D-Day

Aus gegebenem Anlass:

Reread aus gegebenem Anlass: „Der Kla­mauk wird zudem durch eine auch im deut­schen Nach­kriegs­film be­lieb­te Figur sank­tio­niert: den jung ge­blie­be­nen Leh­rer…“

Pennälerfilme dürften in Deutschland auch deswegen so beliebt sein, weil sie das Selbstbild der orientierungslosen und zur Mündigkeit irgendwie unreifen Adoleszenten, die es am Ende immer nicht besser wussten und so nicht gemeint hatten, bestätigen. Charismatische Leh­rerfiguren lassen die Disziplinierung harmlos erscheinen und am Ende steht das Lob des autoritären Staates selbst.
Jakob Hayner – Der neue deutsche Volkskörper, Jungle World


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Schafft ein, zwei, viele Deutsche! Der Fortpflanzungsterror der „jungen Nation“ (6.8.2011)

Der Landesvorsitzende der Jungen Union Nordrhein-Westfalen, Sven Volmering, sagte, seine Organisation fordere ‚angesichts der demografischen Entwicklung mehr und nicht weniger Kinderlärm’.
Focus.de

Und heute da hört uns Deutschland und morgen die ganze Welt…
Hans Baumann – Es zittern die morschen Knochen

Die „beliebteste Nation der Welt“ (BBC-Poll according to Welt.de) bereitet sich einmal mehr darauf vor, für ihre einzigartige Aufopferungsbereitschaft belohnt zu werden. Und opfert auf dem Altar des Fortbestands des Volkes die im Lande angeblich so geschätzte Ruhe. Unter Ruhe jedoch wird in Deutschland seit jeher nicht die Qualität Stille, also die luxuriöse Abwesenheit von Krach, verstanden sondern das ruhige Gemüt, das beruhigte Gewissen, das Ruhekissen. Dem deutschen Bedürfnis nach Ruhe wird, notfalls mit drastischen Mitteln, aus zwei erst einmal entgegengesetzt anmutenden Gründen Ausdruck verliehen: aus Neid auf allzu lautstark geäußerte Lust am Leben und aus Gleichgültigkeit oder/ und Brutalität gegenüber den Schreien der Gequälten, Misshandelten und Leidenden (Neid diesen gegenüber entsteht dann, wenn man den Opfern ihr Leiden nachträglich missgönnt und umso mehr gelitten haben will; während man sie zuvor um alles beneidete, was man ihnen nicht gönnen mochte, um sich an ihnen rächen oder gegen sie wehren zu dürfen – das ist so krude wie notwendiger Bestandteil deutscher Ideologie). All dem begegnen die Deutschen mit dem gleichen missgünstigen, misstrauischen, missmutigen, miserablen „Lass’ mich in Ruhe!“. Das gilt nicht dem Lärm sondern dessen Motivation, denn Krach produzieren sie selbst ausgesprochen gerne, wobei allerdings peinlich genau darauf geachtet wird, dass der Anlass (Schützen- oder Oktoberfeste, Humtata-Karnevalsumzüge, Fußballweltmeisterschaften etc.) unverdächtig ist und er die Gemeinschaft, welcher als angemessen empfundenen Natur auch immer sie sein mag, ausdrücklich betont.

Sicher, das plötzliche Verschwinden Hunderttausender jüdischer Nachbarn mit nichts als einem Köfferchen in der Hand konnte für den objektiven Betrachter der damaligen Zeit nur einen Kurzurlaub auf Usedom bedeuten. Und die anschließende Belegung ihrer Wohnungen samt Mobiliar durch die arischen Nachbarn belegte die These der unmittelbar bevorstehenden Rückkehr der Besitzer mit großem Nachdruck. Auch der öffentliche Abtransport Hunderttausender Juden in Güterwaggons Richtung Osten und die leere Rückreise derselben hat nur eine kleine, privilegierte und informierte Minderheit Böses annehmen lassen.
Nathan Gelbart (via hankythewanky)

Die unüberhörbarste deutsche Lärmproduktion im Wortsinne fand zwischen 1933 und 1945 statt. Die bloß deutsche Revolution ging einher mit dem schrillen Schreien ihrer Repräsentanten, mit Tschingderassabum, Gegröle, Kanonendonner, Sirenen, den „Jericho-Trompeten“ der Stukas und einem einfältigen Lied nach dem unvermeidlichen anderen. Es verwundert geradezu, dass noch keiner der sonst um abwegige Entschuldungen nicht verlegenen Volksgenossen auf die Idee kam zu behaupten, man habe einfach nichts mitbekommen können, weil’s doch im „Dritten Reich“ eh immer so laut gewesen sei. Die pausenlose Geräuschkulisse diente vornehmlich dazu, den jugendlichen Elan der Bewegung hervorzuheben – das hysterische Kreischen, anspornende Brüllen und begeisterte Johlen galt dem einen Volke als Inbegriff von Frische und Ursprünglichkeit. Die von den völkischen Jugendbewegungen des 19. Und 20. Jahrhunderts maßgeblich beeinflussten Nazis (vgl. George L. Mosses Grundlagenwerk „Die völkische Revolution. Über die geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus“) fühlten sich den Heranwachsenden genauso weit verpflichtet, wie sie mit deren Vitalität und Virilität beispielsweise grenzenloses Wachstum zu begründen in der Lage waren. In den Lagern des Jungvolks war lautstarkes Bekunden der Freude an Gemeinschaft, Kräftemessen und Bewegung an frischer Luft obligatorisch. Darüber hinaus setzten die Nationalsozialisten eine Reihe kinderfreundlicher Gesetze in Kraft, bei denen es vornehmlich darum ging, Kinder aus proletarischem Milieu nicht mehr als billige Arbeitskräfte sondern als Deutsche zu definieren und sich somit deren Zugehörigkeitsgefühls zu versichern. Alle fortschrittlich anmutenden Gesetze wiesen dementsprechend die eine Einschränkung auf: Sie galten ausschließlich für ‚Arier’. Spätestens mit den Nürnberger Rassegesetzen waren vor allem Juden von den ‚Errungenschaften’ deutscher Gleichberechtigungspolitik ausgeschlossen. Das jüdische Kind wurde mit allen daraus resultierenden Konsequenzen de facto als jüdischer Erwachsener behandelt, der im Gegensatz zu den sich noch im Werden befindlich wähnenden Volksgenossen für alles und jedes Übel verantwortlich gemacht wurde, als Repräsentant der uralten Gegenrasse, des einen Volksfeindes. Kindheit und Jugend waren den (‚erbgesunden’) Deutschen vorbehalten und wurden politisch propagiert und medial verherrlicht.
Der im Nachkriegsdeutschland unisono als unpolitisch gehandelte Film „Die Feuerzangenbowle“ (1944, Vorbild für unzählige so genannte Pennälerfilme seit den späten 1960ern!) zeugt von der Sehnsucht der Deutschen als ewig Jungenhafte von aller individuellen Verantwortung frei zu sein. Der gleichermaßen als Salonlöwe wie als Autor erfolgreiche Hans Pfeiffer, der aufgrund seiner Erziehung durch Hauslehrer nie die ausgelassenen Freuden gemeinschaftlichen Schulbesuchs erfahren durfte, verjüngt sich zunächst nur optisch, um am Unterricht eines Gymnasiums teilnehmen zu können. Der äußerlichen Verwandlung folgt die geistig-moralische, und derart geläutert produziert Pfeiffer nunmehr vor allem eines: Lärm. Der Klamauk wird zudem durch eine auch im deutschen Nachkriegsfilm beliebte Figur sanktioniert: den jung gebliebenen Lehrer, und am Ende den wieder jung gewordenen Rektor, dessen frisch, fromm, fröhlich blondes, schrill kicherndes, krakeelendes und trotz aller vorgeblichen Unschuld vor allem im besten Gebäralter sich befindendes Töchterlein Pfeiffer schlussendlich ehelichen will. Statt seiner deutlich älteren und erkennbar sexuell erfahrenen vormaligen Geliebten, einer sich ausgesprochen erwachsen und ergo blasiert gebenden (eher dunkelhaarigen) Dame von Welt, die nicht ans Herz sondern die Vernunft, das Verantwortungsbewusstsein und letztlich den Geldbeutel appelliert und vor allem unnatürlich leise spricht. Und so geriert sie sich angesichts des Tumults der sie irgendwann naiv begeistert bedrängenden Schulkameraden Pfeiffers ostentativ artifiziell und bittet die „Herren“ (!) darum, doch nicht so einen Lärm zu veranstalten.
Zweifellos hatte die deutsche Frau offiziell vor allem einen Zweck zu erfüllen, und der war die Produktion Deutscher. In einem abgesehen davon breiten Rahmen jedoch existierten im „Dritten Reich“ durchaus vielfältige emanzipatorische Bestrebungen, die problemlos in das System integriert werden konnten. Es gab eine deutsche Frauenbewegung, die unwidersprochen Rechte einfordern durfte, und Leni Riefenstahl war trotz ihrer späteren (eigentlich leicht durchschaubar grotesken aber nichtsdestotrotz erfolgreichen) Selbstdarstellung als widerständiges Ausnahmetalent, das „nur Filme machen wollte“, eine durchaus bewunderte Ikone weiblicher Kreativität. Auch Prüderie war kein herausragendes Merkmal der Deutschen von 1933 bis 1945 – au contraire – jegliche augenzwinkernde und in den Arbeitsdiensten oder Freizeitlagern unermüdlich konterkarierte Kundgebung sexueller Zurückhaltung war bloße Konzession an insbesondere katholische oder anders tugendhafte Deutsche, wie auch das „Dritte Reich“ in jeglicher Hinsicht (außer wenn es um die Juden ging!) permanent bereit war Konzessionen zu machen. Prinzipiell war Nazi-Deutschland allen gegenüber aufgeschlossen, die Deutsche herstellen, sich darin üben oder dazu beitragen wollten (Riefenstahls schöne deutsche Jugendliche sind hier ein nicht zu unterschätzender Propagandafaktor: Dies könnte Ihr Kind sein!) – auf welche Art und in welchen (heterosexuellen) Verhältnissen auch immer sie das tun mochten. Tatsächlich schafften die Deutschen darüber hinaus Freiräume, in denen die Volksgenossen wirklich alles durften: die Konzentrationslager.
Nach 1945 herrschte bequemerweise die Meinung vor, Deutschland habe zwölf Jahre lang als geknechtetes und von einer grausamen Diktatur zum Schweigen gezwungenes Volk dahinvegetiert. Ebenso bequem wurden die unzähligen Beschwerden ignoriert, die das so ganz und gar nicht stumme Volk unermüdlich an relevante Institutionen weiterleitete (vgl. Robert Gellately – Backing Hitler. Consent and Coercion in Nazi Germany). In ihnen ging es vorwiegend um die ungerechte Verteilung des tagtäglich Erbeuteten oder ‚Rassenschande’. Der Traum der Deutschen allerdings offenbarte sich genau dort, wo ihm keinerlei Grenzen mehr gesetzt wurden. Und sie schufen eine Kakophonie des Grauens. Eine Collage gewollt widersprüchlicher Melodien, wo Kitsch und Grauen sich gegenseitig bedingten, durch Schreien dirigiert und jeden Schrei übertönend.
Ganz am Schluss erst konnten die Deutschen dazu gebracht werden, endlich mit dem Lärmen aufzuhören. Für einen kurzen Moment hielten sie dann erschrocken die Luft an (© by KdP), nur um bereits im ersten Augenblick des ob der ausbleibenden Strafe Aufatmens mit ihrem Gejammer die nachhallenden Klagen ihrer Opfer um jeden Preis zu übertönen.
Der erfolgreichste deutsche Nachkriegsroman wartete folgerichtig mit einem ausschließlich Lärm veranstaltenden Helden auf. In Günter Grass’ „Blechtrommel“ (1959) trommelt und schreit das deutsche ewige Kind Oskar Matzerath vorgeblich gegen die Nazis an, die es aber bloß imitiert und ihnen die vom Volk bis zum Ende herbeigesehnte kindische Variante einer Wunderwaffe vorführt: seine zerstörerische Stimme. Ganz anders als bei der ungleich und unangemessen erfolgloseren Gisela Elsner, die in „Fliegeralarm“ drastisch das konformistische Moment von Kinderlärm ausstellt. Derweil galt dem durchschnittlichen Nachkriegsdeutschen das stille Kind aber als Ideal; es glich so weniger den als gefährlich für den Bestand erkannten Schreihälsen im „Dritten Reich“ und diente als Spiegel ihres unauffällig zu sein habenden Selbst, als Beleg dafür, dass man nicht am Lärmen teilgenommen hatte.
Es blieb der kommenden sich ebenso von Schuld frei wähnenden und zur Ruhe ermahnten Generation vorbehalten, den Krach wiederzuentdecken. Aufbauend häufig auf ähnlichen Grundlagen wie ihre völkisch motivierten Vorfahren. In den Kinderläden der 68er herrschte das angeblich natürliche und noch angeblicher fröhliche Kreischen, Grölen und Johlen der Kleinen vor. Das wiederum den Grundstock legte für die nächste Generation jammernder Deutscher, die sich seit den 1990ern noch eine zeitlang ausführlich über ihr Leiden an den ihnen von ihren Eltern grausam gewährten Freiheiten beklagen durften. Damit ist es nun vorbei. Einzig die Senioren-Union mag noch Einspruch erheben gegen das bloß ihnen nach wie vor als subversiv oder allzu bekannt gelten mögende Gekreische.


Monty Python – Hell’s Grannies

Das Baby von Familienministerin Kristina Schröder ist da. Lotte Marie heißt das Kind, Mutter und Baby sind wohlauf. Und auch der Bundesrepublik geht es bestens.
Berliner Morgenpost

Während der unüberhörbare Beifall, der Thilo Sarrazin aus allen Schichten der Gesellschaft beschallt, den Wunsch nach nichts anderem als mindestens so genannten positiven eugenischen Maßnahmen unterstreicht, sind die offiziellen Volksvertreter noch vorsichtiger in der Umsetzung des Willens und Wollens ihresgleichens. Das beliebteste Volk der Welt hat sich eben deswegen keinesfalls als rassistisch darzustellen, als kinderfreundlicher sogar noch als die „vorbildlichen Skandinavier“ hingegen soll die einstmals kinderfeindliche Nation in Zukunft dastehen. Da man hierzulande in seiner Missgunst dem Nächsten nicht einmal den Dreck unter dessen Fingernägeln gönnt, wird propagiert, es hinge gerade eben nicht vom Geld ab, dass die Deutschen sich nicht mehr so recht fortpflanzen wollen. Vielmehr sei das kinderfeindliche Klima schuld am Niedergang der Nation. So lächerlich es klingen mag, dass daraufhin zuerst ein Gesetz für Kinderlärm unter Beteiligung aller deutschen Parteien erlassen wird, so offensichtlich sind dessen problematische Traditionslinien. Und natürlich schlägt man diverse Fliegen mit einer Klappe: Ums Bezahlen für den Bestand ist man mit hochmoralischem Gestus herumgekommen; gerade die Armen im Lande werden dadurch nicht zu übermäßiger Kinderproduktion angeregt, ebenso wenig die vielen in ärmlichen Verhältnissen leben sollenden „Menschen mit Migrationshintergrund“, die sind in ihren billigen Wohnungen in oft desolaten Gegenden eh meist dermaßen unerträglichen Lärmquellen ausgesetzt, dass es auf ein bisschen mehr oder weniger nicht mehr ankommt. Man braucht auch kein schlechtes Gewissen mehr haben, wenn man den Nachbarn, der sein Kind verprügelt, nicht anzeigt, gegen Kindergeschrei kann man nun mal nichts machen. Es hat natürlich zu sein.
Hinter all dem steht auch ein „Schreit so lange ihr es noch dürft, irgendwann ist es damit vorbei!“ Und jeder weiß, dass Kindergeschrei keinesfalls prinzipiell Ausdruck von Lebensfreude ist, viel öfter zeugt es von Hilflosigkeit und verzweifeltem sich Ausgeliefertfühlen; irgendwer ist immer stärker und mächtiger. Und wenn das Kind nicht grölend herumtoben mag, und stattdessen gerne still in der Ecke sitzt und liest, gilt es fortan als die Urwüchsigkeit und die Volksertüchtigung gefährdendes Element. „Geh doch mal raus spielen“, soll kein nerviger Vorschlag mehr sein sondern der Beleg dafür, dass man das Gesetz achtet. Und das Geschrei unzufriedener, unbefriedigter, frustrierter, ignorierter etc. Kreaturen wird kurzerhand unisono als wertvoll für die Selbstentfaltung erklärt.
Auf der anderen Seite zeugt das Bemühen nahezu aller Politiker, den deutschen Nachwuchs zum Schreien zu animieren von ihrem schlichten Gemüt: Das weit verbreitete Vorurteil, die „Ausländerkinder“ seien so viel lauter als die eigenen wohlerzogenen Abkömmlinge, lässt sie offenbar vermuten, der Krach rege zum endlich ernst gemeinten Zeugungsakt an: „Ach, ich will auch was haben, das 80 Dezibel machen kann.“ (Zum Vergleich: 65 Dezibel, Beginn der Schädigung des vegetativen Nervensystems, erhöhtes Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Damit erledigt man nebenbei gleich das vor allem von weiten Teilen der Jungen Union als solches empfundene lästige Seniorenproblem mit.) Und die „ausländischen Mitbürger“, denen man sogar noch weniger gönnt als den Volksgenossen, haben gefälligst nicht besser im Kinderkriegen zu sein. Da die rassistischen Ausschreitungen vor allem seit 1989 das Bild, das sich die Welt von den reumütigen Deutschen zu machen hatte, gravierend gefährdeten, müssen andere Mittel her, um das Land als deutsches zu bewahren. Hier geht es nicht ausschließlich um die Angst vor „Überfremdung“, sondern auch um den von Wolfgang Pohrt richtig beschriebenen Neid der Deutschen angesichts von nichtimdeutschenwurzelnden Müttern vieler Kinder, die ihnen im Schlussverkauf irgendwas vor der Nase wegziehen und das auch noch mit dem deutsch imaginierten und ersehnten guten Gewissen, mit einer Rechtfertigung vor sich selbst und allen anderen. „Obwohl die BRD ein Wohlstandsland ist, spielen sich bei der Öffnung der Kaufhäuser im Schlussverkauf regelmäßig Szenen ab, die an die Verteilung von Brot an die verhungernden Kurden erinnern. {…} Es dürfte hart für die Deutschen sein, wenn sie es mit ansehen müssen, wie andere die besseren Menschen sind, wenn sie tun, was die Deutschen nicht lassen können.“ (Wolfgang Pohrt – Das Jahr danach. Ein Bericht über die Vorkriegszeit., 169)


Martin Creed – Mothers


„Serial Mom“, John Waters (1994): „Separate your garbage!“, Screenshot

Die neue junge deutsche Frau, der man lange genug eingeimpft hat, als kinderlose sei sie nicht wirklich erfüllt, und sie könne doch im neuen jungen Deutschland mühelos Job (!) und Kinder „miteinander verbinden“, macht sich entsprechend auf, ihren Bauch nicht mehr für sich zu beanspruchen, sondern ihn buchstäblich als Rammbock einzusetzen. Schwangere Frauen und solche mit Kinderwagen rempeln (vorzugsweise in als wohlhabend und/ oder grün-alternativ aufgehübschten Städten respektive Stadtteilen) rücksichts- und grundlos Passanten an, die ihnen nicht umgehend den Tribut zollen, den die zukünftigen oder frischgebackenen Mütter der Nation einfordern. Ihre unverhohlen strahlend daherkommende Aggressivität ist nicht bloß dem Stolz auf die verdienstvolle Rolle geschuldet sondern vermutlich auch der Ahnung, dass das Ganze irgendwann wird teuer zu bezahlen sein, mit dem Verlust von Stille und einem erhöhten „Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen“ oder unerwünschten Falten. Wenigstens liefert Das Gesetz auch den Rest der Bevölkerung denselben Strapazen und Gefährdungen aus, darauf wird man mit Schubsen, ungeduldigem Drängeln beizeiten vorbereitet. Und Gnade dem, der es wagt, rauchend an einer Ampel zu warten, während die Erfüllten sich in seiner Nähe befinden…
Mehr oder weniger gelungene literarische Umsetzungen des Ausgeliefertseins an Kinder gibt es zuhauf: In John Wyndhams Midwich Cuckoos bilden die (vordergründig Alien-)Kinder eine verschworene, Erwachsene, die sich ihnen in den Weg stellen, mordende Gemeinschaft; in Doris Lessings „Memoirs of a Survivor“ und „The Fifth Child“ ziehen marodierende Kinder- und Heranwachsenden-Banden durchs trostlose Land; in Tennessee Williams’ „Suddenly Last Summer“ zerstückeln und essen minderjährige Jungen ihren Vergewaltiger in einem Akt hilflos brutaler Selbstjustiz; in Ira Levins „Stepford Wives“ zieht Joanna Newsom ihrer Kinder wegen und aufgrund des Drängens ihres Mannes in die erst einmal idyllische und erschreckend saubere, vor allem aber kinderfreundliche Kleinstadt Stepford, wird ermordet und durch einen Heiligeundhure-Roboter ersetzt, der nichts mehr tut, als die Kinder zu erziehen, zu kochen, putzen, einzukaufen und ihrem Mann jeden Willen und Wunsch zu erfüllen etc. pp. Und in der britischen TV-Serie „Cracker“ (dt. „Für alle Fälle Fitz“) klagt die hochschwangere Ehefrau den Autoren eines Science Fiction-Romans an, der die Schrecken einer Invasion beschreibt, in der Aliens die Körper von Menschen in Besitz nehmen und sie von innen heraus ausbeuten, das könne nur ein Mann als Fiktion geschrieben haben. In „Alien“ (Ridley Scott, 1979) hingegen bedeuten ‚Befruchtung’ und ‚Schwangerschaft’ den sicheren Tod.
Diese unterschwellig immer vorhandene Ahnung von Ausgesetztsein konterkariert die Regierung mit einer potentiellen Mutterkreuzträgerin, die mühelos vier, fünf oder wie viel auch immer Kinder neben ihren vielen politischen Aufgaben großziehen konnte, die aber um der Zielsetzung Willen irgendwann durch eine erstgebärfähige Nachfolgerin ersetzt wurde. Deren Kind trägt dann auch entsprechend einen Namen, der zwar wie derzeit angesagt ausgesprochen deutsch ist, jedoch Erinnerungen an Astrid Lindgrens fröhlichere und harmlosere Kinder aus Bullerbü evoziert. Womit ein weiterer Kreis aus den sich an angeblich entgegengesetzten Enden der Strecke befindenden Punkte gebogen wird, wo sich notwendig natürlich deutscher Nachwuchs und natürlicher Kinderladenkrawall treffen.

Deutschland ist volljährig, aber auch noch ein Teenager. Der fühlt sich stark, hat aber noch einiges zu lernen, bekommt die Fahrerlaubnis, aber erst mal auf Probe, kann bis nach Mitternacht in der Disco feiern, muss aber mit dem Kater selber klarkommen, darf wählen gehen, spricht aber noch im Jugendslang über die Politiker. Volljährig sein bedeutet aber auch: Man kann sich endlich mal so richtig das Jawort geben.
Katrin Göring-Eckardt, Grüne (Süddeutsche.de, 2008)

Ja, Deutschland wird volljährig – Grund zu feiern. Aber auch 18-Jährige sind noch auf der Suche nach ihrer Rolle und manchmal uneins mit sich selbst. Das gilt auch für Deutschland. Also, tu nicht so erwachsen, Deutschland, erhalte dir den Charme des Unfertigen!
Holger Treutmann, Pfarrer der Frauenkirche Dresden (ebd.)

Dieses Reich hat die ersten Tage seiner Jugend erlebt, es wird weiter wachsen in Jahrhunderte hinaus, es wird stark und mächtig werden! Die Fahnen werden durch die Zeiten getragen von immer neuen Generationen unseres Volkes. Deutschland hat sich gefunden! Unser Volk ist wiedergeboren!
Adolf Hitler, Reichsparteitag der Ehre, Nürnberg 1936

Die „späte Nation“ hat als ewig junge zu gelten, nur so ist sie fähig, alles von ihr Ausgehende zu entschulden. Knut Hamsun lieferte ein Beispiel ihrer Exkulpierungsstrategien seit spätestens 1933: „Er bezeichnete Deutschland als «junge Nation», die das Recht der Jugend auf Selbstentfaltung beanspruchte. {…} «Deutschland befindet sich mitten im Umbau. Wenn die Regierung Konzentrationslager einrichtet, so sollten Sie und die Welt verstehen, dass sie gute Gründe hat», belehrte er 1934 den norwegischen Ingenieur Christopher Vibe, der sich für Carl von Ossietzky einsetzte. Als dem KZ-Insassen zwei Jahre später der Friedensnobelpreis zugesprochen wurde, entrüstete sich Hamsun lautstark. Seine eigene Nobelpreis-Medaille schenkte er 1943 dem Reichspropagandaminister Goebbels.“ (Aldo Keel – Der norwegische Nobelpreisträger: Gefeiert und umstritten)
Marcel Proust schrieb À la recherche du temps perdu in einem schalldicht isolierten Raum am Boulevard Haussmann in Paris. Das Oberverwaltungsgericht Münster aber urteilte apodiktisch und noch die individuellsten Schutzmaßnahmen als miesmacherisch denunzierend: „Wer Kinderlärm als lästig empfindet, {…} hat selbst eine falsche Einstellung zu Kindern.“

Recommended reading:
Ira Levin – The Stepford Wives (see also the 1975 movie version) + The Boys from Brazil + Rosemary’s Baby
Tennessee Williams – Suddenly Last Summer
Magnus Klaue – Lärm ist geil
Marcel Proust – À la recherche du temps perdue
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Later: Offenbar hat Götz Aly den Neidwennnichtmitmissgunst-ihnverwechselndengedanken aufgenommen und daraus womöglich doch nur wieder ‚Deutsche Opfer‘ exzerpiert. More to come!

+ Noch später: „Leider wird oft vergessen: Kinder sind unsere natürlichen Feinde. Die ihnen gemäße Staatsform ist die Diktatur. Wenn sie könnten, würden sie unser Konto plündern, uns in der Küche anketten, uns eine Magnum an die Schläfe halten und uns 24 Stunden am Tag Schokoschaumkuchen backen lassen. Wenn Sie einmal gehört und gesehen haben, was ein Kind an einer Supermarktkasse zu veranstalten in der Lage ist, um Sie fertigzumachen, dann wissen Sie: Ihren süßen kleinen Fratz, den Sie zu einem besseren Menschen erziehen wollen, können Sie jederzeit als akustisches Folterinstrument in Guantánamo einsetzen. Für den Umgang mit Kindern gilt, was für den Krieg gilt. Es gibt nur ein Gesetz: Sie oder wir. Sie sollten also wissen, was zu tun ist. Die Anwendung von Verhütungsmitteln ist einfach zu erlernen.Thomas Blum – Sie oder wir, Jungle World

Forwarded: „Politischer Islam und Kulturdialog mit dem Iran. Ta­gung zum Ver­hält­nis von Kul­tur, Po­li­tik, Ge­walt und Islam“

via zweifelunddiskurs.blogsport.de

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„23. No­vem­ber, 13 Uhr
Hum­boldt-​Uni­ver­si­tät Ber­lin

Die Ta­gung soll einen kri­ti­schen Ein­blick ver­schaf­fen so­wohl in in­ne­ris­la­mi­sche theo­re­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen, die sich um die Frage der Le­gi­ti­mi­tät po­li­ti­scher Ge­walt dre­hen, als auch be­leuch­ten, wie diese Aus­ein­an­der­set­zun­gen in sä­ku­la­ri­sier­ten, post­mo­der­nen Ge­sell­schaf­ten, bei­spiels­wei­se der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, ge­führt wer­den. Vor die­sem Hin­ter­grund wer­den Ana­ly­sen vor­ge­stellt, die sich – am Bei­spiel des Kul­tur­di­alogs mit dem ira­ni­schen Re­gime und des Ge­schlech­ter­ver­hält­nis­ses im Iran – kon­kret der ak­tu­el­len kul­tu­rel­len und po­li­ti­schen Lage so­wohl in Deutsch­land als auch dem Iran wid­men. Au­ßer­dem sol­len die engen Ver­bin­dun­gen dar­ge­stellt und un­ter­sucht wer­den, die auf allen ge­sell­schaft­li­chen Ebe­nen mit dem ira­ni­schen Re­gime be­ste­hen.
revolution islamique

Pro­gramm

13.​00 – 13.​15 Uhr
Be­grü­ßung, Vor­re­de und Vor­stel­lung der Re­fe­ren­ten
durch Bet­ti­na Fell­mann, Or­ga­ni­sa­to­rin der Ta­gung.
Sie stu­diert Phi­lo­so­phie und Kunst­ge­schich­te an der Frei­en Uni­ver­si­tät.

13.​15 – 14.​30 Uhr
Jörg Fin­ken­ber­ger: Po­li­ti­sche Ge­walt und re­li­giö­se Le­gi­ti­mi­tät im Islam
Ob­wohl der Islam heute als eine emi­nent po­li­ti­sche Re­li­gi­on auf­tritt, ist für den größ­ten Teil sei­ner Ge­schich­te das Ver­hält­nis zwi­schen staat­li­cher Ge­walt und re­li­giö­ser Le­gi­ti­mi­tät pro­ble­ma­tisch, fast feind­se­lig. Der his­to­ri­sche Be­fund ver­trägt sich wenig mit dem Selbst­bild des heu­ti­gen po­li­ti­schen Islam: sein Fix­punkt, eine re­li­gi­ös le­gi­ti­mier­te po­li­ti­sche Au­to­ri­tät, ist in der his­to­ri­schen Re­li­gi­on kaum zu fin­den und ver­trägt sich nicht mit der Ge­stalt, die diese seit 800 Jah­ren an­ge­nom­men hat. Der po­li­ti­sche Islam als Be­we­gung und als Ideo­lo­gie be­wegt sich selbst nur in schwe­ren Kon­flik­ten wei­ter, ohne diese auf ab­seh­ba­re Zu­kunft be­frie­den zu kön­nen. Ein Rück­blick so­wohl auf die po­li­ti­sche Ge­schich­te des Islam als auch auf die ver­schie­de­nen Ver­su­che ihrer Ak­tua­li­sie­rung und heu­ti­ge Kämp­fe.
Jörg Fin­ken­ber­ger ist Ju­rist und Rechts­his­to­ri­ker.

14.​30 – 15.​30 Uhr
Dr. Kazem Mous­sa­vi: „There is a chan­ge in the air“?
Über die ge­fähr­li­che Hoff­nung auf eine In­ten­si­vie­rung des deut­schen Kul­tur­di­alogs mit dem Iran unter Ro­ha­ni
Die kul­tu­rel­len und wis­sen­schaft­li­chen Ko­ope­ra­tio­nen Deutsch­lands und des Wes­tens mit dem ira­ni­schen Re­gime fin­den zu einer Zeit statt, in der das Mul­lah-​Sys­tem im In­ne­ren gra­vie­rend ge­schwächt ist. Der neue Prä­si­dent Ro­ha­ni wird als „die Hoff­nung, dass sich etwas än­dert“ sug­ge­riert und re­zi­piert, ob­wohl jeg­li­cher Kul­tur­aus­tausch und die Nor­ma­li­sie­rung der di­plo­ma­ti­schen Be­zie­hun­gen mit einem kle­ri­kal-​fa­schis­ti­schen Re­gime zum Schei­tern ver­ur­teilt sind.
Der re­li­giö­se Füh­rer Ali Kha­men­ei hofft, mit dem an­geb­lich mo­de­ra­ten Ro­ha­ni in Ko­ope­ra­ti­on mit Deutsch­land, bei­spiels­wei­se durch die Zu­sam­men­ar­beit mit Uni­ver­si­tä­ten, die Po­si­ti­on des Wes­tens gegen das ira­ni­sche Atom­pro­gramm zu spal­ten, Is­ra­el zu iso­lie­ren und zu dis­kre­di­tie­ren und die Sank­tio­nen zu be­en­den. Der Kul­tur­di­alog trägt maß­geb­lich dazu bei, diese Hoff­nung zu rea­li­sie­ren, und damit dem Re­gime den Weg zur Atom­bom­be und der Ver­wirk­li­chung sei­ner is­la­mis­ti­schen Ziele zu ebnen. Dies be­deu­tet auch ein Si­cher­heits­ri­si­ko für die in Deutsch­land le­ben­den Exil­i­ra­ner und jü­di­schen Men­schen.
Dr. Kazem Mous­sa­vi ist Spre­cher der Green Party of Iran in Deutsch­land.

15.​30 – 16.​00 Uhr
Pause

16.​00 – 17.​00 Uhr
Fa­thiy­eh Nag­hib­zadeh: „Hei­li­ge & Staats­fein­din zu­gleich“
Frau­en­bild und Männ­lich­keit in der Is­la­mi­schen Re­pu­blik Iran
Dass im Got­tes­staat Iran bru­ta­le Frau­en­un­ter­drü­ckung herrscht, wird im All­ge­mei­nen nicht ge­leug­net, aber in vie­ler­lei Hin­sicht re­la­ti­viert. So wird diese Un­ter­drü­ckung auch durch ihre Klas­si­fi­zie­rung als „pa­tri­ar­cha­lisch” ver­kannt und ver­harm­lost. Im his­to­ri­schen Rück­blick und Ver­gleich wird die Dif­fe­renz zwi­schen vor­mo­der­nem Pa­tri­ar­chat, Män­ner­herr­schaft unter der Mo­der­ni­sie­rungs­dik­ta­tur des Schahs und phal­lo­zen­tris­ti­schem Mul­lah­re­gime dar­ge­legt. Dabei soll dis­ku­tiert wer­den, was das Re­gime im Iran unter der „be­deu­ten­den und wert­vol­len Auf­ga­be“ der Frau im Islam ver­steht, wel­che Art von Männ­lich­keit in den Re­pres­si­ons­or­ga­nen der Is­la­mi­schen Re­pu­blik ver­kör­pert ist und in wel­chem Ver­hält­nis diese Kon­stel­la­ti­on zur ira­ni­schen Ge­sell­schaft steht.
Fa­thiy­eh Nag­hib­zadeh ist Co-​Re­gis­seu­rin des Films „Kopf­tuch als Sys­tem – Ma­chen Haare ver­rückt?”, pu­bli­ziert unter an­de­rem zum Ge­schlech­ter­ver­hält­nis im Islam, zu An­ti­se­mi­tis­mus und An­ti­zio­nis­mus und zur Er­fah­rung des Exils und ist im Mi­de­ast Free­dom Forum Ber­lin aktiv.

17.​00 – 18.​00 Uhr
An­dre­as Benl: Sehn­sucht nach Dif­fe­renz
Über den neuen Ver­rat der In­tel­lek­tu­el­len
Die „Char­me-​Of­fen­si­ve“ des neuen Prä­si­den­ten des ira­ni­schen Re­gimes Has­san Ro­ha­ni ruft ein­mal mehr die Kräf­te des Ap­pease­ments in der west­li­chen Po­li­tik auf den Plan. Wäh­rend diese of­fi­zi­el­le Zu­sam­men­ar­beit sich zu­min­dest teil­wei­se mit öko­no­mi­schen und po­li­ti­schen In­ter­es­sen er­klä­ren lässt, wirft der „Ap­peal“ der Is­la­mi­schen Re­pu­blik im Be­son­de­ren und des Is­la­mis­mus im All­ge­mei­nen bei west­li­chen In­tel­lek­tu­el­len und lin­ken und li­be­ra­len Ak­ti­vis­ten Fra­gen nach sei­ner ideo­lo­gi­schen At­trak­ti­vi­tät auf. Als Fou­caults Apo­lo­gi­en Kho­mei­nis 1979 auf die mör­de­ri­sche Rea­li­tät tra­fen, sah er sich noch ve­he­men­ter Kri­tik aus der Lin­ken aus­ge­setzt. Seit­dem haben sich die Kräf­te­ver­hält­nis­se von der Kri­tik des Is­la­mis­mus hin zur De­nun­zia­ti­on der so­ge­nann­ten Is­la­mo­pho­bie ver­scho­ben. Der Vor­trag soll die his­to­ri­schen und ideo­lo­gi­schen Hin­ter­grün­de die­ser Ent­wick­lung be­leuch­ten.
An­dre­as Benl ist im Mi­de­ast Free­dom Forum Ber­lin aktiv und schreibt unter an­de­rem zum Kul­tur­re­la­ti­vis­mus und zur Op­po­si­ti­ons­be­we­gung im Iran.

18.​00 – 18.​30 Uhr
Ab­schluss­po­di­um und Dis­kus­si­on

Die Ta­gung fin­det an einem Sams­tag statt.
Ta­gungs­ort ist Raum 2002 des Haupt­ge­bäu­des der Hum­boldt-​Uni­ver­si­tät,
Unter den Lin­den 6, 10099 Ber­lin“

Der Ein­tritt ist frei, um Spen­den wird ge­be­ten.

Reread aus gegebenem Anlass: En attendant Walser


spiegel.de

„Auf die Frage, woran seine Frau gestorben sei, antwortete Marcel Reich-Ranicki: „An Deutschland. Um 11.00 Uhr.““ via Reflexion
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Ein deutsches Opfer“, 15. März 2010

„[D]er Jude war gewöhnlich die Schlange, die an den Wurzeln des Baumes saß und ihn zu zerstören suchte.“ George L. Mosse – Die völkische Revolution

Die Münsterländische Volkszeitung findet, ihr Name will es so, die Lektüre mache „es leicht, Walsers Gemütsbewegungen nachzuempfinden. Ein gekränkter Mann, der Satisfaktion will und später doch jedes Zusammentreffen mit Reich-Ranicki meidet. […] Seine Gefühle sind prompt und direkt wie die eines Kindes: Ich habe mich bemüht, ich habe versucht, etwas gut zu machen. Mir ist bitter Unrecht getan worden. Ich muss mich wehren. […] Hinzu kommen Probleme eines Familienvaters der alltäglichen Art: Geldknappheit, Sorgen um die vier Töchter.“ (Diesseits der Gefühle – Martin Walsers Tagebücher, Münsterländische Volkszeitung online)
Der Unhold mochte des redlichen Schriftstellers Werke nicht loben und so mächtig war er, der Ehrl-König, dass man nie wieder etwas vom Autor hörte. Einem am Hungertuch nagenden deutschen Familienvater wurde die Existenzgrundlage entzogen, aus purer Bosheit wurde ihm „bitter Unrecht“ getan. Da sieht man ihn doch geradezu vor des armen Mannes roh gezimmerter Kate stehen und erbarmungslos die Zinsen einfordern. „Lasst mir nur die Kuh“, ruft der Gepeinigte. „Nein“, sagt der Bösewicht hinterhältig grinsend. „Die Kuh wird geschlachtet.“ Ohrfeigen möchte ihn daraufhin der arme Mann, der sich nicht anders als mit roher Gewalt zu wehren weiß, er ist ja ohnmächtig und hilflos ausgeliefert, dem Mächtigen, dem Unangreifbaren, dem über die unbesiegbare Auschwitzkeule Verfügenden.
Also besser nicht ohrfeigen, lieber einen Brief schreiben, in dem man ankündigt, was man zu tun vorhat: „Das Publikum, vor dem Sie die Motive meiner publizistischen Arbeit diffamieren, kann ich nur erreichen, wenn ich gegen Sie prozessiere oder Sie ohrfeige. Da mir zum Prozessieren das Geld fehlt, bleibt mir nichts anderes als die Ohrfeige […]. Sie werden bitte, jetzt nicht auch noch die Geschmacklosigkeit haben, diese Ankündigung als Antisemitismus zu bezeichnen.“ (Martin Walser – Leben und Schreiben, 1974-1978, zitiert nach Judith Luig – Martin Walsers ewige Wunde Marcel Reich-Ranicki, Die Welt online, Hervorhebung J6ON)1
Abgeschickt hat er den Brief dann nicht, aber in den folgenden Jahren immer wieder (!) gelesen. Zweiundzwanzig Jahre später ‚zerriss‘ Der Kritiker ihn erneut. Man liest richtig: Der Autor war trotz des rücksichtslosen Vorgehens weder verhungert, noch hatte er seine Schaffenskraft verloren.
Marcel Reich-Ranicki meinte, Auschwitz käme in Walsers literarischen Erinnerungen „Ein springender Brunnen“ (1998) nicht vor, kritisierte treffend und zu Recht und täuschte sich trotzdem: Der Roman fasst alles zusammen, was den Deutschen Auschwitz jemals bedeutet hat und beschreibt es aus dieser Sicht deutlich und angemessen: „Unser Auschwitz“ (Walser), ein Nichts.
Walser warf Reich-Ranicki im Interview mit der Süddeutschen daraufhin vor, sein „großes Problem […] besteht darin, die Literatur zugunsten der Literaturkritik abzuschaffen.“ Und rückte das Täter/Opfer-Verhältnis im deutschen Sinne zurecht: „Die Autoren sind die Opfer, und er ist der Täter. Jeder Autor, den er so behandelt, könnte zu ihm sagen: Herr Reich-Ranicki, in unserem Verhältnis bin ich der Jude.“ (19./20.09.1998)
Ein wenig später weitete er den Vorwurf offiziell aus: „Bei mir stellt sich eine unbeweisbare Ahnung ein: Die, die mit solchen Sätzen auftreten, wollen uns wehtun, weil sie finden, wir haben das verdient. […] Alle Deutschen. Denn das ist schon klar: In keiner anderen Sprache könnte im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts so von einem Volk, von einer Bevölkerung, einer Gesellschaft gesprochen werden. Das kann man nur von Deutschen sagen. Allenfalls noch, so weit ich sehe, von Österreichern. Jeder kennt unsere geschichtliche Last, die unvergängliche Schande, kein Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten wird.“ (Martin Walser – Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede, 11.10.1998)
Woraufhin er sich von Ignatz Bubis verfolgt wähnte und auch das weiterhin jammernd überlebte; Bubis nicht, der wollte nach seinen Erfahrungen mit den Deutschen in Folge der Paulskirchenrede nicht einmal mehr hier begraben werde.
Vier Jahre später traute sich Walser bereits, Reich-Ranicki im „Tod eines Kritikers“ schrifthandwerkelnd ein wenig zu ermorden (wirklich tot sein durfte er nicht, er war ja ewig), aber nur weil er ihn so liebte: „Und da muss ich sagen, die Sache selbst, mit Reich-Ranicki, die war für mich nötig. Aber das war für mich ein ganz anderes Unternehmen als das, was dann daraus geworden ist. Da gehört für mich ganz wichtig dazu, ich kann nur schreiben aus Liebe. Und das mag grotesk klingen. Ich könnte mich nicht ein Jahr lang mit einer Figur beschäftigen, wenn ich sie nicht liebte.2 Und das ist unterschiedslos bei allen Büchern, die ich geschrieben habe der Fall. Und dann habe ich geschrieben, eine unglückliche verlaufende Liebesgeschichte zwischen einem Autor und einem Kritiker. Und ich habe den Kritiker groß gemacht. Ich habe ihn in die Ebene Kennedy, Chaplin, Franz Josef Strauß einrangiert [???]. Und dann habe ich gesehen, dass das alles völlig anders empfunden wurde und gewirkt hat, als ich das empfunden habe.“ (Martin Walser über den „Tod eines Kritikers“, FAZ-Video, März 2007, Transkript)
Und nun endlich, nach vierunddreißig Jahren, hat er den Brief doch noch abgeschickt, als Teil seiner Tagebuch-Veröffentlichungen. Vierunddreißig Jahre hatte er Zeit, seine Formulierungen zu überdenken – nochmal: „Das Publikum, vor dem Sie die Motive meiner publizistischen Arbeit diffamieren, kann ich nur erreichen, wenn ich gegen Sie prozessiere oder Sie ohrfeige. Da mir zum Prozessieren das Geld fehlt, bleibt mir nichts anderes als die Ohrfeige […]. Sie werden bitte, jetzt nicht auch noch die Geschmacklosigkeit haben, diese Ankündigung als Antisemitismus zu bezeichnen.“ Das kann man dann wohl kaum noch als eine „in der Hitze des Gefechts“ gemachte „schreckliche und letztlich törichte Formulierung“ entschuldigen, wie es Reich-Ranicki noch 1998 versuchte.
Der Welt jedoch verrät Martin Walser seine Vorstellung vom Paradies:
Man sollte dahin kommen, dass Kritiker nur noch über Bücher schreiben, die sie lieben […]. Dann wäre die Literaturkritik ein blühender Garten. Als Liebender ist man attraktiver denn als Urteilender.“ (Die Welt online, ebd.)
Dem deutschen Romanverfasser verdirbt die Kritik die paradiesische Heimat; wie die Schlange nagt der Kritiker an der Wurzel seines Literatur-Baumes, zersetzend wirkt er auf die schöpferische Kraft des deutschen ‚Großschriftstellers‘. Wer würde es wagen, ihn des Antisemitismus zu bezichtigen?

Recommended reading:
Matthias N. Lorenz – ‚Auschwitz drängt uns auf einen Fleck’. Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser
Stuart Parkes und Fritz Wefelmeyer (Hg.) – Seelenarbeit an Deutschland. Martin Walser in Perspective
Axel Schmitt – „Herr Reich-Ranicki, in unserem Verhältnis bin ich der Jude“. Martin Walsers „Tod eines Kritikers“ und das Antisemitismus-Spiel in den deutschen Feuilletons
George L. Mosse – Die völkische Revolution. Über die geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus
Joachim Rohloff – Ich bin das Volk. Martin Walser, Auschwitz und die Berliner Republik
Klaus Bittermann – Wie Walser einmal Deutschland verlassen wollte. Glossen über Querdenker de Luxe und andere Würstchen
Micha Brumlik, Hajo Funke, Lars Rensmann – Umkämpftes Vergessen. Walser-Debatte, Holocaust-Mahnmal und neuere deutsche Geschichtspolitik
Frank Schirrmacher – Die Walser-Bubis-Debatte. Eine Dokumentation

Update 26.03.10
Wie viele Seelen wohnen eigentlich, ach, in der Brust des deutschen Schriftstellers?
Walser über Reich-Ranicki, im Gespräch mit Dennis Scheck: „Ich spüre ein Recht darauf, diesen Menschen ein für allemal zu hassen!“ (03/2010)
Reich-Ranicki hat die Nase voll. In einem Interview teilte er mit, Walser habe ihm einem Brief geschickt und um ein Gespräch gebeten. Reich-Ranickis angemessene Reaktion: „Ich will das nicht. Ich habe mit ihm nichts zu tun. Schluss!“ Alle Medien, die die Agenturmeldung übernommen haben, missinterpretieren übrigens Walsers Aussage, Reich-Ranicki sei „eine Ikone der Liebenswürdigkeit“ völlig, deuten sie irrsinnigerweise als Versöhnungsbereitschaft, und haben auch sonst nur etwas über Walsers Leiden an Reich-Ranicki mitzuteilen. (Siehe z.B. BZ) Bis auf die „Bunte“, die mit beiden telefoniert hatte. Walser nämlich hängte an seinen Ikonen-Vergleich noch ein „Manchmal konnte [!] man fragen, ob er sich als Kritiker nicht ein bisschen überschätze…“ Die „Bunte“ merkte zu Recht an, das sei eine „Sehr seltsame Antwort, Herr Walser!“ Woraufhin der erwiderte: „Ich halte die Lakonie meiner Antwort für geglückt.“ (Bunte 13/ 25.3.2019) So geglückt wie seine Romane eben…

Ich aber bin nun zum ersten mal in meinen Leben im Besitz einer Ausgabe der „Bunten“, werde bis auf die halbe Seite zu Walser/ Reich-Ranicki nichts darin lesen (vielleicht doch das mit den eben nicht heimlichen liftings von wemauchimmer), weiß aber aufgrund der dem Heft beiliegenden Probe, dass Ms Karans neues Parfum Pure (laut homepage: „Ein Tropfen Vanille in Wasser“ – sicher doch!) aufdringlich, einfallslos parfumig, nicht aquatisch (thanks!) und tatsächlich auch noch nach Vanille (yuckie!) riecht.

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+ Later: Nachdrücklich zur Lektüre empfohlen: sonntagsgesellschaft.wordpress.com/2013/10/27/konkret-vs-marcel-reich-ranicki/

  1. Later: Die Ohrfeigen-Passage lautet wörtlich: „Ich sage Ihnen also, dass ich Ihnen, wenn Sie in meine Reichweite kommen, ins Gesicht schlagen werde. Mit der flachen Hand übrigens, weil ich Ihretwegen keine Faust mache. (…) Sie werden, bitte, nicht auch noch die Geschmacklosigkeit haben, diese Ankündigung und ihre gelegentliche Ausführung als Antisemitismus zu bezeichnen.“ (Zitiert nach Stuttgarter Zeitung online) Zur deutschen Auffassung von Satisfaktionsfähigkeit lohnt es sich dann wieder George L. Mosse, s.o., zu lesen. [zurück]
  2. cp. Eichmann in Jerusalem [zurück]

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+ Wie üblich coming soon: alles schon ewig Angekündigte + „‚Wo ist denn da die Erotik des Themas?‘ Die Deutschen und der Iran“ + Sollten Walser, Grass et al. … wie auch immer!

Letztes Pausenbild


My Wondrously Nightmarish Mind: Breeding Space I (Detail)

Aufgrund von Ausstellungsvorbereitungen geht es erst ab September (later: dann doch eher im Oktober…, noch später: im November aber definitiv… Dezember… Januar … errr März…) weiter, u.a. mit:

Meilensteine deutscher Vergangenheitsbewältigung VII: 20 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen

Und:

„Boys and girls come out to play/ What are we gonna destroy today?“ Der „Provokateur“ als Märchenonkel

Auszug:
Im Anhang zu Wolfgang Pohrts „Der Weg zur inneren Einheit. Elemente des Massenbewußtseins – BRD 1990“ geriert sich der Autor als Märchenonkel: „Vom gefräßigen kleinen Dummerchen, das ein Trauerkloß wurde und dann ein großer Wüterich“ (ebd. 285f). Bereits 1990 schien eine Michael Ende-Parodie anachronistisch, den vorhergehenden 284 Seiten und dem kurz darauf folgenden „Jahr danach. Ein Bericht über die Vorkriegszeit“ geschuldet jedoch war ‚man’ mehr als bereit, das zu ignorieren. Offensichtlich zu unrecht, denn der Puppenkisten-Jargon scheint als mögliches Versöhnungsangebot dann doch schon lange unter all dem Ichzeigseuch gelauert zu haben. Das ist alles andere als ungewöhnlich, sondern der übliche Lauf der Dinge. Fontanes deutsches Diktum „Wer mit 19 kein Revolutionär ist, hat kein Herz. Wer mit 40 immer noch ein Revolutionär ist, hat keinen Verstand“, sucht später oder meist früher jeden Bereitwilligen heim, umso deutscher je später es anklopft. Denn deutsche Revolutionen kommen immer später aber eben desto affirmativer.
Was auch immer man an Pohrts eigentlich kaum noch überraschenden Volten bemäkeln mag, am sympathischsten sind diejenigen, die er immer noch enttäuschen kann. Steilvorlagen sind üblicherweise etwas, das man zu Ungunsten des Liefernden auszulegen bereit ist; von Pohrt erwartete man aufgrund (oder gerade trotz!) dessen zeitweiser Salinger-Mutismus-Attitüde irgendetwas Relevantes. Spätestens nach dem Interview, das er dem darob triumphierenden Jürgen Elsässer gab, war jedoch klar, dass die Provokation auch für Pohrt andernorts vielversprechender erschien.
{…}
Wer nach dem 11. September 2001 sich keine Sorgen um die machte, die hierzulande aus rassistischen Gründen als Islamisten zu gelten hatten – beispielsweise alle als solche zu definiert haben werdenden Araber und Perser und Türken, die man oder auch nicht kannte, und die man aus der oktroyierten Verantwortung retten wollte, weil man wusste, dass die Attentäter sie unbedingt in Geiselhaft nehmen wollten – wer sich also keine Sorgen machte, hatte keine Freunde. Weil’s aber Deutschland ist, gab es mal wieder keine Individuen, und so hatten diejenigen, die nicht das Geringste damit zu tun haben wollten, Nichtfreiheiten von zu Nichts erklärten zu verteidigen. Deutschland erwies sich erneut als genauso deutsch, wie man es befürchtet hatte. Seinen Rassismus stellte man bloß deshalb hintenan, weil man sich ihm seit eh und je selbst ausgesetzt zu wähnen hatte. Am Ende kennt das „Deutsche Opfer“ vonwasauchimmer regelmäßig den einen Feind: „Die Juden“ und jeden von ihnen „Beeinflussten“. Dass die Deutschen konstant bereit sind, selbst ihren Rassismus zu(un)gunsten ihres Antisemitismus zu suspendieren, sollte jedem zu denken geben, der im „Antiislamismus“ (der u.a. deswegen keine neue Kategorie definiert, weil er eben nichts anderes ist als der übliche Rassismus respektive z.B. die alte Furcht vor der „Gelben Gefahr“) den „neuen Antisemitismus“ zu erkennen Willens ist.

Und:

„Fault-il brûler Wertmüller?“ Toward the end of fashion

Auszug:
In dem unangenehm überbewerteten Film „The Social Network“ wird behauptet, Mode könne kein Ende erreichen. Im „The Social Network“-Universum aber existiert so etwas wie Mode jenseits von H&M-Artigem nicht einmal; dort erschöpft sie sich in männlicher (!) Schlampigkeit, die das Gegenteil von einem Versprechen sein darf und trotzdem beleidigt, und allerbilligstem Groupie-Style. Selbst Dascoolemädchen (das große Versprechen seit der Dietrich in Sternbergs „Morocco“ oder Miriam Hopkins in Lubitschs „Design For Living“, der bezopften Monroe in Hustons „The Misfits“, aber spätestens seit Jean Seberg in Godards „À bout de souffle“), dessen Auftreten erst einmal allen zuvor im Film aufgetauchten Klischees von Weiblichkeit zu widersprechen scheint, ist diverse Male zu blöde, eine Flasche aufzufangen. Jean Seberg hätte das mit links und seilhüpfend gekonnt, Edie Sedgwick auf einem wie auch immer induzierten Trip kopfstehend, diverse Frauen in diversen Filmen jederzeit. In „The Social Network“ tragen alle und alles mehr oder weniger das enttäuschende Top. Selbst Harvard hat es an, zwar kein schwarzes, aber ein immerhin mahagoni-, champagner- oder hautfarbenes. Die sepiafarbenen Harvard-Szenen kommen trügerisch auf betulich altmodische Art verführend daher. Darunter köchelt der gelangweilteste und langweiligste Exzess mindestens der Filmgeschichte, bis alle erdenklichen Flüssigkeiten verdampft sind. Sollte es tatsächlich David Finchers, der seit „Fight Club“ auch nur noch und schon davor manchmal gelangweilt hat, Intention gewesen sein, Erotik filmisch endgültig zu demontieren – chapeau! Und ganz gewiss ist Facebook als Website derart langweilig designed und uniformierend, dass… egal. Aber so kann das im ‚wahren Leben’ geschehen, im Film hat es aufregender gestaltet zu werden, weil Film alles kann.
Fraglos gibt es ein Ende von Mode, im Sinne von möglich erscheinenden Schnittvariationen – und mittlerweile ist es erreicht worden. Mode kann zwar noch beeindruckend, aufregend oder schön sein, aber keinerlei Fortschritt mehr erfahren – die Grenzen sind ausgereizt, von überwältigender Opulenz bis zum Nichts hat es nunmehr alles gegeben. Insofern können die Selbstzerstörungstendenzen (die von Mode sind ebenfalls bereits erledigt, letztens erneut und sehr hübsch durch Victor und Rolf in ihrer Abendkleid meets Locher-Kollektion) von Designern wie Galliano (Vernichtungsphantasien) bis Lagerfeld (Werbung für so gut wie alles) nicht erstaunen. Der Körper als Projektionsfläche für Künstler oder Couturieurs hat ausgedient. Als seine Grenzen zu übertretende Fläche (Schönheitschirurgen schnüren Grenzen bloß noch enger und so genannte Geschlechtsoperationen werden einfach nur unerschwinglich, wenn die gesellschaftlich akzeptierten und von frustrierten Psychiatern bestätigt zu haben werdenden Grenzen in Frage gestellt werden könnten) gilt er nur noch sadistischen oder im Auftrag handelnden Folterern, Rassezüchtern oder Menschenmaterialverbessernden und dergleichen Irrsinnigen, die sich in ihrem Wahn auf immer eins mit allen und allein wähnen müssen. Der einzige Ausweg für Haute Couture wäre (nach erzwungener Anorexia nervosa respektive Bulimie in all ihren möglichen Erscheinungsformen, im Kontext immerhin: body follows fashion), die ihr vom Körper gesetzten Grenzen aufzugeben – das wäre möglich in Richtung invasiver Strategien (wie es z.B. von Selbstverletzungskünstlern – die selbst schon lange nichts fundamental Neues mehr zu bieten haben, dazu später mehr – allerdings bereits vorgemacht wurde, und worauf Heidi Klums gegeißelte und flagellierende Hofdamen längst vorbereitet werden) oder indem man einfach gleich Rauminstallationen, Performances und/ oder Videokunst inszeniert – wo es ebenfalls bereits alles Grundlegende gegeben hat. Prêt-a-porter müsste sich bloß an Stelle von Haute Couture setzen, und die Modeketten könnten schließlich mal all die sensationellen Ideen und Träume der letzten fünfzig Jahre unkaschiert und nicht verharmlost in die Fußgängerzonen transportieren.
Aber natürlich liegt Wertmüller in wenigstens einer Hinsicht richtig. Nicht insofern, als er ‚Antifa-Mode’ als geschlechtliche Gleichmacherei beklagt; das ist nun wirklich kein Problem. Albern ist nur, dass sie die beispielsweise auf Demonstrationen etc. meist sinnvolle Uniformierung des Individuums (welchen Geschlechts auch immer!) unbedingt anspruchsvoll oder -los in jeden Bereich tragen möchte; und bedingt kann das ebenso ansprechend sein, sofern es nicht Luxus oder Schönheit verachtend, gruppenzwanghaft und mit einem moralischen Impetus geschieht oder den pausenlosen Ernstfall nachdrücklich und ununterbrochen verbissen signalisieren soll etc. Dennoch: Die Möglichkeiten von Polemik werden dann suspendiert, wenn man sich mit ihren Mitteln als Opfer und sei es bloß als das ästhetischer Konventionen ausgibt.

Grundlegendes 22: D-Day



June 6, 1944

“Denn in der Tat hat Deutschland den Pazifismus diskreditiert und ad absurdum geführt, indem es praktisch vorgeführt und damit empirisch bewiesen hat, daß es Schlimmeres geben kann als den Krieg; daß Schrecken möglich sind, von denen nur eine starke Armee befreit. Deutschland selbst unter den Nazis war dieser Schrecken, gegen den es kein Mittel als Bomberflotten und Panzerverbände gab. Die Armee als wahren Sachverwalter und Vollstrecker der Menschlichkeit in die Weltgeschichte eingeführt zu haben ist das verhängnisvolle Verdienst dieses Landes. Es hatte in seinen Vernichtungslagern Millionen Menschen Grund gegeben, den Angriff durch Bomber und Kampfflugzeuge herbeizusehnen, weil der wahrscheinliche Tod im Bombenhagel die Rettung vor dem sicheren und unendlich qualvolleren Tod in der Gaskammer war.”
Wolfgang Pohrt – Gewalt und Politik, 126

15. April: Liberation of Bergen Belsen

Richard Dimbleby reporting from Bergen-Belsen April 1945 Part 1/ Part 2
„I passed through the barrier and found myself in the world of a nightmare.“

Pausenbild V

Das ist kein Paradigmenwechsel in der Erinnerungskultur – das ist eine Paradigmenergänzung, die uns ermutigt: Das, was mehrfach in der Vergangenheit gelungen ist, die Herausforderungen der Zeit anzunehmen und sie nach besten Kräften – wenn auch nicht gleich ideal – zu lösen, ist eine große Ermutigung auch für die Zukunft. Wie also soll es nun aussehen, dieses Land, zu dem unsere Kinder und Enkel “Unser Land” sagen sollen?” (Joachim Gauck – Antrittsrede, 23.3.2012)

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(D Day)

‚Ich kann beim besten Willen keinen Antisemitismus erkennen‘. Re: Kay Sokolowsky – Massenware Mythologie. Eine Kritik des Fantasy-Genres, Konkret 3/2012

Eine Vielzahl literarischer Genres wurde im 18., 19. und 20. Jahrhundert vor allem von Briten oder Franzosen (und später Amerikanern, früher z.B. von Skandinaviern) ‚erfunden‘, häufig aber irgendwie in Kollaboration beider. Die Deutschen spielten höchstens als ‚Stimmungsmacher‘ eine weltweit zumindest registrierte (Romantik – und in der Form sehr oft ironisierte, cp. William Wilkie Collins, Jane Austen et al.) Rolle.
Kay Sokolowsky irrt sich, wenn er schreibt, dass die Fantasy den „tiefverwurzelten Antisemitismus der Romantiker“ nicht adaptieren mochte und das damit begründet, dies läge vermutlich daran, „daß die Erfinder der Gattung – Henry Rider Haggard, William Morris und Lord Dunsany – aus England kamen.“ (53)
Zum literarischen Genre Fantasy kann hier mangels relevanter Leseerfahrung nichts gesagt werden. Dennoch: Bereits die Erinnerung an die Lektüre von J.R.R. Tolkiens „Lord of the Rings“ vorsehrvielenjahren lässt ahnen, dass es in Fantasy-Romanen neben dem von Sokolowsky ganz offensichtlich zu Recht konstatierten Rassismus auch antisemitisch geprägte Figuren gibt. Da Fantasy-Romane jedoch weitestgehend von als fantasiert (oder im schlimmeren Falle und von den Lesern oft als solche empfundenwerdensollende ‚authentisch’) ausgestellten „Rassen“ bevölkert sind, ist Rassismus wesentlich einfacher nachzuweisen (‚Lichtfiguren‘ vs ‚Dunkelwesen‘) als Antisemitismus (later: mehr zum Thema im Kommentar von Cyrano!).
Der von Sokolowsky aufgezählte Rider Haggard war anhaltend prägend allerdings vor allem mit seinen Abenteuer-Romanen (Spielbergs und Lukas’ „Indiana Jones“ beispielsweise basiert unübersehbar auf Haggards „Allan Quartermain“). Und in einem literarischen Kosmos, in dem (kulturelle etc.) ‚Identitäten’ in der vom Autor erfahrbaren Realität wenigstens noch gründen, tritt die sonst (auch – denn das Genre dient ebenso oft dem erfolgversprechenden Transport dessen, was man als Tabu betrachtet wissen will) dem Genre geschuldete Verklausulierung offen zutage.

Im allgemeinen ist dabei immer von >jüdischem Selbsthaß< die Rede – eine fragwürdige Bezeichnung, da sie nahelegt, den Ursprung in der Psyche der Juden zu verorten, statt ihn im Antisemitismus der Nicht-Juden zu suchen. Was als >jüdischer Selbsthaß< firmiert, wäre vielmehr als ein Nachgeben dem Antisemitismus gegenüber zu begreifen – das allerdings als Verinnerlichung bis zur Selbstzerstörung führen kann, wie bei Otto Weininger, den {Karl} Kraus verehrte.
Gerhard Scheit – Jargon der Demokratie. Über den neuen Behemoth (225)
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Reprise (cp. „The Occupation Wasn’t Televised“):
Henry Rider Haggard, der selbst aus einer jüdischen Familie stammte, war unverhohlener Antisemit und ließ in seinem gegen Ende des 19. Jahrhunderts erschienenen Roman „She“ die über zweitausend Jahre alte, unvorstellbar weise, weiße und ihr eigentlich adäquatem Luxus entsagende Gottkönigin (sie stirbt erst, als sie ihr Begehren erfüllen will!) eines im afrikanischen Urwald versteckten Volkes ihren Hass auf die Juden mit antisemitischen Stereotypen bebildern (der ebenso offensichtliche Rassismus Haggards lässt im Gegensatz zu seinem Antisemitismus jederzeit den ‚edlen Wilden’ oder insbesondere die ‚edle Wilde’ als Ausnahme oder unverstellten Ursprung zu). Der Wissenschaftler und ostentative Christ Holly, der sich unsterblich in „She“/ „Ayesha“ (Ayşe, türkisch-arabisch: lebhaft, lebensfroh, lebend, lebendig), die natürlich nach wie vor strahlend schön ist, verliebt, seufzt nur zustimmend und hat nun endlich eine Erklärung für den einzigen Mangel, den er an ihr entdecken kann – ihre Grausamkeit und Mordlust: Die Juden sind schuld:
„Ah, the fierce-hearted wolves,“ she said, „the followers of Sense and many gods – greedy of gain and faction-torn. I can see their dark faces yet. So they crucified their Messiah? Well can I believe it. That He was a Son of the Living Spirit would be naught to them, if indeed He was so, and of that we will talk afterwards. They would care naught for any God if He came not with pomp and power. They, a chosen people, a vessel of Him they call Jehovah, ay, and a vessel of Baal, and a vessel of Astoreth, and a vessel of the gods of the Egyptians – a high-stomached people, greedy of aught that brought them wealth and power. So they crucified their Messiah because He came in lowly guise – and now are they scattered about the earth? Why, if I remember, so said one of their prophets that it should be. Well, let them go – they broke my heart, those Jews, and made me look with evil eyes across the world, ay, and drove me to this wilderness, this place of a people that was before them.“
Rider Haggard – She, 1887
Dass das nicht bloße Figurenrede ist, (die auch in aktuellen Diskussionen allzu oft ohne Berücksichtigung des Kontexts oder bloß pseudorebellisch vorschnell exkulpiert wird) ist Haggards nichtfiktionalen Texten zu entnehmen, die Wendy Roberta Katz in „Rider Haggard and the Fiction of Empire“ dokumentiert hat. Rider Haggard machte später die Juden außerdem für beispielsweise die Morde an den Romanows, die Folterung und Hinrichtung Jesus Christus und die Russische Revolution verantwortlich machte, für die weltweite Ausbreitung des Bolschewismus und für die Massaker an den amerikanischen ‚Ureinwohnern’ („The States at the moment are being swamped by immigrants, an enormous part of whom are Jews from Central Europe, and does not know how to stem the torrent, although it does not desire to have more jews in the country where the native americans are vanishing under a flood of aliens.“ Zitiert nach Wendy Roberta Katz ebd., 150f).
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However, in Victorian England, the more violent strand of anti-Semitism had begun to ebb away as the British Empire arrived at its apogee. Nineteenth-century Britain was transformed into the manufacturing hub of the industrial world and the global market. The formal emancipation of the Jews in 1858, the election of a converted Jew, the exotic and unconventional Benjamin Disraeli, as prime minister, and the veritable rise of aristocratic dynasties among the Anglo-Jewish elite pointed to the emergence of a more liberal dispensation.
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad, 365

Während, wie Wistrich beschreibt, die Juden im viktorianischen England nach den Pogromen seit 1144 und ihrer vollständigen Vertreibung aus England im Jahre 1290 (‚zurückkehren’ durften sie erst in den 1650ern) endlich einen Platz in der (städtischen) Gesellschaft zu finden schienen, zeigte sich das anhaltende Ressentiment in einer Welle antisemitisch gezeichneter Figuren in der britischen Literatur. Sie sind zu finden selbst bei so renommierten Autoren wie Charles Dickens, Anthony Trollope und George Eliot (die allerdings infolge ihrer Bekanntschaft mit dem frühen Zionisten Immanuel Oscar Menahem Deutsch einen radikalen Meinungswechsel vollzog, der ihren letzten Roman „Daniel Derronda“ unüberlesbar beeinflusste). Allen voran aber ist die Gothic Novel, die unbestreitbar von den Briten aus der Taufe gehoben wurde, bereits in ihrer frühen Phase im 18. Jahrhundert (z.B. Charles R. Maturins „Melmoth the Wanderer“) insbesondere aber seit ihrer Renaissance ab Mitte des 19. Jahrhunderts bevölkert von antisemitisch stereotypisierten Charakteren, mit von nicht explizit als Juden bezeichneten wie in Bram Stokers „Dracula“ (cp. Judith Halberstams „Skin Shows: Gothic Horror and the Technology of Monsters“ und Carol Margaret Davisons „Anti-Semitism and British Gothic Literaturel“) oder unverhüllt wie in den Romanen Joseph Sheridan LeFanus oder der einzigen Gothic Novel der Amerikanerin Louisa May Alcott („A Long Fatal Love Chase“). Der Einfluss setzt sich fort in den von der Gothic Novel maßgeblich beeinflussten Horror-Erzählungen Algernon Blackwoods etc. pp.
Der Gothic Novel-Autor und nebenbei anerkannte Erfinder der Detective Novel („The Moonstone“), William Wilkie Collins war übrigens kein Antisemit und in allen seinen vielen Romanen ist eine einzige antisemitische Passage zu finden, die jedoch ist tatsächlich Figurenrede, geäußert von einem als ausgesprochen albern und oberflächlich gezeichneten Charakter (Zack Thorpe in „Hide and Seek“).
Auf der anderen Seite verabscheute der Brite H.G. Wells, neben Jules Verne Begründer der Science Fiction, ‚die Juden’, was seinen Romanen auch zu entnehmen ist.
Und so weiter und so fort.
Antisemitismus war und ist ein fast weltweit mörderisches Phänomen. Es hat mittlerweile weltweit Eingang in die Literatur gefunden; es hat Genres beeinflusst und über deren Maßen befördert.
Dass aber eben der Antisemitismus der Deutschen – im Gegensatz zu beispielsweise dem der Briten – sie Auschwitz schaffen ließ, lag auch daran, dass die Deutschen nichts haben zu dürfen glauben wollten außer ihrem Antisemitismus. Daran, dass sie sich unbedingt permanent als Opfer wähnen wollten. Dass sie sich noch, als sie ihre Opfer ausplünderten, im Gedränge triumphierend bescheiden und nicht mehr als das ihnen als wenig erscheinen zu habend Zustehende rechthaberisch und aufopferungsvoll einfordernd geben wollten. Das war ihr einziger Traum: Dabei endlich über Leichen gehen zu dürfen.
Die selbst nach dem leider bloß angeblich verlorenen Krieg ungebrochene Gefahr deutscher Ideologie liegt vor allem in dem ‚deutschen Erfolg’, den sie penibel registrierten, in der Erfüllung des Traums jedes Antisemiten, in dem Verbrechen, für das sie nie bestraft wurden.
Alles Relevante zum Thema kann man wie üblich nachlesen bei Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Jean Améry, Saul Friedländer, George L. Mosse, Alfred Sohn-Rethel, Detlev Claussen, Robert S. Wistrich, Moishe Postone, Joachim Bruhn, Frank Stern, Gerhard Scheit, Daniel Jonah Godhagen, Robert G. Moeller, Saul K. Padover, Klaus Briegleb, Tjark Kunstreich, Eike Geisel, Wolfgang Pohrt, Christian Schultz-Gerstein, Robert Gellately, Nicolas Berg etc. pp.

Pausenbild IV

Buchjournal: „Was nützt es uns, wenn wir uns der Vergangenheit vergewissern?
Thea Dorn: „Ein Land, das 99 Prozent seiner Geschichte vergisst, kann nicht vital und zukunftsfähig sein. Mein Haupteindruck von der gegenwärtigen Gesellschaft ist eine furchtbare Verzagtheit, Ratlosigkeit, fast kindliche Hilflosigkeit, ein ängstliches In-die-Zukunft-Blinzeln, vor lauter Problemen sehen wir den Wald nicht mehr. Es gibt keinen Lebensmut und keine Energie, und das, obwohl Deutschland in der Mitte Europas gut aufgestellt ist.“
{…}
Und was ist für Sie „typisch deutsch“? Unter allen Kommentatoren verlosen wir 1 Exemplar von Thea Dorns und Richard Wagners Buch „Die deutsche Seele“!
Die Kommentarfunktion finden Sie weiter unten.

„Was heißt es, deutsch zu sein?“ Thea Dorn und Richard Wagner im Interview mit dem Buchjournal

Korrekturvorschlag:
Wie im Interview erneut belegt wird, ist es xxxx, sich permanent als Opfer von allem möglichen auszustellen. Die adäquatesten Kommentare zu den xxxx hat Eike Geisel verfasst, u.a. den folgenden:
„Die xxxx hatten zwar den Krieg verloren, sollten aber als Vernichtungsgewinnler aus ihm hervorgehen, indem sie den Ermordeten noch die Rolle des Opfers stahlen.“

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Recommended reading:
Joachim Bruhn – Was deutsch ist

Deutschland im November 2011 III: Das Lichtlein am Ende des deutschen Tunnels ist ein Fackelzug…

Als hätte die Zwickauer Zelle die Anschläge von Combat 18 kopiert. 1999 {!} bombte Combat 18 in Londons Straßen. Die Waffe – Nagelbomben. Das Ziel – Einwanderer und Schwule. Die Waffe in der Kölner Keupstraße – eine Nagelbombe. Das Ziel – Einwanderer. Die Übereinstimmung zwischen den Netz und dem Zwickauer Trio sind erschreckend. Und so wie sie in allen Blood-and-Honour-Terroranleitungen stehen. Man soll Anschläge gegen Einwanderer verüben, keine Bekennerschreiben hinterlassen, in kleinen Zellen arbeiten, Nagelbomben einsetzen und Listen von möglichen Opfern erstellen.
Monitor, 24.11.2011 (u.a. wurden in der Sendung Verbindungen des „NSU“ zu „Blood an Honour“ nachgewiesen)

Die unermüdlich und letztlich von fast allen Seiten (nahezu ausschließlich im Umfeld der Ermordeten wurde verzweifelt auf der Unschuld der Opfer bestanden – die in der deutschen Öffentlichkeit zynisch irgendwann nur noch als Nummern in der ebenso kalt wie grausam so benannten „Döner“-Mordserie gehandelt wurden, im- oder explizit selbst zu Tätern erklärt; die Benennung der Ermittlungsgruppe schloss sie mit ein: „Bosporus“1) vorgetragene Formel, man habe nicht von rechtem Terror ausgehen können, weil keinerlei Bekennerbriefe vorlagen, verweist vielfach zurück auf die Motivation und das alltägliche Handeln beziehungsweise die mindestens bequeme Ignoranz der sich damit nichts als Exkulpierenden. Zwar zutreffend aber die tatsächlichen Konsequenzen bereitwillig ausblendend wird schonmal vom „alltäglichen Rassismus“ gesprochen, der womöglich zur Mordserie oder zum Serienmord beigetragen habe. Von Einstellungs- und Vermietungspraktiken ist dann die Rede, die Personen mit so genanntem „migrantischen Hintergrund“ benachteiligen, woraufhin sich schnell diverse Deutsche einfinden, die das entweder übertrieben finden, weil es ihnen auch schonmal passiert sei oder solche, die es eben deswegen schlimm finden. Das Dilemma der Veranschaulichung wird hier evident. So sorgt das Pathos der Nachvollziehbarkeit regelmäßig dafür, dass der gerade noch erfahrbare Alltag Zurückgewiesener zum Maßstab von „Deutschem Mitleid“ wird. Das großzügigste Eingeständnis lautet dann, dass den Deutschen ‚fremdartig’ Erscheinende gravierend häufiger denn als ‚Volksgenossen’ identifizierte in jeglicher Hinsicht abgewiesen werden.
Diese Praxis wurde unter anderem geschult an Pfarrer Martin Niemöllers, zum Bonmot geratenen:
Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.

Niemöller meldete sich noch 1939 als „Ehrenhäftling“ aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen heraus als Freiwilliger zur Teilnahme am soeben in Polen begonnenen Vernichtungsfeldzug, um das ihm nach wie vor als Vaterland geltende Deutschland verteidigen zu dürfen und meinte später im von den Alliierten „besetzten Deutschland“ Verhältnisse feststellen zu müssen, „die auf Schritt und Tritt an die hinter uns liegenden Schreckensjahre erinnern“ oder behauptete, „manche durch die Besatzungsbehörden zu verantwortende Zustände und Maßnahmen seien ‚selbst unter dem Naziregime niemals gewesen’“ (Wikipedia). Bezeichnend im Text sind diejenigen, die nicht genannt werden. Niemöller war weder Kommunist noch Sozialdemokrat noch Gewerkschafter sondern deutscher Christ – dennoch: Allen Erwähnten gestand er die Möglichkeit zu, als Deutsche Opfer zu leiden, an der Katastrophe, die die Nationalsozialisten seinem Deutschland bereitet hatten. Diejenigen, die von Anfang an im Zentrum der Vernichtungspropaganda standen: die Juden ignoriert der Antisemit Niemöller, und außerdem die so genannten „Zigeuner“, die Homosexuellen oder die „Asozialen“. (Natürlich wurde eingewendet: Auch die Katholiken, darauf muss man allerdings aus naheliegenden Gründen nicht eingehen…) Antisemitismus und Rassismus unterscheiden sich zwar grundlegend, trotzdem sind Antisemiten zumeist auch Rassisten (in welcher Erscheinungsform auch immer), und Niemöllers Veranschaulichungsvierzeiler diente seit jeher auch dazu, alles von sich zu weisen, was mit Deutschem Mitleid nicht kompatibel war und immer noch nicht ist.

Das ist eine Schande, das ist beschämend für Deutschland.“ Angela Merkel, 2011

Wir sind zutiefst beschämt“. Bundesrat, 2011

Jenseits davon, dass man sich hierzulande ganz gewiss erschrocken an die weltweiten Schlagzeilen nach den rassistischen Morden zu Beginn der 1990er erinnert und erleichtert daran, dass der erste allgemein warnende Aufschrei dem Standort Deutschland galt, trägt Niemöllers – wie die Praxis im „Dritten Reich“ bewies – abwegige Drohkulisse dazu bei, auch ein wenig selbst Opfer sein zu dürfen. So oder so: Die Kommentarspalten in allen Medien liefern die Belege für noch die absurdesten Teilhabeversuche, darunter besonders häufig der ebenso abwegige – es reicht ein Blick auf unzählige Schlagzeilen der letzten Jahre – Vorwurf, dass man von Deutschen Opfern niemals spräche.
Terror aber, so meint man jetzt erst gelernt zu haben, kommt auch ohne triumphierende ad hoc Bekennerschreiben aus, rechter Terror wenigstens. Als sei er nicht deutscher Alltag seit Jahrzehnten, zum Beispiel in den „No Go Areas“ deutscher Städte oder an jeder roten Ampel, die sich „illegal“ in Deutschland aufhaltende Menschen nicht zu ignorieren trauen. Terror läuft – verkürzt – darauf hinaus, durch Gewalttaten respektive –androhung Angst und Schrecken einzujagen und die Gemeinten einzuschüchtern, abzuhalten oder zu eliminieren, während die Nichtgemeinten durch ihn entweder befriedet oder befriedigt (oder erstmal aufgeweckt) werden sollen. Wenn in Deutschland nun von einer neuen Dimension rechtsextremen Terrors die Rede ist, so gilt das bloß für das, was das deutsche Veranschaulichungspotential gerade noch hergeben mag. An den Außengrenzen der EU, auf deutschen Flughäfen, auf Polizeistationen nämlich wird das mindestens verbale Einjagen von Angst und Panik (und immer wieder auch das tätliche und das Morden) zu Zwecken der Abschreckung regelmäßig praktiziert. Ohne, dass man triumphierende Bekennerschreiben ablieferte – die „Erfolge“ werden wenn überhaupt eher beiläufig oder in Statistiken versteckt mitgeteilt. Das Einverständnis der Deutschen voraussetzend, und zwar zu Recht. Das gnadenlose Placet für beispielsweise zehntausende Tote an den Grenzen zur Europäischen Union. Mehr zu diesem Aspekt und darüber hinausgehendes ist bei Nichtidentisches – „Shocking: Nazis auf einmal Terroristen – was ging schief im Wintermärchen?“ zu lesen.
Durch die rassistischen Morde des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ – der eben vornehmlich das Produkt der so beförderten Vorstellung ist, man vollstrecke bloß den als insgeheim ausgestellten Volkswillen – müsste eigentlich für jeden der Terror sichtbar werden, den bisher alle deutschen Regierungen für die Aufrechterhaltung der Integrität der immer noch vorwiegend völkisch definierten deutschen Nation in Auftrag gegeben haben. Er wird es nicht!
Stattdessen schämt man sich mal wieder und leidet erneut an der Schande, die flugs aus dem dann doch ganz gerne nachvollzogenen Alltagsrassismus („Man wird doch wohl noch…!“) Suspendierte über Deutschland gebracht haben – ganz offiziell und mit höchsten deutschen Weihen versehen (sogar von Entschädigungszahlungen ist die Rede, ganz schnell diesmal und darauf setzend, dass die damals um Jahrzehnte verspätete geizige Geste schonmal zum Weiterziehen des Schlussstrichs beitrug) und demnächst sicherlich wieder irgendwie noch kollektiver. Das bloß einheitsstiftende Potential der Lichterketten wird bereits wieder herbeigesehnt, denn nichts erscheint schlimmer, als sich jetzt nicht kollektiv als die Guten beweisen zu dürfen. Der Bundestag, der zuletzt in zuvor unvorstellbarer Einmütigkeit (mit allen Stimmen aller Fraktionen: CDU/ CSU, FDP, SPD, Grüne, Die Linke) Israel für letztendlich die (wie dann sogar die UN befanden rechtmäßige) Verteidigung gegen erklärtermaßen gewaltbereite Personen, die in aller Öffentlichkeit zum Beispiel „Tod den Juden“ gesungen hatten, verurteilte („An dieser Stelle verzeichnet das Protokoll der Sitzung „Beifall im ganzen Hause„.), einigt sich nun ebenso einmütig auf die Verurteilung des mörderischen Neonazismus. Das anständige Volk in Form des Spiegel-Kolumnisten Jakob Augstein („Es ist eine Erleichterung, dass die Abgeordneten aller Fraktionen sich in dieser Woche in eine demokratische Lichterkette eingereiht haben – weil die Bürger es nicht tun.Spiegel.online) oder eines FAZ-Korrespondenten jedoch wünscht sich eine an- oder beschaulichere Bestückung der „nationalen Kuschelecke“ (Eike Geisel): „Der Fall hat die Politik in eine Art Starre des Entsetzen versetzt. Mehr als drei Wochen sind seit dem Tod des Terror-Duos Böhnhardt und Mundlos in ihrem Wohnmobil vergangen. Doch die Staatsspitzen haben noch immer keinen passenden Ton, keine tröstlichen Gesten gefunden. Nichts ist geschehen, um Opfer, Hinterbliebene und die fassungslose Öffentlichkeit zu einer trauernden, aber demokratische Wehrhaftigkeit demonstrierenden Gemeinschaft zu fügen.“ (FAZ.online)
Opfer, Hinterbliebene und die fassungslose Öffentlichkeit zu einer trauernden, aber demokratische Wehrhaftigkeit demonstrierenden Gemeinschaft“ zusammenzufügen, ist auch eine urdeutsche ‚Utopie’: Immer wieder werden hierzulande die Toten aus den Gräbern gezerrt, um für irgendetwas herzuhalten, um völlig undifferenziert an ihnen und mit ihnen zu leiden zu dürfen, um eine perverse Inszenierung der Lebenden, die die „Toten beneiden“ werden aufzuführen. Den Toten jedoch, deren Ermordung Schande übers Volk gebracht hat, wird in Deutschland mit der „Ungeduld des Herzens“ (Stefan Zweig) begegnet: „Es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mitleiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens vor der eigenen Seele. Und das andere, das einzig zählt – das unsentimentale, aber schöpferische Mitleid, das weiß, was es will, und entschlossen ist, geduldig und mitduldend alles durchzustehen bis zum Letzten seiner Kraft und noch über dies Letzte hinaus.“ Dass die Deutschen in ihrer Erscheinungsform als Volk zu letzterem nicht bereit sind, haben sie in ihrer Geschichte unzählige Male bewiesen. Beispielsweise vor zwanzig Jahren, nach der damals auch schon neuen und bis dahin unvorstellbaren Dimension rechten Terrors, als sie – „die Reihen fest geschlossen“ – im „Aufstand der Anständigen“ so lange Händchen gehalten und sich im Licht der Kerzen vorteilhaft beleuchtet gefühlt hatten, dass es ihnen dann doch schon wieder zu bunt in der Republik wurde. Und zu voll, all die vielen Menschen auf den Straßen, denen man die eigene scheinheilige Empörung und den schrecklich sentimentalen Willen zur Pflichterfüllung am Gesicht ablesen konnte.

Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Wenn ich merke, daß sich in mir etwas dagegen wehrt, versuche ich, die Vorhaltung unserer Schande auf Motive hin abzuhören und bin fast froh, wenn ich glaube, entdecken zu können, daß öfter nicht mehr das Gedenken, das Nichtvergessendürfen das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken. Immer guten Zwecken, ehrenwerten. Aber doch Instrumentalisierung.
Martin Walser, 1998

Scham und Schande sind Begriffe, die sowohl eigenes Opfertum als auch ihre irgendwann unbedingt nötig erscheinende Abwehr implizieren. Mit ihnen wird das eigentliche Opfer selbst zum Täter erklärt. Durch seine bloße Existenz war es in der Lage, aus den ‚Ausauschwitzallesgelernthabenden‘ die „Unbelehrbaren“ zu exzerpieren. Auf die „peinliche Ergriffenheit“, auf die Sentimentalität folgt regelmäßig die „Ungeduld“, die „instinktive Abwehr“, der laute Applaus für den nächsten Brandstifter, der das Volk vom Mitleiden mit ‚den Anderen’ zu befreien verspricht und das Leiden der Deutschen an ihnen und an Wasauchimmer erneut zur Priorität erklärt. Spätestens in diesem Moment greift das Ressentiment. Die Entlarvung der perfiden und höchstoffiziellen Wortwahl im Kontext der Ermordung völlig wehrloser Menschen wird in der Zeit geradezu genervt klingend konstatiert: „Dass dies nach so vielen Tagen {?} endlich aufgefallen ist, ist wieder einmal dem Zentralrat der Juden in Deutschland zu verdanken. Schließlich haben Deutschlands Juden ihre eigenen Erfahrungen mit symbolischen Ausgrenzungen gemacht, die dann nicht im Serien-, sondern im Massenmord endeten. Und es ist ihren Repräsentanten, hier dem Vorsitzenden Dieter Graumann, zu danken, dass sie auch für die heutigen Opfer von Ausgrenzung immer wieder Stellung beziehen – wobei die der Juden ja nicht aufgehört hat. Und sie tun es meist früher als die übrige sogenannte Mehrheitsgesellschaft. Besser wäre es freilich, „wir“ hörten auch die entsprechenden Hinweise der türkischen und Migrantencommunities, an denen es auch diesmal nicht fehlte. Noch besser wäre, es würde auch ohne diese Hinweise etwas kritischer hingesehen.“ (Zeit.online)


Deutschland 1990, 1991, 1992: „In Eberswalde lässt man monatelang die Ermittlungen gegen Skinheads schleifen, die den Angolaner Antonio Amadeu Kiowa totgetreten hatten. Polizisten hatten zugesehen und waren nicht eingeschritten. Fünf der Täter werden Mitte September verurteilt, von denen kein einziger glaubhaft Reue zeigt. Sie kommen mit Strafen zwischen zwei und vier Jahren davon.

Was auch immer in nächster Zeit von den Deutschen zur Überwindung ihrer Schamgefühle veranstaltet werden sollte, es wurde bereits adäquat kommentiert; denn solange niemand bereit ist, die einzig relevante Konsequenz aus dem mörderischen Treiben deutscher Volksgenossen (und zwar nicht nur in deren Namen sondern mit ihrer im- oder expliziten Billigung), zu ziehen, gilt nach wie vor Folgendes:

Für all diese widerwärtigen Auftritte sind natürlich nicht die Erfinder der Lichterketten, sondern die xenophilen Gesinnungstäter selbst verantwortlich, oder wie es die Leuchtspurgenossen der taz mit pädagogischer Absicht formulierten: ‚Jeder und jede ist für seine Kerze verantwortlich.’ Erlaubt sein muß allerdings die Frage, ob derlei Unfug nicht notwendig aus dem illuminierten goodwill resultiert, ob Erfindung und Anwendung nicht mehr miteinander gemein haben, als den Initiatoren begreiflicherweise lieb ist. Und erst recht muß die Frage gestellt werden, ob das leuchtende Bekenntnis zu den Ausländern nicht nur gleichzeitig, sondern vor allem als glänzende, pseudosakrale Bestätigung des Kollektivs dient {…}. Von Leuten, die allenfalls ihre Frau oder ihre Kinder verprügeln würden, war in diesen Tagen kein Satz so oft zu hören wie: ‚Wir schämen uns als Deutsche.’ Ohne Kollektiv keine Scham. Schamgefühl macht hierzulande offenbar noch keine menschliche Regung aus, weshalb die durchaus nichtmenschliche Eigenschaft, deutsch zu sein, als Auslöser von Gesittung dienen muß.
Eike Geisel – Triumph des guten Willens. Die Selbstinszenierung der guten Seelen (1992), in ders. Triumph des guten Willens. Gute Nazis und selbsternannte Opfer – Die Nationalisierung der Erinnerung

Recommended reading:
Jochen Schmidt – Politische Brandstiftung. Warum 1992 in Rostock das Ausländerwohnheim in Flammen aufging
Eike Geisel – Triumph des guten Willens und Die Banalität der Guten
Wolfgang Pohrt – Das Jahr danach und Der Weg zur inneren Einheit
Hannah Arendt – Besuch in Deutschland

  1. ‚Hier‘ wurde angesichts der damaligen Streuung der Tatorte vor einigen Jahren spekuliert, dass mindestens ein rechtsradikaler Wahnsinniger Koordinaten für ein Hakenkreuz über Deutschland markieren wollte. Die später bekannt gewordene symbolträchtige Anzahl Anzugreifender auf der Liste des „NSU“ – 88 – und die Symbolismus-Fixierung von Nazis überhaupt legen den Verdacht einer solchen wenigstens ursprünglichen Intention nahe. [zurück]

Deutschland im November 2011 II/ Forwarded: haGalil – „Antisemitische Sprüche im Frankfurter Römer: “Die Gunst der Stunde genutzt“…“

Auszüge:
„Jutta Ditfurth sitzt für ÖkoLinX-ARL als Stadtverordnete im Frankfurter Römer. Hier wurde sie Zeuge, als nur einen Tag nach den üblichen Reden zur Reichspogromnacht eine plumpe antisemitische Äußerung in der Sitzung des Stadtparlaments ohne Folgen blieb, und stattdessen jene, die darauf aufmerksam machen wollte, zum Ziel von Spott und Rüge wurde…
{…}
In einer Pressemeldung berichtet Jutta Ditfurth:
Diskutiert wurde (am 10-11-2011) der Antrag NR 97 von CDU und Grünen über die dauerhafte kulturelle Nutzung des Hauses Gutleutstr. 8-12. In der Debatte machte der FDP-Stadtverordnete Stefan von Wangenheim Anmerkungen zur Geschichte des Hauses. Er sagte, das Haus habe früher einem Juden gehört, der dann »die Gunst der Stunde genutzt« und das Haus verkauft habe, um seine Flucht aus Deutschland zu bezahlen.
Meine empörten Zwischenrufe, das sei schierer Antisemitismus, was denn an jener Stunde »günstig« gewesen sei, ob er das antisemitische Klischee des geschäftstüchtigen Juden bedienen wolle, dass er aufhören und die Sache erklären und sich entschuldigen solle, {…} usw., blieben unbeantwortet.
Ich rief in einen toten Raum. {…} Kein CDUler, kein Grüner rührte sich. Die antisemitische Aussage ging im Römer glatt und unbeanstandet durch, nur eine SPD-Stadtverordnete sprach in ihrem Redebeitrag von »Entgleisung«.
Ich wurde vom Präsidium gerügt.
Aber es kam lautes Gegröhle und Stammtischgejohle bei FDP, CDU und Teilen der Grünen auf, als Wangenheim, statt sich zu erklären, im weiteren Verlauf seiner Rede abfällige Bemerkungen über mich machte.
{…}
Der Zigarettenfabrikant Adam Becker war Eigentümer des Hauses Gutleutstr. 8-12. Er verkaufte sein Haus 1933 an die NSDAP Gauleitung Hessen-Nassau (das Haus hieß fortan Adolf-Hitler-Haus) und bezahlte davon seine Flucht aus Deutschland. Er nutzte also, wie Stefan von Wangenheim (Mitglied einer Partei, die so vielen NS-Faschisten nach 1945 ein wohliges politisches Zuhause bot) meint, die ungeheure »Gunst der Stunde«, den angeblichen Vorteil der Situation.
{…} Am 1. April 1933 gab es in ganz Deutschland gewalttätige Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte, Büros, Arztpraxen. Die Botschaft war klar. Viele Juden begannen, ihre Flucht zu organisieren. Auch Adam Becker.
»Günstig« war die Stunde nur für ihre späteren Mörder.“
Quelle: HaGalil – Antisemitische Sprüche im Frankfurter Römer: “Die Gunst der Stunde genutzt“…

Mehr: Martin Krauss – »Gunst der Stunde 1933«. Frankfurter FDP-Politiker sorgt für Eklat im Römer (Jüdische Allgemeine.de)

The Occupation Wasn‘t Televised. Die „Occupy-Bewegung“ ist längst vereinnahmt

„Ah, the fierce-hearted wolves,“ she said, „the followers of Sense and many gods – greedy of gain and faction-torn. I can see their dark faces yet. So they crucified their Messiah? Well can I believe it. That He was a Son of the Living Spirit would be naught to them, if indeed He was so, and of that we will talk afterwards. They would care naught for any God if He came not with pomp and power. They, a chosen people, a vessel of Him they call Jehovah, ay, and a vessel of Baal, and a vessel of Astoreth, and a vessel of the gods of the Egyptians – a high-stomached people, greedy of aught that brought them wealth and power. So they crucified their Messiah because He came in lowly guise – and now are they scattered about the earth? Why, if I remember, so said one of their prophets that it should be. Well, let them go – they broke my heart, those Jews, and made me look with evil eyes across the world, ay, and drove me to this wilderness, this place of a people that was before them.“
Rider Haggard – She, 1887

Die Deutschen sind persönlich einfach noch nicht betroffen genug.“ „Occupy“-Demo-Ordner, 12.11.2011 (zitiert nach Zeit.online)

Der britische Schriftsteller Rider Haggard, der später die Juden außerdem für beispielsweise die Morde an den Romanows, die Folterung und Hinrichtung Jesus Christus und die Russische Revolution verantwortlich machte, für die weltweite Ausbreitung des Bolschewismus und für die Massaker an den amerikanischen ‚Ureinwohnern’ („The States at the moment are being swamped by immigrants, an enormous part of whom are Jews from Central Europe, and does not know how to stem the torrent, although it does not desire to have more jews in the country where the native americans are vanishing under a flood of aliens.“ Zitiert nach Wendy Roberta Katz – Rider Haggard and the Fiction of Empire, 150f) ließ in seinem gegen Ende des 19. Jahrhunderts erschienenen Roman „She“ die über zweitausend Jahre alte, unvorstellbar weise, weiße und ihr eigentlich adäquatem Luxus entsagende Gottkönigin (sie stirbt erst, als sie ihr Begehren erfüllen will!) eines im afrikanischen Urwald versteckten Volkes ihren Hass auf die Juden mit antisemitischen Stereotypen bebildern (der ebenso offensichtliche Rassismus Haggards lässt im Gegensatz zu seinem Antisemitismus jederzeit den ‚edlen Wilden’ oder insbesondere die ‚edle Wilde’ als Ausnahme zu). Der Wissenschaftler und ostentative Christ Holly, der sich unsterblich in „She“/ „Ayesha“ (Ayşe, türkisch-arabisch: lebhaft, lebensfroh, lebend, lebendig), die natürlich nach wie vor strahlend schön ist, verliebt, seufzt nur zustimmend und hat nun endlich eine Erklärung für den einzigen Mangel, den er an ihr entdecken kann – ihre Grausamkeit und Mordlust: Die Juden sind schuld.
Während Haggard seinen Feind beim Namen nannte, ist es heutzutage unter Antisemiten und denen, die sich niemals für solche halten würden, üblich zu behaupten, man dürfe ja nichts gegen „die Juden“ sagen. Entsprechend begnügt man sich weitgehend mit Anspielungen. Wie tief sich die Codes ins Voksbewusstsein gebrannt haben, lässt sich derzeit an den Slogans der „Occupy“-Bewegung erkennen. Ihre Akteure und Exkulpierer greifen immer wieder auf Motive und Bilder zurück, die vor der Aufklärung über die deutschen Verbrechen in unter anderem Auschwitz noch in einem Atemzug mit Angriffen auf Juden geäußert wurden. Da es aber seither keine Antisemiten mehr gibt (vgl. Horkheimer/ Adorno), wird jeder Vorwurf von bewusstem oder auch nur unbewusstem Antisemitismus empört von sich gewiesen. Dabei reichte es aus, sich einschlägige Literatur, die bis auf wenige drastische Ausnahmen noch ausleih- oder bestellbar ist, vorzunehmen. Vom angeblichen Judenfreund Theodor Fontane, dem der Jude am Ende vom „Stechlin“ als Teufel gilt, über Rider Haggard, Sheridan LeFanu, Algernon Blackwood, bis zu Thomas und Heinrich Mann, Fjodor M. Dostojewskij, Martin Walser und so weiter und so fort; bei allen finden sich Opfer, die sich einer unnachgiebig was auch immer raffenden Macht ausgesetzt wähnen, wie sie sich im Moment von den „Occupy“-Bewegten ausgemalt wird. Noch werden die kaum mehr als vereinzelt zu bezeichnenden Ausbrüche, in denen „Occupy“-Demonstranten ganz explizit Juden verantwortlich machen, als nicht repräsentativ dargestellt, und da man nunmal eine „offene Bewegung“ sei und sich vor allem nicht vereinnahmen lassen wolle (von wem eigentlich nicht, wenn man sich bereits von 99% hat vereinnahmen lassen?), müsse man eben mit derartigen angeblich marginalen Erscheinungen rechnen. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht mindestens eine weitere einschlägige Marginalie dokumentiert wird. Und das angesichts der (weltweit! „Deutschland kann nicht überall sein, aber es ist die Mitte, die überallhin ausstrahlt.“ Gerhard Scheit) konsequent mit Ressentiment aufgeladenen Behauptung, dass „man nichts gegen Juden sagen darf“. In Deutschland sind derlei Vorfälle noch relativ selten. Was daran liegen mag, dass die re-education zumindest ein wenig bewirkt hat oder aufgrund von German Angst, die sich allen angeblichen Verboten laut jammernd und vor allem erst einmal zu unterwerfen hat oder daran, dass man irgendwann gelernt hat, seinen Opferneid aufopferungsvoll zu bemänteln und an dergleichen Phänomenen mehr. Hinter all dem steht aber drohend die allgemeine, auch wissenschaftlich mehrheitlich vertretene Auffassung, dass der Antisemitismus in Deutschland vor 1933 als vergleichsweise „harmlos“ galt. Sobald man sich hierzulande eingestehen will, dass man sehr wohl sagen darf und dass schon lange gesagt wird, setzt womöglich erneut der run auf die begehrtesten aller Tickets ein.
Die Deutschen haben ihre „Endlösung“ im Wortsinne aufgearbeitet und ‚übernehmen’ unreflektiert die Bezeichnung „Bewegung“, und der Vorschlag der Lektüre von Romanen erscheint lächerlich, wenn schon treffende Vergleiche der „Occupy“-Parolen mit den Aussagen führender Nationalsozialisten als irrelevant abgetan werden, insofern als „nur, weil die es gesagt haben“, es ja „nicht falsch sein muss.“ Wenn in den Kommentaren zu „Occupy“-kritischen Texten „die Fahnen hoch“ skandiert und als einer der Säulenheiligen ständig Gandhi (oder auch nicht) zitiert wird. Gandhi, der Israelfeind und das Vorbild des gäbeesnochantisemitendannunteranderen Desmond Tutu, Gandhi, der den deutschen Juden 1938 empfahl: „Wenn ich Jude wäre und in Deutschland geboren […], würde ich Deutschland selbst dann noch als meine Heimat betrachten, so wie der größte nichtjüdische Deutsche, und ich würde es herausfordern, mich erschießen oder in den Kerker werfen zu lassen […]. Und das freiwillig auf sich genommene Leid brächte ihnen und mir innere Stärke und Freude…“ (Zitiert nach Castollux – Tutu und Gandhi: Keine Übermenschen – eher schlichte Antisemiten) Kraft durch Freude also?
Etwas, das sich eine „Bewegung“ nennt, die außerdem allen gerecht werden will, die sich ausschließlich als Opfer von denen, die womöglich etwas haben könnten, was man selbst nicht hat und sich deswegen nicht unbefangen zu haben vorstellen mag und es deswegen sowieso niemandem gönnt, kann nur eine deutsche Bewegung sein. Eine „Bewegung“, die Luxus ankreidet, statt ihn einzufordern, beruht auf Abspaltung, Neid und Projektion, will einebnen und nimmt ihre vorgebliche „Buntheit“ als Ausrede dafür, noch die irrsinnigsten Paranoiker als kreativen Protestler gewinnen zu können. „Paranoia ist der Schatten von Erkenntnis.“ (Adorno). Und die grellbunten Motive, mit denen die Kornkreise-, HAARP-, Ufo-, Echsen- und so weiter und so fort Gläubigen sich nahtlos in die Reihen der selbst ernannten „Empörten“ integrieren können, zeugen davon, dass man eben weiß, was gemeint ist. Neben ihnen nimmt man sich außerdem nur umso harmloser und verständiger aus und besonders tolerant.
Insbesondere in der populären deutschen und skandinavischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts gibt es die Figur des ‚Dorf-Irren’, der (im Gegensatz zu französischen Romanen von beispielsweise Victor Hugo oder britischen von u.a. William Wilkie Collins, wo er respektive sie anklagend auf gesellschaftliche Widersprüche und Missstände verweist) einerseits für comic reliefs gut ist und andererseits von kommenden Katastrophen kündet – fatalerweise sorgt der ‚Dorf-Irre’ hier fast immer dafür, dass am Ende alles gut wird; mit seinem kindisch rücksichtslosen Verhalten nämlich produziert er irgendwann eine Katastrophe, aus der die notwendige Versöhnung aller mit allem resultiert (vgl. z.B. Trygve Gulbranssen – Das Erbe von Björndahl aber auch Søren Kragh-Jacobsens Dogma-Film „Mifune“). Die „Occupy“-Bewegung, die sich wie alle Bewegungen dem Konsens verpflichtet hat, braucht den ‚Dorf-Irren’ in genau diesem Sinne. Er dient ihr zugleich als Beweis der volkstümlichen Breite des Spektrums wie auch als Drohung, die daraus entsteht, dass man allein die Wahngläubigen, wenn man nur nett zu ihnen ist, zu bändigen in der Lage ist und als Hoffnung auf die mal wieder alle einende Katastrophe; zugleich bieten die erschreckend vielen aber trotzdem noch nicht der Majorität einleuchtend erscheinenden völlig abwegigen Wahnbilder der selbst erklärten „Erwachten“ oder „der Matrix Entkommenen“ die notwendige Verschleierung der eigenen verworrenen Ahnungen, der eigenen Alltagsreligion (Detlev Claussen).
War die deutsche Spaßgesellschaft in den 1990ern eine ostentative Spaß-trotz-Auschwitz-Gesellschaft („Dies ist mein Aufruf an alle Juden der Welt, sie sollen doch mal eine neue Platte auflegen. Und nicht immer nur rumheulen.“ DJ Motte, 1995), so wird hierzulande nunmehr signalisiert, der Spaß sei jetzt endlich vorbei – Spaßhaben vorzutäuschen war der grimmig zwanglose Prolog. Wenn die „wahren Volksvertreter“ (und sie bezeichnen sich nicht nur als solche, sie sind es tatsächlich, auch davon – und von noch viel mehr – zeugen die devoten Grußadressen deutscher Spitzenpolitiker und: „Führer wird, wer sich keinen Zwang antun muß, wenn er der Masse gehorcht.“ Wolfgang Pohrt) ‚Schluss mit lustig’ machen, also letztlich zugeben, die Drohkulissen ihrer gewählten Verteter endlich ernst zu nehmen, werden sie im vorgeblichen Protest gegen sie eins mit ihnen. Wenn die Deutschen, die als deutsche Spaßgesellschaft bereits ausschließlich angetreten waren, allen außer den Deutschen den Spaß zu verderben, und die im deutschen Fußball-Sommermärchen permanent damit beschäftigt waren, No Go-Areas und dergleichen fröhlich grinsend zu leugnen und wenn man diejenigen, die Zeugnis davon hätten ablegen können, aus der U-Bahn prügeln musste, wenn also diese Deutschen erneut „erwachen“ (! Daueraufforderung der „Occupy“-Anhänger) wollen oder sich „wehren“ (dito) zu meinen müssen, deutet schon die reflexionslose (geschichtsvergessene) Terminologie auf die eigentliche Intention hin. Dem deutschen Imperativ „Erwache!“ folgt unweigerlich das „aus deinem bösen Traum! Gib fremden Juden in deinem Reich nicht Raum!“ („Heil Hitler Dir!“, Bruno Schestak, 1937) und dem „Wehrt Euch!“ das „Deutsche, kauft nicht bei Juden!“.


Original („I’m not!“)


Fälschung

Wenn die konservativen Fundamentalisten behaupten, Amerika sei eine christliche Nation, dann sollte man sich vor Augen halten, was das Christentum eigentlich ist: der Heilige Geist, die freie, egalitäre Gemeinschaft von Gläubigen, vereint in der Liebe. So sind es die Demonstranten, die zum Heiligen Geist geworden sind, während die Heiden an der Wall Street falschen Götzen huldigen.
Slavoj Žižek – Occupy-Wall-Street-Streit „Lasst euch nicht umarmen!“, 2011, Süddeutsche.online

Slavoj Žižek, der in der „Zeit“ zum Thema „Was mir heilig ist“ aus Buchenwald bloß ein kitschiges Heiligenbildchen zu exzerpieren fähig war beziehungsweise keinesfalls mehr wollte, verleiht in der Süddeutschen mit wenigen Worten der „Occupy-Bewegung“ einen Heiligenschein, der grell alles beleuchtet, was an ihr ablehnenswert ist. Natürlich war das nicht Žižeks Intention, der hatte vor, ein übermenschliches, ein allen Göttern und Götzen überlegenes Bild vollkommener Erleuchtung erstehen zu lassen – der Heilige Geist ist im Christentum reiner noch als Gott oder Jesus – der eigentlich (!) als Identifikationsfigur nahegelegen hätte, aber … das kann hier im Moment nicht auch noch erörtert werden –, reiner als der Schöpfer alles Erzeugbaren, alles Anfass- und daher Antastbaren und reiner als der Erzeugte, Anfass- und Antastbare. Er verleiht der der Gemeinschaft der sich zum Glauben bekennenden Gemeinschaft in der Kommunion die Antidote zu den von Papst Gregor definierten Sieben Todsünden (Stolz, Geiz, Wollust, Neid, Völlerei, Zorn, Trägheit): Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit, Gottesfurcht (analog zu den sieben Tugenden: Glaube, Hoffnung, Liebe, Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung). In der Trinität: Gott-Vater, Gott-Sohn und Gott-Heiliger Geist steht er für die Gemeinschaft, für das Ziel.
Anfassbares produziert Differenz und Distinktion und die Möglichkeit von einzigartig erfahrbarem Begehren; Begehren wiederum impliziert die Möglichkeit der Zurückweisung oder Verweigerung. Antastbarkeit impliziert die Möglichkeit zu verletzen, zu zerstören. Alles, was von Gott oder von Menschen erzeugt wurde, unterliegt diesen Voraussetzungen. Der Heilige Geist dient ausschließlich ihrer Aufhebung in der Gemeinschaft der vom Begehren befreiten Gleichen. Notwendiges Resultat derartig Individualität einebnender Gemeinschaftschaftsziele sind Abspaltung und Projektion. Diese generieren prinzipiell ein grundlegend Anderes, das begehrt, haben will und in der Fantasie im Überfluss zu haben hat. Und das Begehren der Gemeinschaft bricht sich irgendwann im Verlangen nach der Bestrafung und Zerstörung derer, in die man alles im Antast- und Anfassbaren Implizierte projiziert hat, Bahn.
Alles wird dann gut werden, glaubt man, und nach der Verteilung der Beute herrscht außerdem wieder Gerechtigkeit, denkt man.

»Love is evil«, sagt Slavoj Žižek und begründet das so: Das Universum als Ganzes ist Balance. Es schließt alles mit ein. Die Liebe aber ist das Paradebeispiel der Partikularität, denn statt das Ganze zu meinen, pickt sie sich ein Einzelnes heraus – sie partikularisiert, und das ist schlecht.
Cordula Bachmann – Die Transformation der Liebe, Jungle World

Um antisemitisch zu agieren, muß man weder Traktate lesen sich noch sonst irgendwie intellektuell vorbereiten; es reicht der Reiz konformistischer Rebellion.“
Detlev Claussen – Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus

In zwei Sätzen bringt Žižek ein Leitthema unter, das Rider Haggard noch umständlich erklären zu müssen glauben wollte, während um ihn herum schon längst Antisemiten die Vernichtung der Juden vorbereiteten. Mit keinem Wort erwähnt hingegen Žižek die Juden und meint ganz gewiss auch nicht sie auszugrenzen. Dennoch bedient er sich eines relevanten Motivs, das seit Jahrhunderten zu ihrer Aussonderung appliziert wurde. So lange und so nachdrücklich, bis eines ohne das andere nicht mehr gedacht werden konnte, sollte und wollte.
Solche Äußerungen treffen völlig unreflektiert auf eine selbsternannte Bewegung, mit der sich erkennbar viele identifizieren, die sich fragen: „Was und wieviel ist eigentlich schon wieder erlaubt?“ (Jean Améry – Der ehrbare Antisemitismus. Rede zur Woche der Brüderlichkeit, 1976, in: Weiterleben – aber wie? 161) Und: „Wer einigen Einblick hat […], wird geneigt sein, den Ungeduldigen zu versichern, daß in der Tat sehr vieles nicht nur gestattet, sondern geboten ist. Siebengescheite sprechen erleichtert von der Tabu-Brechung, nicht ahnend, welchen obskuren Kräften sie damit ihre Stimme leihen.

The stereotypes about Jews and money endure, and the fact that more Americans are now accepting these statements about Jews as true suggests that the downturn in the economy, along with the changing demographics of our society, may have contributed to the rise in anti-Semitic sentiments“. Abraham Foxman (ADL) (zitiert nach Shlomo Shamir – Report: U.S. anti-Semitism on the rise amid economic downturn, Haaretz.online)

Andrei S. Markovits, der der Jungle World im Interview auf die Frage inwiefern eine „Argumentation, die sich derart auf die ‚Macht der Banken’ und der Banker kapriziert, eine verkürzte Kapitalismuskritik und damit indirekt ein antiamerikanisches und antisemitisches Ressentiment“ transportiere, antwortete: „Es stimmt natürlich, dass diese Kritik furchtbar verkürzt ist, aber in Amerika werden Banker nicht mit Juden assoziiert. Die Banken waren nie jüdisch und waren im Gegenteil sogar lange Zeit sehr antisemitisch. Anders als in Europa, wo Geld immer etwas Übles war. […] Juden werden hier mit Hollywood, mit Journalismus, Medizin, Jura, mit Wissenschaft, mit Nobelpreisen, aber nicht mit Banken assoziiert. Insofern ist diese Bewegung auch nicht antisemitisch“, fällt hinter seine eigenen Standards („Amerika, dich haßt sich’s besser. Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa“) zurück. Muss es tun! Weil er wie viele „Occupy“ für eine progressive Veranstaltung halten will. Was sie in weiten Teilen nicht ist, auch nicht in den USA. Richtig benennt er die ostentative Israel-Feindschaft zahlreicher Demonstranten, die nun einmal – soweit richtig! – weltweit typisch für die Linke sei, und separiert sie insofern, als er sie einzelnen linken Gruppen zuschreibt. Dass die Banken in Amerika antisemitisch waren – wie übrigens auch diverse Hollywood-Studios, Verleger, Ärzte, Anwälte und Wissenschaftler (und wie übrigens die Banken in Europa) – macht sie jedoch nicht immun gegen Projektionen, die eben nicht bloß auf amerikanischer Geschichte beruhen. Was Amerika von Europa unterscheidet, ist nicht, dass es dort keinen Antisemitismus gäbe, der sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht sondern ein immer wieder erneuertes Bestehen auf dem „pursuit of happiness“, der dem Individuum ein Vorrecht vor der Gemeinschaft gibt. Dieses Vorrecht aber ist es, was europäisch (aka deutsch und auch in den USA oft Amerika-feindlich) derzeit gravierend in Frage gestellt wird.

’Antikapitalismus’, der das Konkrete verklärt und das Abstrakte unmittelbar abschaffen möchte – anstatt praktische und theoretische Überlegungen darüber anzustellen, was die historische Überwindung von beidem bedeuten könnte –, kann politisch und gesellschaftlich im besten Fall unwirksam bleiben. Schlimmstenfalls wird er jedoch selbst dann gefährlich, wenn die Bedürfnisse, die der „Antikapitalismus“ ausdrückt, als emanzipatorisch interpretiert werden könnten. Die Linke machte einmal den Fehler anzunehmen, daß sie ein Monopol auf Antikapitalismus hätte; oder umgekehrt: daß alle Formen des Antikapitalismus zumindest potentiell fortschrittlich seien. Dieser Fehler war verhängnisvoll – nicht zuletzt für die Linke selbst.“
Moishe Postone – Deutschland die Linke und der Holocaust (being reminded of by universalestate)

Den so genannten Antizionisten oder ‚Israelkritikern’, die weltweit den Protest ausschließlich gegen zwei Nationen auf die Demonstrationen tragen, und darunter ist absurderweise nicht Deutschland (außer in Griechenland womöglich), und die sich über Grußadressen und nette „Occupy Wall Street!“-Bilder aus Gaza, dem Iran etc. freuen, sei u.a. Hans Mayer empfohlen: „Wer den Zionismus angreift, aber beileibe nichts gegen die Juden sagen möchte, macht sich oder anderen etwas vor. Der Staat Israel ist ein Judenstaat. Wer ihn zerstören möchte, erklärtermaßen oder durch eine Politik, die nichts anderes bewirken kann als solche Vernichtung, betreibt den Judenhaß von einst und von jeher.“ (Zitiert nach Améry ebd.)
Außerdem: Wer trotz aller Übereinstimmungen mit den Texten von Nationalsozialisten, die auf tatsächlich nichts aufbauten als auf ihrem Antisemitismus und am die Ende keine ‚Utopie’ vorzuweisen hatten als die einer Welt ohne Juden, nach wie vor glaubt, „nur weil die es gesagt haben, muss es ja nicht falsch sein“, und er sei deswegen noch lange kein Antisemit, sei darauf hingewiesen, dass es seit 1945 nicht nur einen „Antisemitismus ohne Juden“ sondern auch einen ohne Antisemiten gibt. Und auf Adorno/ Horkheimer, die in ihrer „Dialektik der Aufklärung“, erklärten, warum es „keine Antisemiten mehr“ gibt, Antisemitismus aber dennoch das Weltbild allzu vieler beherrscht.
Antisemitismus und Antisemiten wird es so lange geben, wie der (notwendige) Protest gegen den Kapitalismus sich im Konstruieren einer entsagungsvollen und moralisch überlegen sich imaginierenden Opfergemeinschaft erschöpft. Und in der Krise kommen sie ganz zu sich. „Occupy“ ist nicht in der Lage, diesen Mechanismus zu unterbrechen, da bloß wieder das „eine Andere“ gegen die 99% „Empörten“ evoziert wird – und damit auch das Abstrakte gegen das Konkrete. Es ist gleichgültig, dass ‚die Juden’ eben nicht die Banken beherrschen, nicht die Medien, die Anwaltskanzleien, die Wissenschaft, dass weder Israel noch die USA eine Erdbebenmaschine besitzen oder dass Echsen die Erde ganz und gar nicht besetzt haben; es ist ebenso gleichgültig, dass ein Großteil der „Occupy“-Demonstranten derartiges Gedankengut womöglich mehr oder weniger oder selbst völlig ablehnt. Dass die „Occupy“-Proteste die entsprechende Klientel magnetisch anziehen hingegen sollte zum Anlass genommen werden, sowohl die eigene Position als auch die Form, Intentionen von und „Occupy“ überhaupt einer kritischen Reflexion zu unterziehen.

Recommended reading:
Reflexion – Die Märsche der Demokraten (+++)
Cosmoproletarian Solidarity – Das Verhängnis der kapitalisierten Gattung
La vache qui rit. – Die Empörten („occupy Frankfurt“)
Yitzhak Benhorin – Anti-Semitism tainting Occupy Wall Street protests, Ynet News
Samuel Salzborn – Moneten und Mythen
Nichtidentisches – Ich bin 0,000000014 %
Manfred Dahlmann – Die Gemeinschaft der Nichtssager, Jungle World
Thomas von der Osten-Sacken – Nicht links und nicht rechts. Aber unheimlich wütend, jungleblog
+
Detlev Claussen – Grenzen der Aufklärung und Elemente der Alltagsreligion
Max Horkheimer/ Theodor W. Adorno – Dialektik der Aufklärung
Moishe Postone – Deutschland, die Linke und der Holocaust
Jean Améry – Weiterleben – aber wie?
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Antisemitism from Antiquity to the Global Jihad
Alfred Sohn-Rethel – Ökonomie und Klassenstruktur
ISF – Das Konzept Materialismus
+
Bonus Track: Reine Polemik…
Wenn sich deutsche Medien kritisch mit der „Occupy“-Bewegung auseinandersetzen, geschieht dies meistens im amerikakritischen Kontext, so beispielsweise in der „Zeit“, wo man sich u.a. eine Modestrecke in der New York Times zum Anlass von Ridikülisierung der hierzulande oft als absurderweise im Protest ungeübt geltenden Amerikaner vornahm. Sieht man sich die auf Youtube veröffentlichten Dokumentationen der deutschen Proteste an, kann man sich beruhigt zurücklehnen, eine Modestrecke lässt sich daraus tatsächlich nicht erstellen. Keine einschlägige Modekette, kein ‚Modemacher’ (Produktionsdeutsch für couturier), kein Lifestyle-Sender, keiner der von Naomi Klein so gefürchteten trend scouts (die doch nur der erste Schritt der Verwertungskette sind, die irgendwann alles in den geschätzten Second Hand Stores enden lässt, und sei es vierzig Jahre später, coming soon: „Fault-il brûler Wertmüller? Toward the end of fashion“) fände hierzulande Inspiration. Dennoch: Passenderweise suchte sich „Die Zeit“ zur Illustration ihres Artikels eine ein grün gefärbtes Palituch tragende Demonstrantin aus, und liegt damit nicht mal so falsch (s.o.). Die deutsch Empörten aber gehen vorwiegend zum Protest gekleidet wie zum Sonderangebot-Einkauf bei ihrer bevorzugten Supermarkt-Kette und stellen also die entsprechende Kundschaft ästhetisch dar. Dazu kommen noch diejenigen, welche die Wegwerfgesellschaft kritisieren und Mülltonnen als veritable und ansprechende Nahrungsdepots proklamieren wollen. Die derzeitige und sehr unangenehm geführte Debatte um Mindesthaltbarkeitsdaten ist auch ihnen zu verdanken – Steilvorlage. Statt denen, die im Müll zu wühlen haben, um überhaupt überleben zu können, Teilhabe am zunehmend realisierbaren Luxus zu ermöglichen, erklärt man sie zum Ideal; das ist Winterhilfswerk und Volxküche united.
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Later:
»Je weniger man von diesem Ort sieht, desto besser versteht man ihn. Der Sinn der Occupy-Bewegung liegt nicht darin, dass wir daran teilnehmen, sondern dass möglichst viele Leute von ihr erfahren.« Paradoxie à la Slavoj Žižek: Eine Illusion, die durchschaut ist, hat sich noch lange nicht erledigt – wir müssen uns trotzdem dazu verhalten. Die Leute müssen protestieren, damit ein Bewusstsein entsteht, aber eigentlich sind es, natürlich, die falschen Leute.Zeit.de via Teilnahmebedingungen
+ Noch mehr zum „Heiligen Geist
+ „Oft­mals wird be­haup­tet, dass es sich um keine keine ho­mo­ge­ne Be­we­gung, son­dern um die An­samm­lung von In­di­vi­du­en han­deln würde. Diese bil­den den „Schwarm“, heißt es in den Selbst­dar­stel­lun­gen der Ak­ti­vis­t_in­nen. Dabei wird un­ter­schla­gen, dass es sehr wohl ge­mein­sam Nen­ner gibt, die die Ak­ti­vis­t_in­nen auf die Stra­ßen und in die Camps ge­bracht haben.Reflexion – Die Gemeinschaft gegen die „1 Prozent“
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+ AA:B – Die schweigende Mehrheit – Zur Kritik der Occupy Bewegung

Sonstiges: Deutschland im November 2011

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Screenshot Homepage, Eckhard Uhlenberg, CDU: „Ich bin 1948 in Werl geboren und habe drei, inzwischen lange erwachsene Kinder. In Werl-Büderich bin ich auf einem wunderschönen, alten Bauernhof zu Hause, der seit vielen Generationen Heimat der Familie ist.
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Screenshot Zeit.online

Wenn wir vom Deutschen also ohnehin mehr geprägt sind, als wir uns eingestehen wollen – wäre es dann nicht redlicher, diese historischen Traditionslinien offen zu reflektieren? Und wäre es nicht hilfreicher, sich auch wieder von dem anstecken zu lassen, das diesem Land jahrhundertelang seine ungeheure Dynamik und Vitalität beschert hat? Von seiner überschwänglichen Liebe zur Kunst, zur Dichtung, zur Musik? Von seiner maßlosen Lust am Hervorbringen, am Arbeiten, am »Schaffen«? Goethes Verheißung, »wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen«, ist uns zur fremdsprachlichen Zumutung geworden.
Thea Dorns (!) am 6.11. veröffentlichtes “Kraft durch Freude”-Geleitwort zum nahenden Jahrestag der Reichspogromnacht: Die deutsche Seele…, Zeit.online
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‚Das Vergessen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung‘ – diesen jüdischen Spruch hat sich die Politik der Erinnerung angeeignet. Da aber niemand mehr erlöst werden kann, weil diese Auskunft an der Geschichte zuschanden geworden ist, soll die veranstaltete Erinnerung Erlösung von der Geschichte bringen. Die Deutschen wollen aus dem Exil, aus der Kälte der Gesellschaft in die Wärme, in die Gemeinschaft, sie wollen zu sich kommen. So ist aus der Asche der Ermordeten der Stoff geworden, mit dem sich der neue Nationalismus das gute Gewissen macht, jetzt können die Landsleute statt Menschen Deutsche sein.
Eike Geisel – Opfersehnsucht und Judenneid. Ein Kommentar zur Nationalisierung der Erinnerung, in ders. Triumph des guten Willens
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In Memoriam Herschel Grynszpan
herschel3

„Der Rest ist Schweigen“? Lars von Triers jüngstes Gelübde

Wo [die Antisemiten] sich ernsthaft vorwagen bei antisemitischen Manifestationen, müssen die wirklich zur Verfügung stehenden Machtmittel ohne Sentimentalität angewandt werden, gar nicht aus Strafbedürfnis oder um sich an diesen Menschen zu rächen, sondern um ihnen zu zeigen, dass das einzige, was ihnen imponiert, nämlich wirkliche gesellschaftliche Autorität, einstweilen [!] denn doch noch gegen sie steht.“
Theodor W. Adorno – „Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute“, Gesammelte Schriften Bd. 20.I, 364

Si j‘aurais su j‘aurais pas venu.“
Petit Gibus, La guerre des boutons

Lars von Trier hat sich bei allen entschuldigt, seine Entschuldigungen wieder zurückgenommen („I can‘t be sorry for what I said. It’s against my nature.“ + „All apologies to me are nonsense.“), weil er es ja doch nicht so sondern dänisch gemeint habe und durfte sich vor einigen Tagen in Interviews beispielsweise mit der FAZ und dem Tip ausführlich als hilfloses Opfer von Zensur, Depressionen, Identitätskrisen und Angststörungen ausstellen. Erneut wurde ihm unisono konstatiert, er sei gar kein Nazi. Und erneut wurden diejenigen Passagen seiner Cannes-Jeremiade ignoriert, in denen sein Neid und seine Missgunst die vorgebliche Ironie seiner Aussagen immer wieder zusammenbrechen ließen. Lars von Trier hat sich bei allen öffentlich entschuldigt außer bei Susanne Bier. Um Bier herum allerdings hatte er sein Wahngebäude aufgebaut, redete von der seiner Meinung nach ungerechten Bevorzugung der Regisseurin, ließ implizit keinen anderen Schluss zu, als dass diese darin gründe, dass sie Jüdin sei, betonte, er habe natürlich und seiner Natur gemäß nichts gegen Juden und zog dann sofort wie alle, die nichts gegen Juden haben, über Israel her.
Lars von Trier hat sich auch bei den Deutschen entschuldigt: „I‘ve also offended Germans, when instead of saying ‚German‘ I used the word ‚Nazi,‘ as though every German is a Nazi.“ (Haaretz.com) Was ebenso relativierend gemeint wie überflüssig war. In Deutschland übte man sich wohlweislich im Ignorieren der entsprechenden Sätze. Sei es, weil man sie ob der Begeisterung, dass zum wiederholten Male ein Künstler von Weltrang sein Genie ganz zwanglos mit antisemitischen Äußerungen zu beweisen hatte, einfach überhörte oder weil man sich durch Nachsicht abermals als das bessere Opfer darstellen konnte.

Remember that guy who said he understood Adolf Hitler and sympathized with him? Lars Von Trier? […] Now, fast forward through a hundred apologies later, and we have him announcing his withdrawal from interviews and any sort of public speaking from this point onward. Apparently he was questioned by Danish police, and that was all he needed to convince himself of what we‘ve all known since the debacle — the man needs to shut the hell up!
Perez Hilton – Lars von Trier swears off public speaking

Während ein Großteil der angloamerikanischen Presse sich Anspielungen auf den „Vow of Chastity“ des dänischen Dogma 95 nicht entgehen ließ und betonte, dass Lars von Trier „now vows silence“ (oder auch: „Lars von Trier vows never to vow again“, LA Times) galten deutschen Journalisten die Ermittlungen der französischen Justiz gegen Lars von Trier als Maulkorb, Zensur oder repressive Political Correctness. Ob der nicht näher bezeichnete Gesetzesartikel (wahrscheinlich: Article 48-2; créé par Loi n°90-615 du 13 juillet 1990 – art. 13 JORF 14 juillet 1990), der zu seiner Befragung durch die dänische Polizei führte, in diesem Fall anzuwenden ist oder nicht, kann hier nicht erörtert werden, auch nicht, ob derartige Gesetze sinnvoll sind oder doch nicht nur noch mehr Opferdarsteller generieren. Letztere Chance ließ sich von Trier erwartungsgemäß nicht entgehen und teilte mit, dass „{t}oday at 2 pm I was questioned by the Police of North Zealand in connection with charges made by the prosecution of Grasse in France from August 2011 regarding a possible violation of prohibition in French law against justification of war crimes. The investigation covers comments made during the press conference in Cannes in May 2011. Due to these serious accusations, I have realized that I do not possess the skills to express myself unequivocally, and I have therefore decided from this day forth to refrain from all public statements and interviews.“ Die Ähnlichkeiten mit Martin Walsers Rechtfertigungsversuchen nach seiner Paulskirchenrede sind unübersehbar. Nicht mehr an seinen Reden, eine Form, die er als Schriftsteller nunmal nicht wirklich beherrsche, sondern an seinen literarischen Erzeugnissen wollte er fortan gemessen werden. Woraufhin sich Matthias N. Lorenz aufmachte und systematisch und minutiös die antisemitischen Passagen in Walsers Romanen nachwies („Auschwitz drängt uns auf einen Fleck. Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser“). Eine umfassende Analyse der von Trierschen Filme in diesem Sinne steht noch aus. Bis dato gibt es nur wenige einschlägige Artikel (vgl. zum Beispiel: Felix Hedderich – Dogma 2005. Lars von Trier und Thomas Vinterberg sind die „Avantgarde für Vollidioten“, Konkret).


John Everett Millais – Ophelia, Detail (cp. Melancholia)

Wer von Trier nicht bloß als angenehm verwirrtes Genie oder mutigen Rebell gegen Sprachkonventionen bezeichnen mochte, wagte anzudeuten, es könnte sich bei der Pressekonferenz um einen inszenierten Eklat ausschließlich aus Gründen der Promotion für dessen letztes Werk „Melancholia“ handeln. Und natürlich ist von Trier bekannt dafür, seine Werbemaßnahmen als provokativ auszustellen. Üblicherweise folgt die Presse seiner Einschätzung, obwohl es sich meist um recht harmlose Effekthaschereien handelt. Aus verschwörungstheoretischer Sicht böten sich Anlässe genug, das alles (Pressekonferenz, Befragung durch die Polizei und Schweigegelübde) für einen reinen Marketing-Coup (oder womöglich eine intendierte ‚Hinrichtung’ des Künstlers) zu halten, die Bezüge zum Film sind mannigfaltig und lassen sich bis zu obskuren Details zurückverfolgen: zum wiederholten Male evoziert von Trier das Ophelia-Motiv aus Shakespeares „Hamlet“ (Des Dänenprinzen letzte Worte lauten: „The rest is silence.“) oder eben Kristina Söderbaum, die „Reichswasserleiche“, während der Feierlichkeiten steigt eine Himmelslaterne auf, die grob mit Herzen, Glückwünschen und gut sichtbar einem Davidstern verziert wurde, und verbrennt in einer Einstellung, in der nächsten bleibt sie unversehrt. Sympathische Charaktere werden im Film dadurch gekennzeichnet, dass sie immer wieder Rituale ridikülisieren, ignorieren oder nicht über Kenntnisse gesellschaftlicher Konventionen verfügen und so z.B. während der Hochzeitsfeierlichkeiten peinliche Momente in Serie produzieren etc. pp. Den Kausalkettenverdrehern jedoch sei hiermit ein für alle Mal gesagt, dass auch von Triers, ob er es hören will oder nicht, Autoren-Filme und seine Äußerungen nunmal einer Quelle entspringen, und die ist sein Kopf!
Zum mittlerweile und nicht überraschend hochgelobten „Melancholia“ bliebe ebenfalls nur Schweigen, wäre es nicht ein so misslungener Film. Die wenigen, die tatsächlich ernstzunehmende Kritik an von Triers Ausfällen übten, tendierten dazu, sein Œuvre in Gänze zu verdammen und ihn zu einem unbegabten Filmemacher zu erklären. Das ist er nicht. „Breaking the Waves“ beispielsweise ist wenigstens Kino, zu diskutierendes, zu problematisierendes, unbedingt vor allem hinsichtlich seiner Ideologie zu kritisierendes Kino – aber im Gegensatz zu vielen zeitgenössischen europäischen Produktionen eben doch Kino. Entgegen der vor allem in Deutschland aufgrund der ganz offensichtlich mangelnden Fähigkeiten vertretenen Meinung bedeutet Kino nicht, eine gute Geschichte gut zu erzählen. Gutes Kino – und der Begriff ist eigentlich zu bieder, um dem, was Kino kann, gerecht zu werden – schafft Paralleluniversen. Statt dieses Versprechen umzusetzen, lässt von Trier einen Planeten auf der Erde einschlagen und bebildert sie zuvor derart, dass man ihre vollkommene Zerstörung nicht einmal bereuen kann. Andererseits ist es unmöglich, mit Justine (!, Kirsten Dunst) zum ersten Mal im Film ehrlich zu lächeln, außer wegen der Tatsache, dass der Film nun endlich vorbei ist. „Melancholia“ ist der platt illustrierte und filmisch mangelhaft umgesetzte Endpunkt einer Entwicklung im Werk des Regisseurs, die den Tod nicht mehr als tragischen und zu bedauernden Ausweg aus unerträglichen Zuständen darstellt sondern als von allen Eingeweihten erwünscht und wünschenswert. Der Tod ist nicht mehr individuelle Katastrophe, sondern nimmt jenseits aller individuellen Einwände gegen ihn in einem Erlösung versprechenden Moment alle mit sich – buchstäblich alle. Erst im Untergang der Menschheit greift von Trier wieder auf die makellosen Bilder zurück (von denen einige erkennbar an die Gemälde der Präraffaeliten angelehnt sind oder in dann doch interessanter Rückführung an Gregory Crewdsons ‚mock film stills‘), die er bereits vor dem Vorspann (bezeichnend: Der Titel wurde offenbar mithilfe ‚nichtverträglicher Materialien’ – z.B. Wasserfarbe auf Wachskreide oder Acrylharz auf Ölfarbe – hergestellt) ausführlich wie viktorianische Kapitelüberschriften oder fernsehserientypisch als Ausblick auf kommende Folgen gezeigt hat. Dazwischen gibt es Dogma pur (inklusive der erforderlichen Regelbrüche): Jump Cuts, Reißschwenks, ruckelnde, zappelnde und wackelnde Handkameraführung, das Elend der Welt aus nächster Nähe, unbeholfener Sex u.a. als Authentifizierungsstrategie usw. In den zwei Kapiteln dieser unübersehbaren „Festen“-Reprise – Justine: sepia/ Claire (Charlotte Gainsbourg): blaugrau – werden wieder Frauen zu Opfern oder opfern sich auf. Die unvermeidliche Unschuldsfigur wird diesmal allerdings von einem Mann (bei Trier eher unüblich, aber an Vinterbergs Film erinnernd) gegeben, dem Gatten, der Justine einen Apfelgarten („Wenn ich wüsste, dass morgen der jüngste Tag wäre, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Der zum Katholizismus konvertierte von Trier bemüht ausgerechnet Martin Luther.) schenken möchte, den sie als Depressive und in der Werbeindustrie Verdorbene jedoch nicht zu schätzen weiß; als sie das kleine Bildchen, das er ihr hoffnungsfroh überreicht hat, einfach liegen lässt, ist die Ehe bereits am Hochzeitstag gescheitert. Und wieder verleiht von Trier seinem Ekel angesichts von bürgerlicher Dekadenz mit allzu Beifall heischenden Bildern (u.a. Stretch-Limousine kriegt die Kurve in der Wildnis nicht) Ausdruck. Der Film ist überladen mit Anspielungen, Zitaten und Allegorien, die geradezu nach Aufmerksamkeit schreien, da sie aber dermaßen ostentativ und unoriginell daherkommen, vergeht einem der Spaß am Entschlüsseln. Und wer Wagners süßliche Tristan und Isolde-Ouvertüre bis dahin noch schätzte, wird sie nach dem Film verabscheuen; sie liegt, schwer (wie einige Bilder in Zeitlupentempo gespielt), unheilschwanger und völlig willkürlich eingesetzt, gleich faden Mehlschwitzenpfützen auf dem Film und nervt spätestens nach der dritten Wiederholung. Mehr gibt es nicht wirklich oder wirklich nicht zu sagen.

+ LA Times poll: How long will Lars von Trier’s vow of silence last?

9/11


Alejandro Gonzalez Iñarritu – 11’09′’01

„Ein Selbstmordanschlag stellt das totale Dementi einer Verbindung zwischen individueller Befreiung und kollektiver Befreiung dar, insofern das Individuum durch das Attentat ausgelöscht wird. In einer Revolution kann man sterben, aber der Tod ist nicht ihr Ziel. {…} Zudem bringen Selbstmordattentate unweigerlich einen ausgeprägten Kult des Opfers hervor, der jedes konkrete Emanzipationsversprechen dementiert zugunsten von Abstraktionen, für die man sein Leben zu opfern habe: für das Volk, das Vaterland, oder eben wie unter den Islamisten, für das Paradies. Die Form des Kampfes schlägt unweigerlich auf den Inhalt zurück.“
Bernd Beier – Theo, Theorie und Theokratie. Das Liebäugeln mit fundamentalistischem Unsinn gehört offenbar zur Globalisierungskritik, in Redaktion Jungle World – Elfter September Nulleins

Schafft ein, zwei, viele Deutsche! Der Fortpflanzungsterror der „jungen Nation“

Der Landesvorsitzende der Jungen Union Nordrhein-Westfalen, Sven Volmering, sagte, seine Organisation fordere ‚angesichts der demografischen Entwicklung mehr und nicht weniger Kinderlärm’.
Focus.de

Und heute da hört uns Deutschland und morgen die ganze Welt…
Hans Baumann – Es zittern die morschen Knochen

Die „beliebteste Nation der Welt“ (BBC-Poll according to Welt.de) bereitet sich einmal mehr darauf vor, für ihre einzigartige Aufopferungsbereitschaft belohnt zu werden. Und opfert auf dem Altar des Fortbestands des Volkes die im Lande angeblich so geschätzte Ruhe. Unter Ruhe jedoch wird in Deutschland seit jeher nicht die Qualität Stille, also die luxuriöse Abwesenheit von Krach, verstanden sondern das ruhige Gemüt, das beruhigte Gewissen, das Ruhekissen. Dem deutschen Bedürfnis nach Ruhe wird, notfalls mit drastischen Mitteln, aus zwei erst einmal entgegengesetzt anmutenden Gründen Ausdruck verliehen: aus Neid auf allzu lautstark geäußerte Lust am Leben und aus Gleichgültigkeit oder/ und Brutalität gegenüber den Schreien der Gequälten, Misshandelten und Leidenden (Neid diesen gegenüber entsteht dann, wenn man den Opfern ihr Leiden nachträglich missgönnt und umso mehr gelitten haben will; während man sie zuvor um alles beneidete, was man ihnen nicht gönnen mochte, um sich an ihnen rächen oder gegen sie wehren zu dürfen – das ist so krude wie notwendiger Bestandteil deutscher Ideologie). All dem begegnen die Deutschen mit dem gleichen missgünstigen, misstrauischen, missmutigen, miserablen „Lass’ mich in Ruhe!“. Das gilt nicht dem Lärm sondern dessen Motivation, denn Krach produzieren sie selbst ausgesprochen gerne, wobei allerdings peinlich genau darauf geachtet wird, dass der Anlass (Schützen- oder Oktoberfeste, Humtata-Karnevalsumzüge, Fußballweltmeisterschaften etc.) unverdächtig ist und er die Gemeinschaft, welcher als angemessen empfundenen Natur auch immer sie sein mag, ausdrücklich betont.

Sicher, das plötzliche Verschwinden Hunderttausender jüdischer Nachbarn mit nichts als einem Köfferchen in der Hand konnte für den objektiven Betrachter der damaligen Zeit nur einen Kurzurlaub auf Usedom bedeuten. Und die anschließende Belegung ihrer Wohnungen samt Mobiliar durch die arischen Nachbarn belegte die These der unmittelbar bevorstehenden Rückkehr der Besitzer mit großem Nachdruck. Auch der öffentliche Abtransport Hunderttausender Juden in Güterwaggons Richtung Osten und die leere Rückreise derselben hat nur eine kleine, privilegierte und informierte Minderheit Böses annehmen lassen.
Nathan Gelbart (via hankythewanky)

Die unüberhörbarste deutsche Lärmproduktion im Wortsinne fand zwischen 1933 und 1945 statt. Die bloß deutsche Revolution ging einher mit dem schrillen Schreien ihrer Repräsentanten, mit Tschingderassabum, Gegröle, Kanonendonner, Sirenen, den „Jericho-Trompeten“ der Stukas und einem einfältigen Lied nach dem unvermeidlichen anderen. Es verwundert geradezu, dass noch keiner der sonst um abwegige Entschuldungen nicht verlegenen Volksgenossen auf die Idee kam zu behaupten, man habe einfach nichts mitbekommen können, weil’s doch im „Dritten Reich“ eh immer so laut gewesen sei. Die pausenlose Geräuschkulisse diente vornehmlich dazu, den jugendlichen Elan der Bewegung hervorzuheben – das hysterische Kreischen, anspornende Brüllen und begeisterte Johlen galt dem einen Volke als Inbegriff von Frische und Ursprünglichkeit. Die von den völkischen Jugendbewegungen des 19. Und 20. Jahrhunderts maßgeblich beeinflussten Nazis (vgl. George L. Mosses Grundlagenwerk „Die völkische Revolution. Über die geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus“) fühlten sich den Heranwachsenden genauso weit verpflichtet, wie sie mit deren Vitalität und Virilität beispielsweise grenzenloses Wachstum zu begründen in der Lage waren. In den Lagern des Jungvolks war lautstarkes Bekunden der Freude an Gemeinschaft, Kräftemessen und Bewegung an frischer Luft obligatorisch. Darüber hinaus setzten die Nationalsozialisten eine Reihe kinderfreundlicher Gesetze in Kraft, bei denen es vornehmlich darum ging, Kinder aus proletarischem Milieu nicht mehr als billige Arbeitskräfte sondern als Deutsche zu definieren und sich somit deren Zugehörigkeitsgefühls zu versichern. Alle fortschrittlich anmutenden Gesetze wiesen dementsprechend die eine Einschränkung auf: Sie galten ausschließlich für ‚Arier’. Spätestens mit den Nürnberger Rassegesetzen waren vor allem Juden von den ‚Errungenschaften’ deutscher Gleichberechtigungspolitik ausgeschlossen. Das jüdische Kind wurde mit allen daraus resultierenden Konsequenzen de facto als jüdischer Erwachsener behandelt, der im Gegensatz zu den sich noch im Werden befindlich wähnenden Volksgenossen für alles und jedes Übel verantwortlich gemacht wurde, als Repräsentant der uralten Gegenrasse, des einen Volksfeindes. Kindheit und Jugend waren den (‚erbgesunden’) Deutschen vorbehalten und wurden politisch propagiert und medial verherrlicht.
Der im Nachkriegsdeutschland unisono als unpolitisch gehandelte Film „Die Feuerzangenbowle“ (1944, Vorbild für unzählige so genannte Pennälerfilme seit den späten 1960ern!) zeugt von der Sehnsucht der Deutschen als ewig Jungenhafte von aller individuellen Verantwortung frei zu sein. Der gleichermaßen als Salonlöwe wie als Autor erfolgreiche Hans Pfeiffer, der aufgrund seiner Erziehung durch Hauslehrer nie die ausgelassenen Freuden gemeinschaftlichen Schulbesuchs erfahren durfte, verjüngt sich zunächst nur optisch, um am Unterricht eines Gymnasiums teilnehmen zu können. Der äußerlichen Verwandlung folgt die geistig-moralische, und derart geläutert produziert Pfeiffer nunmehr vor allem eines: Lärm. Der Klamauk wird zudem durch eine auch im deutschen Nachkriegsfilm beliebte Figur sanktioniert: den jung gebliebenen Lehrer, und am Ende den wieder jung gewordenen Rektor, dessen frisch, fromm, fröhlich blondes, schrill kicherndes, krakeelendes und trotz aller vorgeblichen Unschuld vor allem im besten Gebäralter sich befindendes Töchterlein Pfeiffer schlussendlich ehelichen will. Statt seiner deutlich älteren und erkennbar sexuell erfahrenen vormaligen Geliebten, einer sich ausgesprochen erwachsen und ergo blasiert gebenden (eher dunkelhaarigen) Dame von Welt, die nicht ans Herz sondern die Vernunft, das Verantwortungsbewusstsein und letztlich den Geldbeutel appelliert und vor allem unnatürlich leise spricht. Und so geriert sie sich angesichts des Tumults der sie irgendwann naiv begeistert bedrängenden Schulkameraden Pfeiffers ostentativ artifiziell und bittet die „Herren“ (!) darum, doch nicht so einen Lärm zu veranstalten.
Zweifellos hatte die deutsche Frau offiziell vor allem einen Zweck zu erfüllen, und der war die Produktion Deutscher. In einem abgesehen davon breiten Rahmen jedoch existierten im „Dritten Reich“ durchaus vielfältige emanzipatorische Bestrebungen, die problemlos in das System integriert werden konnten. Es gab eine deutsche Frauenbewegung, die unwidersprochen Rechte einfordern durfte, und Leni Riefenstahl war trotz ihrer späteren (eigentlich leicht durchschaubar grotesken aber nichtsdestotrotz erfolgreichen) Selbstdarstellung als widerständiges Ausnahmetalent, das „nur Filme machen wollte“, eine durchaus bewunderte Ikone weiblicher Kreativität. Auch Prüderie war kein herausragendes Merkmal der Deutschen von 1933 bis 1945 – au contraire – jegliche augenzwinkernde und in den Arbeitsdiensten oder Freizeitlagern unermüdlich konterkarierte Kundgebung sexueller Zurückhaltung war bloße Konzession an insbesondere katholische oder anders tugendhafte Deutsche, wie auch das „Dritte Reich“ in jeglicher Hinsicht (außer wenn es um die Juden ging!) permanent bereit war Konzessionen zu machen. Prinzipiell war Nazi-Deutschland allen gegenüber aufgeschlossen, die Deutsche herstellen, sich darin üben oder dazu beitragen wollten (Riefenstahls schöne deutsche Jugendliche sind hier ein nicht zu unterschätzender Propagandafaktor: Dies könnte Ihr Kind sein!) – auf welche Art und in welchen (heterosexuellen) Verhältnissen auch immer sie das tun mochten. Tatsächlich schafften die Deutschen darüber hinaus Freiräume, in denen die Volksgenossen wirklich alles durften: die Konzentrationslager.
Nach 1945 herrschte bequemerweise die Meinung vor, Deutschland habe zwölf Jahre lang als geknechtetes und von einer grausamen Diktatur zum Schweigen gezwungenes Volk dahinvegetiert. Ebenso bequem wurden die unzähligen Beschwerden ignoriert, die das so ganz und gar nicht stumme Volk unermüdlich an relevante Institutionen weiterleitete (vgl. Robert Gellately – Backing Hitler. Consent and Coercion in Nazi Germany). In ihnen ging es vorwiegend um die ungerechte Verteilung des tagtäglich Erbeuteten oder ‚Rassenschande’. Der Traum der Deutschen allerdings offenbarte sich genau dort, wo ihm keinerlei Grenzen mehr gesetzt wurden. Und sie schufen eine Kakophonie des Grauens. Eine Collage gewollt widersprüchlicher Melodien, wo Kitsch und Grauen sich gegenseitig bedingten, durch Schreien dirigiert und jeden Schrei übertönend.
Ganz am Schluss erst konnten die Deutschen dazu gebracht werden, endlich mit dem Lärmen aufzuhören. Für einen kurzen Moment hielten sie dann erschrocken die Luft an (© by KdP), nur um bereits im ersten Augenblick des ob der ausbleibenden Strafe Aufatmens mit ihrem Gejammer die nachhallenden Klagen ihrer Opfer um jeden Preis zu übertönen.
Der erfolgreichste deutsche Nachkriegsroman wartete folgerichtig mit einem ausschließlich Lärm veranstaltenden Helden auf. In Günter Grass’ „Blechtrommel“ (1959) trommelt und schreit das deutsche ewige Kind Oskar Matzerath vorgeblich gegen die Nazis an, die es aber bloß imitiert und ihnen die vom Volk bis zum Ende herbeigesehnte kindische Variante einer Wunderwaffe vorführt: seine zerstörerische Stimme. Ganz anders als bei der ungleich und unangemessen erfolgloseren Gisela Elsner, die in „Fliegeralarm“ drastisch das konformistische Moment von Kinderlärm ausstellt. Derweil galt dem durchschnittlichen Nachkriegsdeutschen das stille Kind aber als Ideal; es glich so weniger den als gefährlich für den Bestand erkannten Schreihälsen im „Dritten Reich“ und diente als Spiegel ihres unauffällig zu sein habenden Selbst, als Beleg dafür, dass man nicht am Lärmen teilgenommen hatte.
Es blieb der kommenden sich ebenso von Schuld frei wähnenden und zur Ruhe ermahnten Generation vorbehalten, den Krach wiederzuentdecken. Aufbauend häufig auf ähnlichen Grundlagen wie ihre völkisch motivierten Vorfahren. In den Kinderläden der 68er herrschte das angeblich natürliche und noch angeblicher fröhliche Kreischen, Grölen und Johlen der Kleinen vor. Das wiederum den Grundstock legte für die nächste Generation jammernder Deutscher, die sich seit den 1990ern noch eine zeitlang ausführlich über ihr Leiden an den ihnen von ihren Eltern grausam gewährten Freiheiten beklagen durften. Damit ist es nun vorbei. Einzig die Senioren-Union mag noch Einspruch erheben gegen das bloß ihnen nach wie vor als subversiv oder allzu bekannt gelten mögende Gekreische.


Monty Python – Hell’s Grannies

Das Baby von Familienministerin Kristina Schröder ist da. Lotte Marie heißt das Kind, Mutter und Baby sind wohlauf. Und auch der Bundesrepublik geht es bestens.
Berliner Morgenpost

Während der unüberhörbare Beifall, der Thilo Sarrazin aus allen Schichten der Gesellschaft beschallt, den Wunsch nach nichts anderem als mindestens so genannten positiven eugenischen Maßnahmen unterstreicht, sind die offiziellen Volksvertreter noch vorsichtiger in der Umsetzung des Willens und Wollens ihresgleichens. Das beliebteste Volk der Welt hat sich eben deswegen keinesfalls als rassistisch darzustellen, als kinderfreundlicher sogar noch als die „vorbildlichen Skandinavier“ hingegen soll die einstmals kinderfeindliche Nation in Zukunft dastehen. Da man hierzulande in seiner Missgunst dem Nächsten nicht einmal den Dreck unter dessen Fingernägeln gönnt, wird propagiert, es hinge gerade eben nicht vom Geld ab, dass die Deutschen sich nicht mehr so recht fortpflanzen wollen. Vielmehr sei das kinderfeindliche Klima schuld am Niedergang der Nation. So lächerlich es klingen mag, dass daraufhin zuerst ein Gesetz für Kinderlärm unter Beteiligung aller deutschen Parteien erlassen wird, so offensichtlich sind dessen problematische Traditionslinien. Und natürlich schlägt man diverse Fliegen mit einer Klappe: Ums Bezahlen für den Bestand ist man mit hochmoralischem Gestus herumgekommen; gerade die Armen im Lande werden dadurch nicht zu übermäßiger Kinderproduktion angeregt, ebenso wenig die vielen in ärmlichen Verhältnissen leben sollenden „Menschen mit Migrationshintergrund“, die sind in ihren billigen Wohnungen in oft desolaten Gegenden eh meist dermaßen unerträglichen Lärmquellen ausgesetzt, dass es auf ein bisschen mehr oder weniger nicht mehr ankommt. Man braucht auch kein schlechtes Gewissen mehr haben, wenn man den Nachbarn, der sein Kind verprügelt, nicht anzeigt, gegen Kindergeschrei kann man nun mal nichts machen. Es hat natürlich zu sein.
Hinter all dem steht auch ein „Schreit so lange ihr es noch dürft, irgendwann ist es damit vorbei!“ Und jeder weiß, dass Kindergeschrei keinesfalls prinzipiell Ausdruck von Lebensfreude ist, viel öfter zeugt es von Hilflosigkeit und verzweifeltem sich Ausgeliefertfühlen; irgendwer ist immer stärker und mächtiger. Und wenn das Kind nicht grölend herumtoben mag, und stattdessen gerne still in der Ecke sitzt und liest, gilt es fortan als die Urwüchsigkeit und die Volksertüchtigung gefährdendes Element. „Geh doch mal raus spielen“, soll kein nerviger Vorschlag mehr sein sondern der Beleg dafür, dass man das Gesetz achtet. Und das Geschrei unzufriedener, unbefriedigter, frustrierter, ignorierter etc. Kreaturen wird kurzerhand unisono als wertvoll für die Selbstentfaltung erklärt.
Auf der anderen Seite zeugt das Bemühen nahezu aller Politiker, den deutschen Nachwuchs zum Schreien zu animieren von ihrem schlichten Gemüt: Das weit verbreitete Vorurteil, die „Ausländerkinder“ seien so viel lauter als die eigenen wohlerzogenen Abkömmlinge, lässt sie offenbar vermuten, der Krach rege zum endlich ernst gemeinten Zeugungsakt an: „Ach, ich will auch was haben, das 80 Dezibel machen kann.“ (Zum Vergleich: 65 Dezibel, Beginn der Schädigung des vegetativen Nervensystems, erhöhtes Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Damit erledigt man nebenbei gleich das vor allem von weiten Teilen der Jungen Union als solches empfundene lästige Seniorenproblem mit.) Und die „ausländischen Mitbürger“, denen man sogar noch weniger gönnt als den Volksgenossen, haben gefälligst nicht besser im Kinderkriegen zu sein. Da die rassistischen Ausschreitungen vor allem seit 1989 das Bild, das sich die Welt von den reumütigen Deutschen zu machen hatte, gravierend gefährdeten, müssen andere Mittel her, um das Land als deutsches zu bewahren. Hier geht es nicht ausschließlich um die Angst vor „Überfremdung“, sondern auch um den von Wolfgang Pohrt richtig beschriebenen Neid der Deutschen angesichts von nichtimdeutschenwurzelnden Müttern vieler Kinder, die ihnen im Schlussverkauf irgendwas vor der Nase wegziehen und das auch noch mit dem deutsch imaginierten und ersehnten guten Gewissen, mit einer Rechtfertigung vor sich selbst und allen anderen. „Obwohl die BRD ein Wohlstandsland ist, spielen sich bei der Öffnung der Kaufhäuser im Schlussverkauf regelmäßig Szenen ab, die an die Verteilung von Brot an die verhungernden Kurden erinnern. {…} Es dürfte hart für die Deutschen sein, wenn sie es mit ansehen müssen, wie andere die besseren Menschen sind, wenn sie tun, was die Deutschen nicht lassen können.“ (Wolfgang Pohrt – Das Jahr danach. Ein Bericht über die Vorkriegszeit., 169)


Martin Creed – Mothers


„Serial Mom“, John Waters (1994): „Separate your garbage!“, Screenshot

Die neue junge deutsche Frau, der man lange genug eingeimpft hat, als kinderlose sei sie nicht wirklich erfüllt, und sie könne doch im neuen jungen Deutschland mühelos Job (!) und Kinder „miteinander verbinden“, macht sich entsprechend auf, ihren Bauch nicht mehr für sich zu beanspruchen, sondern ihn buchstäblich als Rammbock einzusetzen. Schwangere Frauen und solche mit Kinderwagen rempeln (vorzugsweise in als wohlhabend und/ oder grün-alternativ aufgehübschten Städten respektive Stadtteilen) rücksichts- und grundlos Passanten an, die ihnen nicht umgehend den Tribut zollen, den die zukünftigen oder frischgebackenen Mütter der Nation einfordern. Ihre unverhohlen strahlend daherkommende Aggressivität ist nicht bloß dem Stolz auf die verdienstvolle Rolle geschuldet sondern vermutlich auch der Ahnung, dass das Ganze irgendwann wird teuer zu bezahlen sein, mit dem Verlust von Stille und einem erhöhten „Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen“ oder unerwünschten Falten. Wenigstens liefert Das Gesetz auch den Rest der Bevölkerung denselben Strapazen und Gefährdungen aus, darauf wird man mit Schubsen, ungeduldigem Drängeln beizeiten vorbereitet. Und Gnade dem, der es wagt, rauchend an einer Ampel zu warten, während die Erfüllten sich in seiner Nähe befinden…
Mehr oder weniger gelungene literarische Umsetzungen des Ausgeliefertseins an Kinder gibt es zuhauf: In John Wyndhams Midwich Cuckoos bilden die (vordergründig Alien-)Kinder eine verschworene, Erwachsene, die sich ihnen in den Weg stellen, mordende Gemeinschaft; in Doris Lessings „Memoirs of a Survivor“ und „The Fifth Child“ ziehen marodierende Kinder- und Heranwachsenden-Banden durchs trostlose Land; in Tennessee Williams’ „Suddenly Last Summer“ zerstückeln und essen minderjährige Jungen ihren Vergewaltiger in einem Akt hilflos brutaler Selbstjustiz; in Ira Levins „Stepford Wives“ zieht Joanna Newsom ihrer Kinder wegen und aufgrund des Drängens ihres Mannes in die erst einmal idyllische und erschreckend saubere, vor allem aber kinderfreundliche Kleinstadt Stepford, wird ermordet und durch einen Heiligeundhure-Roboter ersetzt, der nichts mehr tut, als die Kinder zu erziehen, zu kochen, putzen, einzukaufen und ihrem Mann jeden Willen und Wunsch zu erfüllen etc. pp. Und in der britischen TV-Serie „Cracker“ (dt. „Für alle Fälle Fitz“) klagt die hochschwangere Ehefrau den Autoren eines Science Fiction-Romans an, der die Schrecken einer Invasion beschreibt, in der Aliens die Körper von Menschen in Besitz nehmen und sie von innen heraus ausbeuten, das könne nur ein Mann als Fiktion geschrieben haben. In „Alien“ (Ridley Scott, 1979) hingegen bedeuten ‚Befruchtung’ und ‚Schwangerschaft’ den sicheren Tod.
Diese unterschwellig immer vorhandene Ahnung von Ausgesetztsein konterkariert die Regierung mit einer potentiellen Mutterkreuzträgerin, die mühelos vier, fünf oder wie viel auch immer Kinder neben ihren vielen politischen Aufgaben großziehen konnte, die aber um der Zielsetzung Willen irgendwann durch eine erstgebärfähige Nachfolgerin ersetzt wurde. Deren Kind trägt dann auch entsprechend einen Namen, der zwar wie derzeit angesagt ausgesprochen deutsch ist, jedoch Erinnerungen an Astrid Lindgrens fröhlichere und harmlosere Kinder aus Bullerbü evoziert. Womit ein weiterer Kreis aus den sich an angeblich entgegengesetzten Enden der Strecke befindenden Punkte gebogen wird, wo sich notwendig natürlich deutscher Nachwuchs und natürlicher Kinderladenkrawall treffen.

Deutschland ist volljährig, aber auch noch ein Teenager. Der fühlt sich stark, hat aber noch einiges zu lernen, bekommt die Fahrerlaubnis, aber erst mal auf Probe, kann bis nach Mitternacht in der Disco feiern, muss aber mit dem Kater selber klarkommen, darf wählen gehen, spricht aber noch im Jugendslang über die Politiker. Volljährig sein bedeutet aber auch: Man kann sich endlich mal so richtig das Jawort geben.
Katrin Göring-Eckardt, Grüne (Süddeutsche.de, 2008)

Ja, Deutschland wird volljährig – Grund zu feiern. Aber auch 18-Jährige sind noch auf der Suche nach ihrer Rolle und manchmal uneins mit sich selbst. Das gilt auch für Deutschland. Also, tu nicht so erwachsen, Deutschland, erhalte dir den Charme des Unfertigen!
Holger Treutmann, Pfarrer der Frauenkirche Dresden (ebd.)

Dieses Reich hat die ersten Tage seiner Jugend erlebt, es wird weiter wachsen in Jahrhunderte hinaus, es wird stark und mächtig werden! Die Fahnen werden durch die Zeiten getragen von immer neuen Generationen unseres Volkes. Deutschland hat sich gefunden! Unser Volk ist wiedergeboren!
Adolf Hitler, Reichsparteitag der Ehre, Nürnberg 1936

Die „späte Nation“ hat als ewig junge zu gelten, nur so ist sie fähig, alles von ihr Ausgehende zu entschulden. Knut Hamsun lieferte ein Beispiel ihrer Exkulpierungsstrategien seit spätestens 1933: „Er bezeichnete Deutschland als «junge Nation», die das Recht der Jugend auf Selbstentfaltung beanspruchte. {…} «Deutschland befindet sich mitten im Umbau. Wenn die Regierung Konzentrationslager einrichtet, so sollten Sie und die Welt verstehen, dass sie gute Gründe hat», belehrte er 1934 den norwegischen Ingenieur Christopher Vibe, der sich für Carl von Ossietzky einsetzte. Als dem KZ-Insassen zwei Jahre später der Friedensnobelpreis zugesprochen wurde, entrüstete sich Hamsun lautstark. Seine eigene Nobelpreis-Medaille schenkte er 1943 dem Reichspropagandaminister Goebbels.“ (Aldo Keel – Der norwegische Nobelpreisträger: Gefeiert und umstritten)
Marcel Proust schrieb À la recherche du temps perdu in einem schalldicht isolierten Raum am Boulevard Haussmann in Paris. Das Oberverwaltungsgericht Münster aber urteilte apodiktisch und noch die individuellsten Schutzmaßnahmen als miesmacherisch denunzierend: „Wer Kinderlärm als lästig empfindet, {…} hat selbst eine falsche Einstellung zu Kindern.“

Recommended reading:
Ira Levin – The Stepford Wives (see also the 1975 movie version) + The Boys from Brazil + Rosemary’s Baby
Tennessee Williams – Suddenly Last Summer
Magnus Klaue – Lärm ist geil
Marcel Proust – À la recherche du temps perdue
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Later: Offenbar hat Götz Aly den Neidwennnichtmitmissgunst-ihnverwechselndengedanken aufgenommen und daraus womöglich doch nur wieder ‚Deutsche Opfer‘ exzerpiert. More to come!

+ Noch später: „Leider wird oft vergessen: Kinder sind unsere natürlichen Feinde. Die ihnen gemäße Staatsform ist die Diktatur. Wenn sie könnten, würden sie unser Konto plündern, uns in der Küche anketten, uns eine Magnum an die Schläfe halten und uns 24 Stunden am Tag Schokoschaumkuchen backen lassen. Wenn Sie einmal gehört und gesehen haben, was ein Kind an einer Supermarktkasse zu veranstalten in der Lage ist, um Sie fertigzumachen, dann wissen Sie: Ihren süßen kleinen Fratz, den Sie zu einem besseren Menschen erziehen wollen, können Sie jederzeit als akustisches Folterinstrument in Guantánamo einsetzen. Für den Umgang mit Kindern gilt, was für den Krieg gilt. Es gibt nur ein Gesetz: Sie oder wir. Sie sollten also wissen, was zu tun ist. Die Anwendung von Verhütungsmitteln ist einfach zu erlernen.Thomas Blum – Sie oder wir, Jungle World

Pausenbild II


This is Ripley, last survivor of the Nostromo, signing off.” Alien (1979)
Source: If we don‘t, remember me. Tumblr
To be continued…

„Stukas Over Disneyland“. Lars von Trier feiert seine „deutschen Wurzeln“ angemessen



Dickies – Stukas Over Disneyland

Jedem, der sich auch nur am Rande mit dem Thema Antiamerikanismus beschäftigt, fällt die Nähe und Prominenz des Topos Antisemitismus auf. Ich betrachte beide als eng miteinander verwandt, als – um es bildlich auszudrücken – Cousins ersten Grades. […] André Glucksmans Charakterisierung der beiden als „Zwillingsbrüder“ erscheint noch treffender.
Andrei S. Markovits – Amerika, dich haßt sich’s besser. Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa

Aber es gibt keine Antisemiten mehr“, schrieben Theodor W. Adorno und Max Horkheimer (Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente) und meinten damit nicht nur, dass sich nach Auschwitz kaum noch jemand offen als Antisemit bezeichnen oder bezeichnen lassen wollte und antisemitische Äußerungen als solche erst entschlüsselt werden mussten. Zugleich vermuteten sie: „Daß, der Tendenz nach, Antisemitismus nur noch als Posten im auswechselbaren Ticket vorkommt, begründet unwiderleglich die Hoffnung auf sein Ende. Die Juden werden zu einer Zeit ermordet, da die Führer die antisemitische Planke so leicht ersetzen könnten, wie die Gefolgschaften von einer Stätte der durchrationalisierten Produktion in eine andere überzuführen sind.“ (Ebd.) Trotz des Superlativs ist der Text, der weitgehend noch während des „Drittens Reiches“ entstand und entsprechend zu lesen ist, von Zweifeln durchzogen, die, wie sich wenig später herausstellen sollte, zu Recht Antisemitismus als fortwährende Grundlage deutscher Ideologie annehmen. Jahre später schilderte Jean Améry deutsche Nachkriegszustände, die die Befürchtungen drastisch illustrierten, kulminierend in seinem Text „Über Zwang und Unmöglichkeit, Jude zu sein“ (in „Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten“, 1977) und seiner Rede zur Woche der Brüderlichkeit „Der ehrbare Antisemitismus“ (in „Weiterleben aber wie?“, 1982). 1969 veröffentlichte Léon Poliakov seine Studie zu den antisemitischen Grundlagen des Antizionismus und vice versa (in Deutschland erstmals 1992: „Vom Antizionismus zum Antisemitismus“, ça ira). Noch später wiesen Detlev Claussen („Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus“ und „Aspekte der Alltagsreligion“) und Moishe Postone („Deutschland, die Linke und der Holocaust“) die anhaltende Virulenz von Antisemitismus nicht nur in der Rechten sondern ebenso der deutschen Linken und Mitte nach. Und neben anderen beschrieb Andrei S. Markovits („Amerika, dich haßt’s sich besser. Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa“) welche Schnittmengen Antiamerikanismus und Antisemitismus notwendig darbieten.

Es liegt in der Natur der Sache, daß Filme, die durch das Pathos ihres Stils jeden Quadratzentimeter Realität mit Bedeutung aufladen und ihr atemlos hinterherhecheln, bald an die Grenzen der Immanenz stoßen und ein Bedürfnis nach Transzendenz entwickeln: letzte Ausfahrt Religion. Trier ist – nur halbironisch gebrochen – besessen von Schuld, Selbstgeißelung, Opferkult und Dogmen und tischt den Zuschauern am Ende von »Breaking the Waves« mit den vom Himmel hoch ins Bild bimmelnden Riesenglocken ein wahrhaftes Wunder auf.
Jan Pehrke – „Im Arsch der Dinge“, Konkret 02/02

Lars von Trier ist als Regisseur fraglos weitaus begabter als Jonathan Meese als Künstler, dennoch teilen beide ein ähnliches Bild von der Funktion des Schöpfers eines Werkes. Wo Meese den Künstler nur noch in den Dienst von etwas Höherem stellen mag (bloß keine „Selbstverwirklichung, Kreativität, Individualität und die lächerliche Privatsuppe zum Gesetz machen“ und „bitte, bitte kein Talent, Talent ist Ritual, Ritual ist Zombie, Zombie ist stinkende Ohnmacht“), sollte das durch von Trier maßgeblich geprägte Dogma 95-Manifest einerseits dem Autorenfilm wie andererseits dem opulenten Kino Hollywoods mit rigider Beschränkung von Ästhetik und letztlich Thematik beikommen. Meese spielt kindisch verharmlosend mit Nazi-Versatzstücken und von Triers Filmen ist vor und nach Dogma 95 seine Faszination für den NS-Gestaltungswahn zu entnehmen (dazwischen gab er das Gegenteil vor und repetierte dennoch im Kollektiv entsprechende Inhalte). Beide geben sich als enfants terribles, als Tabubrecher, die mit sich selbst zugleich jedes Tabu ironisiert betrachtet haben wollen. Während bei Meese jedoch alles zu Eintopf zerkocht wird, lassen sich von Triers Motive trotz aller vorgeblichen Widersprüchlichkeit deutlich exzerpieren. Im Dogma-Manifest, dessen Quintessenz lautet: „Ich bin kein Künstler mehr“, heißt es:
To DOGME 95 cinema is not individual. […] For the first time, anyone can make movies. But the more accessible the media becomes, the more important the avant-garde, it is no accident the phrase „avant-garde“ has military connotations. Discipline is the answer…we must put our films in uniform, because the individual film will be decadent by definition! DOGME 95 counters the individual film by the principle of presenting an indisputable set of rules known as THE VOW OF CHASTITY.
Die Dogma-Filme von beispielsweise Thomas Vinterberg („Festen“) und Lars von Trier („Idioterne“) üben sich dann auch nicht nur in ästhetischer Reduktion, sondern stellen die „Reinheit“ des unschuldigen Opfers ins Zentrum der Handlung, wo es der Dekadenz der Bourgeoisie erst einmal hilflos ausgeliefert ist. Dekadenz wird in „Festen“ u.a. mit eindeutig homophoben Mitteln illustriert. Und in „Idioterne“ zelebriert von Trier wie so oft weibliche Aufopferungsbereitschaft oder Frauen als vornehmliches Opfer sinistrer Kontexte („des Führers Wasserleiche“ lässt grüßen) angesichts des bei ihm aufgrund der so oder so als hoffnungslos ‚verdorben’ ausgestellten Menschheit regelmäßig zu erahnenden nahen Untergangs der Welt. Hinter von Triers vordergründigen Provokationen lauert immer das Opfer, als das er selbst sich in seinen öffentlichen Auftritten wie in seinen Protagonistinnen darzustellen weiß. Nichts ist von ihm zu hören oder sehen, das nicht impliziert, er werde alsbald dafür gequält und gemartert werden. Das Modell ist bekanntermaßen erfolgreich, und so zeitigte es auch in von Triers Fall keine gravierenden Konsequenzen, als er in Cannes seine Begeisterung für Albert Speer und sein Mitfühlen mit Hitler im Bunker ausdrückte, Israel als „pain in the ass“ bezeichnete (was nicht, wie in den deutschen Medien ausnahmslos geschehen, mit „geht mir auf die Nerven“ zu übersetzen ist, sondern wenn schon nicht literally dann mit „geht mir auf den Sack“ oder „ist die Pest“) und sich der Grußformel aller Antisemiten bediente: „Ich habe nichts gegen Juden, aber…“. Am Ende seines Monologs verlieh er, sich gleichzeitig immunisierend, erneut seiner Befürchtung öffentlicher Verdammung Ausdruck: „How do I get out of this sentence. Ok, I’m a Nazi.“ Mit einem aufgesetzt entschuldigenden und „nur halbironisch gebrochenen“ (Pehrke) Lächeln. Die Bestrafung erfolgte in Form einer nicht einmal halbherzigen Geste: Die Leitung erklärte ihn für die Dauer des diesjährigen (!) Festivals zur persona non grata. Was ihm erklärtermaßen gefallen hat: „Ich bin sehr stolz darauf. Ich war noch nie in meinem Leben eine Persona non grata. Und das passt mir sehr gut.“ (Lars von Trier im Interview. „Wer mir in die Fresse hauen will, ist willkommen“, Spiegel.online)
Doch selbst das nachsichtige auf die Fingerklopfen galt deutschen Medien als Veranlassung, sich in Verschwörungstheorien zu ergehen. Im Interview mit dem Deutschlandradio teilte dessen Filmkritiker Josef Schnelle mit, man habe in Cannes „zuerst moderat reagiert […]. Und jetzt gab es dann ja plötzlich die Entwicklung, dass das Festival ihn zur Persona non grata erklärt hat. Da werden andere Instanzen des Festivals beteiligt gewesen sein, wie [sic!] bei dieser ersten Erklärung. Das weiß man immer nicht, was hinter den Kulissen da genau vorgeht. Jedenfalls ist der Film jetzt raus und kann auch keine Goldene Palme mehr bekommen. Dabei sah es kurz danach aus, dass er es hätte werden können.“ (Dradio – Lars von Trier aus dem Festival von Cannes geworfen. Josef Schnelle im Gespräch mit Karin Fischer)
Hinter den Kulissen“ agieren gesichtslose Strippenzieher, und der harmlosen Gemüts in Fettnäpfchen stolpernde von Trier ist ihr Opfer. Lars von Trier gibt Bess, Karen, Selma und wie sie alle heißen mögen in Personanongrataunion. Natürlich stürzten sich alle auf seine apodiktische Deutung, da er Speer schätze und Hitler irgendwie verstehen könne, würde er der Welt von nun an als Nazi gelten. Um ihn mit einem Federstrich davon freizusprechen. Und tatsächlich ist Lars von Trier (wie üblich in der Deutsche und deutsch exkulpierenden Diskussion) kein Nazi im Wortsinne, wenn er auch deren grundlegende Opferideologie teilt. Als das jedoch, was zumindest die deutschen Medien nur als Ansätze oder Tendenzen zu erwähnen wagen und im selben Moment weit von ihm zu weisen sich anstrengen müssen, geriert er sich zunehmend. Auf Spiegel.online kommentiert Hannah Pilarczyk: „Auf der einen Seite rehabilitieren, auf der anderen Seite verbannen – rückgratloser geht es kaum. In Gibsons Filmen finden sich zumindest Ansatzpunkte für eine Diskussion über antisemitische Tendenzen. Sein archaischer Film „Die Passion Christi“ stand zum Beispiel wegen seiner als verzerrend wahrgenommenen Darstellung von Juden in der Kritik. Bei von Trier sucht man solche Ansatzpunkte vergeblich.“ („Stinkbombe und Fehlurteil“)

I really wanted to be a Jew, and then I found out that I was really a Nazi, because my family was German, Hartmann, which also gave me some pleasure. So, what can I say? I understand Hitler, but I think, he did some wrong things, absolutely, but I can see him sitting in his bunker in the end. But there will come a point at the end of this. Now I‘m just saying that I think, I can understand the man. He is not what you would call a good guy. Yeah, I understand much about him. I might sympathize with him a little bit, yes. But, come on, not … I‘m not for the second World War. And I‘m not against Jews. I am of course very much for Jews. No, not too much, because Israel is a pain in the ass. … But still … How can I get out of this sentence? Ok, I‘m a Nazi
Lars von Trier in Cannes

The reason that I make these Jewish jokes is that, for half my life, I thought I was Jewish. If you’re Jewish, you’re allowed to make Jewish jokes. So it’s hard to break that habit when you find out that you’re not really Jewish. All of my children have Jewish names. I’m sorry that people took it the wrong way. But I know why; I was stupid enough to talk to the world like I talk to my best friends.
Lars von Trier, Richard Porton – Lars von Trier Explains Nazi Comments

Und irrt sich. Lars von Trier hat sich in seinen Filmen immer wieder diverser Motive bedient, die nur denen, die sie eben nicht sehen wollen, verborgen zu bleiben haben. Und ausschließlich so hat Deutschland seit eh und je funktionieren können. Abgesehen von der unermüdlichen Inszenierung sich aufopfernder Charaktere und seiner Dekadenzphobie, werden antisemitische Motive vor allem in seinem Antiamerikanismus erkennbar. Felix Hedderich beispielsweise schreibt über „Dear Wendy“ (Regie: Thomas Vinterberg, Drehbuch: Lars von Trier): „Dass der Ladenbesitzer […] als einziger Erwachsener, der nicht in der Kohlemine arbeitet, einen jüdischen Namen trägt, kann kein Zufall sein. Ein Händler und Ausbeuter, der die harte Arbeit in der Mine scheut – das muss, vom Standpunkt eines Antisemiten betrachtet, ein Jude sein. Hinzu kommt, dass Salomon auch noch eine Paranoia vor gewalttätigen Gangs, die es in dem verschlafenen Städtchen offensichtlich nicht gibt, angedichtet wird. Beschreibt von Trier hier etwa die nach dem 11. September durchaus berechtigte Angst der Amerikaner vor Terroristen als bloße Paranoia vor einem Gespenst, das gar nicht existiert? Und will er mit der Figur des Salomon darauf verweisen, dass diese Paranoia von den amerikanischen Juden ausgeht?“ (Dogma 2005. Lars von Trier und Thomas Vinterberg sind die „Avantgarde für Vollidioten“, Konkret) Außerdem verweist Hedderich zurecht darauf, dass neben den sich opfernden Frauen Antiamerikanismus die vielleicht „größte Gemeinsamkeit der von Trier-Filme der letzten zehn Jahre ist“. (Ebd.) Mindestens.



Eat this, Lars von Trier! („Battle of Britain“, UK 1969, Regie: Guy Hamilton + undeniable „Star Wars“ model 3:05)

A Stuka will outlive a British Spitfire in our consciousness by millennia. That’s my point of view. While a Spitfire has all those rounded forms and was a very beautiful airplane, the Stuka was a revelation. A lot of Nazi design was amazing. They had such big thoughts. The Stuka was a dive-bomber that swooped down and dropped its bombs with great precision. A special feature about the Stuka was that its bombs were equipped with a little whistle, which is staggeringly cynical but also a sign of artistic surplus.
Lars von Trier im Interview mit Per Juul Carlsen, Danish Film Institute: The Only Redeeming Factor is the World Ending (mit Dank für den Hinweis an U+NdG)

Got an SS ticket I‘m feeling fine
Spent five long hours just standing in line
Passed inspection got my ears on straight
Gonna fire up my engines ‚fore it gets too late
I just can‘t wait

Dickies – Stukas Over Disneyland

Lars von Trier, der 1995 die urdeutsche narzisstische Kränkung, er entstamme eben nicht dem auserwählten Volke, am eigenen Leib erfahren musste, als ihm seine Mutter auf ihrem Totenbett mitteilte, sein Vater sei nicht der dänische Jude Ulf Trier gewesen sondern ihr Arbeitgeber, der Deutsche Fritz Hartmann, zog in der Pressekonferenz auch über die dänisch-jüdische Regisseurin Susanne Bier her und beantwortet Fragen nach den Gründen für seine Beleidigungen nur ausweichend und seine Missgunst kaum verhehlend: „I went to film school with her, and she used to work for Zentropa, my production company, but quit. I’ve always thought, compared to me, that she was treated extremely well, which is fair enough, but has nothing whatsoever to do with the fact that she’s Jewish. The reason that I make these Jewish jokes is that, for half my life, I thought I was Jewish.Richard Porton – Lars von Trier Explains Nazi Comments
Worauf er tatsächlich neidisch ist, geht dennoch eindeutig aus seiner Replik hervor. Während er zunächst in der einen Identität aufging, um sich Dank ihrer über alles hermachen zu können, richtet er sich nun ebenso in der nächsten ein. Missgunst und Neid gehören wie Waschbecken und Herd zum deutschen Standardinventar und müssen nicht extra angeschafft werden. Von Trier hat schnell gelernt, dass Deutschsein („[W]hich also gave some pleasure.“) heutzutage ein surplus ist – nichts und niemand war am Ende erfolgreicher in der Darstellung als Opfer. An ihr wird man unersättlich.
Nebenbei kristallisiert sich eine neue (deutsche) mediale Repräsentation heraus: Der Antisemit als Genie. Sobald eine prominente Person sich antisemitisch äußert, und sei es noch so drastisch („But I love Hitler. People like you would be dead today. Your mothers, your forefathers would be fucking gassed.“ John Galliano), wird auf ihren Status als begnadeter Künstler verwiesen1, von Galliano bis zu von Trier. Die undifferenzierte deutsche Faszination für Kreative hat sie so weit gebracht, dass sie einen, der sich als einer ausgab, zu ihrem Führer auserwählten. Das feinsinnige Volk exkulpiert sich zum wiederholten Male an dem, was seine Massenmedien uneingeschränkt als „Faux-pas“, „Ausrutscher“, „Dummheit“ und dergleichen mehr und vor allem angesichts des Stress‘ oder des Image als nur allzu verständlich bezeichnen. Ob die ausgiebig bemitleideten sensiblen Geschöpfe am Ende behaupten, sie hätten gar nichts gegen Juden oder eben nicht, macht nicht den geringsten Unterschied mehr aus. Weil „man“ unisono und irrsinnigerweise davon ausgeht, es gäbe keine Antisemiten mehr. Insofern soll selbst Eve Gerrads völlig zutreffende Analyse zunehmend dem Nichts, das am Ende von all dem lauert, anheimfallen:
Many of the boycotters clearly felt, and said, that the proposal couldn’t be antisemitic, since they themselves didn’t hate Jews. This error—of considering antisemitism as purely a matter of how people feel, rather than of what they actually do—is one which is now rarely made by academics about other forms of racism, since the idea of indirect or institutional racism is well-established and well-known in the UK. The persistence of this purely psychological approach to antisemitism itself calls for further explanation.Eve Gerrard – Excluding Israelis: An Intellectual Anatomy of the Academic Boycott (pdf)
Und zwar ausgerechnet weil jede medial bewältigte Aussage zum Thema als nicht rückholbares Vorbild für all diejenigen deutsch motivierten Tabubrecher kursieren wird, die sich in ihrem Opferwahn dem Nichts andienen. Die Einmütigkeit der deutschen Kommentatoren zu von Triers Ausfällen ist auch insofern umso erschreckender, weil es vor Jahren noch wenigstens eine beachtbare Minderheit gegeben hätte, die sich bemüht haben würde, dem deutschen Ansehen in der Welt mit Fingerzeigen weiterzuhelfen. Und sei es nur, weil man in Deutschland eben anständig ist. Aber selbst das scheint ihnen mittlerweile kaum noch nötig zu sein.

  1. Es sei denn, es handelt sich um US-Amerikaner oder Hollywoodstars. Mel Gibson zum Beispiel wollte man seinen Antisemitismus hierzulande enstprechend anhaltend vorwerfen, weil man ihn als Hollywood-Produkt betrachtete. In diversen deutschen Beiträgen zur von Trier-Debatte wird er dann auch als Derechteantisemit ausgestellt, während von Trier „nur spielen will“. In Deutschland stellt man sich als Ausalldemgelernthabende aus, während man in den USA endlich die wahren Rassisten vorzufinden wähnt. Wäre Gibson Europäer gälte er hier ebenso ausdrücklich als bloß überfordertes respektive alberne Tabus brechendes Schauspiel-Genie. [zurück]

Deutsches Mitleid I: „Instinktive Abwehr“

Heute sagt man „Gutmensch“. Früher nannte man das „anständig“.
In den Kommentaren zu Josef Joffe/ Katrin Göring-Eckardt – Moralgesellschaft. Wissen wir es besser?, Zeit.online

Alle drei Sekunden stirbt weltweit ein Mensch an „Hunger“ bzw. den Folgen von Unterernährung, was in Deutschland relativ wenige Menschen aufbringt zu demonstrieren. In Stuttgart aber ketteten sich Demonstrierende zur Rettung von ein paar alten Bäumen an selbige, als ginge es um Menschenleben – man möchte fast meinen, um das eigene. Ein alter Bahnhof scheint die Gemüter weit mehr in Wallung zu bringen als menschliches Leid.
Caspar Schmidt – Gegen Mülltrennung und andere kriegswichtige Aufgaben, SchlamasselMuc


The body of Heinrich Himmler lying on the floor at British 2nd Army HQ after his suicide on 23 May 1945“, Imperial War Museum Collections

In der Rede, die Heinrich Himmler am 4. Oktober 1943 vor führenden SS-Männern in Posen hielt, war ein nicht unerheblicher Teil der Anständigkeit und den Tugenden der deutschen Soldaten und Polizisten in Osteuropa gewidmet. Als anständig bezeichnete er ausdrücklich deren Vermögen angesichts der von ihnen angerichteten Massaker nicht am eigenen Leiden daran zusammenzubrechen und ungerührt weiterzumachen, beziehungsweise dass sie sich nicht wahllos an ihren Opfern bereicherten. Letzteres wurde bloß exemplarisch geahndet, weil es schließlich volksgerecht zuzugehen hatte, wurde aber im großen Stil volkstümlich durchaus instrumentalisiert. Ersteres geriet nur kurze Zeit später zum Versatzstück deutscher Kulturprodukte und Familienmythologien. Bevor auch die Opfererzählungen von den Deutschen okkupiert wurden, drehte es sich in Romanen, Filmen, Zeitungsberichten und dergleichen nahezu ausschließlich um die Qualen, die Deutsche seit vor allem 1939 aber eigentlich sowieso zu erleiden hatten und darum, wie tapfer sie sich dennoch allzeit gehalten hatten.
Und nach wie vor scheinen die Deutschen immer wieder stolz darauf zu sein, in der Betrachtung des Leidens ganz anderer Menschen Haltung zu bewahren und selbst in ihrer unbarmherzigen Ignoranz wenigstens die Leichen nicht allzu offensichtlich oder zumindest gerecht zu fleddern. „Der Deutsche“ plündert nicht vor Ort und nie aus Eigennutz, und man wartet gefälligst darauf, dass das Hab und Gut der Opfer des einen Volkes irgendwann billig versteigert wird.
Das in Deutschland tatsächlich seltene Mitleid mit Menschen, das weit verbreitet nur scheint, weil es jedesmal mit großer Geste daherkommt, ist reflexionslos strikt an die Möglichkeit zur Identifikation gebunden. Das von Caspar Schmidt (ebd.) richtig beschriebene Sortierungsfaible der Deutschen gilt ebenso für ihr rarstes Gut: Empathie. Zuerst natürlich hat sie allem Kulturgut, dann Tälern, Hügeln, Bäumen, blauen Blümchen und danach den Tieren zu gelten, den so oder so Heimat illustrierenden, so oder so nützlichen und mehr oder weniger knechtbaren Kreaturen, ihrem Mangel an Ausdrucksmöglichkeiten und ihrer Anspruchslosigkeit, ihrer Gleichgültigkeit überflüssig Luxuriösem gegenüber, ihrer Eintönigkeit und Repetitivität, ihrer Anhänglichkeit oder vorgeblichen Unabhängigkeit, die bloß Abhärtung und Anpassung ist. Es folgen, feinsäuberlich in Gruppen sortiert, diejenigen Menschen, denen man unbedingt ähnliche Attribute zuordnen möchte. Einige von ihnen sollen ausdrücklich nicht unter ihren desolaten Lebensumständen leiden sondern darunter, dass sie ihnen als solche bewusst werden könnten. Die Begeisterung, die insbesondere in den deutschen Medien vor einigen Jahren einem bis dato unbekannten „Stamm“ in Südamerika gezollt wurde, galt vor allem dessen Drohgebärden gegen das Flugzeug, aus dem heraus entdeckt wurde. Angst vor Flugzeugen – damit kennen sich die Deutschen aus. Und schon identifizieren sie die harmlos beobachtende und registrierende Maschine als Zerstörung bringenden Angreifer, in dessen Gefolge Kaugummi, Seidenstrumpfhosen, Zigaretten und – am allerschlimmsten – Coca Cola verteilende Usurpatoren das ad hoc zum Idyll verklärte Fleckchen Erde, von dem man tatsächlich nichts weiß, als dass die Menschen dort offenbar in bitterster Armut in der Steinzeit ähnlichen Verhältnissen existieren, heimsuchen werden.
Das deutsche Mitleid nimmt im Weiteren graduell zur zunehmenden Zivilisiertheit und dem Wohlstand der vom jeweiligen Unglück betroffenen Bevölkerung ab. Am Ende der Skala stehen Israel, die USA und derzeit Japan. Kaum ein deutscher Kommentar, aus dem nicht bei allem Mitleid vorgebenden Pathos die Genugtuung herauszuhören wäre. Die Hauptanklage lautet Anmaßung und ist immer nur Ausdruck von Neid und Missgunst. Daran laboriert man so unheilbar, dass Empathie ausschließlich mit denen möglich ist, die man wirklich um nichts beneiden muss und an deren Opferstatus man entsprechend allen anderen überlegen partizipieren darf, auch weil man jedesmal und ad nauseam betonen kann, man wisse ja, wie es sei, nichts zu haben. Hingegen werden die, gleich wie tragischen, Verluste derjenigen, die einstmals hatten und haben durften und wollten und wussten, dass es geben kann, und zwar womöglich mehr, als angemessenes Zurechtstutzen von Überheblichkeit und Übermut begrüßt.

Es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mit-leiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens von der eigenen Seele.
(Stefan Zweig – Ungeduld des Herzens)

Das Mitgefühl mit den Amerikanern in der Folge von 9/11 währte tatsächlich gerade mal ein paar Stunden und hielt bloß so lange vor, bis man sich aus dem zunächst mitreißenden Chor der weltweiten Beileidsbekundungen Schritt für Schritt entfernen konnte, um sich irgendwann mit den Exkulpierern der Attentäter gemein machen zu können, die wesentlich mehr Identifikationspotential im oben erwähnten Sinne zu bieten hatten.
Die angeblich große Moraldebatte, die anlässlich der Erschießung Osama Bin Ladens in allen Medien geführt worden sein soll, hat bis auf wenige Ausnahmen die hierzulande üblichen Muster penibel nachgezeichnet. Zunächst herrschten – wie kaum anders zu erwarten – Kommentare zur amerikanischen Selbstherrlichkeit, Verrohung etc. vor, woraufhin die meist nicht weniger ermüdenden Reaktionen auf die deutschen Moralisierer und Gutmenschen erfolgten. Diese abermals als mutig ausgegebenen Repliken allerdings erschöpften sich am Ende wie gewohnt zumeist nur in der Darstellung deutschen Opfertums – im Leiden an sich selbst, am notwendigen sein sollenden Wesen oder der oktroyierten political correctness beispielsweise, die vorwiegend als ein einfach nicht loszuwerdendes Erbe des verlorenen Krieges empfunden wird.
Aus den wenigen Ausnahmen sticht Henryk M. Broders Polemik nochmals hervor, mit der er nach langer Zeit endlich wieder zum Kern des Problems vorzustoßen scheint. Zwar geht es in Wirklichkeit nicht um die Wiederentdeckung des Antiamerikanismus, denn in Obama hatten die Deutschen von Anfang an einen Antiamerikaner vermutet – schließlich sei er ein Schwarzer und hat sich entsprechend ihrer Definition gemäß als Opfer der rassistischen US-Amerikaner zu empfinden, als Stellvertreter der Deutschen im höchsten Amt, das sie zu vergeben haben also. Und vieles schien ihnen darauf hinzudeuten, dass er ein Heilsbringer deutscher Verfassung sei, zum Beispiel in seiner die Shoah unverhohlen relativierenden Rede an die Bevölkerung der arabischen Nationen oder die Muslime, seiner Sorge um die Volksgesundheit und dergleichen mehr. Dem Triumph angesichts der angenommenen Deutschwerdung der USA wohnte jedoch immer schon ein Unbehagen inne, und was sich als Wiederkehr deuten ließe, ist eigentlich die Erleichterung, wieder als Einzige man selbst sein zu dürfen. Als einzige noch im Krieg völkerverständigend, als einzige die Natur vor u.a. atomarer Verseuchung Schützende usw. usf. Neidisch wacht man auch über dieses Image. Zudem stehen die Deutschen nicht auf die Sexyness der Täter; sie haben überhaupt keinen angemessenen Begriff von Tätern auf der einen und Opfern auf der anderen Seite. Hätten sie ihn nämlich, gäbe es sie nicht mehr. Sie hätten alles auflösen müssen, was auch nur ansatzweise die Idee vom Deutschtum widerspiegelt. Denn als sie ihren Traum in Willen und Tat umsetzten, wurden nahezu alle Volksgenossen zu Tätern, die dermaßen wüteten oder lieber noch wüten ließen, dass sie die Welt für immer veränderten. Als sie noch wollten, dass man so schnell wie möglich vergaß, waren sie immer noch nicht in der Lage, das einzig mögliche Mittel zu wählen und endlich vom Albtraum zu lassen. Und seitdem haben sie jede erdenkliche Strategie angewandt, um weiter Deutsche, ergo: deutsche Opfer sein zu dürfen. Es gibt kein „deutsches Gemüt“ (Broder) – es gibt nur den absolut hohlen Wunsch, von ihm beseelt zu sein. Und ganz bei sich und vor allem alleine mit sich, weil man sich bloß mit den Augen der anderen nicht wirklich sehen mag und wählten sie einen tausendmal zur Nation mit dem positivsten Einfluss auf die Welt.
Was sie selbst nicht können wollen, trauen sie anderen durchaus zu: Die Täter ausfindig zu machen. Nach der ausgebliebenen Strafe für das einzigartige Verbrechen, das sie kollektiv begangen haben, verängstigt sie das immer noch. Am meisten aber befürchten sie, die für alles eine Genehmigung brauchen und wenn sie sie mit Knüppeln herausprügeln müssen, in diesem Kontext, sich nicht mehr als Opfer ausgeben zu dürfen, weswegen sie den Status, der ihnen alles zu erlauben hat, verbissen verteidigen. Mit „passiv-aggressiv“ hat Broder dafür den korrekten Terminus gefunden.
Das Urteil im Demjanjuk-Prozess ist symptomatisch. Nachdem sie in sechzig Jahren so gut wie alles hatten laufen lassen, was das noch konnte, beweisen sie am von ihnen dazu erklärten Opfertäter wie gerecht und zugleich vergebend sie sind. Das zu Beginn von vielen Opferangehörigen mit Genugtuung aufgenommene Verdikt zeugt von nichts als Selbstgerechtigkeit. Die fünf Jahre erhielt er, weil er ein Beweis dafür war, was die Deutschen aus Europa gemacht hatten (Weg damit!), die Freilassung als Spiegelbild ihres Nachkriegsselbst: müde, harmlos, die grausam unnachgiebige Welt nicht mehr verstehend, am Ende seiner Kräfte. Doch wenn er sich unbeobachtet wähnt, sieht der am Massenmord beteiligte Demjanjuk regelmäßig durchaus vital und vor allem zufrieden aus.
Der andere Massenmörder, Osama Bin Laden, ist getötet worden. Die Deutschen verspüren vor allem Erschrecken darüber, dass er „nach all den Jahren“, noch als gealtert erscheinender Mann als Bedrohung empfunden wurde. Ihrem Bedürfnis nach Dasmussalles-endlichmalvorbeisein widerspricht die Freude über Bin Ladens Tod gravierend. Der in Deutschland seit allerspätestens 1946 vorherrschende Wunsch, man möge doch nicht mehr drüber reden müssen und jedem Deutschen seine Schuld in Anbetracht seiner persönlichen Verluste, seiner Desillusionierung nämlich vergeben, ist zwar längst aus eigenem Willen und Wollen heraus von den meisten überwunden aber eben nicht vergessen und mag im Nachhinein als anmaßend gelten, und man ist alles nur niemals anmaßend gewesen.
Deutschland, das zumeist (!) nur von seinen dümmsten hauseigenen Kritikern als moralisierend bezeichnet wird, in erster Linie um keinerlei Tabus mehr aufrechterhalten zu müssen, die hier nach wie vor wichtiger sind als irgendwo sonst auf der Welt, kennt überhaupt keine Moral. Das Land, in dem aus den für es formulierten „crimes against humanity“ ganz bewusst „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ gemacht wurden, als sei der Verzicht etwas milde zu gewährendes und als ob kein Anspruch der gesamten Menschheit bestünde, in nichts anderem umsetzbar als im immer noch allzu verletzbaren Individuum, lässt töten, und zwar tagtäglich. Es hat seine Grenzen so weit wie möglich nach außen verlagert, damit das Morden nicht mehr im eigenen Land stattfindet. Damit nicht bewiesen werden kann, dass die Deutschen die Arbeit (und ihnen gilt alles als Arbeit, selbst ihr Vergnügen) schrecklich gerne selbst übernehmen würden. Die restriktiven europäischen Asyl- und Einwanderungsgesetze sind fast alle ursprünglich auf deutsche Initiativen zurückzuführen. Das von den Nationalsozialisten erträumte deutsche Europa nimmt auch mit ihnen Form an. Ein deutscher Richter, der Angela Merkel verklagt, weil sie Freude über den Tod Osama Bin Ladens äußerte, statt die deutsche Regierung für die von ihr mitzuverantwortenden Zehntausenden Toten an den Grenzen Europas hinter Schloss und Riegel sitzen sehen zu wollen, ist ebenfalls symptomatisch. Die sinkenden Asylbewerberzahlen erfreuen das Volk in der Tat noch viel mehr, weswegen sie regelmäßig als Erfolg präsentiert werden. Im letzten Jahr beispielsweise verwehrte die Regierung für diesen Triumph zwanzig im Iran brutal misshandelten Oppositionellen die Aufnahme in Deutschland.
Und Broder hat Recht, wo er all das zu deutschen Zuständen zurückverfolgt: „Die Deutschen sind entweder für den totalen Krieg oder den totalen Frieden; die „Exportweltmeister“, die „Weltmeister der Herzen“ sind auch Branchenführer im Moralisieren. Aber die Moral, die sie produzieren, ist das reine Gewissen resozialisierter Gewalttäter, die ihre Strafe verbüßt, „die Lehren aus der Geschichte gelernt“ haben und nun einer „Friedfertigkeit“ verfallen sind, die sie in Form unterlassener Hilfeleistung pflegen.“ (Henryk M. Broder – Ihr feigen Deutschen seid passiv-aggressiv! Der Massenmörder Osama Bin Laden ist zur Strecke gebracht – und wir sind Weltmeister im Moralisieren. Anti-Amerikanismus inklusive.)
Die Deutschen aber sind nicht moralisch, sie sind anständig. Und nach wie vor verharren sie darüber mit Himmlerscher Zufriedenheit: „Und wir haben keinen Schaden in unserem Innern, in unserer Seele, in unserem Charakter daran genommen.“ (Heinrich Himmler, ebd.)

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Henryk M. Broder – Ihr feigen Deutschen seid passiv-aggressiv! Der Massenmörder Osama Bin Laden ist zur Strecke gebracht – und wir sind Weltmeister im Moralisieren. Anti-Amerikanismus inklusive, welt.de
aa:b – Redebeitrag auf der Kundgebung gegen die Palästinakonferenz in Wuppertal
Caspar Schmidt – Gegen Mülltrennung und andere kriegswichtige Aufgaben, SchlamasselMuc
Daniel Steinmaier – Wir sind die Guten, Jungle World
Lizas Welt – Sympathy for the Devil
ProAsyl – Wichtiger Hinweis für Fluggäste – SCHAUEN SIE NICHT WEG!