bilder in Zeitlupentempo gespielt), unheilschwanger und völlig willkürlich eingesetzt, gleich faden Mehlschwitzenpfützen auf dem Film und nervt spätestens nach der dritten Wiederholung. Mehr gibt es nicht wirklich oder wirklich nicht zu sagen.

+ LA Times poll: How long will Lars von Trier’s vow of silence last?

Pausenbild III


Source: briefingorama

“Die Dissonanzen, die sie schrecken, reden von ihrem eigenen Zustand: einzig darum sind sie ihnen unerträglich. Umgekehrt ist der Gehalt des allzu Vertrauten so weit dem entrückt, was heute über die Menschen verhängt wird, daß ihre eigene Erfahrung kaum mehr mit der kommuniziert, für welche die traditionelle Musik zeugt. Wo sie zu verstehen glauben, nehmen sie bloß noch den toten Abguß dessen wahr, was sie als fraglosen Besitz hüten und was schon verloren ist in dem Augenblick, in dem es zum Besitz wird: neutralisiert, der eigenen kritischen Substanz beraubt, gleichgültiges Schaustück.”
Theodor W. Adorno – Philosophie der neuen Musik

9/11


Alejandro Gonzalez Iñarritu – 11’09′’01

„Ein Selbstmordanschlag stellt das totale Dementi einer Verbindung zwischen individueller Befreiung und kollektiver Befreiung dar, insofern das Individuum durch das Attentat ausgelöscht wird. In einer Revolution kann man sterben, aber der Tod ist nicht ihr Ziel. {…} Zudem bringen Selbstmordattentate unweigerlich einen ausgeprägten Kult des Opfers hervor, der jedes konkrete Emanzipationsversprechen dementiert zugunsten von Abstraktionen, für die man sein Leben zu opfern habe: für das Volk, das Vaterland, oder eben wie unter den Islamisten, für das Paradies. Die Form des Kampfes schlägt unweigerlich auf den Inhalt zurück.“
Bernd Beier – Theo, Theorie und Theokratie. Das Liebäugeln mit fundamentalistischem Unsinn gehört offenbar zur Globalisierungskritik, in Redaktion Jungle World – Elfter September Nulleins

Schafft ein, zwei, viele Deutsche! Der Fortpflanzungsterror der „jungen Nation“

Der Landesvorsitzende der Jungen Union Nordrhein-Westfalen, Sven Volmering, sagte, seine Organisation fordere ‚angesichts der demografischen Entwicklung mehr und nicht weniger Kinderlärm’.
Focus.de

Und heute da hört uns Deutschland und morgen die ganze Welt…
Hans Baumann – Es zittern die morschen Knochen

Die „beliebteste Nation der Welt“ (BBC-Poll according to Welt.de) bereitet sich einmal mehr darauf vor, für ihre einzigartige Aufopferungsbereitschaft belohnt zu werden. Und opfert auf dem Altar des Fortbestands des Volkes die im Lande angeblich so geschätzte Ruhe. Unter Ruhe jedoch wird in Deutschland seit jeher nicht die Qualität Stille, also die luxuriöse Abwesenheit von Krach, verstanden sondern das ruhige Gemüt, das beruhigte Gewissen, das Ruhekissen. Dem deutschen Bedürfnis nach Ruhe wird, notfalls mit drastischen Mitteln, aus zwei erst einmal entgegengesetzt anmutenden Gründen Ausdruck verliehen: aus Neid auf allzu lautstark geäußerte Lust am Leben und aus Gleichgültigkeit oder/ und Brutalität gegenüber den Schreien der Gequälten, Misshandelten und Leidenden (Neid diesen gegenüber entsteht dann, wenn man den Opfern ihr Leiden nachträglich missgönnt und umso mehr gelitten haben will; während man sie zuvor um alles beneidete, was man ihnen nicht gönnen mochte, um sich an ihnen rächen oder gegen sie wehren zu dürfen – das ist so krude wie notwendiger Bestandteil deutscher Ideologie). All dem begegnen die Deutschen mit dem gleichen missgünstigen, misstrauischen, missmutigen, miserablen „Lass’ mich in Ruhe!“. Das gilt nicht dem Lärm sondern dessen Motivation, denn Krach produzieren sie selbst ausgesprochen gerne, wobei allerdings peinlich genau darauf geachtet wird, dass der Anlass (Schützen- oder Oktoberfeste, Humtata-Karnevalsumzüge, Fußballweltmeisterschaften etc.) unverdächtig ist und er die Gemeinschaft, welcher als angemessen empfundenen Natur auch immer sie sein mag, ausdrücklich betont.

Sicher, das plötzliche Verschwinden Hunderttausender jüdischer Nachbarn mit nichts als einem Köfferchen in der Hand konnte für den objektiven Betrachter der damaligen Zeit nur einen Kurzurlaub auf Usedom bedeuten. Und die anschließende Belegung ihrer Wohnungen samt Mobiliar durch die arischen Nachbarn belegte die These der unmittelbar bevorstehenden Rückkehr der Besitzer mit großem Nachdruck. Auch der öffentliche Abtransport Hunderttausender Juden in Güterwaggons Richtung Osten und die leere Rückreise derselben hat nur eine kleine, privilegierte und informierte Minderheit Böses annehmen lassen.
Nathan Gelbart (via hankythewanky)

Die unüberhörbarste deutsche Lärmproduktion im Wortsinne fand zwischen 1933 und 1945 statt. Die bloß deutsche Revolution ging einher mit dem schrillen Schreien ihrer Repräsentanten, mit Tschingderassabum, Gegröle, Kanonendonner, Sirenen, den „Jericho-Trompeten“ der Stukas und einem einfältigen Lied nach dem unvermeidlichen anderen. Es verwundert geradezu, dass noch keiner der sonst um abwegige Entschuldungen nicht verlegenen Volksgenossen auf die Idee kam zu behaupten, man habe einfach nichts mitbekommen können, weil’s doch im „Dritten Reich“ eh immer so laut gewesen sei. Die pausenlose Geräuschkulisse diente vornehmlich dazu, den jugendlichen Elan der Bewegung hervorzuheben – das hysterische Kreischen, anspornende Brüllen und begeisterte Johlen galt dem einen Volke als Inbegriff von Frische und Ursprünglichkeit. Die von den völkischen Jugendbewegungen des 19. Und 20. Jahrhunderts maßgeblich beeinflussten Nazis (vgl. George L. Mosses Grundlagenwerk „Die völkische Revolution. Über die geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus“) fühlten sich den Heranwachsenden genauso weit verpflichtet, wie sie mit deren Vitalität und Virilität beispielsweise grenzenloses Wachstum zu begründen in der Lage waren. In den Lagern des Jungvolks war lautstarkes Bekunden der Freude an Gemeinschaft, Kräftemessen und Bewegung an frischer Luft obligatorisch. Darüber hinaus setzten die Nationalsozialisten eine Reihe kinderfreundlicher Gesetze in Kraft, bei denen es vornehmlich darum ging, Kinder aus proletarischem Milieu nicht mehr als billige Arbeitskräfte sondern als Deutsche zu definieren und sich somit deren Zugehörigkeitsgefühls zu versichern. Alle fortschrittlich anmutenden Gesetze wiesen dementsprechend die eine Einschränkung auf: Sie galten ausschließlich für ‚Arier’. Spätestens mit den Nürnberger Rassegesetzen waren vor allem Juden von den ‚Errungenschaften’ deutscher Gleichberechtigungspolitik ausgeschlossen. Das jüdische Kind wurde mit allen daraus resultierenden Konsequenzen de facto als jüdischer Erwachsener behandelt, der im Gegensatz zu den sich noch im Werden befindlich wähnenden Volksgenossen für alles und jedes Übel verantwortlich gemacht wurde, als Repräsentant der uralten Gegenrasse, des einen Volksfeindes. Kindheit und Jugend waren den (‚erbgesunden’) Deutschen vorbehalten und wurden politisch propagiert und medial verherrlicht.
Der im Nachkriegsdeutschland unisono als unpolitisch gehandelte Film „Die Feuerzangenbowle“ (1944, Vorbild für unzählige so genannte Pennälerfilme seit den späten 1960ern!) zeugt von der Sehnsucht der Deutschen als ewig Jungenhafte von aller individuellen Verantwortung frei zu sein. Der gleichermaßen als Salonlöwe wie als Autor erfolgreiche Hans Pfeiffer, der aufgrund seiner Erziehung durch Hauslehrer nie die ausgelassenen Freuden gemeinschaftlichen Schulbesuchs erfahren durfte, verjüngt sich zunächst nur optisch, um am Unterricht eines Gymnasiums teilnehmen zu können. Der äußerlichen Verwandlung folgt die geistig-moralische, und derart geläutert produziert Pfeiffer nunmehr vor allem eines: Lärm. Der Klamauk wird zudem durch eine auch im deutschen Nachkriegsfilm beliebte Figur sanktioniert: den jung gebliebenen Lehrer, und am Ende den wieder jung gewordenen Rektor, dessen frisch, fromm, fröhlich blondes, schrill kicherndes, krakeelendes und trotz aller vorgeblichen Unschuld vor allem im besten Gebäralter sich befindendes Töchterlein Pfeiffer schlussendlich ehelichen will. Statt seiner deutlich älteren und erkennbar sexuell erfahrenen vormaligen Geliebten, einer sich ausgesprochen erwachsen und ergo blasiert gebenden (eher dunkelhaarigen) Dame von Welt, die nicht ans Herz sondern die Vernunft, das Verantwortungsbewusstsein und letztlich den Geldbeutel appelliert und vor allem unnatürlich leise spricht.
Zweifellos hatte die deutsche Frau offiziell vor allem einen Zweck zu erfüllen, und der war die Produktion Deutscher. In einem abgesehen davon breiten Rahmen jedoch existierten im „Dritten Reich“ durchaus vielfältige emanzipatorische Bestrebungen, die problemlos in das System integriert werden konnten. Es gab eine deutsche Frauenbewegung, die unwidersprochen Rechte einfordern durfte, und Leni Riefenstahl war trotz ihrer späteren (eigentlich leicht durchschaubar grotesken aber nichtsdestotrotz erfolgreichen) Selbstdarstellung als widerständiges Ausnahmetalent, das „nur Filme machen wollte“, eine durchaus bewunderte Ikone weiblicher Kreativität. Auch Prüderie war kein herausragendes Merkmal der Deutschen von 1933 bis 1945 – au contraire – jegliche augenzwinkernde und in den Arbeitsdiensten oder Freizeitlagern unermüdlich konterkarierte Kundgebung sexueller Zurückhaltung war bloße Konzession an insbesondere katholische oder anders tugendhafte Deutsche, wie auch das „Dritte Reich“ in jeglicher Hinsicht (außer wenn es um die Juden ging!) permanent bereit war Konzessionen zu machen. Prinzipiell war Nazi-Deutschland allen gegenüber aufgeschlossen, die Deutsche herstellen, sich darin üben oder dazu beitragen wollten (Riefenstahls schöne deutsche Jugendliche sind hier ein nicht zu unterschätzender Propagandafaktor: Dies könnte Ihr Kind sein!) – auf welche Art und in welchen (heterosexuellen) Verhältnissen auch immer sie das tun mochten. Tatsächlich schafften die Deutschen darüber hinaus Freiräume, in denen die Volksgenossen wirklich alles durften: die Konzentrationslager.
Nach 1945 herrschte bequemerweise die Meinung vor, Deutschland habe zwölf Jahre lang als geknechtetes und von einer grausamen Diktatur zum Schweigen gezwungenes Volk dahinvegetiert. Ebenso bequem wurden die unzähligen Beschwerden ignoriert, die das so ganz und gar nicht stumme Volk unermüdlich an relevante Institutionen weiterleitete (vgl. Robert Gellately – Backing Hitler. Consent and Coercion in Nazi Germany). In ihnen ging es vorwiegend um die ungerechte Verteilung des tagtäglich Erbeuteten oder ‚Rassenschande’. Der Traum der Deutschen allerdings offenbarte sich genau dort, wo ihm keinerlei Grenzen mehr gesetzt wurden. Und sie schufen eine Kakophonie des Grauens. Eine Collage gewollt widersprüchlicher Melodien, wo Kitsch und Grauen sich gegenseitig bedingten, durch Schreien dirigiert und jeden Schrei übertönend.
Ganz am Schluss erst konnten die Deutschen dazu gebracht werden, endlich mit dem Lärmen aufzuhören. Für einen kurzen Moment hielten sie dann erschrocken die Luft an (© by KdP), nur um bereits im ersten Augenblick des ob der ausbleibenden Strafe Aufatmens mit ihrem Gejammer die nachhallenden Klagen ihrer Opfer um jeden Preis zu übertönen.
Der erfolgreichste deutsche Nachkriegsroman wartete folgerichtig mit einem ausschließlich Lärm veranstaltenden Helden auf. In Günter Grass’ „Blechtrommel“ (1959) trommelt und schreit das deutsche ewige Kind Oskar Matzerath vorgeblich gegen die Nazis an, die es aber bloß imitiert und ihnen die vom Volk bis zum Ende herbeigesehnte kindische Variante einer Wunderwaffe vorführt: seine zerstörerische Stimme. Ganz anders als bei der ungleich und unangemessen erfolgloseren Gisela Elsner, die in „Fliegeralarm“ drastisch das konformistische Moment von Kinderlärm ausstellt. Derweil galt dem durchschnittlichen Nachkriegsdeutschen das stille Kind aber als Ideal; es glich so weniger den als gefährlich für den Bestand erkannten Schreihälsen im „Dritten Reich“ und diente als Spiegel ihres unauffällig zu sein habenden Selbst, als Beleg dafür, dass man nicht am Lärmen teilgenommen hatte.
Es blieb der kommenden sich ebenso von Schuld frei wähnenden und zur Ruhe ermahnten Generation vorbehalten, den Krach wiederzuentdecken. Aufbauend häufig auf ähnlichen Grundlagen wie ihre völkisch motivierten Vorfahren. In den Kinderläden der 68er herrschte das angeblich natürliche und noch angeblicher fröhliche Kreischen, Grölen und Johlen der Kleinen vor. Das wiederum den Grundstock legte für die nächste Generation jammernder Deutscher, die sich seit den 1990ern noch eine zeitlang ausführlich über ihr Leiden an den ihnen von ihren Eltern grausam gewährten Freiheiten beklagen durften. Damit ist es nun vorbei. Einzig die Senioren-Union mag noch Einspruch erheben gegen das bloß ihnen nach wie vor als subversiv oder allzu bekannt gelten mögende Gekreische.


Monty Python – Hell’s Grannies

Das Baby von Familienministerin Kristina Schröder ist da. Lotte Marie heißt das Kind, Mutter und Baby sind wohlauf. Und auch der Bundesrepublik geht es bestens.
Berliner Morgenpost

Während der unüberhörbare Beifall, der Thilo Sarrazin aus allen Schichten der Gesellschaft beschallt, den Wunsch nach nichts anderem als mindestens so genannten positiven eugenischen Maßnahmen unterstreicht, sind die offiziellen Volksvertreter noch vorsichtiger in der Umsetzung des Willens und Wollens ihresgleichens. Das beliebteste Volk der Welt hat sich eben deswegen keinesfalls als rassistisch darzustellen, als kinderfreundlicher sogar noch als die „vorbildlichen Skandinavier“ hingegen soll die einstmals kinderfeindliche Nation in Zukunft dastehen. Da man hierzulande in seiner Missgunst dem Nächsten nicht einmal den Dreck unter dessen Fingernägeln gönnt, wird propagiert, es hinge gerade eben nicht vom Geld ab, dass die Deutschen sich nicht mehr so recht fortpflanzen wollen. Vielmehr sei das kinderfeindliche Klima schuld am Niedergang der Nation. So lächerlich es klingen mag, dass daraufhin zuerst ein Gesetz für Kinderlärm unter Beteiligung aller deutschen Parteien erlassen wird, so offensichtlich sind dessen problematische Traditionslinien. Und natürlich schlägt man diverse Fliegen mit einer Klappe: Ums Bezahlen für den Bestand ist man mit hochmoralischem Gestus herumgekommen; gerade die Armen im Lande werden dadurch nicht zu übermäßiger Kinderproduktion angeregt, ebenso wenig die vielen in ärmlichen Verhältnissen leben sollenden „Menschen mit Migrationshintergrund“, die sind in ihren billigen Wohnungen in oft desolaten Gegenden eh meist dermaßen unerträglichen Lärmquellen ausgesetzt, dass es auf ein bisschen mehr oder weniger nicht mehr ankommt. Man braucht auch kein schlechtes Gewissen mehr haben, wenn man den Nachbarn, der sein Kind verprügelt, nicht anzeigt, gegen Kindergeschrei kann man nun mal nichts machen. Es hat natürlich zu sein.
Hinter all dem steht auch ein „Schreit so lange ihr es noch dürft, irgendwann ist es damit vorbei!“ Und jeder weiß, dass Kindergeschrei keinesfalls prinzipiell Ausdruck von Lebensfreude ist, viel öfter zeugt es von Hilflosigkeit und verzweifeltem sich Ausgeliefertfühlen; irgendwer ist immer stärker und mächtiger. Und wenn das Kind nicht grölend herumtoben mag, und stattdessen gerne still in der Ecke sitzt und liest, gilt es fortan als die Urwüchsigkeit und die Volksertüchtigung gefährdendes Element. „Geh doch mal raus spielen“, soll kein nerviger Vorschlag mehr sein sondern der Beleg dafür, dass man das Gesetz achtet. Und das Geschrei unzufriedener, unbefriedigter, frustrierter, ignorierter etc. Kreaturen wird kurzerhand unisono als wertvoll für die Selbstentfaltung erklärt.
Auf der anderen Seite zeugt das Bemühen nahezu aller Politiker, den deutschen Nachwuchs zum Schreien zu animieren von ihrem schlichten Gemüt: Das weit verbreitete Vorurteil, die „Ausländerkinder“ seien so viel lauter als die eigenen wohlerzogenen Abkömmlinge, lässt sie offenbar vermuten, der Krach rege zum endlich ernst gemeinten Zeugungsakt an: „Ach, ich will auch was haben, das 80 Dezibel machen kann.“ (Zum Vergleich: 65 Dezibel, Beginn der Schädigung des vegetativen Nervensystems, erhöhtes Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Damit erledigt man nebenbei gleich das vor allem von weiten Teilen der Jungen Union als solches empfundene lästige Seniorenproblem mit.) Und die „ausländischen Mitbürger“, denen man sogar noch weniger gönnt als den Volksgenossen, haben gefälligst nicht besser im Kinderkriegen zu sein. Da die rassistischen Ausschreitungen vor allem seit 1989 das Bild, das sich die Welt von den reumütigen Deutschen zu machen hatte, gravierend gefährdeten, müssen andere Mittel her, um das Land als deutsches zu bewahren. Hier geht es nicht ausschließlich um die Angst vor „Überfremdung“, sondern auch um den von Wolfgang Pohrt richtig beschriebenen Neid der Deutschen angesichts von nichtimdeutschenwurzelnden Müttern vieler Kinder, die ihnen im Schlussverkauf irgendwas vor der Nase wegziehen und das auch noch mit dem deutsch imaginierten und ersehnten guten Gewissen, mit einer Rechtfertigung vor sich selbst und allen anderen. „Obwohl die BRD ein Wohlstandsland ist, spielen sich bei der Öffnung der Kaufhäuser im Schlussverkauf regelmäßig Szenen ab, die an die Verteilung von Brot an die verhungernden Kurden erinnern. {…} Es dürfte hart für die Deutschen sein, wenn sie es mit ansehen müssen, wie andere die besseren Menschen sind, wenn sie tun, was die Deutschen nicht lassen können.“ (Wolfgang Pohrt – Das Jahr danach. Ein Bericht über die Vorkriegszeit., 169)


Martin Creed – Mothers


„Serial Mom“, John Waters (1994)

Die neue junge deutsche Frau, der man lange genug eingeimpft hat, als kinderlose sei sie nicht wirklich erfüllt, und sie könne doch im neuen jungen Deutschland mühelos Job (!) und Kinder „miteinander verbinden“, macht sich entsprechend auf, ihren Bauch nicht mehr für sich zu beanspruchen, sondern ihn buchstäblich als Rammbock einzusetzen. Schwangere Frauen und solche mit Kinderwagen rempeln (vorzugsweise in als wohlhabend und/ oder grün-alternativ aufgehübschten Städten respektive Stadtteilen) rücksichts- und grundlos Passanten an, die ihnen nicht umgehend den Tribut zollen, den die zukünftigen oder frischgebackenen Mütter der Nation einfordern. Ihre unverhohlen strahlend daherkommende Aggressivität ist nicht bloß dem Stolz auf die verdienstvolle Rolle geschuldet sondern vermutlich auch der Ahnung, dass das Ganze irgendwann wird teuer zu bezahlen sein, mit dem Verlust von Stille und einem erhöhten „Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen“ oder unerwünschten Falten. Wenigstens liefert Das Gesetz auch den Rest der Bevölkerung denselben Strapazen und Gefährdungen aus, darauf wird man mit Schubsen, ungeduldigem Drängeln beizeiten vorbereitet. Und Gnade dem, der es wagt, rauchend an einer Ampel zu warten, während die Erfüllten sich in seiner Nähe befinden…
Mehr oder weniger gelungene literarische Umsetzungen des Ausgeliefertseins an Kinder gibt es zuhauf: In John Wyndhams Midwich Cuckoos bilden die (vordergründig Alien-)Kinder eine verschworene, Erwachsene, die sich ihnen in den Weg stellen, mordende Gemeinschaft; in Doris Lessings „Memoirs of a Survivor“ und „The Fifth Child“ ziehen marodierende Kinder- und Heranwachsenden-Banden durchs trostlose Land; in Tennessee Williams’ „Suddenly Last Summer“ zerstückeln und essen minderjährige Jungen ihren Vergewaltiger in einem Akt hilflos brutaler Selbstjustiz; in Ira Levins „Stepford Wives“ zieht Joanna Newsom ihrer Kinder wegen und aufgrund des Drängens ihres Mannes in die erst einmal idyllische und erschreckend saubere, vor allem aber kinderfreundliche Kleinstadt Stepford, wird ermordet und durch einen Heiligeundhure-Roboter ersetzt, der nichts mehr tut, als die Kinder zu erziehen, zu kochen, putzen, einzukaufen und ihrem Mann jeden Willen und Wunsch zu erfüllen etc. pp. Und in der britischen TV-Serie „Cracker“ (dt. „Für alle Fälle Fitz“) klagt die hochschwangere Ehefrau den Autoren eines Science Fiction-Romans an, der die Schrecken einer Invasion beschreibt, in der Aliens die Körper von Menschen in Besitz nehmen und sie von innen heraus ausbeuten, das könne nur ein Mann als Fiktion geschrieben haben. In „Alien“ (Ridley Scott, 1979) hingegen bedeuten ‚Befruchtung’ und ‚Schwangerschaft’ den sicheren Tod.
Diese unterschwellig immer vorhandene Ahnung von Ausgesetztsein konterkariert die Regierung mit einer potentiellen Mutterkreuzträgerin, die mühelos vier, fünf oder wie viel auch immer Kinder neben ihren vielen politischen Aufgaben großziehen konnte, die aber um der Zielsetzung Willen irgendwann durch eine erstgebärfähige Nachfolgerin ersetzt wurde. Deren Kind trägt dann auch entsprechend einen Namen, der zwar wie derzeit angesagt ausgesprochen deutsch ist, jedoch Erinnerungen an Astrid Lindgrens fröhlichere und harmlosere Kinder aus Bullerbü evoziert. Womit ein weiterer Kreis aus den sich an angeblich entgegengesetzten Enden der Strecke befindenden Punkte gebogen wird, wo sich notwendig natürlich deutscher Nachwuchs und natürlicher Kinderladenkrawall treffen.

Deutschland ist volljährig, aber auch noch ein Teenager. Der fühlt sich stark, hat aber noch einiges zu lernen, bekommt die Fahrerlaubnis, aber erst mal auf Probe, kann bis nach Mitternacht in der Disco feiern, muss aber mit dem Kater selber klarkommen, darf wählen gehen, spricht aber noch im Jugendslang über die Politiker. Volljährig sein bedeutet aber auch: Man kann sich endlich mal so richtig das Jawort geben.
Katrin Göring-Eckardt, Grüne (Süddeutsche.de, 2008)

Ja, Deutschland wird volljährig – Grund zu feiern. Aber auch 18-Jährige sind noch auf der Suche nach ihrer Rolle und manchmal uneins mit sich selbst. Das gilt auch für Deutschland. Also, tu nicht so erwachsen, Deutschland, erhalte dir den Charme des Unfertigen!
Holger Treutmann, Pfarrer der Frauenkirche Dresden (ebd.)

Dieses Reich hat die ersten Tage seiner Jugend erlebt, es wird weiter wachsen in Jahrhunderte hinaus, es wird stark und mächtig werden! Die Fahnen werden durch die Zeiten getragen von immer neuen Generationen unseres Volkes. Deutschland hat sich gefunden! Unser Volk ist wiedergeboren!
Adolf Hitler, Reichsparteitag der Ehre, Nürnberg 1936

Die „späte Nation“ hat als ewig junge zu gelten, nur so ist sie fähig, alles von ihr Ausgehende zu entschulden. Knut Hamsun lieferte ein Beispiel ihrer Exkulpierungsstrategien seit spätestens 1933: „Er bezeichnete Deutschland als «junge Nation», die das Recht der Jugend auf Selbstentfaltung beanspruchte. {…} «Deutschland befindet sich mitten im Umbau. Wenn die Regierung Konzentrationslager einrichtet, so sollten Sie und die Welt verstehen, dass sie gute Gründe hat», belehrte er 1934 den norwegischen Ingenieur Christopher Vibe, der sich für Carl von Ossietzky einsetzte. Als dem KZ-Insassen zwei Jahre später der Friedensnobelpreis zugesprochen wurde, entrüstete sich Hamsun lautstark. Seine eigene Nobelpreis-Medaille schenkte er 1943 dem Reichspropagandaminister Goebbels.“ (Aldo Keel – Der norwegische Nobelpreisträger: Gefeiert und umstritten)
Marcel Proust schrieb À la recherche du temps perdu in einem schalldicht isolierten Raum am Boulevard Haussmann in Paris. Das Oberverwaltungsgericht Münster aber urteilte apodiktisch und noch die individuellsten Schutzmaßnahmen als miesmacherisch denunzierend: „Wer Kinderlärm als lästig empfindet, {…} hat selbst eine falsche Einstellung zu Kindern.“

Recommended reading:
Ira Levin – The Stepford Wives (see also the 1975 movie version) + The Boys from Brazil + Rosemary’s Baby
Tennessee Williams – Suddenly Last Summer
Magnus Klaue – Lärm ist geil
Marcel Proust – À la recherche du temps perdue
____________
Later: Offenbar hat Götz Aly den Neidwennnichtmitmissgunst-ihnverwechselndengedanken aufgenommen und daraus womöglich doch nur wieder ‚Deutsche Opfer‘ exzerpiert. More to come!

+ Noch später: „Leider wird oft vergessen: Kinder sind unsere natürlichen Feinde. Die ihnen gemäße Staatsform ist die Diktatur. Wenn sie könnten, würden sie unser Konto plündern, uns in der Küche anketten, uns eine Magnum an die Schläfe halten und uns 24 Stunden am Tag Schokoschaumkuchen backen lassen. Wenn Sie einmal gehört und gesehen haben, was ein Kind an einer Supermarktkasse zu veranstalten in der Lage ist, um Sie fertigzumachen, dann wissen Sie: Ihren süßen kleinen Fratz, den Sie zu einem besseren Menschen erziehen wollen, können Sie jederzeit als akustisches Folterinstrument in Guantánamo einsetzen. Für den Umgang mit Kindern gilt, was für den Krieg gilt. Es gibt nur ein Gesetz: Sie oder wir. Sie sollten also wissen, was zu tun ist. Die Anwendung von Verhütungsmitteln ist einfach zu erlernen.Thomas Blum – Sie oder wir, Jungle World

Pausenbild II


This is Ripley, last survivor of the Nostromo, signing off.” Alien (1979)
Source: If we don‘t, remember me. Tumblr
To be continued…

„Stukas Over Disneyland“. Lars von Trier feiert seine „deutschen Wurzeln“ angemessen



Dickies – Stukas Over Disneyland

Jedem, der sich auch nur am Rande mit dem Thema Antiamerikanismus beschäftigt, fällt die Nähe und Prominenz des Topos Antisemitismus auf. Ich betrachte beide als eng miteinander verwandt, als – um es bildlich auszudrücken – Cousins ersten Grades. […] André Glucksmans Charakterisierung der beiden als „Zwillingsbrüder“ erscheint noch treffender.
Andrei S. Markovits – Amerika, dich haßt sich’s besser. Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa

Aber es gibt keine Antisemiten mehr“, schrieben Theodor W. Adorno und Max Horkheimer (Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente) und meinten damit nicht nur, dass sich nach Auschwitz kaum noch jemand offen als Antisemit bezeichnen oder bezeichnen lassen wollte und antisemitische Äußerungen als solche erst entschlüsselt werden mussten. Zugleich vermuteten sie: „Daß, der Tendenz nach, Antisemitismus nur noch als Posten im auswechselbaren Ticket vorkommt, begründet unwiderleglich die Hoffnung auf sein Ende. Die Juden werden zu einer Zeit ermordet, da die Führer die antisemitische Planke so leicht ersetzen könnten, wie die Gefolgschaften von einer Stätte der durchrationalisierten Produktion in eine andere überzuführen sind.“ (Ebd.) Trotz des Superlativs ist der Text, der weitgehend noch während des „Drittens Reiches“ entstand und entsprechend zu lesen ist, von Zweifeln durchzogen, die, wie sich wenig später herausstellen sollte, zu Recht Antisemitismus als fortwährende Grundlage deutscher Ideologie annehmen. Jahre später schilderte Jean Améry deutsche Nachkriegszustände, die die Befürchtungen drastisch illustrierten, kulminierend in seinem Text „Über Zwang und Unmöglichkeit, Jude zu sein“ (in „Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten“, 1977) und seiner Rede zur Woche der Brüderlichkeit „Der ehrbare Antisemitismus“ (in „Weiterleben aber wie?“, 1982). 1969 veröffentlichte Léon Poliakov seine Studie zu den antisemitischen Grundlagen des Antizionismus und vice versa (in Deutschland erstmals 1992: „Vom Antizionismus zum Antisemitismus“, ça ira). Noch später wiesen Detlev Claussen („Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus“ und „Aspekte der Alltagsreligion“) und Moishe Postone („Deutschland, die Linke und der Holocaust“) die anhaltende Virulenz von Antisemitismus nicht nur in der Rechten sondern ebenso der deutschen Linken und Mitte nach. Und neben anderen beschrieb Andrei S. Markovits („Amerika, dich haßt’s sich besser. Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa“) welche Schnittmengen Antiamerikanismus und Antisemitismus notwendig darbieten.

Es liegt in der Natur der Sache, daß Filme, die durch das Pathos ihres Stils jeden Quadratzentimeter Realität mit Bedeutung aufladen und ihr atemlos hinterherhecheln, bald an die Grenzen der Immanenz stoßen und ein Bedürfnis nach Transzendenz entwickeln: letzte Ausfahrt Religion. Trier ist – nur halbironisch gebrochen – besessen von Schuld, Selbstgeißelung, Opferkult und Dogmen und tischt den Zuschauern am Ende von »Breaking the Waves« mit den vom Himmel hoch ins Bild bimmelnden Riesenglocken ein wahrhaftes Wunder auf.
Jan Pehrke – „Im Arsch der Dinge“, Konkret 02/02

Lars von Trier ist als Regisseur fraglos weitaus begabter als Jonathan Meese als Künstler, dennoch teilen beide ein ähnliches Bild von der Funktion des Schöpfers eines Werkes. Wo Meese den Künstler nur noch in den Dienst von etwas Höherem stellen mag (bloß keine „Selbstverwirklichung, Kreativität, Individualität und die lächerliche Privatsuppe zum Gesetz machen“ und „bitte, bitte kein Talent, Talent ist Ritual, Ritual ist Zombie, Zombie ist stinkende Ohnmacht“), sollte das durch von Trier maßgeblich geprägte Dogma 95-Manifest einerseits dem Autorenfilm wie andererseits dem opulenten Kino Hollywoods mit rigider Beschränkung von Ästhetik und letztlich Thematik beikommen. Meese spielt kindisch verharmlosend mit Nazi-Versatzstücken und von Triers Filmen ist vor und nach Dogma 95 seine Faszination für den NS-Gestaltungswahn zu entnehmen (dazwischen gab er das Gegenteil vor und repetierte dennoch im Kollektiv entsprechende Inhalte). Beide geben sich als enfants terribles, als Tabubrecher, die mit sich selbst zugleich jedes Tabu ironisiert betrachtet haben wollen. Während bei Meese jedoch alles zu Eintopf zerkocht wird, lassen sich von Triers Motive trotz aller vorgeblichen Widersprüchlichkeit deutlich exzerpieren. Im Dogma-Manifest, dessen Quintessenz lautet: „Ich bin kein Künstler mehr“, heißt es:
To DOGME 95 cinema is not individual. […] For the first time, anyone can make movies. But the more accessible the media becomes, the more important the avant-garde, it is no accident the phrase „avant-garde“ has military connotations. Discipline is the answer…we must put our films in uniform, because the individual film will be decadent by definition! DOGME 95 counters the individual film by the principle of presenting an indisputable set of rules known as THE VOW OF CHASTITY.
Die Dogma-Filme von beispielsweise Thomas Vinterberg („Festen“) und Lars von Trier („Idioterne“) üben sich dann auch nicht nur in ästhetischer Reduktion, sondern stellen die „Reinheit“ des unschuldigen Opfers ins Zentrum der Handlung, wo es der Dekadenz der Bourgeoisie erst einmal hilflos ausgeliefert ist. Dekadenz wird in „Festen“ u.a. mit eindeutig homophoben Mitteln illustriert. Und in „Idioterne“ zelebriert von Trier wie so oft weibliche Aufopferungsbereitschaft oder Frauen als vornehmliches Opfer sinistrer Kontexte („des Führers Wasserleiche“ lässt grüßen) angesichts des bei ihm aufgrund der so oder so als hoffnungslos ‚verdorben’ ausgestellten Menschheit regelmäßig zu erahnenden nahen Untergangs der Welt. Hinter von Triers vordergründigen Provokationen lauert immer das Opfer, als das er selbst sich in seinen öffentlichen Auftritten wie in seinen Protagonistinnen darzustellen weiß. Nichts ist von ihm zu hören oder sehen, das nicht impliziert, er werde alsbald dafür gequält und gemartert werden. Das Modell ist bekanntermaßen erfolgreich, und so zeitigte es auch in von Triers Fall keine gravierenden Konsequenzen, als er in Cannes seine Begeisterung für Albert Speer und sein Mitfühlen mit Hitler im Bunker ausdrückte, Israel als „pain in the ass“ bezeichnete (was nicht, wie in den deutschen Medien ausnahmslos geschehen, mit „geht mir auf die Nerven“ zu übersetzen ist, sondern wenn schon nicht literally dann mit „geht mir auf den Sack“ oder „ist die Pest“) und sich der Grußformel aller Antisemiten bediente: „Ich habe nichts gegen Juden, aber…“. Am Ende seines Monologs verlieh er, sich gleichzeitig immunisierend, erneut seiner Befürchtung öffentlicher Verdammung Ausdruck: „How do I get out of this sentence. Ok, I’m a Nazi.“ Mit einem aufgesetzt entschuldigenden und „nur halbironisch gebrochenen“ (Pehrke) Lächeln. Die Bestrafung erfolgte in Form einer nicht einmal halbherzigen Geste: Die Leitung erklärte ihn für die Dauer des diesjährigen (!) Festivals zur persona non grata. Was ihm erklärtermaßen gefallen hat: „Ich bin sehr stolz darauf. Ich war noch nie in meinem Leben eine Persona non grata. Und das passt mir sehr gut.“ (Lars von Trier im Interview. „Wer mir in die Fresse hauen will, ist willkommen“, Spiegel.online)
Doch selbst das nachsichtige auf die Fingerklopfen galt deutschen Medien als Veranlassung, sich in Verschwörungstheorien zu ergehen. Im Interview mit dem Deutschlandradio teilte dessen Filmkritiker Josef Schnelle mit, man habe in Cannes „zuerst moderat reagiert […]. Und jetzt gab es dann ja plötzlich die Entwicklung, dass das Festival ihn zur Persona non grata erklärt hat. Da werden andere Instanzen des Festivals beteiligt gewesen sein, wie [sic!] bei dieser ersten Erklärung. Das weiß man immer nicht, was hinter den Kulissen da genau vorgeht. Jedenfalls ist der Film jetzt raus und kann auch keine Goldene Palme mehr bekommen. Dabei sah es kurz danach aus, dass er es hätte werden können.“ (Dradio – Lars von Trier aus dem Festival von Cannes geworfen. Josef Schnelle im Gespräch mit Karin Fischer)
Hinter den Kulissen“ agieren gesichtslose Strippenzieher, und der harmlosen Gemüts in Fettnäpfchen stolpernde von Trier ist ihr Opfer. Lars von Trier gibt Bess, Karen, Selma und wie sie alle heißen mögen in Personanongrataunion. Natürlich stürzten sich alle auf seine apodiktische Deutung, da er Speer schätze und Hitler irgendwie verstehen könne, würde er der Welt von nun an als Nazi gelten. Um ihn mit einem Federstrich davon freizusprechen. Und tatsächlich ist Lars von Trier (wie üblich in der Deutsche und deutsch exkulpierenden Diskussion) kein Nazi im Wortsinne, wenn er auch deren grundlegende Opferideologie teilt. Als das jedoch, was zumindest die deutschen Medien nur als Ansätze oder Tendenzen zu erwähnen wagen und im selben Moment weit von ihm zu weisen sich anstrengen müssen, geriert er sich zunehmend. Auf Spiegel.online kommentiert Hannah Pilarczyk: „Auf der einen Seite rehabilitieren, auf der anderen Seite verbannen – rückgratloser geht es kaum. In Gibsons Filmen finden sich zumindest Ansatzpunkte für eine Diskussion über antisemitische Tendenzen. Sein archaischer Film „Die Passion Christi“ stand zum Beispiel wegen seiner als verzerrend wahrgenommenen Darstellung von Juden in der Kritik. Bei von Trier sucht man solche Ansatzpunkte vergeblich.“ („Stinkbombe und Fehlurteil“)

I really wanted to be a Jew, and then I found out that I was really a Nazi, because my family was German, Hartmann, which also gave me some pleasure. So, what can I say? I understand Hitler, but I think, he did some wrong things, absolutely, but I can see him sitting in his bunker in the end. But there will come a point at the end of this. Now I‘m just saying that I think, I can understand the man. He is not what you would call a good guy. Yeah, I understand much about him. I might sympathize with him a little bit, yes. But, come on, not … I‘m not for the second World War. And I‘m not against Jews. I am of course very much for Jews. No, not too much, because Israel is a pain in the ass. … But still … How can I get out of this sentence? Ok, I‘m a Nazi
Lars von Trier in Cannes

The reason that I make these Jewish jokes is that, for half my life, I thought I was Jewish. If you’re Jewish, you’re allowed to make Jewish jokes. So it’s hard to break that habit when you find out that you’re not really Jewish. All of my children have Jewish names. I’m sorry that people took it the wrong way. But I know why; I was stupid enough to talk to the world like I talk to my best friends.
Lars von Trier, Richard Porton – Lars von Trier Explains Nazi Comments

Und irrt sich. Lars von Trier hat sich in seinen Filmen immer wieder diverser Motive bedient, die nur denen, die sie eben nicht sehen wollen, verborgen zu bleiben haben. Und ausschließlich so hat Deutschland seit eh und je funktionieren können. Abgesehen von der unermüdlichen Inszenierung sich aufopfernder Charaktere und seiner Dekadenzphobie, werden antisemitische Motive vor allem in seinem Antiamerikanismus erkennbar. Felix Hedderich beispielsweise schreibt über „Dear Wendy“ (Regie: Thomas Vinterberg, Drehbuch: Lars von Trier): „Dass der Ladenbesitzer […] als einziger Erwachsener, der nicht in der Kohlemine arbeitet, einen jüdischen Namen trägt, kann kein Zufall sein. Ein Händler und Ausbeuter, der die harte Arbeit in der Mine scheut – das muss, vom Standpunkt eines Antisemiten betrachtet, ein Jude sein. Hinzu kommt, dass Salomon auch noch eine Paranoia vor gewalttätigen Gangs, die es in dem verschlafenen Städtchen offensichtlich nicht gibt, angedichtet wird. Beschreibt von Trier hier etwa die nach dem 11. September durchaus berechtigte Angst der Amerikaner vor Terroristen als bloße Paranoia vor einem Gespenst, das gar nicht existiert? Und will er mit der Figur des Salomon darauf verweisen, dass diese Paranoia von den amerikanischen Juden ausgeht?“ (Dogma 2005. Lars von Trier und Thomas Vinterberg sind die „Avantgarde für Vollidioten“, Konkret) Außerdem verweist Hedderich zurecht darauf, dass neben den sich opfernden Frauen Antiamerikanismus die vielleicht „größte Gemeinsamkeit der von Trier-Filme der letzten zehn Jahre ist“. (Ebd.) Mindestens.



Eat this, Lars von Trier! („Battle of Britain“, UK 1969, Regie: Guy Hamilton + undeniable „Star Wars“ model 3:05)

A Stuka will outlive a British Spitfire in our consciousness by millennia. That’s my point of view. While a Spitfire has all those rounded forms and was a very beautiful airplane, the Stuka was a revelation. A lot of Nazi design was amazing. They had such big thoughts. The Stuka was a dive-bomber that swooped down and dropped its bombs with great precision. A special feature about the Stuka was that its bombs were equipped with a little whistle, which is staggeringly cynical but also a sign of artistic surplus.
Lars von Trier im Interview mit Per Juul Carlsen, Danish Film Institute: The Only Redeeming Factor is the World Ending (mit Dank für den Hinweis an U+NdG)

Got an SS ticket I‘m feeling fine
Spent five long hours just standing in line
Passed inspection got my ears on straight
Gonna fire up my engines ‚fore it gets too late
I just can‘t wait

Dickies – Stukas Over Disneyland

Lars von Trier, der 1995 die urdeutsche narzisstische Kränkung, er entstamme eben nicht dem auserwählten Volke, am eigenen Leib erfahren musste, als ihm seine Mutter auf ihrem Totenbett mitteilte, sein Vater sei nicht der dänische Jude Ulf Trier gewesen sondern ihr Arbeitgeber, der Deutsche Fritz Hartmann, zog in der Pressekonferenz auch über die dänisch-jüdische Regisseurin Susanne Bier her und beantwortet Fragen nach den Gründen für seine Beleidigungen nur ausweichend und seine Missgunst kaum verhehlend: „I went to film school with her, and she used to work for Zentropa, my production company, but quit. I’ve always thought, compared to me, that she was treated extremely well, which is fair enough, but has nothing whatsoever to do with the fact that she’s Jewish. The reason that I make these Jewish jokes is that, for half my life, I thought I was Jewish.Richard Porton – Lars von Trier Explains Nazi Comments
Worauf er tatsächlich neidisch ist, geht dennoch eindeutig aus seiner Replik hervor. Während er zunächst in der einen Identität aufging, um sich Dank ihrer über alles hermachen zu können, richtet er sich nun ebenso in der nächsten ein. Missgunst und Neid gehören wie Waschbecken und Herd zum deutschen Standardinventar und müssen nicht extra angeschafft werden. Von Trier hat schnell gelernt, dass Deutschsein („[W]hich also gave some pleasure.“) heutzutage ein surplus ist – nichts und niemand war am Ende erfolgreicher in der Darstellung als Opfer. An ihr wird man unersättlich.
Nebenbei kristallisiert sich eine neue (deutsche) mediale Repräsentation heraus: Der Antisemit als Genie. Sobald eine prominente Person sich antisemitisch äußert, und sei es noch so drastisch („But I love Hitler. People like you would be dead today. Your mothers, your forefathers would be fucking gassed.“ John Galliano), wird auf ihren Status als begnadeter Künstler verwiesen1, von Galliano bis zu von Trier. Die undifferenzierte deutsche Faszination für Kreative hat sie so weit gebracht, dass sie einen, der sich als einer ausgab, zu ihrem Führer auserwählten. Das feinsinnige Volk exkulpiert sich zum wiederholten Male an dem, was seine Massenmedien uneingeschränkt als „Faux-pas“, „Ausrutscher“, „Dummheit“ und dergleichen mehr und vor allem angesichts des Stress‘ oder des Image als nur allzu verständlich bezeichnen. Ob die ausgiebig bemitleideten sensiblen Geschöpfe am Ende behaupten, sie hätten gar nichts gegen Juden oder eben nicht, macht nicht den geringsten Unterschied mehr aus. Weil „man“ unisono und irrsinnigerweise davon ausgeht, es gäbe keine Antisemiten mehr. Insofern soll selbst Eve Gerrads völlig zutreffende Analyse zunehmend dem Nichts, das am Ende von all dem lauert, anheimfallen:
Many of the boycotters clearly felt, and said, that the proposal couldn’t be antisemitic, since they themselves didn’t hate Jews. This error—of considering antisemitism as purely a matter of how people feel, rather than of what they actually do—is one which is now rarely made by academics about other forms of racism, since the idea of indirect or institutional racism is well-established and well-known in the UK. The persistence of this purely psychological approach to antisemitism itself calls for further explanation.Eve Gerrard – Excluding Israelis: An Intellectual Anatomy of the Academic Boycott (pdf)
Und zwar ausgerechnet weil jede medial bewältigte Aussage zum Thema als nicht rückholbares Vorbild für all diejenigen deutsch motivierten Tabubrecher kursieren wird, die sich in ihrem Opferwahn dem Nichts andienen. Die Einmütigkeit der deutschen Kommentatoren zu von Triers Ausfällen ist auch insofern umso erschreckender, weil es vor Jahren noch wenigstens eine beachtbare Minderheit gegeben hätte, die sich bemüht haben würde, dem deutschen Ansehen in der Welt mit Fingerzeigen weiterzuhelfen. Und sei es nur, weil man in Deutschland eben anständig ist. Aber selbst das scheint ihnen mittlerweile kaum noch nötig zu sein.

  1. Es sei denn, es handelt sich um US-Amerikaner oder Hollywoodstars. Mel Gibson zum Beispiel wollte man seinen Antisemitismus hierzulande enstprechend anhaltend vorwerfen, weil man ihn als Hollywood-Produkt betrachtete. In diversen deutschen Beiträgen zur von Trier-Debatte wird er dann auch als Derechteantisemit ausgestellt, während von Trier „nur spielen will“. In Deutschland stellt man sich als Ausalldemgelernthabende aus, während man in den USA endlich die wahren Rassisten vorzufinden wähnt. Wäre Gibson Europäer gälte er hier ebenso ausdrücklich als bloß überfordertes respektive alberne Tabus brechendes Schauspiel-Genie. [zurück]

Deutsches Mitleid I: „Instinktive Abwehr“

Heute sagt man „Gutmensch“. Früher nannte man das „anständig“.
In den Kommentaren zu Josef Joffe/ Katrin Göring-Eckardt – Moralgesellschaft. Wissen wir es besser?, Zeit.online

Alle drei Sekunden stirbt weltweit ein Mensch an „Hunger“ bzw. den Folgen von Unterernährung, was in Deutschland relativ wenige Menschen aufbringt zu demonstrieren. In Stuttgart aber ketteten sich Demonstrierende zur Rettung von ein paar alten Bäumen an selbige, als ginge es um Menschenleben – man möchte fast meinen, um das eigene. Ein alter Bahnhof scheint die Gemüter weit mehr in Wallung zu bringen als menschliches Leid.
Caspar Schmidt – Gegen Mülltrennung und andere kriegswichtige Aufgaben, SchlamasselMuc


The body of Heinrich Himmler lying on the floor at British 2nd Army HQ after his suicide on 23 May 1945“, Imperial War Museum Collections

In der Rede, die Heinrich Himmler am 4. Oktober 1943 vor führenden SS-Männern in Posen hielt, war ein nicht unerheblicher Teil der Anständigkeit und den Tugenden der deutschen Soldaten und Polizisten in Osteuropa gewidmet. Als anständig bezeichnete er ausdrücklich deren Vermögen angesichts der von ihnen angerichteten Massaker nicht am eigenen Leiden daran zusammenzubrechen und ungerührt weiterzumachen, beziehungsweise dass sie sich nicht wahllos an ihren Opfern bereicherten. Letzteres wurde bloß exemplarisch geahndet, weil es schließlich volksgerecht zuzugehen hatte, wurde aber im großen Stil volkstümlich durchaus instrumentalisiert. Ersteres geriet nur kurze Zeit später zum Versatzstück deutscher Kulturprodukte und Familienmythologien. Bevor auch die Opfererzählungen von den Deutschen okkupiert wurden, drehte es sich in Romanen, Filmen, Zeitungsberichten und dergleichen nahezu ausschließlich um die Qualen, die Deutsche seit vor allem 1939 aber eigentlich sowieso zu erleiden hatten und darum, wie tapfer sie sich dennoch allzeit gehalten hatten.
Und nach wie vor scheinen die Deutschen immer wieder stolz darauf zu sein, in der Betrachtung des Leidens ganz anderer Menschen Haltung zu bewahren und selbst in ihrer unbarmherzigen Ignoranz wenigstens die Leichen nicht allzu offensichtlich oder zumindest gerecht zu fleddern. „Der Deutsche“ plündert nicht vor Ort und nie aus Eigennutz, und man wartet gefälligst darauf, dass das Hab und Gut der Opfer des einen Volkes irgendwann billig versteigert wird.
Das in Deutschland tatsächlich seltene Mitleid mit Menschen, das weit verbreitet nur scheint, weil es jedesmal mit großer Geste daherkommt, ist reflexionslos strikt an die Möglichkeit zur Identifikation gebunden. Das von Caspar Schmidt (ebd.) richtig beschriebene Sortierungsfaible der Deutschen gilt ebenso für ihr rarstes Gut: Empathie. Zuerst natürlich hat sie allem Kulturgut, dann Tälern, Hügeln, Bäumen, blauen Blümchen und danach den Tieren zu gelten, den so oder so Heimat illustrierenden, so oder so nützlichen und mehr oder weniger knechtbaren Kreaturen, ihrem Mangel an Ausdrucksmöglichkeiten und ihrer Anspruchslosigkeit, ihrer Gleichgültigkeit überflüssig Luxuriösem gegenüber, ihrer Eintönigkeit und Repetitivität, ihrer Anhänglichkeit oder vorgeblichen Unabhängigkeit, die bloß Abhärtung und Anpassung ist. Es folgen, feinsäuberlich in Gruppen sortiert, diejenigen Menschen, denen man unbedingt ähnliche Attribute zuordnen möchte. Einige von ihnen sollen ausdrücklich nicht unter ihren desolaten Lebensumständen leiden sondern darunter, dass sie ihnen als solche bewusst werden könnten. Die Begeisterung, die insbesondere in den deutschen Medien vor einigen Jahren einem bis dato unbekannten „Stamm“ in Südamerika gezollt wurde, galt vor allem dessen Drohgebärden gegen das Flugzeug, aus dem heraus entdeckt wurde. Angst vor Flugzeugen – damit kennen sich die Deutschen aus. Und schon identifizieren sie die harmlos beobachtende und registrierende Maschine als Zerstörung bringenden Angreifer, in dessen Gefolge Kaugummi, Seidenstrumpfhosen, Zigaretten und – am allerschlimmsten – Coca Cola verteilende Usurpatoren das ad hoc zum Idyll verklärte Fleckchen Erde, von dem man tatsächlich nichts weiß, als dass die Menschen dort offenbar in bitterster Armut in der Steinzeit ähnlichen Verhältnissen existieren, heimsuchen werden.
Das deutsche Mitleid nimmt im Weiteren graduell zur zunehmenden Zivilisiertheit und dem Wohlstand der vom jeweiligen Unglück betroffenen Bevölkerung ab. Am Ende der Skala stehen Israel, die USA und derzeit Japan. Kaum ein deutscher Kommentar, aus dem nicht bei allem Mitleid vorgebenden Pathos die Genugtuung herauszuhören wäre. Die Hauptanklage lautet Anmaßung und ist immer nur Ausdruck von Neid und Missgunst. Daran laboriert man so unheilbar, dass Empathie ausschließlich mit denen möglich ist, die man wirklich um nichts beneiden muss und an deren Opferstatus man entsprechend allen anderen überlegen partizipieren darf, auch weil man jedesmal und ad nauseam betonen kann, man wisse ja, wie es sei, nichts zu haben. Hingegen werden die, gleich wie tragischen, Verluste derjenigen, die einstmals hatten und haben durften und wollten und wussten, dass es geben kann, und zwar womöglich mehr, als angemessenes Zurechtstutzen von Überheblichkeit und Übermut begrüßt.

Es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mit-leiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele.
(Stefan Zweig – Ungeduld des Herzens)

Das Mitgefühl mit den Amerikanern in der Folge von 9/11 währte tatsächlich gerade mal ein paar Stunden und hielt bloß so lange vor, bis man sich aus dem zunächst mitreißenden Chor der weltweiten Beileidsbekundungen Schritt für Schritt entfernen konnte, um sich irgendwann mit den Exkulpierern der Attentäter gemein machen zu können, die wesentlich mehr Identifikationspotential im oben erwähnten Sinne zu bieten hatten.
Die angeblich große Moraldebatte, die anlässlich der Erschießung Osama Bin Ladens in allen Medien geführt worden sein soll, hat bis auf wenige Ausnahmen die hierzulande üblichen Muster penibel nachgezeichnet. Zunächst herrschten – wie kaum anders zu erwarten – Kommentare zur amerikanischen Selbstherrlichkeit, Verrohung etc. vor, woraufhin die meist nicht weniger ermüdenden Reaktionen auf die deutschen Moralisierer und Gutmenschen erfolgten. Diese abermals als mutig ausgegebenen Repliken allerdings erschöpften sich am Ende wie gewohnt zumeist nur in der Darstellung deutschen Opfertums – im Leiden an sich selbst, am notwendigen sein sollenden Wesen oder der oktroyierten political correctness beispielsweise, die vorwiegend als ein einfach nicht loszuwerdendes Erbe des verlorenen Krieges empfunden wird.
Aus den wenigen Ausnahmen sticht Henryk M. Broders Polemik nochmals hervor, mit der er nach langer Zeit endlich wieder zum Kern des Problems vorzustoßen scheint. Zwar geht es in Wirklichkeit nicht um die Wiederentdeckung des Antiamerikanismus, denn in Obama hatten die Deutschen von Anfang an einen Antiamerikaner vermutet – schließlich sei er ein Schwarzer und hat sich entsprechend ihrer Definition gemäß als Opfer der rassistischen US-Amerikaner zu empfinden, als Stellvertreter der Deutschen im höchsten Amt, das sie zu vergeben haben also. Und vieles schien ihnen darauf hinzudeuten, dass er ein Heilsbringer deutscher Verfassung sei, zum Beispiel in seiner die Shoah unverhohlen relativierenden Rede an die Bevölkerung der arabischen Nationen oder die Muslime, seiner Sorge um die Volksgesundheit und dergleichen mehr. Dem Triumph angesichts der angenommenen Deutschwerdung der USA wohnte jedoch immer schon ein Unbehagen inne, und was sich als Wiederkehr deuten ließe, ist eigentlich die Erleichterung, wieder als Einzige man selbst sein zu dürfen. Als einzige noch im Krieg völkerverständigend, als einzige die Natur vor u.a. atomarer Verseuchung Schützende usw. usf. Neidisch wacht man auch über dieses Image. Zudem stehen die Deutschen nicht auf die Sexyness der Täter; sie haben überhaupt keinen angemessenen Begriff von Tätern auf der einen und Opfern auf der anderen Seite. Hätten sie ihn nämlich, gäbe es sie nicht mehr. Sie hätten alles auflösen müssen, was auch nur ansatzweise die Idee vom Deutschtum widerspiegelt. Denn als sie ihren Traum in Willen und Tat umsetzten, wurden nahezu alle Volksgenossen zu Tätern, die dermaßen wüteten oder lieber noch wüten ließen, dass sie die Welt für immer veränderten. Als sie noch wollten, dass man so schnell wie möglich vergaß, waren sie immer noch nicht in der Lage, das einzig mögliche Mittel zu wählen und endlich vom Albtraum zu lassen. Und seitdem haben sie jede erdenkliche Strategie angewandt, um weiter Deutsche, ergo: deutsche Opfer sein zu dürfen. Es gibt kein „deutsches Gemüt“ (Broder) – es gibt nur den absolut hohlen Wunsch, von ihm beseelt zu sein. Und ganz bei sich und vor allem alleine mit sich, weil man sich bloß mit den Augen der anderen nicht wirklich sehen mag und wählten sie einen tausendmal zur Nation mit dem positivsten Einfluss auf die Welt.
Was sie selbst nicht können wollen, trauen sie anderen durchaus zu: Die Täter ausfindig zu machen. Nach der ausgebliebenen Strafe für das einzigartige Verbrechen, das sie kollektiv begangen haben, verängstigt sie das immer noch. Am meisten aber befürchten sie, die für alles eine Genehmigung brauchen und wenn sie sie mit Knüppeln herausprügeln müssen, in diesem Kontext, sich nicht mehr als Opfer ausgeben zu dürfen, weswegen sie den Status, der ihnen alles zu erlauben hat, verbissen verteidigen. Mit „passiv-aggressiv“ hat Broder dafür den korrekten Terminus gefunden.
Das Urteil im Demjanjuk-Prozess ist symptomatisch. Nachdem sie in sechzig Jahren so gut wie alles hatten laufen lassen, was das noch konnte, beweisen sie am von ihnen dazu erklärten Opfertäter wie gerecht und zugleich vergebend sie sind. Das zu Beginn von vielen Opferangehörigen mit Genugtuung aufgenommene Verdikt zeugt von nichts als Selbstgerechtigkeit. Die fünf Jahre erhielt er, weil er ein Beweis dafür war, was die Deutschen aus Europa gemacht hatten (Weg damit!), die Freilassung als Spiegelbild ihres Nachkriegsselbst: müde, harmlos, die grausam unnachgiebige Welt nicht mehr verstehend, am Ende seiner Kräfte. Doch wenn er sich unbeobachtet wähnt, sieht der am Massenmord beteiligte Demjanjuk regelmäßig durchaus vital und vor allem zufrieden aus.
Der andere Massenmörder, Osama Bin Laden, ist getötet worden. Die Deutschen verspüren vor allem Erschrecken darüber, dass er „nach all den Jahren“, noch als gealtert erscheinender Mann als Bedrohung empfunden wurde. Ihrem Bedürfnis nach Dasmussalles-endlichmalvorbeisein widerspricht die Freude über Bin Ladens Tod gravierend. Der in Deutschland seit allerspätestens 1946 vorherrschende Wunsch, man möge doch nicht mehr drüber reden müssen und jedem Deutschen seine Schuld in Anbetracht seiner persönlichen Verluste, seiner Desillusionierung nämlich vergeben, ist zwar längst aus eigenem Willen und Wollen heraus von den meisten überwunden aber eben nicht vergessen und mag im Nachhinein als anmaßend gelten, und man ist alles nur niemals anmaßend gewesen.
Deutschland, das zumeist (!) nur von seinen dümmsten hauseigenen Kritikern als moralisierend bezeichnet wird, in erster Linie um keinerlei Tabus mehr aufrechterhalten zu müssen, die hier nach wie vor wichtiger sind als irgendwo sonst auf der Welt, kennt überhaupt keine Moral. Das Land, in dem aus den für es formulierten „crimes against humanity“ ganz bewusst „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ gemacht wurden, als sei der Verzicht etwas milde zu gewährendes und als ob kein Anspruch der gesamten Menschheit bestünde, in nichts anderem umsetzbar als im immer noch allzu verletzbaren Individuum, lässt töten, und zwar tagtäglich. Es hat seine Grenzen so weit wie möglich nach außen verlagert, damit das Morden nicht mehr im eigenen Land stattfindet. Damit nicht bewiesen werden kann, dass die Deutschen die Arbeit (und ihnen gilt alles als Arbeit, selbst ihr Vergnügen) schrecklich gerne selbst übernehmen würden. Die restriktiven europäischen Asyl- und Einwanderungsgesetze sind fast alle ursprünglich auf deutsche Initiativen zurückzuführen. Das von den Nationalsozialisten erträumte deutsche Europa nimmt auch mit ihnen Form an. Ein deutscher Richter, der Angela Merkel verklagt, weil sie Freude über den Tod Osama Bin Ladens äußerte, statt die deutsche Regierung für die von ihr mitzuverantwortenden Zehntausenden Toten an den Grenzen Europas hinter Schloss und Riegel sitzen sehen zu wollen, ist ebenfalls symptomatisch. Die sinkenden Asylbewerberzahlen erfreuen das Volk in der Tat noch viel mehr, weswegen sie regelmäßig als Erfolg präsentiert werden. Im letzten Jahr beispielsweise verwehrte die Regierung für diesen Triumph zwanzig im Iran brutal misshandelten Oppositionellen die Aufnahme in Deutschland.
Und Broder hat Recht, wo er all das zu deutschen Zuständen zurückverfolgt: „Die Deutschen sind entweder für den totalen Krieg oder den totalen Frieden; die „Exportweltmeister“, die „Weltmeister der Herzen“ sind auch Branchenführer im Moralisieren. Aber die Moral, die sie produzieren, ist das reine Gewissen resozialisierter Gewalttäter, die ihre Strafe verbüßt, „die Lehren aus der Geschichte gelernt“ haben und nun einer „Friedfertigkeit“ verfallen sind, die sie in Form unterlassener Hilfeleistung pflegen.“ (Henryk M. Broder – Ihr feigen Deutschen seid passiv-aggressiv! Der Massenmörder Osama Bin Laden ist zur Strecke gebracht – und wir sind Weltmeister im Moralisieren. Anti-Amerikanismus inklusive.)
Die Deutschen aber sind nicht moralisch, sie sind anständig. Und nach wie vor verharren sie darüber mit Himmlerscher Zufriedenheit: „Und wir haben keinen Schaden in unserem Innern, in unserer Seele, in unserem Charakter daran genommen.“ (Heinrich Himmler, ebd.)

Recommended reading:
Henryk M. Broder – Ihr feigen Deutschen seid passiv-aggressiv! Der Massenmörder Osama Bin Laden ist zur Strecke gebracht – und wir sind Weltmeister im Moralisieren. Anti-Amerikanismus inklusive, welt.de
aa:b – Redebeitrag auf der Kundgebung gegen die Palästinakonferenz in Wuppertal
Caspar Schmidt – Gegen Mülltrennung und andere kriegswichtige Aufgaben, SchlamasselMuc
Daniel Steinmaier – Wir sind die Guten, Jungle World
Lizas Welt – Sympathy for the Devil
ProAsyl – Wichtiger Hinweis für Fluggäste – SCHAUEN SIE NICHT WEG!

Grundlegendes 21: Messing up virtues


John Tenniel, Illustration zu Lewis Carrolls Alice In Wonderland

Den einen Gedanken lehnt Sade bei seinem ganzen Pessimismus stets entschieden ab: den Gedanken, sich zu unterwerfen. Deshalb haßt er auch die resignierte Heuchelei, die man mit der Bezeichnung ‘Tugend’ schmückt, ist sie doch in Wirklichkeit nur eine törichte Unterwerfung unter die Herrschaft des Bösen, wie sie von der Gesellschaft errichtet worden ist”.
Simone de Beauvoir – Soll man de Sade verbrennen?

Liberation of Bergen Belsen, April 1945

To KdP

Even while the camp was liberated the Germans went on killing…

II/III

Ernste Warnung an deutsche Naturfreunde: Wer ist Frank S. wirklich?

Liebe deutsche Naturfreunde,

die Ihr zahlreich und in diversen Internetforen auf die erstaunlichen Parallelen zwischen dem Tsunami vom 11. März 2011 und Frank S.’ einzigem weltweiten Bestseller (I/ II) hinweisen zu müssen glaubtet, mühsam verhalten aber unverkennbar triumphierend darüber, dass die Natur endlich zurückgeschlagen hat. Das ist alles überhaupt nicht erstaunlich! Während Ihr noch denkt, S. habe sich damit als Prophet des aufgrund der vom Menschen angerichteten Verheerungen in den Meeren gerechtfertigten Weltuntergangs erwiesen, ist die eventuelle Wahrheit so viel banaler wie erschreckender.
Niemand hat sich oder andere bisher gefragt, warum ein derart erfolgreiches, bewegendes, aufklärerisches und blablabla Buch (2004) trotz der Unterstützung von Hollywood-Stars wie Uma Thurman (Tochter von Nena! Thurman) noch immer nicht verfilmt wurde. Seit 2006 nämlich wurde regelmäßig angekündigt, nun sei es endlich soweit. Doch natürlich haben es die Mächte, die S. in seinem Roman als alles verderbend enthüllte, bis heute geschafft, ihre Bloßstellung vor einem noch größeren Publikum zu verhindern. Niemand weiß wie, aber so soll es auch sein. Im Jahre 2011 aber wird es trotzdem geschehen. Warum? Sicherlich nicht, weil 2012 eh alles vorbei sein wird, soviel wissen wir nunmehr aufgrund der Projektionsgabe anderer Hellsichtiger.
Und während man sich in einschlägigen Kreisen noch Erklärungen dafür aus den Fingern saugt, warum die Amerikaner ausgerechnet Japan mit ihrer Erdbebenmaschine HAARP angegriffen haben (z.B. „Im japanischen Parlament wurde 2008 die offizielle Version des 11. September öffentlich kritisiert und in Frage gestellt.“ freidenkertv, aber sicher doch…), und wo die israelischen Organsammler, die natürlich immer mit unter der Decke zu stecken haben, diesmal abgeblieben sind. Während man sich also allerorten noch hilflos den Umweltverschmutzern und Naturvernichtern ausgesetzt wähnt, übersieht man, dass schon längst zurückgeschlagen wird. Das Volk von Baden-Württemberg hat bereits einen zu seinem Ministerpräsidenten erwählt, der vormacht, wie die Zukunft des Planeten deutsch gerettet werden wird: „»Aber ich schätze den Ernst, mit dem er das alles betreibt. Wenn man mit ihm wandern geht […,] dann ist er ganz bei sich, dann pflückt er hier und zupft da und hält Ausschau nach invasive plants – nach Pflanzen, die eingeschleppt wurden und sich auf Kosten der einheimischen Vielfalt ausbreiten, wie Alpenampfer oder Indisches Springkraut. Wenn er welche entdeckt, ist er nicht mehr zu bremsen. Er reißt sie aus.«“ (Uschi Eid über Winfried Kretschmann, Zeit.online, via only AA but XXX)


Animation: Malene Thyssen

Von ähnlichem Ernst angetrieben trafen sich deutsche Kultur Schaffende (u.v.a. Gudrun P., Roland E., Karen D., Hannes J.) und dergleichen Personal – or so the story goes – an einem natürlich geheimen Ort, um mal wieder ein unübersehbares Zeichen zu setzen. Einmütigkeit herrschte hinsichtlich der zu erzielenden Diskussionen in den Massenmedien. Roland E. jedoch bezweifelte, dass Japan das richtige Ziel einer konzertierten Aktion sei, schließlich habe er schlüssig bewiesen, dass Godzilla nicht vom Erbfreund Japan sondern vom Erbfeind Frankreich künstlich (!) erschaffen worden sei. Frank S. aber beendete die Diskussion ein für allemal mit den Argumenten, das sei ja alles schön und gut, aber da gäbe es noch das mit dem Walfang und dem Delphinschlachten und der noch viel grauenvolleren Vermensch- und -niedlichung von Tieren in japanischen Zeichentrickserien, und überhaupt: Willi, der von einem Amerikaner erfundene und Japanern unverzeihlicherweise inszenierte Sidekick, der der bezaubernden Biene Maja (des bekennenden Antisemiten Waldemar Bonsels) jegliche natürliche Anmut raube! Und ob man überhaupt wisse, dass Haie die neuen Delphine seien, und dass man seine gestressten Kinder schonmal schonend auf entsprechende Therapieangebote vorbereiten solle (…and pop goes the leg…). Und schließlich habe er und sonst niemand die relevanten Kontakte zu den Y. Obwohl Roland E. noch einen Tiefschlag zu landen versuchte und behauptete, das würde ja dann alles bloß als billiger Werbe-Coup für die immer noch ausstehende Verfilmung von S.’ Roman gehalten werden, schwoll das Raunen am geheimen Ort derart an, dass man ihn nicht mehr hören konnte: „Die Y!“ Und so sollte es geschehen.
Die Verfilmung allerdings muss nunmehr so schnell wie möglich abgedreht werden, bevor die Realität all die im Roman enthaltenen Widersprüchlichkeiten offenbart. Auch dort bedeuteten die diversen zum Y-Selbstschutz (die sind schließlich eine deutsch gedachte Volksgemeinschaft!) initiierten Tsunamis eine chemische und atomare Verseuchung der Meere, wie sie nicht mal die übelsten der von S. ersonnenen US-Amerikaner et al. in Kauf nehmen würden. Und das Ylearningbyadaptingtodrownedpeople’sbrains wird der Meeresfauna des Autors kulturellen Vorurteilen gemäß eines Tages eine konzentrierte Verniedlichung bescheren, die kein japanischer Zeichentrickhersteller jemals zu denken wagte. Bis dahin allerdings werden die deutschen Medien wie gewünscht und Mitleid nicht einmal mehr wirklich vortäuschend reagieren. Die Genugtuung ist unüberhörbar. Der einstige Verbündete, in dem man noch im Nachkrieg deutsche Tugenden wie Fleiß und Disziplin bewundern mochte, galt hierzulande zunehmend als veritabler Vertreter der entweder dekadenten oder traditionsverliebten USA im Fernen Osten – nur irgendwie infantiler.


Aber mindestens so umweltzerstörend und tierquälend: Walfänger und Delphinmetzler, die aus den geschlachteten Tieren auch noch hübsch anzusehende Spezialitäten zubereiteten statt Klopse in dicker weißer Sauce oder fettriefende Schnitzel. Die ihrem schönen Heimatland mit Handkultivierer und Schere zu Leibe rückten und alles mit künstlich künstlerischer Bedeutung aufzuladen bereit waren, statt den Boden naturhaft walten zu lassen. Die Robotervernarrten und am hellichten Tage Phantasiekostümträger, die Schöpfer von kindischen Superhelden in Serie, die unbelehrbaren Atomkraftbejaher. Obwohl sie, und da setzte der deutsche Neid ursprünglich ein, hundertausende Opfer zweier Atombombeneinschläge vorzuweisen hatten. Auch Japan hat mittels Opferinszenierungen seine Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg zu relativieren gewusst. Aber in Deutschland ahnt man, dass man hier sehr viel mehr daraus hätte machen können, nicht bloß weil das deutsche Verbrechen jegliche Dimensionen des Vorstellbaren gesprengt hatte, sondern auch weil man eine wesentlich längere und liebevoller gepflegte Tradition der Selbstdarstellung als Opfer von was auch immer vorzuweisen hat. Atombomben auf Deutschland – alles wäre vergeben und vergessen gewesen! Dafür hätte man schon gesorgt, und zwar gründlich. All die Hiroshima-Plätze in Deutschland und die Nagasaki-Städtepartnerschaften etc. waren nur ein unbefriedigender Versuch teilzuhaben. Und unter anderem deswegen wird jetzt auch nicht gespendet. Der Spendenweltmeister Deutschland bringt es diesmal einfach nicht übers Herz, sich wie üblich als großzügig auszugeben. Nicht nur, weil man annimmt, Japan könne mit all seinem Reichtum die Zerstörung eines Großteils seiner Ostküste selbst beheben, sondern weil man meint, sie hätten das mühsam erarbeitete deutsche Geld einfach nicht verdient.

Die Angst vor Strahlenschäden wächst, auch in Deutschland: Nach den Reaktorunfällen in Japan ist die Nachfrage nach Geigerzählern in der Bundesrepublik rasant gestiegen.
Newsticker, spiegel.online
Wenn schon Weltuntergang, dann will man doch wenigstens dabei gewesen sein. Aber Sie wissen, ich glaube nicht daran.
Theodor W. Adorno an Thomas Mann, in: Briefwechsel 1943 – 1955

Missgunst ist die deutscheste aller Untugenden, weswegen auf einmal alles Leiden, das ausschließlich in Japan stattfindet, unbedingt hier erlebt werden muss, was sich beispielsweise im run auf Geigerzähler und Jodtabletten äußert. ‚German Angst’ ist nicht wirklich Furcht, sondern die Befürchtung, am Opfersein, wo auch immer es stattfindet, nicht als einer der ersten und ernstzunehmendsten teilhaben zu dürfen. Darum prügelt man sich notfalls wie beim Schlussverkauf vorm Wäschetisch. Manchmal erweist sich der Eifer als Zwickmühle, wie z.B. im Fall Libyen. Es gab einfach zu viele Möglichkeiten von Opferidentifikation. Da kapituliert man dann schonmal völlig verwirrt: „Was kommt jetzt leidender rüber?“ Ergo: Enthaltung. Vor der zum Hintergrundbild erklärten zerstörten japanischen Ostküste jedoch kann sich das Deutsche in seiner Erscheinungsform als „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch irgendwie Abschaltungswilige“ als noch aus allen irdischen Katastrophen als am besten Gelernthabender zeigen. Nur in den deutsch geprägten Medien gelten diejenigen, denen vom Tsunami alles genommen wurde als gesichtslos und duldsam, auch weil man sich hier Protest, Widerstand, Kritik usw. bloß als von vereinheitlichten Parolen vorangetriebene Massenveranstaltungen vorstellen kann. Die zum Einsatz im Reaktor so oder so oder noch offensichtlicher gezwungenen Personen werden entsprechend mit Attributen aufgeladen, die sie fast zu Witzfiguren degradieren, weil sie nicht als Stellvertreter all derjenigen, denen unter den gegebenen Umständen kaum etwas bleibt als auszuharren, auftreten dürfen. Das „Sein zum Tode“ jedoch hat hier nicht dem Anlass sondern dem Wesen geschuldet zu sein.
Liebe deutsche Naturfreunde, nahezu alles ist vorhanden, was Ihr herbeigesehnt habt, und wenn Ihr noch mehr Glück habt, kommt es außerdem schlimmer, als ihr es auszumalen wagtet. Abgesehen davon, dass Ihr mit den offenbar überforderten Geigerzähler-Herstellern den veritabel deutschen Mittelstand zu fördern in der Lage wart, mag man die Profite der internationalen Pharmaindustrie, denen Ihr den Ertrag aus den Schweinegrippen-Impfstoffen damals um keinen Preis gönnen wolltet, als Kollateralschaden abtun. Wäre da nicht der nagende Zweifel: Womöglich war das alles gar nicht von den guten deutsche Kultur Schaffenden initiiert, sondern von den global agierenden Pharmakonzernen, die unbedingt ihre kurz vorm Verfallsdatum stehenden Jodtabletten loswerden wollten?

Yours sincerely,
Nachwievorspaltungsprodukt (in collaboration with CdG)

Recommended reading:
Cosmoproletarian Solidarity – Eine einzige Katastrophe
Weltkritik – Der heimliche Neid auf Japan, oder: Deutschland träumt von der Volksgemeinschaft
Cornelius Coot – Eine verpasste Chance, Jungle World
Jörg Häntzschel – Japanische Kunst, Schluss mit Hello Kitty, Sueddeutsche.de

Later: Magnus Klaue – Deutschland sucht den Super-Gau

Update, 12.4.: „„Schuld sei sowieso „usrael“, eine beliebte Chiffre von Antisemit_innen jedweder Couleur. Da will auch „Sülzbert“ nicht zurückstehen und ergänzt, dass sich ihm der Verdacht aufdrängen würde, „das diese gigantische menge radioaktivität die in japan freigesetzt wird, nur dazu dienen soll um den eventuellen einsatz von atomwaffen im falle das die arabischen staten israel angreifen würden, nicht weiter auffallen soll“. Man muss sich diesem Gedanken auf der Zünge zergehen lassen! Israel ist schuld am Atomunfall in Japan, um einen eventuellen Angriff durch die benachbarten Staaten mit einem Atomangriff zu beantworten zu können.
Reflexion – Die Kommentatoren des „Infokriegers“

Re-read 7: „Erfahrungen an der Entlastungsfront“


Still standing! Foto: CdG

Eike Geisel – Countdown im Feuilleton, in ders. Die Banalität der Guten. Deutsche Seelenwanderungen, 1992:

Ende Mai [1992] wurde in London ein Denkmal für den britischen Luftwaffengeneral Harris errichtet, und prompt saß, wie Tucholsky einmal die Reaktion seiner Landsleute auf politische Witze charakterisierte, halb Deutschland auf dem Sofa und nahm übel. Die Oberbürgermeister mehrerer im Zweiten Weltkrieg bombardierter Städte schrieben Protestbriefe nach England. Die notorischen Mahnwachen, die schon während des Golfkrieges mit der Parallele von Dresden und Bagdad Erfahrungen an der Entlastungsfront gesammelt hatten, nahmen ihren Ehrendienst an der Leidensfront der deutschen Geschichte wieder auf. Und schließlich trat sogar das Außenministerium auf den Plan. Genscher ließ die britische Regierung wissen: „Das Vorhaben ist geeignet, alte Wunden aufzureißen. Es könnte zu einem Rückschlag für die in deutsch-englischer Städtepartnerschaft geleistete Arbeit führen.
Mit dieser Drohung machte das Land der Kaiser-Wilhelm-Plätze und Rommel-Kasernen ernst. Der
Spiegel schrieb, Harris habe den „ersten vornuklearen Massenmord aus der Luft“ organisiert; die Welt war sich mit ihren Lesern einig, der britische General sei ein „Architekt der Vernichtung“ gewesen, und die Frankfurter Rundschau entdeckte an dem Weltkriegsgeneral der britischen Luftwaffe einen Charakterzug, den man nun wirklich keinem KZ-Kommandanten nachsagen konnte: „tatsächlich ein Schlächter“ gewesen zu sein. Die Faz, deren Mitherausgeber Reißmüller wegen des Bodenkriegs an der serbischen Ostfront unabkömmlich war, ließ ihren Redakteur Gillesen als Abfangjäger in den westlichen Luftraum aufsteigen. Von seinem Einsatz kehrte dieser mit dem Verdikt „Harrisbarbarei“ und einer Ehrenrettung für die Nazi-Luftwaffe zurück. Diese habe im Gegensatz zur Royal Airforce nicht die Vorstellung geteilt, „ersatzweise oder direkt Krieg gegen die Zivilbevölkerung zu führen“. Guernica, Rotterdam, Coventry und Belgrad „resultierten aus Fehlern“ meldete er seinen diensthabenden Vorgesetzten, blieb aber die Auskunft darüber schuldig, ob die damals Verantwortlichen dieser bedauerlichen Pannen deshalb vor ein Kiegsgericht gestellt oder gerade deshalb ausgezeichnet wurde.
82f

[Günther Rühle vom Berliner Tagesspiegel] „warf den Engländern nicht vor, wie sie sich an den militärischen Sieg über den Nationalsozialismus, sondern daß sie sich erinnerten: „Wer es nötig hat, noch Siege zu feiern, die ein halbes Jahrhundert zurückliegen und schon einer anderen Welt zugehören, offenbart einen stillgestandenen Geist.“ Mit wachem Geist freilich rief er sich dadurch selbst „Stillgestanden!“ zu und wurde dem brandenburgischen Sozialdemokraten Gustav Just, einer noch älteren Altlast, zum Verwechseln ähnlich. Dieser hatte mit der Auskunft, er habe in einem „anderen Leben“ Juden umgebracht und diese Sache sei ein „alter Hut“, seiner Persönlichkeitsspaltung wie einem kollektivem Bedürfnis knappen Ausdruck verliehen.
Rühle indes war nicht so kurz angebunden. Die feuilletonistische Erscheinungsform der Schizophrenie ist die Geschichtsklitterung, und der Überflieger im Tiefflieger, der Historiker im Stammtischbruder formulierte deshalb so: „Nun steht der Bomber-Harris also da, in Erz gegossen, von der uralten Königin Mutter gesegnet, und ist doch viel weniger das Denkmal für einen heldenhaften Mann als ein ständiges Mahnmal dafür, wie der Krieg entartet ist, daß er gentlemanlike nicht mehr zu führen war, daß das blinde Töten auch dieses gesittete Volk ergriff.“ Damit war im unsittlichen Geschwätz des Historikerstreits die russisch-deutsch-englische Dreifaltigkeit der Schuld etabliert: die deutschen Verbrechen eine Doublette des asiatischen Originals, die britischen Bombardements eine Kopie der deutschen Vorlage. Und wenn Rühle die Engländer als die Massenmörder unter den Alliierten identifizierte, dann konnte es nicht mehr weit sein, nämlich nur bis zur nächsten Zeile, daß er die Angehörigen des anderen gesitteten Volkes, das im Unterschied zu den Häftlingen in Auschwitz ja unter den Bombenangriffen zu leiden hatte, daß er die Deutschen als Opfer von Nachahmungstätern sah: „Und die Toten von Köln und Bremen und Berlin und Dresden und Würzburg und Hamburg und Königsberg können nun dem Denkmal noch immer entgegenschreien und auf den Erzgegossenen hindeuten: da steht er, der unsere Hölle entfachte. Ein Denkmal mutiert leicht zum Schandmal.“

87f

Der ganz offensichtlich intellektuellenfeindlich motivierte und von fast allen beteiligten Seiten vorgetragene Abscheu gegen respektive die Ridikülisierung von Fußnoten in der Guttenberg-Berichterstattung basiert dennoch teilweise auch auf dem Festhalten diverser deutscher Wissenschaftszweige an einem dem Originalautor nicht gerecht werdenden Zitiersystem. Während die amerikanische Vorgehensweise verlangt, dass jedem noch so kurzem Zitat der Name des Autors etc. im Text zu folgen hat, verschiebt man hier alles nach unten oder hinten. Der Urheber wird unelegant beiseite geschafft und aus einem Heuhaufen von Kürzeln muss der Leser die relevanten Ergänzungen mühselig heraussuchen. Fußnoten nämlich können etwas ganz wundervolles sein, bei Geisel beispielsweise ebd. auf Seite 91f:

Das Vergehen der Deutschfeindlichkeit wird nur noch, wie man kürzlich in der taz belehrt wurde, vom Verbrechen der Inländerfeindlichkeit übertroffen. Gemeint ist damit die besondere Verwerflichkeit jener Autoren, die, anstelle Ausländer zu hassen, was sozusagen eine natürliche Feindschaft ist. ihre eigenen Landsleute nicht ausstehen können und ihnen von Herzen wünschen, daß sie sich gegenseitig an die Kehle gehen. Über Wolfgang Pohrt, der gerade unter dem Titel „Das Jahr danach“ einen Bericht über die neue Vorkriegszeit vorgelegt hat, schrieb Reinhard Mohr in der Buchmessenbeilage der taz: „Er ist … ein deutscher Rassist par excellence, ein manischer Inländerfeind, der dem akuten, komplementären Rassismus der ausländerfeindlichen Gewalttäter von Rostock bis Eisenhüttenstadt nur um das intellektuelle Niveau der Ignoranz voraus ist.“ Doch wie immer, so kam die taz auch bei der Aufdeckung dieser dem Gemeinwesen drohenden Gefahr zu spät. Schon im Dezember 1991 hatte ein Nolte-Epigone in der Welt sich mit „linken Wunschträumen, daß deutschen Urlaubern die Schädel eingeschlagen werden“, beschäftigt: „So wird Gewalttaten gegen Deutsche die Legitimation erteilt“, schrieb er und plädierte für ein Strafverfahren gegen Pohrt und andere Mitarbeiter der Zeitschrift Konkret - „wegen Volksverhetzung und Aufstachelung zum Rassenhass.“ Dieses denunziatorische joint-venture zur Sicherung des inneren Friedens war freilich nur eine Neuauflage einer alten, gleichfalls widerwärtigen Koalition deutscher Intellektuelle. Unter dem Label „Innere Emigration“ hatte sie nach 1945 Front gemacht gegen bereits davongejagte Kritiker.

Geisels Lastenausgleich, Umschuldung. Die Wiedergutwerdung der Deutschen, Die Banalität der Guten. Deutsche Seelenwanderungen und Triumph des guten Willens. Gute Nazis und selbsternannte Opfer. Die Nationalisierung der Erinnerung (alle Edition Tiamat) sind vergriffen. Der von Klaus Bittermann im letzten Jahr herausgegebene Band: Wolfgang Pohrt – Gewalt und Politik. Ausgewählte Reden und Schriften sollte als Vorbild für eine Neuauflage der Texte Geisels dienen.
_________________
Recommended reading:
Lizas Welt – In memoriam Eike Geisel
Eike Geisel – Der hilflose Antisemitismus (pdf, Norman Paech anno 1992)

„Sonst hätte meine Spaltaxt mal kein Eichenholz, sondern etwas weicheres gespalten“. Die Aufrüstung des Vokabulars der ‚Erwachten‘ mit armseligen Mitteln

Meine Hände
Sind blutig, wie die deinen; doch ich schäme
Mich, daß mein Herz so weiß ist.

William Shakespeare – Macbeth

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“, und das Erwachen aus einem ungeheuerlichen Traum, mit den eigenen blutigen Händen noch vor Augen mag einen, der in relativer Sicherheit in einem vergleichsweise zivilisiert erscheinenden Land lebt, zu drastischen Schlussfolgerungen animieren. Die billigste ist, den Traum als Bestätigung des lange gehegten Weltbilds zu verstehen. Gemäß dieser Logik ist dem Träumenden die bloß affektive Verarbeitung Bestätigung und Antrieb zugleich. Zweifel können nicht zugelassen werden; die Geschlossenheit des guten, gerechten, wissenden Selbst muss bewahrt werden. Die Welt ist dann ein Ort, an dem Paranoia nicht als Wahn sondern überlebensnotwendig scheint. Weniger billig ist das Erschrecken vor sich selbst. Es kann so gravierend sein, dass alles, woran man zuvor glaubte, kontaminiert erscheint, als etwas empfunden wird, dessen man sich so gründlich und schnell wie möglich entledigen muss. Am einfachsten ist es dann, gründlich aufzuräumen, zu reinigen, zu säubern, desinfizieren, eliminieren und die Katharsis versprechende radikale Gegenposition einzunehmen, von der aus das überwunden geglaubte Böse umso eifriger verfolgt werden kann.
Das Erschrecken gilt in jedem Fall als Bestätigung von Hilflosigkeit und gravierendem Kontrollverlust angesichts von Mächten, die offenbar in der Lage sind, den Träumenden zum Äußersten zu treiben. Was ‚sie’ aus der Welt gemacht haben, muss ihm als Rechtfertigung seiner als verzweifelt zu imaginierenden Tat herhalten. Im Extremfall (!) zeitigen beide Reaktionen trotz ihrer vorgeblichen Unterschiedlichkeit ähnliche Konsequenzen: Entweder wird die Gefährlichkeit des zu bekämpfenden Feindes als nunmehr eindrücklich bewiesen angenommen, oder die ‚Kontrolle’ muss wiederhergestellt werden. Der Traum gilt als Aufforderung, in Zukunft nie wieder an sich zu zweifeln. Der Schonimmerrechthabende oder an sich selbst Geheilte wird zum Monsterjäger. Zunächst rüstet er sich mit einem Arsenal von Abwehrwaffen aus, das die (in beiden Fällen) Rückkehr der Ungeheuer an ihren Ursprungsort zu verhindern helfen soll. In diesem Stadium allerdings ist die Waffensammlung noch bloße Illustration der notwendig eingebildeten Machtlosigkeit. Kindisch gilt das Wort als Tat und pubertär der Vulgarismus als vollzogener Akt.
Die eigene wie die Aufrüstungsgeschichte der Menschheit werden rekapituliert und mit den Mitteln ungeheuerlich phantasievoll dargestellt, die einem unter anderen die deutsche Erziehung zu Kreativität und/ oder die Accessoires des Setzkasten-Äquivalents Facebook gegeben haben. Als vorbildlich gelten Steine, die von Kindern oder Jugendlichen geworfen werden, Messer, mit denen hochgerüstete Erzfeinde erstochen oder im Schweiße des Angesichts herausgeflexte Rohre, mit denen sie erschlagen werden sollen, durch mit bloßen Händen gegrabene Tunnel geschmuggelte Handfeuerwaffen, mit denen Familien in ihren Wagen oder Schlafzimmern erschossen werden, herumtorkelnde Billig-Raketen, irgendwann eine mühselig in volksrevolutionärer Heimarbeit hergestellte Atombombe, und vor allem Menschen, die sich mehr oder weniger freiwillig opfern, sich inmitten der ihnen gesichtslos erscheinen zu habenden Menge in die Luft sprengen sollen oder wollen. Menschen, die sich Bombengürtel umschnallen, umschnallen lassen oder umschnallen lassen müssen, die Fotos ihrer zum Selbstmordattentat bereit zu sein habenden Kinder und Säuglinge stolz verbreiten. Alles ist erlaubt, solange es nur irgendwie verzweifelte Hilflosigkeit suggeriert.


via Lizas Welt – Pallywood revisited

Der sich endlich erwacht Wähnende versieht sich verbal mit den archaischen Waffen des Opfers – seine Sprache muss entsprechend volksnah und nachvollziehbar sein; er könnte ganz anders, aber natürlich will er nicht. Er hat eine Botschaft, die verstanden werden soll. Gegen alle Widerstände, und die sind so unermesslich wie ihm unbegreifbar, denn in seinen Augen vereint der Feind in und um sich übermenschliche Intelligenz, Macht und Rücksichtslosigkeit; er zersetzt, verdirbt und verblödet das Volk; er verführt und führt die Gutgläubigen in die Irre. Und nichts neidet er ihm mehr als den „Opferstatus“, der doch nur von seinen Gnaden verliehen werden dürfte. In ihn wird alles projiziert, was man sich im Wahn ausgemalt hat und nicht von sich wissen darf. Die deutsche Illusion muss unbedingt aufrechterhalten werden. Deutsche Antizionisten und ostentativ deutsche Philosemiten unterscheiden sich hier nur in der Projektionsfläche ihres Opferstatus – was letztendlich einem deutschen Nachkriegskonflikt geschuldet ist, der jeder der beiden Parteien, die sich um ihrer Existenz Willen diametral entgegengesetzt vorstellen müssen, moralische Überlegenheit sichern helfen soll. (In diesem Rahmen dienen erklärte Antisemiten bloß noch und so oder eben anders als Negativfolie.) Ohne die beiden und ihre (angeblich) gemäßigten Platzhalter ist Deutschland nicht mehr möglich! Soviel hat man aus Auschwitz irrsinnigerweise gelernt. Das deutsche Vermögen, aus Auschwitz noch eine (linke wie rechte) selbsterhaltende Lehre zu ziehen, treibt das Denken tatsächlich an die Grenzen des Wahnsinns. Nicht allerdings gelernt haben die Deutschen, dass sie (als solche) keine Opfer mehr sein wollen dürfen. Dass sie trotz der ausgebliebenen Strafe für ihre Verbrechen ihr mitleidlos ungebrochenes Bedürfnis, sich als Opfer zu gerieren, (das weder genetisch noch kulturell noch irgendwie weitergegeben wurde, das allein ideologisch und entsprechend – notwendig gilt nur für irgendetwas, nicht fürs spezifische – angenommen ist!) weder selbst noch in der Projektion aufzuführen haben.
______________________________

Schon sind wir ja Zeugen, wie die sich als ‘links’ verstehenden politischen Gruppen kein Wort verlieren, wenn ein Despot und Paranoiker in Uganda sich abscheulicher Morde schuldig macht; wie sie nicht protestieren, wenn der absolute Herrscher Libyens Gesetze erläßt, nach denen ehebrecherische Frauen gesteinigt werden; wie sie diskret schweigen, wenn in Algerien auch nicht einer der großen ‘chefs historique’ der Revolution noch auf der Bildfläche erscheint. Ben Bella? Er wechselte nur die Gefängnisse der französischen faschistischen Offiziere mit denen des ‘Sozialisten’ Boumedienne. Die Linke hält den Mund. Und sofern sie redet, ist ihr Vokabular im eigentlichen Wortsinne ver-rückt. Die Gewaltregime Syriens und Iraks, wo gelegentlich auch Kommunisten in den Kerker geworfen werden, nennt sie hartnäckig ‘progressistisch’. Israel aber, kein Musterstaat, gewiß nicht, aber doch ein Gemeinwesen, wo Opposition, auch anti-nationale. sich regen darf, ist in der linken Mythologie ein ‘reaktionäres’ Land.
Jean Améry – Der ehrbare Antisemitismus. Rede zur Woche der Brüderlichkeit (1976), in: Weiterleben – aber wie?

Dem Konvertiten gilt das frühere Selbst regelmäßig als angepasst und von der fremdgesteuerten Mehrheit oktroyiert. Das Aufbegehren gegen den einstigen Standpunkt hat entsprechend als drastischer Nonkonformismus und geradezu verfemt zu gelten. Verboten ist der Gedanke, dass man endlich der sich prinzipiell als rebellisch ausgebenden Mehrheitsmeinung aufgesessen ist, die alles andere als einförmig und mit unterschiedlichen Ausprägungen daherkommt. Sei es derjenige, der sich als selbst erklärter „Antideutscher“ dabei ertappte, seine Aggressionen in als erwünscht angenommenen (!) Phrasen auszudrücken und über das „Wegbomben der Palästinenser“ o.ä. zu schwadronieren. Da eben das dort nicht einmal ansatzweise eingefordert wird, ist das Erschrecken umso gravierender. Weswegen es gilt, die Schuld weit von sich zu weisen und den unheimlichen Verführern zuzuschreiben. Aber man hat zugleich selbst ein ‚größeres Opfer’ (in direkter Opposition zu dem angeblich als ‚größtes Opfer der Menschheitsgeschichte verkauften’ (!)) geschaffen, dem man sich selbstreinigend zuwenden kann. Die neue Identität hat dann um jeden Preis verteidigt zu werden. Und die Hemmschwelle ist niedriger, da man an sich selbst erfahren hat, mit welch grausamen Feinden man es zu tun hat. Und der Sieg ist umso befriedigender, je übermächtiger die Projektion gerät. Im neuen Opferstatus, so friedvoll und ausdrücklich harmlos er sich auch ausgeben mag, ist das Jetztreichtsaber bereits angelegt.

An der Kollaboration mit dem Islam lässt sich ablesen, auf welche Weise man die von den Siegermächten geschaffene Nachkriegsordnung innerviert hat: Jihad und Sharia, Verschleierung der Frau und Terror der Tugendwächter werden nicht als Kränkung narzisstischer Art, sondern als Bestätigung von Straf- und Leidensbedürfnis erfahren, als verdiente Strafe dafür, dass man den durch Ausbeutung und Vernichtung geschaffenen Reichtum mitgenießt – die aber, solange man nicht unter der Herrschaft der Sharia lebt, den Vorteil besitzt, dass man selber davon nicht unmittelbar betroffen ist. Der Islam ermöglicht den linken Abkömmlingen christlicher Sühnebereitschaft eine unerhörte Entfesselung ihrer Strafphantasien am anderen Objekt.
Gerhard Scheit – Gemeinschaftsneid und Strafbedürfnis. Die zwei Formen des postnazistischen Bewusstseins, Bahamas

Oder diejenigen, deren beispielsweise „Sozialismus in einem Land“ die Länder abhanden gekommen sind, und die nun nach einer Ersatzheimat suchen. Gefunden haben wollen die (wenig erstaunlich) viele Deutsche im radikalen Islam, der ihnen als der neue große Gleichmacher gilt. Als weise und gütig, wohltätig und – vor allem – respektvoll lobpreisen sie ihre neue deutsche Religion, die tatsächlich nichts wollen soll als einebnen und Volksgemeinschaft herstellen, diesmal unbereubar weltweit. Der Respekt der meisten deutschen Konvertiten gilt hauptsächlich dem aufopferungsbereiten Sein zum Tode, ihre Sehnsucht dem Schutz vor allem, was den Glauben nicht teilen mag, der verordneten Unmündigkeit all derer, die anfällig erscheinen mögen, insbesondere aber dem Schutz vor sich selbst: Es werden so viele menschliche Projektionsflächen fürs an sich selbst Unerwünschte geschaffen, wie sie nun mal nötig sind – es drohen bereits im Diesseits Strafen, die in ihrer Ausgeklügeltheit und als Gerechtigkeit daherkommenden Gier nach Triebabfuhr Dependancen der Hölle auf Erden gleichen. Die sich als gemäßigt ausgebenden Exkulpierer wiederum wollen das alles einfach nicht sehen, denn irgendwo muss es doch das Paradies geben. Ein verbotenes Paradies – denn zugleich will man an der neuen großen Opfererzählung teilhaben. (Vgl. zu Islamophobie allg. Gerhard Scheit ebd. und aa:b – Zwischen Vorurteil und Ressentiment)
Der Weg ehemaliger „Antideutscher“ nach Deutschland erscheint erst einmal unverständlicher. Ist es aber am Ende nicht. In dem Moment, in dem sie ein Sendungsbewusstsein entwickelt hatten, ein Bewusstsein als, hier: innerhalb der radikalen Linken, unverstandene Minderheit, überhaupt als Gruppe, als Identitätsträger, wurden die Tore weit geöffnet, sowohl in Richtung der konservativen Gegner der Bewegungslinken als auch (zurück) zu deutsch-linken Positionen. Sei es als trotzige Binnengruppen-Rebellen, als bloß immer Recht haben Wollende, des Rechthabens Müde, als sich permanent neu Erfindende, als wieder nach jeglicher Möglichkeit sich als Opfer produzieren zu können Süchtige oder was auch immer, sobald der eigene vermutete Status grundsätzliche (!) Kritik und Reflexion obsolet erscheinen lässt, taucht das Versprechen irgendwie rebellisch anmutender Identifikationen am Horizont der Realpolitik auf. All diese Hoffnungen auf dann doch Sinnstiftung oder Anbindung oder Teilhabe oder Einzigartigkeit im neuen Kollektiv erschöpfen sich aber immer bloß im endlich Ankommenwollen, das auch reine Ideologie ist, und „man verwendet im Französischen das deutsche Wort ‚la Realpolitik’, wenn man Opportunismus meint“, Jean Améry – Weiterleben – aber wie?, 143. Dem Deutschen aber gilt Opportunismus nur dann als verwerflich, wenn er den Deutschen nicht opportun ist. Wenn der Opportunist übers Allgemeinwohl sich erheben will.
Diejenigen ‚Linken’, die in letzter Zeit zu veritablen Deutschen geworden sind, die sich aber nach wie vor nicht als Rechte bezeichnen lassen mögen, nicht als antisemitisch oder misogyn oder sexistisch oder homophob, weil sie den Schein unbedingt aufrechterhalten wollen, sind tatsächlich wesentlich verwurzelter im kontemporären völkischen Mainstream als der spektakulärste Konvertit des Jahres: MaKss Damage (in einschlägigen Kreisen ist das bloß mit Horst Mahlers – den er auch als Vorbild benennt – offenem Bekenntnis zum Rechtsradikalismus zu vergleichen). Während man im (zugegeben kleinen) Kreis der deutschen Stalin-Verehrer noch seine Lieder vor sich hinträllerte und ihm alles zutraute, nur keinen Antisemitismus („Ich leite Giftgas lyrisch in Siedlungen, die jüdisch sind“ – „Der singt ‚lyrisch’! Ätsch! Er meint es also überhaupt nicht so!“ etc.), während man sich explizit darüber freute, dass er die „Antideutschen“ diversen Folterpraktiken unterziehen wollte, an deren Ende meist ihr Tod zu stehen hatte, bereitete sich Julian Fritsch bloß noch auf sein öffentliches Erscheinen als „nationaler Sozialist“ vor. With a bang! Alle hatten es bemerkt, sogar der Barde himself, der das Grinsen mühsam unterdrückend (man sieht geradezu die Regieanweisung: „Ja, großartig, Julian! Aber lächle nicht zuviel. Das ist eine ernste Angelegenheit!“) zugab, in den von ihm in letzter Zeit hergestellten Liedern sei das ja alles schon irgendwie zu hören gewesen (dazu zählt also auch das ausschließlich obszöne „Fünf Finger“!) von seinem Kampf mit sich selbst berichtet. Nur die mit ihm auf einer Linie liegenden wollten nichts mitbekommen haben. Die Schadensbegrenzung reicht von: „Wir hören nur noch die Lieder, die er bis 2009 geschrieben hat, irgendwie oder so“ zu … Schweigen. Jegliche Identifikation mit MaKss Damage erschöpfte sich von Beginn bis zum unrühmlichen Ende in Omnipotenz-Fantasien des selbsterklärten Opfers bzw. deren Bewunderung. Hier wurde zum Anlass vorgeschlagen, doch bitte gleich das Horst Wessel-Lied mitzusingen. Erstaunlich war bloß Fritschs frühe Einsicht in die Herkunft seines Ressentiments. Üblicherweise dauert es länger, bis die Fassade zusammenbricht. Und es handelt sich um nichts anderes, denn bei MaKss Damage war nie eine Entwicklung zu beobachten, die äußert sich seit dem Bruch außerdem lediglich in Reizworten, die Texte kommen trotz ihrer fortwährend obszönen Brutalität noch häufig unfreiwillig komisch daher: „Und reißen uns unsere Augen aus/ Nur, um aus der Quelle der Weisheit zu trinken“, Vita Germania (ja, sicher: Augen sind einem beim Trinken immer gemein im Weg (cp. Odin)).
Während der konvertierte Moderator der „Stoppt den BAK Shalom!“-Facebook-Gruppe sich von Jürgen Elsässer (der dem radikalen Islam selbst in einer seiner brutalsten gesellschaftlichen Erscheinungsformen, dem Iran, auch nicht abgeneigt ist, solange er für Ruhe und Ordnung sorgt, und wenn da nur nicht die ganzen ‚Ausländer’ wären, und der wie Mahler von „besetztem Deutschland“, „Schuldknechtschaft“ und dergleichen redet…) noch freiwillig aus den lobhudelnden Kommentaren verabschiedete, weil er sich um seine Facebook-Gruppe zu kümmern habe, bevor Elsässer sich zum Sarrazin-Fan auch offiziell erklärte, muss er vom Damage-Outing kalt erwischt worden sein. Thema bei „Stoppt den BAK Shalom!“ kann das nicht sein, denn da geht es nur um den BAK Shalom und die „Antideutschen“, außer irgendwas anderes passt gerade doch irgendwie trotzdem: die „Verbrechen“ Israels und der USA zum Beispiel. Bisher wurde dementsprechend kein Wort über die verloren, die einem doch angeblich so am Herzen liegen und die derzeit gegen die desolaten Zustände, unter denen sie zu leiden haben, aufbegehren: in Tunesien, im Jemen, in Ägypten, Libyen etc. pp. Bei Elsässer wird das gelobt (eindeutig work in progress – wait and see! Stand Mitte März, 2011), wenn es nicht gerade im Iran oder Gaddafi passiert, und so lange nur keiner „von denen“ nach Deutschland kommt. Die deutschen Massenmedien, von denen sich Elsässer angeblich so abhebt, haben es geschafft, das alles und noch viel mehr Zynisches unter einen Hut zu quetschen.
______________________________

Bis das Schwert meines Feindes
Mein Herz aus dem Leibe reißt
Dann pack’ ich mein Hackebeil
Und zieh’ in Walhalla ein

MaKss Damage – Vita Germania

Noch kein von den Deutschen allgemein anerkannter Prophet hat es geschafft, eine über seinen Verfolgungswahn und die wie auch immer projizierte Ausschaltung der angenommenen Gegner hinaus gehende Idee zu entwickeln, und selbst aus dem dem Widersprechenden konnten die Deutschen eine nicht im Werk auffindbare Leidensgeschichte exzerpieren und eine zeitlang für eine ihrer Erscheinungsformen als Existenzgrundlage postulieren. Deutsche Ideologie gerinnt irgendwann zu der irrsinnigen Vorstellung, dass alles gut wird, wenn man sich genug hat wehren dürfen, gegen das Undeutsche, Inauthentische, bloß Kritisierende, die Spaßverderber oder dergleichen (vgl. Horkheimer/ Adorno – Dialektik der Aufklärung). Überall finden sich nach wie vor und zunehmend mindestens Spuren dieses (mehr oder weniger offene Gewaltbereitschaft erzeugenden) Wahns – in Literatur und Spielfilmen, im Fernsehen und Theater, selbst in der Musik und in der Politik sowieso, bei den Rechten wie den Linken. Meist variieren bloß die herbeigesehnten Verbündeten oder Vollstrecker. Denn das müssen nicht notwendigerweise die Deutschen selbst sein. In Frank Schätzings „Schwarm“ beispielsweise sind sie bloß die bescheidenen, von nicht bezeichnet werden dürfenden Verderbern alles Lebendigen auf der Erde, mundtot gemachten Warner, auf die die manipulierte Weltbevölkerung nicht mehr hören mag, woraufhin sie unterzugehen hat, um umso gemeinschaftlicher, wenn auch mit wesentlich weniger Lebewesen (vgl. Wolfgang Pohrt – Der Weg zur inneren Einheit) aufzuerstehen. Alles wurzellose, als egoistisch diskreditierte individuelle, luxuriöse, ums goldene Kalb sich ausgelassen sammelnde etc. wurde vernichtet von ihren Lebensraum perfekt ausfüllenden, jederzeit zum Selbstopfer bereiten Opfer-Schwarmwesen. Nun muss alles sich zum Besseren wenden. Ende. Soweit die Phantasie des Bestseller-Autors.
Andernorts ist man ebenso blutrünstig, wie es bei Schätzing zugeht. Ums Reinigen wahlweise des Planeten oder des Internet geht es auch da; das Vorbild heißt dann allerdings Stalin oder „Charta der Hamas“ oder dergleichen. Die Feinde sind identisch. Und wie Schätzing seinen Oberschurken kein einziges Mal als Juden bezeichnet, ihn aber mit einer Anzahl antisemitischer Stereotype ausstattet und Michael Rubin nennt, erklärt man sich dort selbst zu Antizionisten. Das Bedürfnis sich in der Facebook-Gruppe „Stoppt den BAK Shalom!“ als Opfer einer weltbeherrschenden Macht darzustellen, die nun auch noch den eigenen Zirkel zu unterwandern droht, grenzt ans Groteske.
Abgesehen von den Feindbildern USA und Israel gilt eine denkbar kleine Minderheit als Vertreter des großen und des kleinen Teufels als winziger, feiger, minderjähriger etc. und dennoch die gesamte deutsche Linke knechtender Dämon in Deutschland: „Die Antideutschen“. Was immer man darunter letztendlich verstehen will, im Weltbild der Gruppe sind sie „Wildsäue“, „Schweine“, „Oberschweine“, „schlimmer als Schweine“ und zur „Keulung“ freigegeben. Dafür muss man sich natürlich erstmal als Verfolgter ausstellen:

Beispiel:

CK: zahle seit Juni keinen Beitrag mehr, ich bin aus der Partei zähneknirschend ausgetreten, obwohl ich 1994 den […] KV […] gegründet habe. Nur habe ich mich irgendwann über die ständigen Anfeindungen und Beleidigungen von völlig fanatischen USA- und Israelfahnen schwingenden Ferngesteuerten [!] („Faschist, dekadentes [?] Arschloch“ usw.) und gezielte, permanenten Provokationen bis hin zu Gewaltandrohung derart geärgert, dass es mir auf die Gesundheit ging. Nach dem Motto: Denen, die den Frieden pflegen kommen manche ungelegen.
[…]
CStS: Ich hoffe, wir bekommen Dich wieder, wenn das Ziel, den BAK los zu werden erreicht ist! Wäre schade um einen engagierten Genossen. Es ist einfach nur beschämend, was sich diese Zionazi-Zäpfchen raus nehmen! Für mich ist mittlerweile „Faschist“ o.a., wenn es von diesen minderbemittelten Gestalten kommt, schon fast ein Lob […] Wenn mir wer mit körperlicher Gewalt kommen will… viel Spass! Von den mickrigen Clowns, die sowieso meist noch nicht ganz trocken hinterm Öhrchen sind, nehm‘ ich es mit 5en auf einmal auf und komm dabei nicht mal ins Schwitzen.
[…]
CK: was die mickrigen Kreaturen betrifft sehe ich das ähnlich wie du, problematisch wird es halt dann, wenn Freundin oder Familie mit rein gezogen werden. Meine Freundin fand es nicht schön, dass unser Haus mit Farbbeuteln beschmissen und die großflächigen Fenster mit Davidsternen besprüht wurden. Leider waren wir nicht zu Hause, sonst hätte meine Spaltaxt mal kein Eichenholz, sondern etwas weicheres gespalten.
[…]
CK: wir brauchen die [Polizei] hier eigentlich nicht. hätten die nachbarn die aktion mitbekommen wären die arschlöcher an schweine verfüttert worden… wie gesagt, konflikte werden hier intern geregelt..
[…]
CStS: Die armen Schweine! Das wäre doch Tierquälerei!
[…]
CK: […] Ich habe geschrieben, und ich wiederhole das ungerne [?], dass meine Nachbarn (Landwirte) die jenigen, falls sie diese bei der Aktion erwischt hätten, wohl an ihre Schweine verfüttert hätten. Ich habe Menschen nicht als Schweine bezeichnet, denn Schweine sind kontrastiv zu BAKfischen von hoher sozialer und emotionaler Intelligenz und Kompetenz. Ich bin für mein Engagement gegen die Bahamas-Fraktion bekannt. Ich habe nicht behauptet, dass die Attacke von BAkfischen durchgeführt wurde – auch hier: erst lesen, begreifen und dann kommentieren – vielleicht war es ja auch Justus Wertmüller oder Netanjahu höchstpersönlich. Ich war nicht dabei – wohl aber bei der Ankündigung durch BAKfische, kleine Rotzlöffel, kaum 20 Jahre alt, dass ich zukünftig kein friedliches Leben mehr führen werde. Im Übrigen empfinde ich „Schweine“ nicht als hartes Wort für Menschen. Eine angemessene Bezeichnung für die Bahamas-Fraktion wäre wohl eher „Scheiß Gesindel“, „Zio-Faschisten“ und noch viel mehr, was ich allerdings hier nicht näher ausführen möchte.
Ich habe meine Gründe, warum ich dieses fanatische Pack nicht ausstehen kann
.
Stoppt den BAK Shalom!“- Gruppe bei Facebook (viel Spaß beim Sonnenbaden!)

Die LTI [Lingua Tertii Imperii] ist bettelarm. Ihre Armut ist eine grundsätzliche; es ist, als habe sie ein Armutsgelübde abgelegt.
Victor Klemperer – LTI. Notizbuch eines Philologen

Die Vorstellung, dass sich zwei oder drei oder vier „antideutsche Feiglinge“ während seiner und der aller vorstellbaren anderen Mitbewohner hierfür notwendigen Abwesenheit zum Haus von CK begeben, das sich laut seiner Aussage 40km von irgendetwas entfernt befindet, um es mit Farbbeuteln zu beschmeißen und außerdem Davidsterne auf seine „großflächigen Fenster“ zu sprühen, ist tatsächlich genauso wahrscheinlich wie die, dass es Wertmüller oder Netanyahu getan haben. Der deutsche Bürger in seiner Erscheinungsform als „zähneknirschendes“ Ex-„Die Linke“-Mitglied stellt sich als Opfer des weltweit mit allen Mitteln und sogar bis an seine Haustür agierenden Erzfeinds aus, und deutsch nonkonformistisch kann er von nichts anderem als seinen vulgären Gewaltfantasien schwafeln. Die Brutalität der Bilder, die bei „Stoppt den BAK Shalom!“ immer wieder sich selbst und den Lesern ausgemalt werden, zeugt von eben dem Fanatismus, den man dem Gegner unterstellt. Es sind genauso grobe wie detailverliebte Kritzeleien, die an die fäkalfixierten Wand- und Tischmalereien Pubertierender erinnern. Nicht ohne Grund ist unaufhörlich von Schweinen und Säuen die Rede, gleich ob der Gegner nun als genauso widerlich oder viel schlimmer dargestellt wird oder als Schweinefutter dienen soll – dem Deutschen gilt das Tier am Ende noch immer als der bessere Mensch. Die Eigendarstellung hingegen changiert einerseits zwischen männlicher Gelassenheit, wütendem Omnipotenz-Wahn und tragisch aufopferungsvollem Weltschmerz: Man ist einerseits Verteidiger oder Rächer unterdrückter Volksgruppen oder Einmannheimatschutzfront. Und andererseits das einzige Wesen auf der Welt, das noch in der Lage ist, die Leiden Anderer nachzuempfinden, und zwar bis zur Neige: Alles tut weh. Und man ist alles, die Anderen sind immer nur das Gegenteil.
Zusammen finden sich alle deutsch Empfindenden in ihrer allgemeinverständlich sein müssenden Sprache („Um es mal auf gut Deutsch zu sagen…“), und ihrer Bewunderung für Zoten und Vulgarismen – das gilt als hoher Akt deutschen Rebellentums. Als höher erscheint ihnen nur das Raunen – der Jargon der Eigentlichkeit und anders Gedrechseltes. Verständlich sind die nur für den, der aus ihnen die Obertöne oder das Echo des Irrsinns herauszuhören in der Lage ist. Die anderen begnügen sich damit, den ausschließlich exklusive Teilnahme versprechenden Wahn verständnislos als ihnen allein gegebenes Versprechen zu empfinden, zu erleben, zu erfahren.

Many of the boycotters clearly felt, and said, that the proposal couldn’t be antisemitic, since they themselves didn’t hate Jews. This error—of considering antisemitism as purely a matter of how people feel, rather than of what they actually do—is one which is now rarely made by academics about other forms of racism, since the idea of indirect or institutional racism is well-established and well-known in the UK. The persistence of this purely psychological approach to antisemitism itself calls for further explanation.
Eve Gerrard – Excluding Israelis: An Intellectual Anatomy of the Academic Boycott (pdf)

Wenn hier von Deutschen die Rede ist, geht es bereits nicht mehr um den einst oder immer noch verklärten genetischen Pool germanischer Volksgenossen. Wie früher beschrieben, hat sich beispielweise mit der Verbreitung u.a. Heideggerschen Gedankenguts durch seine diversen Adepten deutsche Ideologie weltweit erfolgreich in der wissenschaftlichen wie der alltäglichen Auffassung vom Wesen allen Seins eingenistet. „Deutschland kann nicht überall sein, aber es ist die Mitte, die überallhin ausstrahlt.“ (Gerhard Scheit – Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt) Überall findet sich mittlerweile die als defensiv sich gerierende Aggression, überall die vorgebliche Ungeduld, die nichts als dem Wollen Ausdruck verleihen soll: “Jedermann vom politisch Verantwortlichen über den vorsichtigen Journalisten bis zum politisierenden Räsonnierer an der Straßenecke blickt wartend um sich, als wolle er fragen: Was und wieviel ist eigentlich schon wieder erlaubt? Wer einigen Einblick hat […], wird geneigt sein, den Ungeduldigen zu versichern, daß in der Tat sehr vieles nicht nur gestattet, sondern geboten ist. Siebengescheite sprechen erleichtert von der Tabu-Brechung, nicht ahnend, welchen obskuren Kräften sie damit ihre Stimme leihen.” (Jean Améry – Der ehrbare Antisemitismus. Rede zur Woche der Brüderlichkeit, 1976, in: Weiterleben – aber wie?). Das nicht ahnen, das Améry 1976 vermuten wollte, war damals wie heute wenigstens Selbstbetrug. Es reicht, von sich zu behaupten, dass man kein Antisemit sei und schon gibt es keinen Antisemitismus mehr (vgl. Adorno – Negative Dialektik). Und schon wird die Satire („War Hitler Antisemit?“ Titanic) von der Realität eingeholt, werden ausschließlich als Antisemitismus zu deutende Aussagen exkulpiert oder sinnlos subsumiert. Im Fall John Gallianos beispielsweise war das überwiegend (abgesehen von z.B. Natalie Portman oder Karl Lagerfeld, der aber auch davon sprach, dass es unangemessen sei, derartige Sprüche als Angehöriger einer Branche, in der es viele Juden gäbe, zu tätigen) geäußerte Empfinden angesichts des Skandals Mitleid, nicht mit den von ihm angegriffenen sondern mit Galliano. Es sei schade, dass er sich selbst so ausgebeutet habe und: „„Ich kann ja nachvollziehen, dass Dior Maßnahmen ergreifen musste“, sagt Jean-Paul Cauvin, Senior Fashion Editor der französischen Fachzeitschrift „Fashion Daily News“. „Aber seien wir mal ehrlich, was wirft man ihm vor? Dass er Hitler liebt? Ich weiß nicht, was ihn getrieben hat, so etwas zu sagen, aber es spricht gegen alles, für das er steht“, sagt der Branchen-Insider. „Ich glaube jedenfalls nicht, dass Galliano Hitlerfan ist. Schließlich hat er nie einen Hehl daraus gemacht, homosexuell zu sein. Jeder weiß, dass Hitler Homosexuelle ebenso gehasst hat wie Juden.““ („Karl Lagerfeld wettert gegen Galliano“, Stern.online)
Dementsprechend stünde alle negative Deutungsmacht über Antisemitismus allein Adolf Hitler zu, wen der hasste oder nur nicht mochte, konnte einfach kein Antisemit sein – u.a. dieser Logik gemäß hat deutsche Vergangenheitsbewältigung schon immer funktioniert.
Zudem bestehen alle darauf, dass Galliano kein Rassist sei. Die (falsche) Auffassung von Antisemitismus als bloßer Spielart von Rassismus hat dazu geführt, dass Antisemitismus als solcher kaum noch wahrgenommen wird. Und automatisch jeder Vorwurf von Antisemitismus den Bezichtigten als Opfer von wahlweise einer mächtigen Lobby oder mit dieser irgendwie kooperierenden, verbandelten, von ihr verblendeten, aufgehetzten etc. dastehen lässt. Da Antisemitismus nicht als das wahrgenommen wird, was er eigentlich ist, wird selbst die Rede vom Vergasen konkreter, vom Angeklagten als jüdisch identifizierten Individuen nicht mehr ernst genommen. Trotz der expliziten Brutalität seiner Sprache: „But I love Hitler. People like you would be dead today. Your mothers, your forefathers would be fucking gassed.“ (John Galliano)
Galliano hat nicht gesagt, er sei Antisemit, er muss nicht mal sagen, er sei keiner – es wird einfach begründungslos vorausgesetzt. Für Rassismus hingegen werden, wenigstens – wenn auch sonst ganz und gar nicht notwendigerweise! – in den sich kultiviert wähnenden Kreisen, aus denen heraus hier exkulpierende Aussagen getätigt wurden, gesellschaftliche Identifikationstandards vorausgesetzt. Was geschehen wäre, hätte er sich stattdessen dem z.B. den erschreckend weit verbreiteten (weswegen es absurd ist zu behaupten, es gäbe keinen Rassismus mehr!) rassistischen Glauben an die „Inferiorität Dunkelhäutiger“ öffentlich angeschlossen, steht auf einem anderen Blatt. (Und obwohl Gallianos konkrete Äußerung auch ausschließlich rassisitisch verstanden wird, verliert sie erst mit Bezug auf die „(weißen!) Juden“ und allein deswegen für viele ihre Brisanz.)
Das deutsche „Erwache!“ setzte ein als träumend vorgestelltes Individuum voraus, das allerdings kein die Realität im Traum verarbeitendes sondern ein künstlich in Ignoranz versetzt schlummerndes Volksmitglied sein musste. Der Weckruf erfolgt dann auch immer noch entsprechend der Empfehlung, man solle in persönlicher Not keinesfalls „Hilfe!“ sondern unbedingt „Feuer!“ schreien. Der differenziert individuellen Freudschen Traumdeutung wird ein kollektives Unterbewusstes entgegengeschleudert und das hat so brutal und rücksichtslos, so allgemeinverständlich und arm an Ausdrucksmöglichkeiten zu reagieren, wie man sich selbst gerade noch verstehen kann.

______________________________
Later: Magnus Klaue – Die Bauchredner des Affekts

Oh no! Not again!

Germany once again fared best in the poll, with every country viewing it positively and 61% of people rating it favourably, up from 55% last year.BBC/ GlobeScan-Poll 2011

“Am Ende waren die Deutschen so erfolgreich in der Darstellung von Bescheidenheit, opferbereiter Selbstverleugnung, Moral und Demut, dass Deutschland 2008 aus einer weltweiten BBC-Umfrage als Land mit dem positivsten Einfluss auf die Menschheit hervorging, und das, nachdem es überhaupt zum ersten Mal zur Wahl stand. 56% der Befragten aus 34 Ländern gaben ein positives Votum ab. Die English News von Welt.online machten daraus „Germany is the most beloved country worldwide“, was einer Drohung gleichkommt. Trotzdem stiegen Deutschlands Popularitätswerte 2009 nochmals an, „with positive ratings rising even higher from 55% [sic]* to 61% on average. Every country polled has a favourable view of Germany.“ (BBC) Um 2010 leicht zu fallen – auf 59% [sic], was allerdings nach wie vor den Spitzenplatz bedeutet”.
Meilensteine deutscher Vergangenheitsbewältigung VI: Die „Yrr“ und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie II/ Vom Pays-Boche zu „the most beloved country worldwide“
_______________________________________________________
*Da ich von Statistik keine Ahnung habe, kann ich mir et al. die seltsamen Zahlenverwirrungen nicht erklären.

Reread 6: „Stimme kommt von Kuh an Wand“

Trotz allen Stolperns ist Guttenberg im Volk beliebter als bisher. 73 Prozent der Deutschen sind mit der politischen Arbeit des CSU-Politikers zufrieden, zu Monatsbeginn waren dies nur 68 Prozent, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap im Auftrag für die ARD-Sendung Hart aber fair ergab. Nur 21 Prozent sind unzufrieden.Die Zeit, online

„‘Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ist nach einer Umfrage in der Modebranche der am besten angezogene Politiker Deutschlands. Auf den Plätzen folgen FDP-Chef Guido Westerwelle und Bundespräsident Horst Köhler.‘
Ich gebe auf.

Hermann L. Gremliza, Konkret 10/09, 50

Dass Guttenberg zum bestangezogenen Politiker Deutschlands gekürt wurde, bedeutet allerdings noch lange nicht, dass er tatsächlich gut gekleidet ist. Deutschland gilt der Welt nicht unbedingt als Hort stilvoll gewandeter Menschen – au contraire und das zu Recht. Ebenso kann man von der deutschen „Modebranche“ kaum als einer der Beurteilung entsprechender Fragen fähigen Instanz sprechen. Wer tatsächlich haute couture (oder selbst prêt-à-porter oder überhaupt) entwerfen wollte, flüchtete so schnell wie möglich an adäquatere Orte, geblieben sind fast (!) nur Langweiler, Drittrangige und Zurückgewiesene.
Die, diesmal wirklich „abstruse“ (vgl. allg. Guttenberg, insb. Kommentar zu den Plagiatsvorwürfen, 16.02.2011), Illusion der Deutschen, wenigstens einen internationalparkettfähigen Repräsentanten vorweisen zu können, beruht allein auf ihrer mangelnden Kenntnis in dieser Hinsicht relevanter Beispiele. Abgesehen davon, dass Guttenberg ganz gewiss die seiner Kaste gemäßen Gesten beherrscht: ostentatives Knopf vom Jackett öffnen, wenn man sich setzt, ihn – nur den obersten! – wieder reinfummeln, wenn man aufsteht und sei es auch nur für ungefähr dreißig Sekunden, nicht das Öffnen beim wiederhinsetzen vergessen, all das ausschließlich, wenn man Krawatte trägt; ohne Krawatte, dürfen das Jackett und der erste Knopf des Hemdes offen getragen werden und dergleichen mehr. Abgesehen davon also: Sitzt das nicht alles ein wenig zu eng? Am ausladenden Brustkorb? Sind die Hosen nicht eine Nuance zu kurz? Spannen sie nicht oftmals über den Oberschenkeln? Ja, und was ich bei anderen unbedingt sehen will, mag ich in dem Fall ganz und gar nicht, mal wieder egal – Idiosynkrasien. Desgleichen das Haupthaar: Es spannt überm Schädel Karloffschen (1931, inklusive Pomade) Ausmaßes. Anmuten soll das royal, soll heißen: Egal, solange die Stirn völlig frei von Haar ist. Ein deutscher Friseur (derjenige übrigens, der Angela Merkel ihre ‚neue’ Frisur verpasste) bezeichnet das als: „’sehr englisch und edel’. [Udo Walz] bescheinigt dem neuen Bundeswirtschaftsminister, ‚fabelhaft’ auszusehen.Tagesspiegel – Frisurentrends: Etwas Gel, bitte
Alles an Guttenberg soll den Mann modellieren – huh, goosebumps. Das Süddeutsche Zeitung Magazin zeigte vor kurzem eine Fotostrecke, die Guttenberg als mindestens ästhetisches Vorbild betrachtende junge Menschen im Guttenberg-Look vorführte…
Es ist einer der größten Irrtümer der Deutschen, wenn sie meinen, sie beherrschten die Sprache Englisch. Wie auch ihre Interpretation des angenommenen englischen Stils meist in der sehr deutschen Exzerzierung längst überholter dress codes resultiert, und die britische Ironie, die dort nahezu allem anhaftet, nicht umsetzen kann. Außerdem: Zu den Stammkunden eines Schneiders auf der, sagen wir, Saville Row gezählt zu werden, bedeutet noch lange nicht, dass der einen auch mag („Achtung! Goose-step everybody but: Don’t mention the war!“), entsprechend fallen dann auch manchmal die Designs aus.
Ja, gemein, und bis dato ist das alles nur billige Häme, aber jetzt: Über das hinaus bilden sich Guttenberg und die Deutschen ein, er sei eloquent. Gremlizas Einschätzung der sprachlichen Fähigkeiten von Guttenberg ist uneingeschränkt zuzustimmen: „Stimme kommt von Kuh an Wand“ (ins Deutsche übertragener Neil Simon via Peter Sellers in „Murder by Death“, zitiert nach Gremliza, Konkret 09/09, 66). Was auch immer im Original von Guttenberg stammt, ist wortreicher und inhaltsleerer Jargon. Das Original kann leicht vom Plagiat unterscheiden, wer jemals die home story, die vor einiger Zeit vom Bayerischen Rundfunk produziert wurde, gesehen hat. Dort kann man Guttenberg live beim spontanen verfassen von Schwurbeleien beobachten, ganz so wie er sein Vorwort zur Dissertation selbst geschrieben hat, und die Rede (2009) zum Jahrestag des Entlastungsattentats (pdf):

Die bei den Deutschen beliebtesten Politiker der letzten hundert Jahre – Wilhelm von Preußen, Paul von Hindenburg, Adolf Hitler, Ludwig Erhard, Helmut Schmidt und Joseph Fischer – haben in den letzten Wochen Nachwuchs bekommen: Karl-Theodor zu Guttenberg. Lesen Sie, was dieser jüngste Liebling der Nation zum 65. Jahrestag des Aufstands der Nazioffiziere gegen ihren Führer am 20. Juli aufgesagt hat:
Ein Gefängnishof verliert in der Regel nie seine Kälte. Eine Kälte, die sich über Insassen wie spätere Besucher zu legen weiß und die jedes Ausmaß an Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung reflektiert, wenn man gleichzeitig an den Mauern einer Hinrichtungsstätte steht.
Wir halten einen Moment inne und repetieren: Eine Kälte, die Verzweiflung reflektiert, wenn man gleichzeitig an den Mauern einer Hinrichtungsstätte steht, weiß sich über Insassen und Besucher zu legen. Peter Sellers, der Inspektor Sidney Wang in »Eine Leiche zum Dessert«, hätte gefragt: »Was Bedeutung von dieses?«
[…]
Zudem ringt dieser Gedenktag so lange mit der Gegenwart, wie die Begriffe Ehre, Stolz oder Vorbild Ausdruck einer verklemmten Schüchternheit bleiben.
Wie? Was? Der Gedenktag ringt so lange mit der Gegenwart, wie die Begriffe Ehre, Stolz oder Vorbild Ausdruck einer verklemmten Schüchternheit bleiben? »Stimme kommt von Kuh an Wand«, möchte man mit Peter Sellers sprechen, der so die Worte des hinter einer Elchtrophäe versteckten Gastgebers Lionel Twain (gespielt von Truman Capote) kommentiert.
[…]
Darf man nun das Wort »Ehre« mit der Prinzipientrias »Freiheit, Rechtsstaat und Menschenwürde« verbinden? Meines Erachtens bedingen sie einander. Beides, die benannten Maximen und ein damit verwobenes, wohlgesetztes Ehrverständnis, widerspiegeln grundlegende Werte, ja ein Erbe des christlich-jüdischen Abendlandes.
Ob Verwobenes etwas spiegeln kann, bleibe dahingestellt, doch ihr Abendland ein christlich-jüdisches genannt und ihre Ehre mit irgendwelchem Judenkram infiziert zu sehen, hätten die Stauffenbergs sich strengstens verbeten.
(Hermann L. Gremliza, Konkret 09/09, 66)

Um den reaktionären Kern herum nichts als stumpfe statt schillernder Blasen (Guttenberg und Gattin als Glamour-Paar zu bezeichnen, kann auch nur den Deutschen passieren. Außerdem, liebe Brigitte-Redaktion, die Farbe heißt nun eindeutig nicht „Mango“ sondern „Lachs“ …, egal!) Die Sprache des Verteidigungsministers ist eben die, die den einfachen Stammtischbruder zum Stammtisch-Präsidenten aufsteigen lässt: Er gibt allen ein wenig recht und das mit Formulierungen, die jeden auf einmal die ungeheuerliche Relevanz der zuvor bloß besoffen in den Raum trompeteten Platituden, Pöbeleien und Protzereien erkennen lassen. ‚Das hätte ich so nicht sagen können, aber du bist ja auch Doktor irgendwas.’ Dem Stammtisch taugt der akademische Grad bloß zum Ziselieren des grobdeutschen Imperativs. Jovial hat sich der (im weitesten Sinne) Landjunker zur sprachlichen Veredelung des deutschen Nichts herabgelassen. Die Begeisterung ob dieser Herablassung lässt sich auch damit erklären, dass es z.B. in der deutschen Literatur keine umfassende Tradition der Ridikülisierung des Landadels gibt, wie beispielsweise in England, Russland oder Frankreich. Der Typus käme einem sonst irgendwie bekannt vor, und man könnte seine Attitüden und Manierismen leicht identifizieren. So aber glaubt Deutschland an ein einzigartiges Phänomen. Und es soll glauben, will glauben, glaubt. Pausenlos und ohne Sinn und Verstand. Es ist kaum erstaunlich, dass sie ihm Dasmitderdoktorarbeit verzeihen. Denn erstens erinnert sich fast jeder an die Demütigung, die man beim ersten Mal mit den Fingern in der Keksdose, in Mamis Portemonnaie oder dergleichen erwischt werden, erlebt hat – das kann also nur Identifikation stiften. Vor allem aber hat jeder schon einmal gehofft, mit einer blöden Ausrede durchzukommen, dem, der das schafft, ist Anerkennung sicher. Und zweitens wähnt man perfide Mächte am zersetzenden Werk: Intellektuelle! Kritiker! (Endlich kann man’s denen mal zeigen!) Und drittens: Egal, denn es ist die vollkommen leere Fläche, die der Minister darstellt, die zur Projektion eigener Wasauchimmers einlädt. Die Argumente seiner Verteidiger sind dann auch seltsam monoton und unverhohlen und im Wortsinne defensiv. Lustigerweise warf Hans-Peter Friedrich (CSU) der SPD und Den Grünen vor, sie hätten erst in die USA fahren müssen, um Guttenberg (der als ‚Atlantiker’ gilt) mit aus den USA in den bis dato harmlosen Deutschen Bundestag importiertem „negative campaigning“ fertigzumachen – und Jürgen Trittin erklärte er zu einer Art Antideutschem – teehee! Beliebt ist ebenfalls eine neue ‚Dolchstoßlegende’: Der von den Soldaten geliebte Minister soll ihnen entrissen werden, woraufhin sie jeglichen Rückhalt usw. usf. Auf Seiten der Plagiatsfahnderunterstützer wird auch viel Blödsinn gefaselt, beispielsweise dass Guttenbergs Nichtdiss den Wissenschaftsstandort Deutschland gefährde, ja, schrecklich! Außerdem täuschen sich diejenigen, die glauben, er habe diesmal niemanden und nichts, worauf er die Schuld schieben könne: Er hat bereits seine „blöde“ Doktorarbeit für alles verantwortlich gemacht und sie in a way entlassen.
In den Olymp der deutschen Opferdarsteller ist Guttenberg allerdings von … tadaaa… Jürgen Elsässer aufgenommen worden. Wir erinnern uns: Elsässer hat sich bereits selbst ein für alle Male gegen jeglichen Homophobie-Vorwurf immunisiert, ist sich aber nicht zu schade den Beweis erneut anzutreten:

Juergenelsaesser in den Kommentaren zu „Guttenberg – Richtig falsch. Mit schlechten Argumenten gegen einen schlechten Mann“:
neeso: Sie missverstehen den Absatz. Es steht da: „Das Image des Barons“, gerade nicht steht da „die Realität“. Ich habe referiert, was die Spin-Doktoren mit Guttenberg transportieren, wie sie ihn vermarkten wollen, etwa auch was das Geschlchterverhältnis angeht etc. – Dass ich im übrigen kein Freund von Leuten bin, die über Schwul-Sein oder Frau-Sein Karriere machen wollen, verheimliche ich nicht. Deswegen bin ich aber noch lange nicht gegen Schwule oder Frauen, das würde ich ganz gerne auseinander halten.
Der Text zum Kommentar in Auszügen:
Das Image des Barons: Guttenberg ist ein Politiker für deutsche Interessen. Endlich wieder ein Mann an der Spitze und keine Weiberherrschaft mit Schwuchtel-Anhang. Ein Mann, der schon mit seinem Familienstammbaum für Tradition und Tugenden steht, gut angezogen und mit tadellosen Manieren. Ein schneidiger Typ, der mit Splitterweste und Ray Ban so militärisch aussieht wie Tom Cruise in Top Gun. Ein Mann, der zu seinen Soldaten steht, ob am Hindukusch oder anderswo.
Die Realität des Barons: Guttenberg ist der Mann der Amerikaner. Aufgebaut von der Atlantik-Brücke. PR-Arbeit abgestimmt mit der Bild-Zeitung. Seine Mission: Abschaffung der Bundeswehr durch Abschaffung der Wehrpflicht bzw. Umwandlung der Bundeswehr in eine Fremdenlegion unter US-Kommando. Einsatz dieser Truppe, aufgefüttert mit gewaltbereiten Ausländern, auch im Innern. Zerstörung der Moral der Truppe durch Absetzung von Kommandeuren wie zuletzt dem Kapitän der Gorch Fock. […] Wenn Guttenberg fällt, fällt ein charismatischer Gefolgsmann der US-Politik. Aber dass die Rot-Grünen diesen Erfolg für sich verbuchen könnten und mit dem Baron auch die von ihm (fälschlich) genährte Erwartung eines selbstbewußten (!) deutschen (!) Mannes (!) an der Spitze der Politik kaputtgegemacht werden könnte, stimmt mich nicht gerade heiter.
“ Jürgen Elsässer, ebd.

Und schon wieder den Homophobie-Vorwurf erfolgreich abgewehrt, wie auch den der Misogynie, den der Xenophobie und überhaupt alle anderen…
Meanwhile in some parallel universe – da Deutschland Platz für Projektionsflächen braucht, darf sowieso niemand mehr rein: „Frontex startet Mission „Hermes 2011″“. (ARD)

___________________________________________
Earlier: SonntagsGesellschaft – Brei ist nicht immer nahrhaft

Forwarded: „Marg bar jomhurriye eslami – Proteste am 22. Bahman“

via Cosmoproletarian Solidarity:
Liebe Freunde und Genossen,
Wir, das heißt: die NeocommunistInnen, die Genossen von „In The Absence Of Truth“ und der Blog Cosmoproletarian Solidarity, haben einen Aufruf zu Protesten am 11. Februar verfasst: hier [pdf]*. An diesem Tag, im Iran: 22. Bahman, rühmt sich die Islamische Henkersrepublik Iran einer weiteren Jährung ihrer Kontrarevolution.
Proteste gegen die Barbarei des Regimes und die deutsch-iranische Komplizenschaft und für die Revoltierenden im Iran:
Berlin, Freitag, den 11. Februar 2011, 18:00 h, Podbielskiallee 67 (vor der Botschaft der I.R.I.)
Frankfurt, Fr., den 11. Februar 2011, 14:00 h, vor dem Hauptbahnhof
Wien, Fr., den 11. Februar 2011, 18:00 h, Lainzer Straße/Gloriettegasse (vor der Residenz des Botschafters der I.R.I.)
Hamburg, Sonntag, den 27. Februar 2011, vsl. 15:00 h, Depenau 2 (vor der Europäisch-Iranischen Handelsbank)

_________________________________________
* „Mindestens 89 Menschen wurden im bereits noch jungen Jahr im Iran hingerichtet, und es werden jeden Tag mehr, unter ihnen Regime-Feinde, denen das islamische Kapitalverbrechen „in Feindschaft zu Gott“ angekreidet wird.

„Follow the yellow brick road…“

Doch allein wenn man sich die Fotos der beiden ungleichen Brüder anschaut, fragt man sich rasch, ob die gefärbten Haare, die getönte Brille und der rosa Anzug von Elton John ästhetisch nicht weitaus verkommener sind als der selbstbewusst aus seiner chaotischen Prekariatshütte lächelnde Geoff Dwight.
Florian Illies – Über ungleiche Brüder, Zeit online

Nein, fragt man sich überhaupt nicht und schon mal gar nicht rasch. Und man muss Elton Johns Œuvre nicht mal toll finden, um es nicht zu tun. Dessen Halbbruder Geoff Dwight (der „wärmstens an den verrückten englischen Zauberer Catweazle“ erinnert, ebd.) nämlich, den Illies am Ende bloß mag, weil er diesmal weiß, dass er jemanden um tatsächlich überhaupt nichts beneiden muss, schwafelt ausschließlich vom Glück des Verzichts. Und denunziert dabei den älteren und fast unvorstellbar reicheren Bruder mit entsagungsvollem Pathos als geizig und unsolidarisch, obwohl er ja explizit nicht mal was von ihm haben will. Das gilt dann dem sich als dekadenzphobisch outenden deutschen Zeitgeist-Analytiker als „wahre Gesellschaftskritik“ (ebd.). Der er das passende Vorurteil hinterherschiebt: Mann in „rosa Anzug“ = „verkommener“ als irgendwas. Dann doch lieber ‚authentisch‘ und ‚natürlich‘ in einer Hütte vor sich hinprekarisieren. But… beware! Es gilt, sich sofort mit Elton John zu versöhnen, denn den hat bloß die bösartig sich selbst karikierende Musikindustrie (es führt kein Weg an Adorno vorbei!) zum ‚unechten‘ Outfit und desgleichen gezwungen, wie er in „Goodbye Yellow Brick Road“ (prominently featured on „Life on Mars“, season 2, episode 2) zu beklagen hatte:

So goodbye yellow brick road
Where the dogs of society howl
You can‘t plant me in your penthouse
I‘m going back to my plough

Überdimensionierte Brillen zu Pflugscharen? Ironie kann Elton John besser!

Dritte ernste Warnung an Verschwörungstheoretiker: Wer ist Jürgen Elsässer wirklich wirklich wirklich?


youtube

Liebe Verschwörungstheoretiker!
Nachdem hier bereits auf die aufregende Vergangenheit Jürgen Elsässers verwiesen wurde: Ernste Warnung und Zweite ernste Warnung, geht es diesmal um seine nicht minder spannende Zukunft.
Doch zunächst: Rejoice! Die Welt wird im Jahre 2012 nicht untergehen!
Denn am 4. Juli 2200 wird Jürgen Elsässer definitiv etwas vortragen, und zwar …huh! thrilling!… in Fulda. Laut den clair voyants und Diezukunftsogaraufmedienprojizierenkönnenden von NuoVisoProductions allerdings leider bloß (sollte man seiner etwa bereits nach ungefähr 190 Jahren ein wenig überdrüssig geworden sein?) über „nichts Neues für Diejenigen, die bereits mit Elsässers Bücher vertraut sind.“ Die Botschaft wird folgende sein: „Die Dunkelmächte proben [schon wieder!] die Rückkehr in das dunkle Mittelalter! Deutschland ist [wie üblich] in Gefahr. […] Die privaten Großbanken erwürgen [zum wiederholten Male] die Industrie. […] Es handelt sich [kennt man ja] um die Gier des Finanzsystems. Um eine [erneut] künstliche Krise, hervorgerufen von den Banken. Auch er [wie whatsitsname?] sparte nicht mit Namen, wer den das alles verursacht. Und beim Fall von Arcandor wird er [oh no, not again!] ganz detailiert, denn dafür gebe es [wie in den letzten Dekaden unermüdlich repetiert] eine einfachste Lösung. „Arcandor wurde [wieder einmal] durch Wuchermieten kaputt gemacht. Eigentum verpflichtet! Die Lösung wäre also die [again!] Übernehme der Immobilien [durch whatsitsname?] , und anschließende faire Mietpreise. Ja, manchmal wäre die Lösung unserer Probleme ganz einfach!“ (Ebd.) Und natürlich: Rechtschreib- und Grammatik-Korrekturprogramme werden im Jahre 2200 immer noch nicht zuverlässig funktionieren – au contraire!
Meanwhile in the presence sucht Elsässer in seiner Erscheinungsform als Chefredakteur des Querfront-Magazins „Compact“ verzweifelt nach Vorschlägen fürs Design der 2. Ausgabe, deren Arbeitstitel „Das besetzte Land – US-Truppen in Deutschland“ lautet: „Nun will ich die Kreativität meiner lieben Leser etwas [!] in die Vorbereitung der Nummer 2 einbeziehen. Beginnen wir bei der Titelseite. Zum Foto: Ich könnte man vorstellen, man orientiert sich am beiliegenden Cover von Robert Harris „Fatherland“. Aber die zwei Flaggen auf der Quadriga sollen natürlich die der Besatzungsmächte sein: EU-Sternenbanner und US-Sternenbanner. Gibt es bessere Ideen?“ (Ebd.) Jenseits davon, dass das nur Beschäftigungstherapie ist, weil er ja eigentlich (s.o.) weiß, dass sich eh bis ins Jahr 2200 nichts ändert, gibts bis dato nur die üblich verdächtigen Vorschläge wie beispielsweise den von Pablo – „Das mit den Fahnen ist ne gute Idee.Ich würde noch die israelische dazupacken(„deutsche Staatsräson“laut Merckel)“ und fatimaoezoguz – „Das wollte ich schon vorschlagen, verwarf es dann als doch allzu „unkorrekt“.“ (Ebd., in den Kommentaren)
Damit wären die Weichen für die unvermeidbar folgenden 2273 Editionen des monatlich erscheinen werdenden Heftes unverrückbar gestellt. Denn Elsässer scheint nach all seinen aufreibenden Reinkarnationen* endlich im Deutschenopfernirwana angekommen sein…
Still yours sincerely,
Unverbesserliches Spaltungsopfer, das diesmal nur vor grenzenloser Langeweile warnen möchte!

________________________
* Coming soon: „Reread 7: Warum es den Deutschen völlig egal ist, dass man „hochqualifizierte MigrantInnen“ hervorragend ausbeuten könnte und was das mit der anhaltenden Notwendigkeit ‚antideutscher‘ oderwieauchimmermansienennenmag Kritik zu tun hat“

Auszug :


The Cure – Jumping Someone Else’s Train („Everyone’s happy/ They‘re finally all the same“)

In jüngster Zeit haben zwei prominente Vertreter der Antideutschen (Wolfgang Pohrt und, verschmerzbarer, Jürgen Elsässer) die antideutsche Position verlassen und sind in Richtung Traditionskommunismus (Elsässer) oder politisches Nirwana (Pohrt) abgewandert.
Volker Radke – Zur Debatte um antideutsche Positionen

Die Zeiten, in denen Rechtbehalten Spaß gemacht hat, sind mittlerweile vorbei.
Wolfgang Pohrt – Brothers in Crime

2010, seinem Empfinden gemäß passenderweise zum Jahrestag der Deutschen Einheit, meinte Jürgen Elsässer mit einem Interview, das er 2003 mit Wolfgang Pohrt für die junge Welt führte, auftrumpfen zu können: „Abschied von den Anti-Deutschen. Interview mit Wolfgang Pohrt, dem Urvater der Antideutschen“ (Elsässers verwirrende Bindestrich-Setzung ermangelt einer sinnvollen Begründung…)
Der „Impulsgeber“ der „Antideutschen, noch bevor es diesen Ausdruck gab“, sei Pohrt gewesen. Pohrt wie Elsässer geben seit einigen Jahren nur noch Pseudo-Provokationen von sich. Dass Elsässer sich zum schicksalhaften Datum mit Pohrt verbunden wissen will allerdings, kann nur der Tatsache geschuldet sein, dass der anschwellende Sarrazin-Fan irgendwie um seine Unoriginalität weiß und darum, dass er erkennen musste, dass er immer erst auf einen Zug aufsprang, nachdem der bereits reichlich gefüllt war. Pohrt hingegen wollte am liebsten die Schienen verlegen und dann sofort selbst Schaffner sein, was in seinem Fall dazu führte, dass er tatsächlich bahnbrechende […] Analysen vorzunehmen in der Lage war; bis er entdeckte, dass es einen Rückwärtsgang gibt, mithilfe dessen man auch ganz schön Unordnung im Abteil erzeugen kann. Von Pohrt gibt es im Gegensatz zu Elsässer umfangreiche Bücher, anhand derer sich beweisen lässt, dass er früher Recht und Spaß daran hatte.

27. Januar



Referer der letzten 24 Stunden:
  1. google.com (10)