Aus Anlass des Versinkens der Insel, auf der die unangenehmen Kinder aus „Lord of the Flies“ gelandet sind…

…, zum Ende von Blogsport also, fällt mir derzeit nichts anderes ein, als aufgrund eines ähnlich tragischen Anlasses einen letzten Reblog zu posten.

„TV- und Blockbuster-Regisseur Alan Taylor („Game Of Thrones“, „Thor 2“, „Sopranos“) wird den deutschen Science-Fiction-Roman „Der Schwarm“ von Frank Schätzing fürs ZDF als achtteilige Eventserie inszenieren.“
Christian Fußy – „Der Schwarm“: „Game Of Thrones“-Regisseur verfilmt deutschen Sci-Fi-Bestseller“,“ 08.04.2019 um 13:20″

Vor neun Jahren ließ irgendjemand verkünden, dass Ridley Scott (Alien, Blade Runner, Thelma And Louise, der Rest ist Schweigen!) anhand eines Drehbuches von Ted Tally (The Silence of the Lambs) Frank Schätzings „Der Schwarm“ verfilmen würde, woraufhin ich ihn gelesen habe. Was ich aus welchem Anlass auch immer nicht mehr tun werde und kann. Noch während ich gelesen und im Prozess das Buch mit wüsten und Seiten durchdrückenden Kommentaren vollgekritzelt habe, veröffentlichte die Konkret einen Artikel von Magnus Klaue zu Schätzing, dem ich einen Satz widmete, den ich so auch nie wieder schreiben werde: „Als ich einmal Angst davor hatte, einen Artikel von Magnus Klaue zu lesen“. Das ist nun Alltag! Wie auch immer: „Meine Befürchtung war nur, dass Klaue bereits all das zumindest angedeutet haben könnte, weswegen ich Schätzings tatsächlich grauenvoll geschriebenen „Der Schwarm“ einmal quer- (und dann noch einmal, so halbwegs: Es gibt Grenzen des Erträglichen!) Satz für Satz (Zitatsammlung) gelesen habe. Wenn das umsonst gewesen wäre[…]! Er hat nicht (bis auf „Michael Crichton“, „Deutscher“ und „Reinigung“).“

Nun also derselbe Größenwahn, bloß dass mir die zukünftigen Aktivitäten des „Games of Thrones“-Regisseurs recht egal sind. Eine „internationale“ Verfilmung des deutschen Romans unter deutscher Ägide jedoch gibt zu Befürchtungen Anlass, was ein weiterer Vorfall „während meiner unfreiwillig ausführlich geratenen Lektüre des „Schwarms““ illustriert.

Im Folgenden fasse ich zum Abschied alle meine Artikel zum „Schwarm“ zusammen (sehr lang, wie üblich, aber nun zum letzten Mal hier. Mehr dann an anderem Ort!):

Prolog:
„Zwei sehr deutsche Schriftsteller machen sich Gedanken über den Tod…“
… und haben denselben geradezu unvorstellbar (ha!) lustigen Gedanken. Sowas fällt einem aber auch nur auf, wenn man seit ‚frühester Jugend‘ mal mehr, meist weniger begeisterte Bachmann-Wettbewerb-Zuschauerin und mit einem Gedächtnis verflucht ist, das immer nur das Vernachlässigenswerteste speichert (oder denen, die unbedingt Bücher von Thor Kunkel UND Frank Schätzing lesen wollen…?…??… Nope! One of them is more than you can bear!).

1999 jedenfalls las Thor Kunkel einen Ausschnitt aus seinem Roman „Das Schwarzlicht-Terrarium“ und gewann damit, nicht den Ingeborg Bachmann-, zumindest aber den Ernst Willner-Preis. An Folgendes erinnerte ich mich unsinnigerweise noch 11 Jahre später:
Während er vor sich hin löffelt, betrachtet er den Becher, nicht weil ihm die Aufmachung gefällt, sondern um zu verstehen, was er ißt: Pfirsich-Maracuja , na, gibt’s denn so was… Das Verfallsdatum ignoriert er, so gut es geht. Er ist nicht abergläubisch, aber ihn plagt seit langem die Vorstellung, irgendeine dieser profan ausgedruckten Stempelziffern würde den Zeitpunkt seines Exitus festsetzen… Er würde quasi sein eigenes Verfallsdatum lesen… Und ist es nicht höchst wahrscheinlich, daß alle Menschen ihrem Todesdatum zum ersten Mal im Supermarkt begegnen? Bei einem unschuldigen Einkauf? Einem Griff ins Kühlregal?“ (Thor Kunkel – Das Schwarzlicht-Terrarium)

Und zwar während meiner unfreiwillig ausführlich geratenen Lektüre des „Schwarms“ von Frank Schätzing, wo es Nachstehendes zu lesen gibt:
Auch ich werde irgendwann tot sein, dachte er. Seit Lund in der Welle umgekommen war, dachte er oft an den Tod. Nie hatte er sich alt gefühlt. Jetzt war es mitunter, als habe ihm die Vorsehung einen Prägestempel aufgedruckt wie einem Joghurtbecher, und jemand schien ihn zu betrachten und zurück ins Regal zu stellen, weil er kurz davor stand abzulaufen.“ (Frank Schätzing – Der Schwarm, 2005, S. 513)

Thor Kunkel schrieb später einen Roman, den Rowohlt nicht so richtig veröffentlichen wollte, dafür Eichborn (wo bereits zuvor das Büchernörgeli verbrochen wurde). In „Endstufe“ geht es u.a. um Porno-Produktionen im „Dritten Reich“, und was es weiter dazu zu sagen gibt, hat Jörg Sundermeier schon 2004 aufgeschrieben: „Nationalsozialismus: Kein Licht im Kunkel. »Endstufe« von Thor Kunkel gilt als Skandalroman. Es ist erbarmungslos schlechter Nazi-Pulp…“ (haGalil.com)

Zu Schätzing gibt’s, wie erwähnt, später mehr…

Meilensteine deutscher Vergangenheitsbewältigung V: Die „Yrr“ und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie I/ Wehrhaftes Volk

Und es mag am deutschen Wesen/ Einmal noch die Welt genesen.
Emanuel Geibel – Deutschlands Beruf, 1861

Was sind sie überhaupt für ein Mensch, Li?
Frank Schätzing – Der Schwarm, 20041

‚Das Deutsche’ ist derzeit (und solange man sich außerhalb seiner Grenzen befindet) vor allem als Exporteur deutscher Ideologie, als ‚Vorbild‘‚ ‚Traum‘ oder ‚Hoffnung‘, als Ahnung wirksam.5 Im historischen Moment beflügelt es vornehmlich die Imaginationen der Völkerbefreienwollenden, Friedensbewegten, Lebensraumschützer, Globalisierungsgegner und was sich da noch so alles nach Beistand im Kampf gegen „die Imperialisten“ etc. sehnt. Das Bild vom romantischen, die Natur liebenden und durch eigene Schuld ‚bekehrten’ Volk, das den ebenso „ignoranten“ wie „im Fortschrittsdenken rückständigen“ USA bereits zweimal die Stirn zu bieten wagte, ist tief im Widerstandsbewusstsein verankert. Ein Volk außerdem, das Niederlagen hinnehmen musste, sich bußfertig gibt und von allen anscheinend geliebt werden will. Damit kann man sich hervorragend identifizieren. ‚Identitäre‘ möchten sich prinzipiell vom Kollektiv auffangen lassen, in der Masse, so besonders sie sich auch imaginieren mag, auf- und vergehen.
Kaum jemand hat den neuen deutschen Willen, die neue deutsche Vorbildfunktion so eindringlich in Szene gesetzt wie Frank Schätzing in „Der Schwarm“. ‚Das Deutsche’ agiert dort explizit meist nur in Nebensätzen und gibt sich ostentativ zurückhaltend, weil es zu glauben vorgibt, es müsse – immer noch! Aber im Leiden an diesem angeblichen Zwang ist es längst zum role model identitätsfixierter Kreise geworden und die sind bei weitem nicht so einflusslos, wie sie es gerne suggerieren möchten. Im „Schwarm“ geht es tatsächlich um nichts als kollektive Identität(en), um Anspruch auf angestammten Lebensraum, um Verwurzelung und darum, dass ‚die Anderen’ selbst Schuld haben, wenn sie vernichtet werden müssen. Im Ekel vor dem, was sie zu tun haben, bleiben Schätzings Helden trotzdem immer anständig. Und Anstand ist die deutscheste aller Tugenden.
Stilistisch gibt sich der „Schwarm“ international, die ‚Anspielungen’ sind nichtzititierend, dennoch offensichtlich und verweisen auf filmische wie literarische Vorbilder aus der Horror- und Katastrophen-Produktion vorwiegend des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts. Darüber hinaus sind neben all den ausgesprochenen Hinweisen auf Filme wie (immer wieder) „Krieg der Sterne“ etc. die Szenario-Anleihen Schätzings bei ‚klassischen’ Science-Fiction-Romanen unübersehbar: Neben Michael Crichton im Allgemeinen und dessen „Prey“ insbesondere, Stanisław Lems „Solaris“, „Der Unbesiegbare“ und überhaupt, s.u., Karel Čapek – Der Krieg mit den Molchen im weitesten Sinne auch Herbert G. Wells – War of the Worlds, Jack Finney – Invasion of the Body Snatchers, Robert A. Heinlein – Starship Troopers, John Wyndham – The Day of the Triffids und vor allem The Kraken Wakes. Während ihm die ironischen Anspielungen auf Filme als Immunisierungsstrategie gegenüber dem erkennbar antizipierten Klischee-Vorwurf dienen, sind die literarischen Vorlagen vermutlich als Inspirationsquelle zu bezeichnen. Vollkommen desinteressiert jedoch scheint Schätzing an den fürs Genre oft grundlegenden Fragen nach massen- oder individualpsychologischen Entwicklungen usw. in Krisensituationen etc. zu sein. Psychologie wird abgelöst von einem diffus durch (Herkunfts-)Identität bestimmten Verhalten.
Abgesehen davon sieht es erst einmal so aus, als ginge es um die grundlegenden Fragen Michael Crichtons, Philip Kerrs („Esau“), Carl Sagans und Stanislav Lems. Sagan wird regelrecht ausgeschlachtet, weshalb „Der Schwarm“ Schätzing streckenweise zu einer Art Spin-Off von Contact geraten ist (in dem allerdings ein völlig anderer Blick auf Wissenschaft und Menschheit vermittelt wird), wäre Ellie Arroway (in der Verfilmung dargestellt von Jodie Foster) dort nicht am Ende tatsächlich Außerirdischen begegnet (worin sich nicht zuletzt Sagans Anerkennung der intellektuellen und kognitiven Fähigkeiten des einzigartigen Individuums manifestierte). Schätzing bedient sich der Heldin aus Sagans Buch (der sie selbst an SETIs Jill Tarter anlehnte) und Zemeckis’ Film und lässt sie nunmehr als gealterte und grundlegend anders motivierte Samantha Rowe sogar noch einen dystopisch anmutenden (!) Epilog verfassen. Mit Crichton teilt Schätzing den sensationslüsternen Blick auf die (bei beiden gerne en detail dargestellte) Zerstörbarkeit des menschlichen Körpers in einer ihm (plötzlich) feindlich gesinnten Umwelt/ Natur, der er nicht mehr gewachsen ist, weil auf einmal abweichende Parameter vorgegeben sind (Evolution oder ‚Verbrechen’ gegen diese). Von Lem übernimmt er scheinbar die vordergründigen Fragen: Ist Kommunikation zwischen Lebewesen völlig unterschiedlicher Provenienz überhaupt möglich? Sind wir in der Lage, intelligente Lebensformen, die einen gravierend anderen (evolutionären) Hintergrund (als das Leben auf der Erde) haben, als solche zu erkennen? Schätzing beantwortet diese Fragen trotz aller vorgeblichen Suche und konstantem Bestehen der Protagonisten darauf, dass man überhaupt nichts verstünde, mit einem schlichten „Ja!“, basierend auf den Erkenntnissen, die ihm Sagan präsentiert bzw. Lem verweigert hat. Seine Protagonisten scheinen von beiden gelernt zu haben – wenn sie auch keine bekennenden Science-Fiction-Leser sind. Der Verfilmung von Sagans Roman wiederum entnimmt Schätzing den Schlüssel – Dreidimensionalität – zur Botschaft der „Yrr“ (der Schwarm) im Prinzip eins zu eins; das Erstaunen der Entdeckerin ob der eigenen Leistung wirkt grotesk, da sie den Film (! im Buch gibt es eine andere Lösung), in dem sie quasi vorgezeigt wird, (eingestandenermaßen) selbst gesehen hat und letztlich bereits einmal die Entschlüsselnde war. Im Fall Samantha Rowe jagt ein twist den nächsten, bis Rowe ‚aus Versehen’ enthüllt, dass „Jodie“ sie gespielt habe. Mit Gerhard Bohrmann setzt Schätzing außerdem ebenfalls einen tatsächlich existierenden Wissenschaftler als Charakter um. Sagan war ein ernst zu nehmender Wissenschaftler, Crichton nicht; im Gegensatz zu Lem waren beide nicht einmal mäßig begabte Schriftsteller. Schätzing ist studierter Kommunikationswissenschaftler und ehemaliger Creative Director einer Werbeagentur – er ist weder ernst zu nehmender Wissenschaftler noch begabter Schriftsteller – au contraire: Sein Roman stolpert sprachlich über jede mögliche Hürde und verliert sich in albernen bis hanebüchenen sprachlichen wie erzählerischen Stereotypen.
Das ist nicht selten im Genre – hier aber besonders gravierend (man kann sich kaum vorstellen, dass ein z.B. amerikanischer Lektor die zahllosen Ungereimtheiten und Stilblüten hätte durchgehen lassen). Im Unterschied jedoch zu den meisten Publikationen ähnlichen Anspruchs und ähnlicher Thematik verbirgt sich bei Schätzing hinter all den im Genre tausendmal durchgekauten Fangfragen ein Korpus deutscher Ideologie und identitären Wahns. Und der wird offenbar verfilmt, angeblich unter der Regie Ridley Scotts nach einem Drehbuch von Ted Tally (The Silence of the Lambs, Red Dragon – version 2002).
Schätzings offiziell deutscher Held Bohrmann taucht nur in der zweiten Riege auf, aus den oben genannten Gründen, dient aber im Hintergrundrauschen als unanfechtbare Referenz für Intelligenz, Güte, Mut, Team-Fähigkeit etc. pp. Was immer er in Wirklichkeit ist, hier ist er Deutscher und trägt im Zusammenspiel mit allen anderen mehr oder weniger versteckten (angeblich sich verstecken müssenden) Hinweisen dazu bei, ‚das Deutsche’ als Gegenentwurf zum US-amerikanischen raunend zu etablieren.
Der Held im Vordergrund, Leon Anawak, tut so, als wolle er unbedingt Kanadier sein. Schätzing allerdings besteht darauf, er sei Inuit. Was ihn unzugänglich, liebesunfähig und unvollständig macht, da er erstmal alles andere als ein Inuit sein mag. („Anawak hatte sein Land verlassen, als es kein Land mehr war, sondern eine Region ohne Wertgefühl und eigene Identität.“ 621) Seiner Bestimmung entkommt er trotzdem nicht. Als der Vater, der ihn zur Adoption freigab, stirbt, wird er im Umfeld von dessen Begräbnis in der „alten Heimat“ (Karl May) mit seiner Herkunft, seinem Volk, seinen Wurzeln, seiner Identität in der Eiswüste konfrontiert. Hier nunmehr wandelt er sich – ausgelöst spätestens durch einen Traum – zum empfindungs-, erkenntnis- und liebesfähigen Charakter, erst jetzt zum vollwertigen Menschen. Der andere Held, Sigur Johanson, ist ein Feingeist, der permanent Walt Whitman liest (was unter anderem seine Vorurteilslosigkeit selbst gegenüber US-Amerikanern betont, zugleich aber den religiösen und/ oder naturentfremdeten usw. Fanatikern, als die sie letztlich überwiegend auftauchen, ein unerreichtes Ideal entgegensetzt), mit einem Stadthaus und einem Haus am See, wertvoller (doppelter!) Wein- und Büchersammlung und wechselnden jüngeren Geliebten. Er wird erst durch den Verlust seiner Habe in der Stadt (woraufhin das opulent ausgestattete Haus am See zur Hütte mutiert) zum echten aka aufopferungswilligen Menschen. Alle Frauen bis auf die potentielle Partnerin Anawaks (wie man sehen wird, gibt es ein Problem, sollten sie jemals Kinder bekommen – außer man betrachtet sie beide als genuine Wasserwesen in unterschiedlichen Aggregatzuständen oder so ähnlich) und Jill/Ellie/Jodie/Samantha müssen sterben. Während der ‚vollblütige’ Inuit lediglich heimkommen musste, um sich selbst zu erkennen und weiter- und vollständiger zu leben, muss der permanent als solcher bezeichnete „Halbindianer“ Jack O’Bannon (der sogar bloß ‚Viertelindianer’ ist: Sohn eines Iren und einer „Halbindindianerin“), der sich den Namen Greywolf nur anmaßt, eine Identität erfinden, was ihn in Kriminalität und Gewalt ausbrechen lässt. Zu sich und einer echten Identität kommt er erst im (Sein zum) Tod, nachdem er sich als Orca wiedergeboren träumt – Schätzing lässt ihm diesen Traum in einer mit Bedeutung überladenen Tauch-/Sterbeszene tatsächlich.
Der wichtigste afroamerikanische Protagonist – der genügsame Salomon Peak („Ein schwarzer Mann, geboren im Dreck der Bronx“, 482) – hat sich aus dem Ghetto zum hochrangigen Offizier emporgearbeitet und übt sich in teilnahmslosem Kadavergehorsam, bis er den Wahnsinn des wirklichen Gegners erkennt. Trotz der Gefährlichkeit, die von ihm („der unter anderen Umständen wahrscheinlich Anführer einer Gang, Dieb, Vergewaltiger und Mörder geworden wäre“, 482) angeblich ausgeht, verliert er nie die Kontrolle und seine Wurzeln bestimmen nach wie vor seine bescheidenen Ansprüche („Ein stinknormales Einzelzimmer hätte ihm vollauf gereicht.“ 441; „Seine Laufbahn diente vielen als Vorbild, aber sie änderte nichts an den Verhältnissen seiner Herkunft. In einem Zelt oder billigen Motel fühlte er sich nach wie vor am wohlsten.“ 442). Die Flucht nach oben hat ihn letztendlich seinem eigentlichen Schicksal entfremdet, wodurch seine Wertvorstellungen kurzfristig ins Wanken gerieten.
Einer der drei Haupt-Antagonisten, der stellvertretende CIA-Direktor Jack Vanderbilt (der Name deutet unverkennbar auf die stereotyp imaginierten Machtfiguren der USA – Rockefeller usw., üblicherweise würde Rothschild folgen, doch hier findet ein Splitting statt) ist fett, obszön, vulgär, brutal und glaubt an die notwendige Vorherrschaft der USA über den Rest der Welt und dass generell die Moslems an allem die Schuld trügen. („Leute wie Vanderbilt würden [den Krieg] schon darum verlieren, weil sie außerstande waren, Mentalitäten zu begreifen.“ 623) Der Hauptfeind jedoch ist (erst einmal) Judith Li. Deutlich an Condoleeza Rice angelehnt, ist sie überaus musikalisch (Cello und Klavier) und sprachbegabt, hochintelligent, attraktiv, fitness- und machtversessen und ihrer Nation fanatisch ergeben („Bei aller Weltläufigkeit war sie tatsächlich der Meinung, dass es kein besseres und gerechteres Land auf der Welt gab als die Vereinigten Staaten von Amerika“, 447). Den Präsidenten liebt sie offensichtlich, obwohl sie sich ihrer Überlegenheit über den als Karikatur George W. Bushs angelegten, kindisch bis debil religiösen Trotzkopf bewusst ist (es gibt mit Stanley Frost einen Gegenpol – eine sinnesfrohere Variante von Religiosität). Sie zieht skrupellos an den Strippen der Macht, und er ist ihre mächtigste Marionette. Lis Wahnsinn resultiert jedoch erkennbar aus ihrer Nicht-Identität, ihr Vater ist ein weißer Amerikaner, der eine chinesische Musikerin heiratete und deren Nachnamen annahm. Judith (vom Präsidenten „Jude“ genannt) Li erhielt von ihren Eltern die bestmögliche (US-amerikanische! hier also sinnlos sich Versatzstücken meist der ‚europäischen Bildung’ bedienenden) Erziehung. Nichts an ihr ist ‚authentisch’: Sie sieht wesentlich jünger aus als sie ist, ihre Figur verdankt sie exzessivem Training an Maschinen, ihr Klavierspiel („Mozarts Klaviersonate in G“, 496; G-Dur, eigentlich vierhändig!) rührt nicht an die Herzen der Lauschenden, sondern verklingt im Nichts zwischen amerikanischen Spionage-Satelliten etc. Für ihr persönliches Vorankommen und die Herrschaft der USA über die Erde ist sie bereit, einen Großteil der Menschheit und aufgrund ihres Nichtverstehens der ‚natürlichen Ordnung’ des Heimatplaneten in der Lage, alle Menschen umzubringen. Als Kosmopolitin und Herkunfts-/Wurzelloser („Der Präsident lachte. ‚Ach, Jude. Sie könnten vom Mars stammen, und ich würde Ihnen jede Vollmacht erteilen.‘“ 496) ist ihr der Zugang zu tiefem, echtem Wissen (à la Schätzing) verwehrt. Zuletzt erweist sie sich außerdem als einzige offene Rassistin des Romans (Vanderbilts Rassismus äußert sich in Anspielungen, ist aber unübersehbar in der Figur angelegt).
Angesichts Schätzings Charakterisierung der Antagonisten schrieb der Rezensent des Buches auf Strange Horizons: „This results in sickeningly worthy creations such as an Eskimo whale expert who battles against right-wing American Christians so evil that I would not have been surprised if Schätzing had made them spend much of their free time killing puppies with hammers.


Microbes@NASA

In einer ganzen Reihe von bekannten Romanen fehlten den Juden jegliche menschliche Eigenschaften, und alle erlitten darin als Opfer ihres egoistischen Machttriebes ein erbarmungsloses Schicksal.
George L. Mosse – Die völkische Revolution, 154

Das Akzeptieren von ‚Kultur’ und die Zurückweisung von ‚Zivilisation’ bedeutete für viele das Ende der Entfremdung von ihrer Gesellschaft. Die ‚Verwurzelung’, ein Begriff, der dabei häufig in ihrem Vokabular auftauchte, sollte durch eine enge innere Verbindung zwischen dem Einzelnen, dem Heimatboden, dem Volk und dem Universum erreicht werden. Auf diese Weise würde die so tief empfundene Isolation durchbrochen werden.
Mosse, ebd. 13

Schätzing liefert für jede der Hauptpersonen und viele der weniger relevanten Protagonisten des „Schwarms“ eine mehr oder weniger detaillierte körperliche Beschreibung – nicht bei deren Einführung sondern im Verlauf der Geschichte, soviel meint er gelernt zu haben. Selbst Li und Vanderbilt (und der Brite Clifford Stone, der erste menschliche Feind, dem auch noch eine traurige Kindheitsgeschichte erlaubt ist) werden mit individuellen Gesichts- oder Körpermerkmalen ‚gewürdigt’, so abstoßend sie im Falle Vanderbilts auch sein mögen. Nur einer wird bis zu seinem Zerfall nicht ein Mal beschrieben. Die einzige Person, die zwischen den Gruppen laviert, eigentlich nur an sich selbst denkt, von Ehrgeiz zerfressen ist4 und nichts will außer Ruhm. Der einzige Verräter, ein Wissenschaftler (und wissenschaftliches Ethos wird sehr hoch gehängt) und dennoch in ungenannter Funktion für die CIA arbeitend. Beides sein zu können, ohne zum Völkermörder (hier des Menschenvolks, der menschlichen Rasse) zu werden, wird nachdrücklich ausgeschlossen. Er ist hochintelligent, feige und illoyal, ein Schmarotzer, der nicht in Lage ist, eigene Modelle zu entwickeln, d.h. Zusammenhänge herzustellen. Er beobachtet nur und ist nicht zu kreativem oder schöpferischem Denken fähig. Die produktive Arbeit der ‚echten’ Wissenschaftler verwandelt er in ausschließlich und buchstäblich zersetzende.
Diese Person, die mit niemandem Freundschaft schließt, die alle widerwärtig finden und die von allen nur verachtet wird (obwohl es manche anständigerweise erstmal nicht so recht zugeben möchten), musste Schätzing Mick Rubin (Biologe, Spezialist für Weichtiere, aus Manchester! und ohne background-story) nennen. Wenn man der typischen kulturindustriellen Dramaturgie (hier von Horror-/ Science Fiction-/ Action-Szenarien) folgt, muss das eigentliche Monster3 als Letztes sterben. Rubin stirbt nach Vanderbilt und sogar noch nach Li, als letzter der Bösewichte. Zudem erleidet Rubin einen (mehrfachen) Tod, der einem Austreibungsritual gleicht und wie er sonst dem mit in irgendeiner Form magischen Kräften ausgestatteten Monster im Horror-Genre vorbehalten ist. Rückkehr (außer im Sequel) oder Einkehr (ins Paradies) ausgeschlossen. Von wem aber ist Rubin der Endgegner?
Nachdem er durch seinen Ehrgeiz den Tod der als äußerst liebenswert gezeichneten Alicia Delaware und diverser anderer Personen verschuldet hat. Und nachdem er den ‚angemessen‘ schrecklichen Tod durch die „Yrr“ erleidet – sie dringen in seinen Körper ein und versuchen ihn zu erkunden bzw. zu beherrschen, was allerdings nicht gelingt. (Selbst mit der zunehmend weniger ‚fremdartig’ anmutenden Lebensform ist er nicht kompatibel.) Nachdem er also schon gestorben ist, lässt ihn Schätzing noch einen zweiten Tod erleiden, der in direkter Opposition zu Greywolfs Wiedergeburt/ Auferstehung als Orca geschildert wird. Die guten Wissenschaftler um Anawak haben eine Lösung gefunden, mit den „Yrr“ zu kommunizieren. Dazu benötigen sie eine Leiche, ‚rein zufällig’ ist das Rubin. In einer zynischen Szene machen sie sich über seinen toten Körper her, ekeln sich dabei gehörig vor ihm (dem Schätzing immer noch keine individuellen Züge zugesteht) und ein wenig vor ihrem eigenen Tun. Aber es muss nun einmal getan werden und das natürlich mit Anstand! Sie pumpen Rubin voll mit „Yrr-Vereinigungsbotenstoffen“, und nutzen dafür explizit jede mögliche Körperöffnung. Wenn auch der Leichnam Rubins hier der Versöhnung der Menschheit mit den „Yrr“ und so letztlich mit sich selbst dienen soll, wird nachdrücklich keine Kreuzigungs-Ikonographie geschaffen. Bei jeder möglichen Gelegenheit entwirft Schätzing groteske Szenarien um den toten Körper herum: „Einer von Rubins Füßen schaute noch heraus. Weaver trat dagegen. Sie fand es schrecklich, auch wenn Rubin ein Verräter gewesen war. Aber Pietät konnten sie sich im Augenblick nicht leisten.“ Karen Weaver (Anawaks potentielle Partnerin) will ‚die Nachricht’ zu den „Yrr“ in die Tiefsee transportieren. In einer absurd an 2001, Alien, Contact und Star Wars – Return of the Jedi angelehnten Szene findet nun sie dort ihre wahre Identität im ‚feuchten Grab’ ihrer Eltern und im Bewusstsein, nur ein Teil des großen Ganzen zu sein (ein „Partikel“ unter „Partikeln“). Während Rubins Aussehen zum allerersten Mal beschrieben wird: „Seine Augäpfel haben sich unter dem hydrostatischen Druck aufgelöst. Schwarze Flüssigkeit sickert an ihrer statt hervor. Wieder [!] ist er nur ein Schatten vor dem erleuchteten Hintergrund, mit seltsam trudelnden Bewegungen, als vollführe er zu Ehren heidnischer Gottheiten einen unbeholfenen, unendlich langsamen Tanz.“ Weaver überlebt. Der tote Rubin aber wurde erst verwertet und dann vollständig vernichtet. Das Nichtidentische ist endlich aufgelöst im ewig Identischen. Erst wenn nicht einmal mehr der kleinste Rest von ihm erkennbar ist, kann sich die menschliche Rasse mit der (ihrer) Natur versöhnen.


Microbes@NASA

Verwurzelung bedeutet Vorzeit, ein altes Volk, das in einer ebenso alten Landschaft lebt, die mittlerweile den jahrhundertealten Stempel der Volksseele trug.
Mosse, ebd. 78

Natürlich sind nicht die „Yrr“, wie man zu Beginn des Romans noch vermuten könnte, der Feind. Alle Probleme, die die Menschheit mit ihnen hatte, resultieren daraus, dass sie eine andere Sprache sprechen, eine andere ‚Kultur’ entwickelt haben. Da ist es im Schätzingschen Denken absolut sinnvoll, Millionen von Menschen zu töten, um sich zu „wehren“. Menschen, die aufgrund ihrer dekadenten Lebensweise und ihrer Identitätslosigkeit keine Wurzeln2 mehr im ihnen angemessenen Lebensraum schlagen können. Erst wenn die Menschheit versteht, dass sie wie die „Yrr“ ist, dass die „Yrr“ eigentlich die besseren Menschen sind, kann sie gesunden. Die „Yrr“ sind ein ‚denkendes’ Kollektiv von Einzellern. Jeder von ihnen stellt zwar ein kleines Gehirn (eher eine Speichereinheit) dar, wertvoll jedoch sind sie nur in der Gemeinschaft, die Wertloses sofort aussondert, was Schätzing als überlebensnotwendig für den Verbund beschreiben lässt. Sie sind viele Körper, die ein Wollen eint. Sie sind der ideale Volkskörper. Mit diesem Erfolgsmodell beherrschen sie die Meere seit Jahrmillionen, länger als die Menschheit das Festland. (Sie übermitteln den Beweis, dass sie bereits Pangäa erlebt haben.) Womit sie das Recht zugesprochen bekommen, alles (!) zu tun. Für sie existiert kein Tabu. Sie verteidigen das ihnen qua dort Werden zustehende Territorium. Diese Freiheit des sich angeblich nur Wehrenden muss den deutschen Schriftsteller begeistern. (Wobei die verständnislose Faszination am Formlosen zunächst in Rubin projiziert wird, sobald aber das Wehrhafte, das kollektive Agieren, die wahrhaftige Natur der „Yrr“ etc. in den Vordergrund rücken, sind es die anständigen Forscher, die dem Schwarm verständnisvollen Respekt erweisen.) Angesichts der Bewunderung, mit der die rücksichtslos darauf beharrende Gemeinschaft anerkannt wird, nehmen sich Schätzings seltene Ausflüge ins Lob des Individuums am Ende banal exkulpierend aus. Auch hierin nämlich unterscheidet sich Schätzings Buch grundlegend von klassischen Science-Fiction-Produktionen, in denen die Aliens so lange Feinde waren, wie sie ausschließlich kollektiv und das Individuum zutiefst verachtend agierten. Erst als den ‚Außerirdischen’ individuelles Empfinden usw. zugestanden wurde, durften sie dort auch die Guten sein. Vorbei!
Die bewunderten „Yrr“ (die trotz der ihnen konstatierten Intelligenz niemals in all den Jahrtausenden der aufstrebenden Menschheit selbst einen Kontaktversuch unternommen haben) sind (Selbstmord-)Terroristen, ihnen gelten alle als schuldig. Hauptsache, sie treffen so viele wie möglich. Sie bedienen sich auf den ersten Blick lächerlich unterlegen anmutender Mittel, mit denen sie größtmöglichen Schaden anrichten und Schrecken erzeugen können.
Der wirkliche Schrecken allerdings resultiert aus der Erkenntnis, dass ihr Ansinnen ‚der Menschheit‘ am Ende offenbar (nicht nur) in der Beschreibung Schätzings verständlicher erscheint, als das Bedürfnis des Individuums, ein Leben als solches zu führen. Individualität wird zum diffusen ‚Diskurs’, einer unter vielen und hier zerstörerischer und selbstzerstörerischer als die Mentalität im Kollektiv, in dem das Wesentliche ‚ausgehandelt’ zu werden hat, allemal. Traditionelle deutsche Werte bleiben bestehen: Bescheiden und anständig muss man sein, dem Gruppenziel sich unterordnen etc. etc. etc. Bei Schätzing und in der rundumerneuerten alten deutschen Ideologie wird die Volksgemeinschaft zur Weltgemeinschaft. Das mag nett und freundlich klingen, aber die alten Feinde bleiben problemlos erhalten – nicht alle sind für sie von dieser Welt. Einzellerschwarm-Terroristen und anständige Menschen haben ein Recht auf Bevölkern des Heimatplaneten; Wurzellose, sich Identität nur Anmaßende und dergleichen nicht. Immer mal wieder verweist der Autor auf den besseren Konkurrenten der Amerikaner: Die Deutschen hätten, die Deutschen würden – all das wird von Schätzings Amerikanern hochmütig beiseite gewischt, was die Menschheit endgültig an den Rand des Abgrunds treibt.

To be continued: Meilensteine deutscher Vergangenheitsbewältigung V/II: Die „Yrr“ und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie – Vom Pays-Boche zu „the most beloved country worldwide“

  1. Alle nicht anders gekennzeichneten Zitate [zurück]
  2. Während der Angriffe von Walen auf Boote und Schiffe stellt sich heraus, dass nur die wandernden Exemplare aggressiv geworden sind. Die ausschließlich vor Ort lebenden Tiere („residents“) bemühen sich sogar einmal, die Menschen vor den auf ihren Reisen anscheinend verrückt gewordenen Walen zu schützen. [zurück]
  3. Rubin war die meiste Zeit wach.“ 680. Während die andern Sex haben oder individuell verrenkt schlafen. „Rubin drehte sich im Gehen um und bleckte die Zähne.“ 745. „[Rubin] lächelte steif und kam Johanson vor wie Schwester Ratched in Einer flog über das Kuckucksnest, nachdem Jack Nicholson seine Hände um ihren Hals gelegt [!] hatte.“ 824, usw. [zurück]
  4. Ich habe nicht wirklich was gegen Mick“, sagte Oliveira. „Er ist nur so gottverdammt bemüht, den Nobelpreis zu kriegen.“ 718. „Rubin ballte die Fäuste. […] Am Ende würde er bekommen, was ihm zustand. […] Wenn sie die Sache erstmal hinter sich gebracht hatten, gab es keinen Grund mehr, seine Leistungen der Welt vorzuenthalten. Jegliche Geheimhaltung würde sich erübrigen. Er würde nach Herzenslust publizieren können, getragen von der Anerkennung aller.“ 749, usw. [zurück]
  5. Vgl. Gerhard Scheit – Suicide Attack, Die Meister der Krise; Stephan Grigat (Hg.) – Transformation des Postnazismus, Feindaufklärung und Reeducation, Samuel Salzborn – Grenzenlose Heimat [zurück]

Sinnvollere Lektüre:
John Updike – Toward the End of Time
Kōbō Abe – Die vierte Zwischeneiszeit
Kurt Vonnegut – Galapagos
und überhaupt…


Meilensteine deutscher Vergangenheitsbewältigung VI: Die „Yrr“ und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie II/ Vom Pays-Boche zu „the most beloved country worldwide

Der deutsche Kanzler schlägt vor, die Vereinigten Nationen zu ermächtigen.
Frank Schätzing – Der Schwarm

Mehrere namhafte Studios und Produzenten haben sich in den letzten beiden Jahren um den Stoff beworben. Für mich sind Uma, Ica und Michael die Idealkonstellation für einen internationalen Kinoerfolg. Wir teilen dieselbe Vision“.
Frank Schätzing, moviereporter.net

Germany is the most favourably viewed nation (an average of 59% positive), followed by Japan“.
BBC World Service Poll, worldpublicopinion

Jenseits der ihnen ‚angeborenen Tugenden’ haben die Deutschen wie im offiziellen neuen (dem ganz alten recht ähnlichen) Bild der Nation auch bei Schätzing einen gravierenden Vorteil: Sie kennen sich mit Abgründen aus. Natürlich dürfen sie das selbst nicht darlegen, das tut der seine Berufung glücklich wiedergefundenhabende Inuit Anawak: „[I]ch will dir nicht auf die Nerven gehen, aber ich habe ein paar Mal zu oft weggesehen im Leben. Es hat sich einiges geändert. So bin ich nicht mehr. Verstehst du? Ich kann das nicht ignorieren.“ (Vgl. Teil 1) Die Deutschen sehen nicht mehr weg. Ohne Hemmungen blicken sie in ihre Vernichtungslager, die von den „alliierten Bombenterroristen“ zerstörten deutschen Städte (mit denen sich zu ‚versöhnen’ haben sie auch – irgendwie – geschafft, und im Vergleich dazu sind die „Yrr“ wesentlich umgänglicher – mit ihnen ist geradezu die Wiederkehr deutscher Volkstümlichkeit garantiert); die an ihren Verbrechen moralisch gesundeten Deutschen blicken rechthaberisch, überlegen und schadenfroh auf die Missetaten der Anderen, aller anderen – nur nicht zu voreingenommen erscheinen, aber dann doch gerne auf die der Amerikaner und Israelis und, warum in die Ferne schweifen, der Briten. Wenn man nur darüber reden dürfte… Was man natürlich nicht tut, außer und ausnahmsweise, wenn’s denn unbedingt nötig zu sein scheint und sowieso, in allen möglichen Medien. Weil man dafür aber generell „verurteilt“ wird, ist man schon wieder Opfer. Und diesmal leidet der Rest der Welt offensiv mit. Armes Deutschland, denkt nun nicht mehr nur Deutschland.
Am Ende waren die Deutschen so erfolgreich in der Darstellung von Bescheidenheit, opferbereiter Selbstverleugnung, Moral und Demut, dass Deutschland 2008 aus einer weltweiten BBC-Umfrage als Land mit dem positivsten Einfluss auf die Menschheit hervorging, und das, nachdem es überhaupt zum ersten Mal zur Wahl stand. 56% der Befragten aus 34 Ländern gaben ein positives Votum ab.1 Die English News von Welt.online machten daraus „Germany is the most beloved country worldwide“, was einer Drohung gleichkommt. Trotzdem stiegen Deutschlands Popularitätswerte 2009 nochmals an, „with positive ratings rising even higher from 55% [sic] to 61% on average. Every country polled has a favourable view of Germany.“ (BBC) Um 2010 leicht zu fallen – auf 59%, was allerdings nach wie vor den Spitzenplatz bedeutet.

„[I]n my opinion the Foucaultian tendency is a form of re-importation of old fashioned Heidegger-ism to Germany. Did you read the French reactions to Victor Farias‘ study on Heidegger and Nazism? All these Lyotards and Derridas tried to make people forget Heidegger‘s profound hate of the Jews and his intention to exterminate them. This was very fascinating for left wing intellectuals – their problem is to find a form to articulate consensus disguised as opposition: Erich Fromm called this symptom the ”conformist rebellion”.
Joachim Bruhn – Who are the Anti-Germans

Vielleicht hat die Welt einfach dazu gelernt und möchte die Deutschen mit Streicheleinheiten ruhig stellen? Unwahrscheinlich. Denn vermutlich ist das, was sie an den positiven Einfluss Deutschlands glauben lässt, in erster Linie etwas geschuldet, das die Deutschen im ‚Dritten Reich’ zu perverser Vollkommenheit entwickelten. Und absurderweise wurde ein (seit jeher gerne missdeuteter) Vordenker deutscher Ideologie zu Deutschlands erfolgreichstem Exportartikel. Das eigentlich (!) überaus elitär-völkische (vgl. George L. Mosse – Die völkische Revolution) Gedankengut Heideggers, das bereits den deutschen Nationalsozialisten problemlos zur ‚philosophischen’ Verbrämung dienen konnte und sollte (jedoch anders als es dann zur Anwendung kam, was zur Illusion des Bruchs Heideggers mit den Nationalsozialisten führte), hat sich erfolgreich in die Philosophie und Politik der ehemaligen Kriegsgegner geraunt. Der „Jargon der Eigentlichkeit“ (Adorno) ist nicht nur widerspruchslos im „Jargon der Demokratie“ (Gerhard Scheit) aufgegangen; er ist spätestens im Verlauf seiner Immerwiederverwertung zum weltweit verständlichen Identitäts-Slang, zur Lingua Franca aller nach Initiation sich Sehnenden geworden. Im Raunen, in dem das von Beginn angelegt war, im Kreisen um Fragmente, die sich um nichts als Wortstämme drehen, im Abstammungswahn, in den durchaus alltagstauglich lavierenden Anspielungen, die Eingeweihtsein suggerieren, in der Initiation qua Überlieferung, Heimat, Natur, Wesen, Struktur, Post-Struktur findet sich das Opfer all dessen, was dem widerspricht. Am Ende steht im Jargon der Wehleidigkeit dann trotz aller angeblichen Vielfalt immer derjenige als Opfer da, der es nicht sein durfte. Wo nämlich alle Opfer sein dürfen, wollen sie es auch sein. Die Mittel zur Erringung des für deutsche Ideologie notwendigen imaginierten Opferstatus sind beliebig und erstaunlich zahlreich. Das letzte Stadium ist Opferbereitschaft – wenn das erreicht ist, ist es eigentlich schon zu spät.
Deutsche Ideologie ist nicht auf Deutschland beschränkt! Sie resultiert weder aus genetischen Prädispositionen noch aus Blutgruppen, Wasser-, Boden- oder Luftqualität und entwächst nicht der „germanischen Landschaft“. Sie ist auch keine Frage der ‚Mentalität’. Was sie wirklich ist, kann man bei beispielsweise Adorno, Horkheimer, Améry, Scheit, Claussen, Bruhn und Mosse nachlesen, aber auch aus Samuel Salzborns Grenzenlose Heimat exzerpieren. Im Deutschen jedoch ist – trotz williger Nachahmer – deutsche Ideologie nach wie vor am deutlichsten erkennbar. Umso bedenklicher ist die (empirisch konstant belegte!) weltweite Germanophilie.
Nach der ‚Zurückweisung’ aka dem ‚Widerstand’ Heideggers als offiziell berufener Ratgeber der nationalsozialistischen Führungsriege, die nichts mit dem geteilten Gedankengut zu tun hatte, außer dass sich die Nazis der Volkstümlichkeit ihres Elitedenkens bewusster und andere schneller als er waren, nach der narzisstischen Kränkung Heideggers also, die ihn jedoch nicht mit der Ideologie brechen ließ, sondern den typisch trotzigen Rückzug ins noch ‚authentischere’ Hüttendasein auslöste; nachdem Heidegger dem armen Volk noch ähnlicher geworden scheinen musste, es durch seine ostentative ‚innere Emigration’ im Nachhinein angemessener vertreten konnte, war sein weltweiter Erfolg möglich geworden. In ihm war die Idee ohne das allzu offensichtliche Verbrechen zu erahnen. Ob nun Sprache oder Kultur oder was auch immer Identität versprach, die Weltphilosophen lasen es aus seinen absichtlich diffusen Elaboraten heraus und übernahmen mit dem Geschwafel (in den meisten Fällen und abgesehen von Sartre) auch den eigentlichen Gedanken.
Wie auch immer: Heidegger war und ist seit 1927 überall. Selten hinterfragt und umso öfter verteidigt. Es gab keinen Bruch – wie es auch in Deutschland niemals einen gravierenden Bruch mit der ursprünglichen Herkunft seines Gedankenguts gab. Dass genau diese Herkunft mittlerweile so verführerisch für alle möglichen Identitätssuchenden ist, ist kein Zufall. Unter anderem finden sich in ihr die ‚einfachsten’ Antworten. Am Ende des noch lange nicht gewonnenen Kampfes um Gleichberechtigung steht da aber plötzlich das perverse Versprechen als ostentatives Opfer zu reüssieren. Und so diffus wie die Illustrationen der Unterdrückten durch ihre Unterdrücker gestaltet werden mussten, so diffus mussten deren Bestrebungen um Einheit im Kampf dagegen werden. Statt aber anzuerkennen, dass sich die grotesken Bebilderungen nur im Bestehen auf Individualität auflösen ließen, wurden immer mehr Gruppierungen geschaffen, die sich nicht mehr am eigenen Interesse sondern an der eigenen Herkunft oder einem ausufernden Kulturbegriff orientierten. Man wollte eindeutig und nicht mehr einzigartig sein. Bis zu einem gewissen Punkt war das nachvollziehbar und sinnvoll. Bis zunehmend kulturelle oder völkische Mythen und kulturelles oder völkisches Bewusstsein etc. konstruiert wurden. Und sofort war wieder der eine Feind da! Der in seiner konkreten Form selbst versuchte teilzunehmen, aber immer noch der Einzige ist, der nicht darf (außer in daran interessierten Kreisen, die daraus nichts als die Legitimation fürs deutsche Volksbewusstsein ziehen wollen – an PI-News et al. wird immer noch gearbeitet. Religiöse Fragen spielen hier erst einmal keine Rolle, vgl. dazu Hanno Loewy in ders. Gerüchte über die Juden) – weil die völkische Imagination nun einmal will, dass er diffus zu bleiben hat, ewig wandert, hinter allem steckt, alles nur vortäuscht und überhaupt. Neben primärem und sekundärem Antisemitismus, der längst keine ausschließlich deutsche Veranstaltung mehr ist, kristallisiert sich Neid (der bereits den ersten beiden Formen innewohnt) als Movens von Hass auf Juden, Israelis, Zionisten etc. pp. heraus. Und zwar perfiderweise Neid auf ihren nicht selbst gewählten Opferstatus. Im eigenen Opferwahn glaubt man ihnen nicht, dass sie gerne darauf verzichten würden.
Wie universell die Opfer-Ideologie geworden ist, hat einer der renommiertesten Vertreter von Identitätspolitik aufgedeckt. In White beschreibt Richard Dyer ein weltweites Phänomen, das zu so absurden Auswüchsen wie dem male backlash, PI-Bewegungen und dergleichen geführt hat. Darin finden sich alle wieder, die sich als Täter angeklagt wähnen, aber unbedingt den Opferstatus erringen wollen – das ist, ohne dass Dyer sie als solche benennen kann – deutsche Ideologie. Alle diese Bewegungen(!) jedoch können sich problemlos der Identitätspolitiken sozialer Minderheiten bedienen. Dyers Bezeichnung dafür lautet Me-tooism. Im Me-tooism darf jeder Opfer sein – womit jeglicher Täter-Opfer-Umkehr Tür und Tor bereitwillig geöffnet werden.
Deutschland ist das, von der BBC zertifizierte, weltweit erfolgreichste Beispiel einer tatsächlich monumentalen und epochalen Umstilisierung von Tätern zu Opfern, wozu sich die Deutschen unnachgiebig und unermüdlich aller verfügbaren Mittel bedient haben, u.a. indem man Opferidentifikation vorgab.
Es ist dann vielleicht doch möglich, Lars Quadfasels Frage „Wissen die Deutschen, was sie wollen?“ (Audio – Vom Antifa-Sommer zum Irak-Krieg) zu beantworten. Nämlich indem man das Handeln diverser deutscher Regierungen (im Krisenfall) eben als doch durch zumindest eine Sehnsucht motiviert ansieht. Was wahllos anmuten mag, entstammt der Maxime, dass das jeweilige Regierungsverhalten sich nach dem angenommenen ‚Volkswillen’ zu richten hat. Dabei gibt es fraglos Auslegungsfreiräume und Möglichkeiten der Manipulation, doch tatsächlich sind deutsche Politiker eben nicht ‚abgehoben’ und ‚dem Volk ‚entfremdet’, sondern entsprechen dessen Durchschnitt (insbesondere intellektuell und abgesehen vom Einkommen). Gewählt wird man nicht für Brillanz in welchen Bereichen auch immer, sondern dafür, dass man möglichst wenig abweicht respektive herausragt. Und was nicht passt, wird passend gemacht. Man mag das fälschlicherweise für den Grundgedanken von Demokratie halten, hierzulande jedoch hat man sich nie vom Glauben an die Volksgemeinschaft gelöst, hat sie tatsächlich erfolgreich über das ‚Dritte Reich’ hinaus retten und ihr mit der Idee von Kultur und (Volks-)Identität ein zeitgemäßes Gewand überwerfen können. Was immer auch umgesetzt werden soll, ist leicht verständlich und arbeitet dem „Schatten von Erkenntnis“ (Adorno) zu. Zwar selbst Objekt von Verschwörungstheorien schafft es deutsche Politik dennoch immer wieder, sich als Opfer ‚diffuser Mächte’ darzustellen; alles ‚Unangenehme’ ist sie in der Lage, als ihr vom internationalen Markt, der dem deutschen Wesen eigentlich widerstrebenden Globalisierung, den unangenehmen Bündnisverpflichtungen aufgrund der nur noch gerade mal peinlichen Vorfahren etc. aufgezwungen zu verkaufen. Kein Lob des Zwangs kommt ohne Verweis auf das eigentliche Wollen aus, auch nicht bei Angela Merkel, die auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag ganz in dem Sinne mitteilte, hier sei es ja nicht schlimm wie im Rest der Welt, und das „Zusammenhalten in der Bundesrepublik sei größer als anderswo“. Gleichwohl forderte sie noch mehr davon ein. Ständig raunt es, und dass Heiner Geißler vom Hausbesetzerfresser zum Attac-Anhänger mutierte, ist alles nur nicht abwegig.
Was weltweit so geschätzt wird, ist beispielsweise die angebliche Vorreiterrolle in Sachen Ökologie, die Naturverbundenheit, die Bodenständigkeit, in der man nicht mehr Blut und Boden erkennen mag. Geschätzt wird auch das ostentative deutsche Verständnis für Kulturen, der Beistand für die Völker der Welt – in deren Augen haben die Deutschen die Slowenen, Kroaten, Kosovaren etc. nicht nur aus dem „Völkergefängnis“ Jugoslawien befreit, sondern ihnen auch eine Rückkehr zu ihrem ‚eigentlichen Sein’, zu ihren ‚Wurzeln’ ermöglicht. Sie unterstützen den Dalai Lama und wollen ihn den oder ihm die Tibeter(n) zurückgeben und mit ihm seine vorgebliche „Schmunzelmonster“(Titanic)-Religion – ein neues Atlantis kann so entstehen und somit würde ein sehr deutscher Traum wahr. Trotz konstanter öffentlicher Positionierungen fürs Wurzelwerk geben sie vor, mit allen reden, alle verstehen zu können, und zwar nicht auf Basis des gemeinsamen Menschseins, sondern beruhend auf ihrem Wissen um kulturelle Abgründe usw. usf. Die Parteinahme jedoch bleibt vorwiegend deutscher Tradition verbunden. Die Linie ist klar erkennbar, die Tradition aber nicht als Gerade von a nach b nachzuvollziehen. Erst im Volkswillen, der nicht den deutschen Grenzen von 1939 gehorcht, wird sie erkennbar.

Am Bild, das man sich von den fanatisierten Muslimen macht, fasziniert vielmehr, dass sie nicht so sind wie ‚wir‘: nicht so dekadent, so angepasst und feige: dass sie noch wissen, wofür es sich zu sterben lohnt. Wie das Konservendosengelächter in der Comedy dem Zuschauer die Last abnimmt, selber Spaß haben zu müssen, so entlastet der islamische Terror den westlichen Betrachter von dem Zwang, aus seinen eigenen Ressentiments die praktischen Konsequenzen zu ziehen. Er delegiert seine Sehnsucht nach Macht und Unterwerfung, nach Überhöhung der Tat und Entwertung des Geistes, kurz: nach einem Leben zum Tode an die, deren mörderischen Eifer er im Fernsehen vorgeführt bekommt; er lässt die Gotteskrieger jene antisemitischen, antiamerikanischen und antizivilisatorischen Affekte austragen, die zur Gänze selber auszuschöpfen dem Wunsch nach reibungslosem Fortkommen im Wege stehen könnten.
Lars Quadfasel – Gottes Spektakel. Zur Metakritik von Religion und Religionskritik 1, Extrablatt online

Frischer Fisch lässt sich nicht lange lagern. Daher sind Fischkonserven praktisch, um schnell eine leckere Fischmahlzeit zubereiten zu können. Beliebt sind konservierte Sardellenfilets, Makrelenfilets, Thunfisch, Sardinen, Bückling, Brathering u.v.m.Paradisi-Fischkonserven

Was wollen die Deutschen eigentlich von den Islamisten? Das ist wirklich ein Rätsel“, sagte Lars Quadfasel ein wenig später und gab dennoch selbst die treffende Antwort: „Die Islamisten sind der Konservendosenhass der Deutschen, die hassen dann für einen. Das muss man nicht mehr selber machen.“ (Audio, ebd.) Der Hass-Stellvertreter wird benötigt, um der Welt endlich einmal zeigen zu lassen(!), wie unverantwortlich undeutsch sie geworden ist. Die Deutschen dürfen sich zurücklehnen, zusehen und mitteilen, wenn es nach ihnen gegangen wäre, hätte es soweit nicht kommen müssen, aber auf sie höre ja keiner, weil sie von der Welt „immer noch“ so verabscheut würden und man ja sowieso nichts sagen dürfe. In diese raunende Besserwisserei fügt sich Frank Schätzing nahtlos ein. Alles Deutsche ist bei ihm von Grund auf gut und darf es nicht einmal zugeben. Das Stellvertreter-Opfer wird wiederholt angedeutet, indem es pausenlos auf der Agenda der CIA steht – zu Unrecht natürlich – und dann auf einmal steigt der Rächer aller wahrhaftigen Völker, Kulturen und Delfine aus den Tiefen des Meeres empor. Die sich mal wieder nur wehrenden Bewohner des deutschen Nazi-Ersatzparadieses Atlantis, der Heimstatt aller im Meeresboden, noch tiefer also als in den kontinentalen Ebenen wurzelnden Lebensraumwesen geraten dem deutschen Schriftsteller zu Bückling und Makrele in Öl, diversen Fischfilets in Tomatensauce, Bismarck-Hering und Trockenfisch. „Wir werden auf archaische Weise angegriffen“, wird aufgeschrieen, und was als unterschiedslos zu gelten hat, löst sich dennoch auf in einer geradezu begeisterten Schilderung der gnadenlosen Zerstörung von Dekadenz, Luxus und allem, was nicht Hütte ist. Wer Hummer zubereitet, hat selber Schuld, wenn er qualvoll daran zugrunde geht, und wer reich ist und/ oder Metropolenbewohner, hat besonders drastisch und ‚würdelos’ zu sterben. Die Herrscher des Meeres nämlich haben keinerlei materielle Bedürfnisse und finden Befriedigung ausschließlich darin, sich von Zeit zu Zeit in einem Über-Ting zu vereinigen, um zu überprüfen, wer vom Kollektiv abweicht und vernichtet zu werden hat. Wenn sie richtig wütend werden jedoch, schrecken sie nicht davor zurück, ihren ‚Lebensraum’ noch effektiver zu vernichten (all die explodierten Bohrinseln, Chemiefabriken und Atomkraftwerke in Küstennähe, was das aus dem Meer macht, kann man z.B. in Alan Weismans The World Without Us nachlesen), als die Menschen das bisher getan hatten. Kennt man: „verbrannte Erde“! Die wird hier als sinnvolle Maßnahme verkauft.


via „Hässliche Plastiktiere und Zeugs“

Hinter der Verbitterung des Antisemiten verbirgt sich der optimistische Glauben, nach der Vertreibung des Bösen werde sich die Harmonie von selbst wieder einstellen.
Jean Paul Sartre – Überlegungen zur Judenfrage (zitiert nach Samuel Salzborn – Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne, S. 71, A.a.O.)

Der Computer hat festgehalten, wann Karen die Abdeckung öffnete, um Rubins Leichnam in die Tiefsee zu entlassen, und wenig später stoppte der Terror.
Frank Schätzing – Der Schwarm, Epilog: aus den Chroniken von Samantha Rowe, S. 983

Das böse Monster ist erledigt (vgl. Teil 1). Noch herrscht Chaos auf den vom großen Gott (Buddhismus, Hinduismus, esoterische Zirkel und Naturreligionen hingegen prosperieren) verlassenen Kontinenten (die Toten zählt Schätzing nicht), aber die Grundvoraussetzungen sind geschaffen, denn „erste Anzeichen für ein Umdenken“ (ebd. S. 986) sind erkennbar. Die UNO hat den „Vereinigten Staaten von Amerika das Führungsmandat entzogen“ (ebd.). Und die Menschheit kann endlich wie die Yrr werden, denn was erst einmal dystopisch anmutet im Epilog der uneingeschränkten Deutungsmacht Jill/Ellie/Jodie/Samantha, ist die einmalige Chance, den Planeten nach der großen Reinigungsaktion deutsch einzurichten: „Vielleicht ist eine weitere Menschheitsrevolution fällig, um unser archaisches Erbe endlich mit der Entwicklung unserer Intelligenz unter einen Hut zu bringen. Wenn wir uns des Geschenks, das die Erde immer noch ist, als würdig erweisen wollen, sollten wir nicht die Yrr erforschen sondern endlich uns selber. Erst die Erkenntnis unserer Herkunft, die wir zwischen Wolkenkratzern und Computern zu leugnen gelernt haben, wird uns den Weg in eine bessere Zukunft weisen. Nein, die Yrr haben die Welt nicht verändert. Sie haben uns die Welt gezeigt, wie sie ist.“ (Ebd. S. 987) Ähnlich klangen die Erklärungen einschlägiger Kreise nach dem 11. September 2001 – wenn nicht gerade vom „größten Kunstwerk aller Zeiten“ (Stockhausen) die Rede war. In der Vernichtung deren Ästhetik als kreativen Superlativ auszustellen, erklärt den Opfer-Täter zum Schöpfer von erkenntnisrelevanten Darstellungen und krönt den mörderischen Erfolg der Selbstmordattentäter, denn deren Bilderverbot „trägt nur noch dazu bei, die Aufklärung zu denunzieren; die Bilder vom Opfertod der Märtyrer hingegen werden millionenfach verbreitet.“ (GerhardScheit – Suicide Attack. Zur Kritik politischer Gewalt, S. 528) Aufgehoben wird dadurch Adornos grundlegende Kritik des Opfers. (Vgl. ebd., S. 500ff)
Laut Slavoj Žižek (2002, Welcome to the Desert of the Real. Five Essays on September 11 and Related Dates) war 9/11 kein „Ereignis“ im Heideggerschen Sinne („Aussetzung einer etablierten Seinsordnung“, „geschichtsphilosophische Zäsur“), tatsächlich seien nur Medienbilder wirklich geworden und ein mediales Phantasma habe sich realisiert. Während uns also laut Schätzing die Yrr die Welt gezeigt haben, wie sie wirklich ist, hält uns Al Quaida unsere Albträume vor Augen? Womöglich. (Wobei es meines Wissens vor 2001 nur einen Film gab, in dem ein Flugzeug bewusst gesteuert in ein Hochhaus fliegt, und der kommt nicht aus Hollywood, sondern ist eine europäische Co-Produktion.) Die Albträume der einen sind die Träume anderer. Und derartige Träume hat Walter Abish als das bezeichnet, was sie wirklich sind: „[A] dream to end all dreams?“ (How German Is It / Wie deutsch ist es, 1979)
Warum aber konnten die Attentäter zu denjenigen werden, in deren Folge sich endgültig nahezu alle anderen weltweit gelten zu habenden Träume auflösen sollten? Der empörte Zwischenruf eines Teilnehmers an einer Tagung zu Queer Representations in Media nach 9/11, dass es doch nicht darum gehen könne, „who’s fucking whom – because there’s people dying“ (UdG) verkennt die Tatsache, dass Menschen regelmäßig gequält, gefoltert und umgebracht werden, weil sie eben dieses und andere unabdingbare Rechte des Individuums einfordern. Umgebracht werden sie vor allem, offiziell und inoffiziell, von denjenigen, vor welchen derzeit ‚Identitätspolitik‘ jeglicher Couleur ihren Knicks oder Diener zu machen bereit ist. Im- oder explizit wähnten diverse ‚Opfervertretungsgruppen‘ sich immer in Konkurrenz zum ‚größten Leidenskollektiv’, das die Welt je gesehen hatte – die Chance, sich dieses (mal wieder) selbstgewählten ‚Rivalen’ entledigen zu können, wird von vielen bereitwillig ergriffen. Irgendwann lassen sich weibliche Abgeordnete einer Partei, die auf Gleichberechtigung pocht, dann protestlos auf ein Frauendeck verfrachten und deren männliche Parteifreunde sehen ungerührt dabei zu.
9/11 war eine geschichtliche Zäsur – das steht außer Frage. Auf das Fanal, dessen Initiatoren damit rechneten, dass es den Märtyrerkult weltweit befördern würde, folgte eine Umkehr, und eine Opferideologie breitet sich aus, die nicht nach der Verbesserung der Situation des Individuums strebt. Nicht nur als Opfer fühlen darf oder soll man sich, sondern auch Opfer bringen – und wenn man es selbst ist, umso besser. Schätzing erzählt fast dieselbe Geschichte. Deutlich herablassend lässt er seine fundamental-christlichen US- amerikanischen Charaktere über Armageddon schwafeln – nur um am Ende selbst die einzige Chance der Menschheit zu präsentieren, die aus dem Untergang der westlichen Welt und der Vernichtung des ’schuldig gewordenen‘ Individuums resultiert. Das ist Schätzings völkisches Armageddon, nach dem niemand mehr neidisch auf’s angenommene ‚Glück’ der Anderen (und wenn es nur deren für sich selbst ersehnter Opferstatus ist) zu sein braucht. Nach der Auslese darf die ganze Welt das „eine Volk“ sein.

In Germany nationalism, racism and anti-Semitism are the very essence of the state, the ”Wesen” of political sovereignty. This state is the ”positive” result of mass murder, and it incorporates this in all its structures – see Gerhard Scheit, Die Meister der Krise, ca ira 2001 and also my book, Was deutsch ist. Zur kritischen Theorie der Nation. This state is not to be de-nationalized or democratised, but abolished.
Joachim Bruhn, ebd.

Ohne Krise, ohne den Ausnahmezustand ist das alles nicht haben, denn „[d]ie Antisemit(innen) sehnten sich […] nach Krisenperioden, in denen gemeinschaftliche Urformen plötzlich wieder auftauchen und ihre Fusionstemperatur erreichen – um dann dem Wunsch nachgeben zu können, in der Gruppe zu verschmelzen und vom kollektiven Strom fortgerissen zu werden. Es sei [laut Sartre, J6ON] die antisemitische Sehnsucht nach der ‚athmosphère de progrome’ [Sartre].“ (Samuel Salzborn, ebd. S. 69f)
Die Sehnsucht, den Ausnahmezustand voranzutreiben, scheint deutsche Regierungen immer mal wieder zu beflügeln, wie auch wieder derzeit: „Jedes gesellschaftliche Privileg verlangt seine eigene Aufhebung im Namen der Menschheit, dem einzig legitimen Privileg. Der gegenwärtig virulente Gerechtigkeitswahn strebt dagegen einen apokalyptischen Zustand der Privilegienlosigkeit an, wie er von gewissen Endzeitfilmen in sozialreformerischem Größenwahn halluziniert wird: eine Welt, in der alle Menschen gleich im Angesicht des Todes und der Sinnlosigkeit sind. »Generationen¬gerechtigkeit« bezeichnet in diesem Zusammenhang nichts anderes als die Liquidation jeder Hoffnung auf das Neue im Namen einer Totenstarre, die Großeltern und Enkel zum Kollektiv der Hoffnungslosen zusammenschweißt.Magnus Klaue – Luxus für keinen, Ohnmacht für alle, Jungle World

Die grundlegende Frage allerdings lautet nach wie vor: Warum wollen die Deutschen immer noch und stündlich zunehmend Deutsche sein? More later…

Recommended reading: the usual suspects…
+ Later: nexusrerum – Marx in Gaza

  1. 41% der von der BBC befragten Welt scheinen (!) halbwegs zurechnungsfähig zu sein. Womöglich sind davon aber auch einige deutscher als die Deutschen selbst und hätten es gerne noch authentischer. Womöglich glauben sie auch den deutschen Versöhnungsjeremiaden usw., und es gefällt ihnen nicht. Die 41%, die Deutschland nicht so berauschend finden, stimmen nicht notwendigerweise hoffnungsfroh. Was man hierzulande entlang der Traditionsline lieber nicht wissen möchte: Die Briten, auf die jahrzehntelang Verlass zu sein schien, gehören dem eher germanophilen Teil der Weltbevölkerung an. Schlechte Nachrichten für z.B. den unermüdlich am angeblichen britischen antideutschen Ressentiment leidenden Matthias „Don’t mention the war!“ Matussek and the like. Matussek wird in seiner typisch deutschen Paranoia derart deutsch, dass er schon wieder Stürme heraufbeschwören will - kennt man ja hierzulande: Volkssturm. Wenn man mich fragte, wem ich eher vertraue, dem Autor so herausragender Romane wie Black Dogs, The Cement Garden, The Comfort of Strangers, Saturday etc. oder der Personifikation wehleidigen Deutschtums par excellence – Matthias Matussek – würde ich natürlich, ohne zu Zögern und immer wieder Ian McEwan sagen. Matussek interviewte McEwan 2006 und behauptete, sie seien in einem Londoner Restaurant auf einen nicht genannten britischen Regisseur getroffen, der ‚den Hitlergruß’ gezeigt habe – woraufhin sich Matussek zutiefst beleidigt gefühlt, wenn auch erstmal darüber gelacht habe: “What else can you do?” (Matussek, Times Online). Ian McEwan jedoch „denied it. He said the truth was rather less interesting, and that Matussek should put his imagination to better use and become a novelist [bad idea!]. “I didn’t make it up,” says Matussek. “Nor did my wife … [it] was very telling – McEwan would rather trust an Englishman he happened to bump into than a German he’d been with all evening.“ So would I! Der arme verfolgte Deutsche aber muss wie üblich verallgemeinern, statt zu akzeptieren, dass man ihn persönlich eventuell einfach nicht mag, auch (oder gerade deswegen) nach einem gemeinsam verbrachten Abend nicht, und schlussfolgert: „Is it any wonder my fellow countrymen think there’s a deep well of anti-German resentment in Britain?” (Times online) [zurück]

Gastbeitrag von Kazem Moussavi – Eine Gefahr für die Demokratie in Deutschland: Die AfD-Iran-Russland-Connection

http://iraniansforum.com/eu/eine-gefahr-fur-die-demokratie-in-deutschland-die-afd-iran-russland-connection/

Das iranische apokalyptische Regime kooperiert eng mit Verschwörungstheoretikern, extrem rechten und antisemitischen Gruppen sowie Neonazi-Organisationen einschließlich Rechtspopulisten im Westen, um seine politisch-religiöse Doktrin zu verbreiten. Im Iran selbst werden Aktivitäten westlicher und iranischer Neonazis und von staatlichen Organen gesteuerte Antisemitismus-Netzwerke (NASR-TV & Nazicenter.com) unverhohlen koordiniert und gefördert.

Um nur einige europäische Protagonisten zu nennen:

der französische Front National,

der Russe Alexander Dugin, Vordenker Putins und der Eurasischen Bewegung,

Mateusz Piskorski aus Polen, Dekan der „Warschauer Akademie für Internationale Beziehungen“,

Manuel Ochsenreiter, Chefredakteur der rechtsextremen Monatszeitschrift „Zuerst!“,

Jürgen Elsässer, Ahmadinejad-Unterstützer und Herausgeber des COMPACT-Magazins,

Christoph Hörstel, Vorsitzender der Partei Deutsche Mitte (DM),

Yavuz Özoguz, Islamist und Parolen-Rufer beim antiisraelischen Al-Quds-Marsch in Berlin.

„Islamkritische“ AfD-Funktionäre in Teheran

Unmittelbar nach der „6. Intifada-Konferenz“ unter dem Motto „Alle zusammen für die Unterstützung der palästinensischen heiligen Intifada“ in Teheran (21.-22. Februar 2017), zu der das iranische Parlament 700 palästinensische Unterstützer sowie Politiker und Abgeordnete aus islamischen Ländern und weltweit eingeladen hatte, informierte am 26. Februar der Vizechef der AfD-Jugendorganisation Reimond Hoffmann: „Ich befinde mich momentan mit meinem JA-Kollegen Nicolai Boudaghi in Teheran, und es haben sich einige interessante Gespräche ergeben. Der Iran bekennt sich beispielsweise eindeutig zum Kampf gegen den Terrorismus.“ FB-Posting Hoffmanns.

Über Reisende in den Iran werden umfangreiche Informationen erhoben, bevor ein Visum erteilt wird. Ein Vorgespräch in der Botschaft der Mullahs ist erforderlich. Hoffmanns vage Formulierung „Gespräche (über) den Kampf gegen den Terrorismus“ dient der Verschleierung der Tatsache, dass diese mit iranischen Revolutionsgarden und Sicherheitsorganen geführt worden sein müssen. Es muss sich also um eine offizielle Einladung gehandelt haben.

Reimond Hoffmann und sein Reisebegleiter, der iranischstämmige Nicolai Reza Boudaghi Vandchali sind beide AfD-Direktkandidaten für die Bundestagswahl 2017.

Die AfD-Iran-Russland-Connection: Deutsches Zentrum für Eurasische Studien

Manuel Ochsenreiter, der Vorsitzende des Zentrums und Sprecher bei diversen AfD-Veranstaltungen, fungiert seit Jahren als Kontaktmann des Iran zur Neuen Rechten und umgekehrt. Im September 2014 referierte Ochsenreiter bei der Holocaustleugner-Konferenz „New Horizons“ in Teheran zum Thema „Israelische Lobby in Deutschland“. Im Mai 2016 wurde sein Buch „Die Macht der zionistischen Lobby in Deutschland“ vom iranischen Kulturministerium auf Persisch publiziert.

Markus Frohnmaier (Listenplatz für die AfD im zukünftigen Bundestag), zusammen mit Ochsenreiter Gründer der rechtsextremen Zeitschrift „Zuerst!“, Sprecher von Alice Weidel und Bundesvorsitzender der JA (der Jugendorganisation der AfD), Thomas Rudy, AfD-Landtagsabgeordneter in Thüringen und Mateusz Piskorski gehören zu den Gründern des „Deutschen Zentrums für Eurasische Studien“, das proiranische und prorussische Propaganda betreibt. Mateusz Piskorski, mutmaßlicher Agent Putins und Dekan der „Warschauer Akademie für Internationale Beziehungen“ nahm 2015 an der iranischen Holocaustleugner-Konferenz teil. Am 18.Mai 2016 wurde er wegen Spionage für Russland in Polen festgenommen.

Ochsenreiter, Leiter des Zentrums, betonte in einem Interview mit NORTEXA am 12.Mai 2016: „Der Iran ist besonders interessant, weil er als stabilisierende Regionalmacht eine ganz besondere und in Berlin weit unterschätzte Rolle spielt. (…) Der Iran wäre nicht nur ein guter Wirtschaftspartner für uns, sondern auch darüber hinaus. Teheran kämpft gegen radikal-sunnitische Terrorbanden in Syrien, während Saudi-Arabien diese finanziert.“

Im „Deutschen Zentrum für Eurasische Studien“ laufen die Fäden der AfD-Iran-Russland-Connection zusammen. Der weltweit wohl einflussreichste Akteur im Zentrum ist Putins Chefideologe Alexander Dugin, der zuletzt 2016 an der revanchistischen „New Horizon“-Konferenz teilnahm.

Dugin sagte bei einem Treffen mit Klerikern in Qom: „Ich bin unendlich froh, dass ich ins Hauptquartier des Kampfes gegen die Moderne gekommen bin. Ich habe mein Leben diesem Kampf gewidmet, denn für mich bedeutet die Moderne Satan. (…) Die offizielle Religion von Herrn Putin ist russisch-orthodox. Ich vertrete die orthodox christliche Gesellschaft von Russland, die, dem Beispiel des Iran und der islamischen Revolution folgend, in Russland erfolgreich sein könnte. Der Iran ist uns voraus und kann das Modell sein, dem wir folgen müssen. (…) Wir (Russland) und sie (Iran) kämpfen auf einer gemeinsamen Front in Syrien. Und der Iran spielt eine Schlüsselrolle im Eurasien-Projekt.“

Putin und das iranische Regime arbeiten seit langem daran, unter dem Banner eines vermeintlichen Antijihadismus von ihnen kontrollierte despotische und islamisch-fundamentalistische Regimes und Bewegungen wie die Kadyrows in Tschetschenien oder die vom Iran gesteuerte schiitische Hisbollah im Libanon zu unterstützen. Essentiell für die antiwestliche Strategie Moskaus ist, die Assad-Diktatur als Aushängeschild eines Fake-Säkularismus einerseits zu unterstützen, deren Schutzpatron die Islamische Republik andererseits die stärkste und erfahrenste jihadistische Macht überhaupt ist.

Die AfD ist nicht nur die fünfte Kolonne Moskaus, sondern auch die Teherans.

Die iranische Taktik und das von ihr verfolgte Ziel im Kontext der Rechtspopulisten und der AfD

Die TasnimNews der iranischen Revolutionsgarde veröffentlichten im April 2016 ein Positionspapier mit dem Titel „Hinter dem Vorhang: Neue Rechte in Europa“, das angeblich von dem iranischen Politikanalysten Sayyed Alireza Mousawi an der Universität Jena verfasst wurde.

Darin ist zu lesen:

„Der Iran hat gegenüber den Neuen Rechten und Populisten mit einer politischen Doppelstrategie vorzugehen. (…) Er kann nur von deren Stärke profitieren, wenn ein Teil der westlichen Welt durch die Neue Rechte und ein anderer von Mainstream-Parteien regiert wird. (…) Die Neurechten glauben realistischerweise außenpolitisch nicht an die Menschenrechte wie die liberalen Kräfte im Westen. Die Neurechten gehen mit einer entschlossenen Strategie gegen die nicht-europäischen Nationen vor. (…) So können die Konflikte zwischen den Neurechten und den aktuell regierenden liberalen Blöcken im Westen intensiviert werden, und somit wird eine Allianz für den Kampf gegen den Iran nicht mehr möglich sein. (…) Trump regiert derzeit die USA und wird von den liberalen Regierungen in Deutschland und Frankreich nicht ernst genommen. Dies bedeutet eine gute und außergewöhnliche Möglichkeit für den Iran, die allerdings nicht immer bleiben wird. Zum Bestehen und der Fortsetzung der Konflikte hat der Iran entsprechend zu planen und vorzugehen.“

Dass bürgerliche Medien in Deutschland ausgerechnet eine Rede Trumps vor der UN-Vollversammlung 2017, die sich auf Menschenrechte im Iran bezieht als “Verunglimpfung des Iran” (ZEIT) bezeichnen, spielt der Doppelstrategie des iranischen Regimes in die Hände, sowohl deren rechtsradikalen und AfD-Bewunderern, als auch den bürgerlichen Appeasern.

Das Ziel des Regimes im Iran ist, Chaos im Westen zu erzeugen: „Die europäische Union steht wegen der Flüchtlingskrise, der Migration und der Wirtschaftsprobleme in Europa am Rande des Zusammenbruchs. (…) Die iranischen Außen- und Geheimdienst-Apparate müssen die Aktivitäten und Ziele der Neuen Rechten permanent fokussieren, um die weitere Entwicklung bis zu einem baldigen Europäischen Frühling (in zynischer Anlehnung an den Arabischen Frühling, K.M.) zu befördern, der auf das iranische nationale Interesse auf dem grünen Kontinent ausgerichtet ist.“

Im Gegensatz zum Westen propagiert das iranische Regime den Arabischen Frühling als ein islamisches Erwachen unter dem Führer der iranischen Revolution, Ali Khamenei.

Chaos in den westlichen Demokratien zu erzeugen ist auch das erklärte Ziel diverser neurechter Bewegungen weltweit. Sie erhoffen sich ebenso, dass aus dem Untergang eine auf alten nationalstaatlichen und hegemonialen Prinzipien basierende Ordnung erwächst.

AfD und Rechtspopulisten: Strategische Partner des iranischen antisemitischen Regimes

Neurechte und AfD- Politiker verlieren öffentlich kaum ein Wort über die Menschenrechtsverletzungen der islamischen Republik im Iran. Ihre Islamkritik richtet sich nicht gegen den Schiismus, sondern nahezu ausschließlich gegen den Salafismus und die Sunniten. Sie ignorieren außerdem weitgehend die maßgebliche Rolle Irans durch dessen langjährigen hegemonialen Krieg im Nahen Osten in der Entstehung des IS im Irak und in Syrien und die damit verbundenen terroristischen Aktivitäten des islamischen Staats und der Salafisten im Westen und der Flucht von Millionen Menschen nach Europa und Deutschland.

In TasnimNews ist zu lesen, dass „(d)er Iran (…) als Helfer und Verteidiger der Staatssouveränität Syriens und Hauptfeind der IS-Terroristen und Salafisten ein großes Unterstützungspotenzial in der Neuen Rechten (hat). Sie bewerten die iranische Politik in der Region Westasien (in der Definition des Regimes: Naher und Mittlerer Osten sowie Teile Nordafrikas, K.M.) in der Tat als Vorbild im Kampf gegen Saudi-Arabien und die Türkei.“

TasnimNews schreibt außerdem: „Neurechte wurden aufgrund der Einwanderungskrise in Verbindung mit den Bürgerkriegen in Syrien und Libyen gestärkt. (…) Ihre Basispolitik ist die Kritik an den Strukturen der Europäischen Union und eine Rückkehr in die Ära der nationalistischen Regierungen. Dies wird in der Gegnerschaft zu der Flüchtlingspolitik der deutschen Bundeskanzlerin und in der Politik gegen den Islam vorgetragen. Die Alternative für Deutschland (AfD) ist ein starker Gegner der Einwanderungspolitik.“

TasnimNews fügt hinsichtlich der Israelpolitik der Rechtspopulisten und der AfD hinzu: „Während Neurechte das zionistische Regime stark unterstützen, ist bei ihnen ein härterer antizionistischer Kern als bei den liberalen Parteien zu finden. (…) Daher haben die Russen und Zionisten (gemeint sind eindeutig die Ashkenasim, die „weißen Juden“, K.M.) mit Beginn des syrischen Bürgerkrieges begonnen, ihren Einfluss auf die europäischen rechtspopulistischen Parteien zu intensivieren. (…) Der Fall Höcke hat gezeigt, dass es in der Neurechten einen Widerwillen gegen die zionistische Lobby gibt. (…) Und dagegen, die Geschichte zu verfälschen, wenn die jüdische Religion mit der zionistischen Lehre gleichgesetzt wird als eine demonstrative Geste der Unterstützung von Juden. Während sie andererseits durch ihre rassistische Politik unter dem Banner der Islamophobie die übrig gebliebenen Juden in Europa dazu zwingen, in das besetzte palästinensische Territorium einzuwandern.“

Mit dem seit einigen Jahren zu Propagandazwecken verwendeten Begriff „weiße Juden“ bedient das iranische Regime die internationale Querfront von Identitätspolitik Betreibenden jeglicher Couleur. Den einen gelten sie als beispielsweise Vertreter von „weißen Privilegien“, den anderen als die „weiße Rasse“ unterminierend. Der Ursprung des Bildes resultiert allerdings einheitlich aus der Erfindung des Antisemitismus im 19. Jahrhundert, der in der Assimilierung der Juden im Westen eine Bedrohung ausmachte, auch in der Angst davor, sie nicht mehr als solche identifizieren zu können, was letztlich in Kennzeichnungspflicht und Massenvernichtung resultierte. Der Iran besetzt das Bild im Sinne auch der rechten Antisemiten, die auf Veranstaltungen schwadronieren, es gäbe unheimliche Mächte, die das „Volk austauschen wollen“.

Fazit

Je mehr Gewalt und Terror der Mullahs im Iran und in Syrien, desto präsenter und wirkungsmächtiger werden die Neuen Rechten und die AfD. Daher verursachen die deutschen Kultur- und Wirtschaftsbeziehungen mit dem Iran und die Aktivitäten dessen islamistischer Institutionen – dem IZH, der IGS und dem Al-Mustafa-Institut – hierzulande mehr Schaden, als man denkt. Dies beschleunigt die Rekrutierungsmaschinerie der AfD und der Neuen Rechten und gefährdet die Demokratie und die Sicherheit Deutschlands.

Mit den zukünftigen AfD-Abgeordneten im Bundestag – unter ihnen die im Text oben genannten – zieht eine Reihe neuer Iranlobbyisten ein, die den gefährlichen Einfluss des iranischen Regimes auf die deutsche Politik maßgeblich verstärken und dem Iran-Lobbyismus eine neue Dimension verleihen.

Ich bedanke mich bei June O. Beach (Junesixon.blogsport) und Andreas Benl (MFFB) für die Mitarbeit am Text.

„Die verfolgende Unschuld“ IV

Auf Welt.de wurde kurz vor dem 9. November ein Bericht veröffentlicht, der für die Reichspogromnacht, mit wenigen Wenns und Abers zwar, aber dennoch unmittelbar und unmissverständlich Herschel Grynszpan verantwortlich macht, (als sei nicht seit spätestens 1933 die Choreographie für’s deutsche ‚Event‘ fertiggestellt und der unvorhergesehene Anschlag auf den nationalsozialistischen Botschafter bloß Anlass zur Vorverlegung der mörderischen ‚Aufführung‘ gewesen sei): „Das hatte Herschel Grynszpan sicher nicht gewollt – aber vermutlich war es doch (!) sein Ziel gewesen, ein Zeichen gegen die judenfeindliche Politik Hitlers zu setzen. Ein Ansinnen, das furchtbare Folgen hatte.“ Im weiteren Verlauf des Artikels wird anhand einer einzigen Aufnahme eines Insassen eines Displaced Persons-Lager in Deutschland im Jahre 1946 die völlig spekulative Annahme zweier Historiker, es handele sich um Grynszpan, aufgrund dessen „Augenstellung, Lage der Brauen, (der) Nase, (des) Kinn(s) und (der) Ohren“ im Text willig angenommen und in den offiziellen Welt.de-Kommentaren vom Autor vehement verteidigt.

Der Verfasser, Sven Felix Kellerhof, gerät völlig außer sich, wenn er geradezu beklagt, dass Grynszpan, sowieso nicht mehr erkennbar sein könne: „Allerdings ist der junge Mann auf dem Foto aus Bamberg deutlich fülliger. Das muss aber nicht gegen eine Identifizierung sprechen, denn in den DP-Lagern wurden die heimatlosen Menschen, die oft (!) KZ oder Zwangsarbeit überlebt hatten, von den Alliierten regelrecht (!) aufgepäppelt (!).“
Das erinnert dann fatal an Anwürfe deutscher Anwohner in der Heide, die britische Soldaten tatsächlich anzeigten, weil sie die Insassen des KZ Bergen-Belsen mittels Überfütterung umgebracht hätten. Sonst hätten die doch irgendwie überleben können, lautete unter anderem der Vorwurf. Der verzweifelt menschliche Impuls der völlig überforderten britischen Soldaten, die nichts anderes mehr im Kopf hatten, als die ihnen von den Deutschen überlassenen Skelette bloß irgendwie ins Leben zu retten, war ihnen noch nach Jahrzehnten fremd.
Im Artikel erscheint Grynszpan wie einer, der sich feige dem Gericht entzogen hat, und zwar nicht für sein mehr als gerechtfertigtes Attentat auf den Nazi-Diplomaten vom Rath, sondern für die so genannte Reichskristallnacht, die im deutschen Mythos immer noch gerne und völlig falsch interpretiert als etwas gilt, bei man nicht so wirklich gerne mitgemacht hat.
Während die Deutschen weltweit exkulpierend zu neuen Anne Franks ernannte (cp. Alvin Rosenfeld) retten möchte und den toten Juden gütigerweise Stolpersteine und ein Stelenfeld installiert haben, um nur das von ihnen eingerichtete „Grab in den Lüften“ vergessen zu dürfen, muss Grynszpan leben („Theoretisch könnte Herschel Grynszpan sogar noch leben – er wäre heute 95 Jahre alt. Weitere Recherchen dürften folgen.“ Welt.de).
Grynszpan, der von Die Welt de facto zum Deserteur erklärt wurde, kann also dementsprechend perfiderweise bezeugen, dass die Verbrechen der Deutschen letztlich immer vom Juden mal wieder und sowieso provoziert wurden. Wie das Hitler ihnen schon mit auf den Weg gegeben und in die Wiege gelegt hatte. Kurz vor dem 9. November ist das den Deutschen die nächste Freude. Der Deutschen Tenor nach der Uraufführung von „Anne Frank“ in den 1950er Jahren lautete: Aber das Mädchen hätte man doch wenigstens überleben lassen können. Grynszpan ist dem deutschen Mitleid fast noch willkommener als die unschuldigen Toten, mit denen sie sich so gerne identifizieren: Sie wollen endlich ihren jüdischen Verantwortlichen vor Gericht zerren dürfen. Zum Beweis, dass es möglich wäre, führt Die Welt Georg Elser an, den die Nazis sich für einen Schauprozess aufgehoben hätten. Und hier wird es dann endgültig absurd, wenn man die Grundpfeiler der Nazi-Ideologie auch nur ansatzweise zu verstehen versucht hat.
Die tragische Hoffnung jedoch ist, dass er lebt und sie ihn niemals erwischen werden!
Recommended reading:
von Eike Geisel und den im Folgenden aufgeführten Autoren fast alles in no specific order!
Frank Stern
Gerhard Scheit
Jean Améry
Robert Gellately
George L. Mosse
Theodor W. Adorono
Max Horkheimer
Saul Ascher
Hans Mayer
Deborah E. Lipstadt
Nicolas Berg
Klaus Briegleb
Tjark Kunstreich
Robert G. Moeller
Raul Hilberg
Samuel Friedländer
Walter Abish
Joachim Bruhn
Moishe Postone
Stephan Braese
Samuel Salzborn
Lars Rensmann
Saul K. Padover
Hannah Arendt
Alan Dershowitz
Christian Schultz-Gerstein
etc.pp.

Der konservative Antisemitismus der AfD I: „Auch da sind wir wieder bei Auschwitz.“

Jenseits der zumeist deutsch exkulpierenden Fragen der ZEIT (siehe unten): Alexander Gauland – zugleich elder statesman und konservativer poster boy der AfD, weil er mal Berater der als ausgesprochen völkisch national bekannten hessischen CDU gewesen ist – zitiert Fontane. Der ZEIT fällt dazu nichts ein, als seine Westbindungsaffinität in Frage zu stellen. Dass er sich im Kontext eindeutig äußert, wird weitgehend übergangen, obwohl er überdeutlich anspielt. Wen aber zitiert Gauland hier? Fontane, natürlich, den Schöpfer von Effi Briest, der berührenden Schullektüre und der Vorlage des Films von Fassbinder. Er zitiert hier darüber hinaus dezidiert den Fontane, der den Stechlin verfasst hat und daraus Dubslav von Stechlin, den uneingeschränkten Sympathieträger des Romans, das deutsche Opfer, den vorgeblichen Philosemiten, der am Ende seinen Antisemitismus deutsch erleichtert äußert, kulminierend in:
„»Engelke, mit Baruch is es auch nichts. Ich dachte wunder, was das für ein Heiliger wär‘, und nun is der Pferdefuß doch schließlich rausgekommen. Wollte mir da Geld auf Hypothek beinah aufzwingen, als ob ich nicht schon genug davon hätte… Sonderbar, Uncke, mit seinem ewigen ›zweideutig‹, wird am Ende doch recht behalten. Überhaupt solche Polizeimenschen mit ’nem Karabiner über die Schulter, das sind, bei Lichte besehn, immer die feinsten Menschenkenner. Ich ärgere mich, daß ich’s nicht eher gemerkt habe. So dumm zu sein! Aber das mit der ›Krankheit‹ heute, das war mir doch zu viel. Wenn sich die Menschen erst nach Krankheit erkundigen, dann ist es immer schlimm. Eigentlich is es jedem gleich, wie’s einem geht. Und ich habe sogar welche gekannt, die sahen sich, wenn sie so fragten, immer schon die Möbel und Bilder an und dachten an nichts wie an Auktion.«
http://gutenberg.spiegel.de/buch/der-stechlin-4434/37
Recommended reading: Jean Améry – Woche der Brüderlichkeit
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ZEIT: Wir haben ein Zitat von Ihnen gefunden über den Osten als Haltung oder als Ideologie: „Der alte Stechlin blickte nach Osten, nach Russland, nicht nach Westen, ganz anders der Düsseldorfer Jude Heine.“ Was bedeutet das? Was ist so schlecht daran, dass der Düsseldorfer Jude Heine sich nach Westen orientiert?
Gauland: Gar nichts, das ist eine schlichte Beschreibung.
ZEIT: Gehört die Westbindung, die ja auch eine indirekte Folge von Auschwitz ist, zum positiven Traditionsbestand der Deutschen?
Gauland: Da müssen wir definieren, was Westbindung ist. Ich will nicht hinter die westliche Demokratie zurück, keiner von uns in der AfD will das. Wenn die Westbindung allerdings bedeutet, dass wir auf Dauer an amerikanische Interessen gebunden sind, wenn Sie Westbindung als eine militärische Ewigkeitsbindung an die USA sehen, dann habe ich damit große Schwierigkeiten.
ZEIT: Die Westbindung ist also eine Entwicklung, die aus dem historischen Bruch entstanden ist, die Sie aber dennoch für richtig halten?
Gauland: Ja, es hat uns sehr genützt, aber deswegen muss ich noch nicht alles gut finden, was die Amerikaner bei uns gemacht haben.
ZEIT: Selbst wo Sie es richtig finden, schwingt noch ein Vorbehalt mit.
Gauland: Es wäre mir lieber gewesen, wir hätten es aus eigener Kraft vollbracht, aber so war es eben nicht. Auch da sind wir wieder bei Auschwitz.

http://www.zeit.de/…/alexander-gauland-afd-…/komplettansicht

„Aus diesen wird etwas bereitet, Kunstwerke, der Welt zum Fraß vorgeworfen, die sie umbrachte.“ II

„Alle beteuern ihre gute Absicht. Und genau die gilt es zu fürchten. Niemand hat bei dem Dreischritt von der Humanität über die Nationalität zur Frivolität je die Frage gestellt, mit welchem Recht sich Deutsche so fürsorglich an den Ermordeten vergreifen. Walter Benjamins Warnung, daß die Sieger vor den Toten nicht halt machten, wäre für Lea Rosh das Geschwätz ‚ewiger Besserwisser‘. Zu diesen gehört auch Julius Posener, der aus der Emigration zurückgekehrte Architekturhistoriker. Schon 1985 schrieb er: ‚Nach vierzig Jahren habt ihr das Recht auf ein Mahnmal an diesem Ort verwirkt.‘“ Eike Geisel

Im Kuratorium des „Zentrums für Politische Schönheit“ sitzt der Geschäftsführer des „Aktiven Museums. Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.“, Kaspar Nürnberg. Das 1983 aus einer Bürgerinitiative hevorgegangene „Aktive Museum“ hat es sich irgendwann unter anderem zur Aufgabe gemacht, die kleinen Stolpersteine des ‚Bildhauers’ Gunter Demnig zu bewerben. Jene bronzefarbenen Stolpersteine, die, in die deutschen Gehwege hineingehämmert, an die von Deutschen ermordeten Juden erinnern sollen. Jegliche Weigerung an der angeblichen Sühne-Geste teilzunehmen, wird vom Künstler und seinen Mitstreitern als Skandal gewertet. Ungeachtet der Motivation der Verweigerung, die ganz gewiss zum Großteil dem Unwillen der Deutschen, ihre schönen Fußgängerzonen verschandeln zu lassen, entspringt. Das Gedenken an die ermordeten Juden nämlich haben sie längst zu ihrem Gründungsmythos gerinnen lassen. Es stört sie so wenig wie das Holocaust-Denkmal, zu dem „man gerne“ gehen soll (Schröder) und „um das die Welt uns beneidet“ (Jäckel).
Mittlerweile nun werden auch andere „Opfergruppen“ erfasst (pun intended) und zu dem Zweck ganz einfach die Nazi-Bezeichnungen übernommen – gründlich soll es sein, und da hat man halt keine Zeit fürs Individuum –, weswegen eine in Auschwitz Ermordete auf ‚ihrem’ Stein als „Gewohnheitsverbrecherin“ eingraviert wurde.

„Reinhold Schneider schlug vor rund fünfzig Jahren vor, die Deutschen sollten sich als nationales Patientenkollektiv konstituieren; jeder solle jedem versichern, wie schuldig er sich fühle, denn nur so entstünde wieder echte Gemeinschaft. Daß diese Wahrheit gar nicht zuende gegangen war, notierte Anfang der sechziger Jahre Max Horkheimer in einem Rückblick unter dem Stichwort “Wir Nazis”. Dort heißt es: “Immer wieder formulieren: das Schuldbekenntnis der Deutschen nach der Niederlage war ein famoses Verfahren, das völkische Gemeinschaftsempfinden in die Nachkriegsperiode hinüberzuretten. Das Wir zu bewahren war die Hauptsache … Das Wir ist die Brücke, das Schlechte, das den Nazismus möglich machte.“ Eike Geisel – E.T. bei den Deutschen oder Nationalismus mit menschlichem Antlitz in: ISF – Schindlerdeutsche. Ein Kinotraum vom Dritten Reich, 1994, 11.

Die kleinen Stolpersteine, die dem deutsch-nationalen „Patientenkollektiv“ (Schneider) seinen Gründungsmythos tagtäglich so angenehm sinnsprüchlich nahebringen, ergänzt das „Zentrum für Politische Schönheit“ jetzt mit größeren, nicht umsonst mit solchen dem Stelenfeld des Holocaust-Denkmals gleichenden – mit mehr oder weniger Grabmälern für die an den Grenzen Europas ermordeten Geflüchteten.

„Aus diesen wird etwas bereitet, Kunstwerke, der Welt zum Fraß vorgeworfen, die sie umbrachte.“ Theodor W. Adorno zu Arnold Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“.

Wo sich alle Gleichsetzungen verbieten, bleibt hier trotzdem das unvermeidliche Scheitern jeglichen Versuches von Veranschaulichung. Und so unterschiedlich die Intentionen von Künstlern mit Botschaften sein mögen: Gunther von Hagens‘ Leichen wurden fatal ähnlich angekündigt – als Skandal. Skandal aber setzt immer auf Einverständnis, anders kann er nicht funktionieren. Und so wird mit ostentativ als Schock annoncierten Events nie etwas anderes zu erzeugen möglich sein als einerseits ein Übereinkommen in der kalt berechnenden Abwehr und andererseits die beruhigende Erleichterung, zu den Schockierten zu gehören.
„Die Toten kommen“ schlagzeilt das „Zentrum“ medienkompatibel, als könnten sie noch gehen, als könnten sie noch bedrohen. Wer sie kommen sehen will, braucht bloß noch Bestätigung. Die Bedrohung sehen aber die Deutschen gerade eben in den Geflüchteten, die noch gehen können, deren Heime zünden sie an. Der Trugschluss des „Zentrums“ liegt gerade darin, in ausgerechnet den Deutschen einen Unterschied zu den sie regierenden zu imaginieren. Wenn es ein Trugschluss sein sollte und nicht bloß die Exkulpierung des „Patientenkollektivs“. Die Angehörigen, die vor Ort denselben Repressionsmechanismen ausgesetzt sind wie die, vor denen die Geflüchteten sich zu retten versuchten, zu fragen, welch ein Begräbnis der/ die Verschiedene denn gewünscht haben möge, und dann kurzerhand den Imam zu bestellen, ist mit zynisch nicht adäquat beschrieben.

Und im Kuratorium des „Zentrum für Politische Schönheit“ sitzt eben auch Rupert Neudeck (via Dissi Kotzboy) – zu Recht. Das „Zentrum“ ist öffentlich darum bemüht, die deutsche Schuld an der Shoah zu relativieren, indem es beispielsweise betont, dass, wenn die Alliierten bloß die Bahngeleise bombardiert hätten, Auschwitz so nicht möglich gewesen wäre. Ein Vorwurf, der längst widerlegt wurde und letztlich die wesentlichste Motivation der deutschen Volksgemeinschaft in ihrem „Dritten Reich“ herunterspielt: ihren Antisemitismus.
Neudeck ist ein offener Antizionist, seine Ausfälle gegen Israel sind dokumentiert, in seinen Texten und unter anderem auf seiner Grünhelm-Webseite. Der Deutschen Antizionismus mündet generell in Antisemitismus oder entstammt ihm. Der sekundäre Antisemitismus resultiert aus dem primären Antisemitismus. Neudeck belegt dies eindrucksvoll mit seinem „Engagement“. Die Zusammenarbeit des „Zentrums“ mit ihm ist kein Widerspruch, am Ende tanzt das „Patientenkollektiv“ auf den Leichen.

Zu angeblichen Kunst-Charakter des Events: More later!
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+ Eigentlich hätte hier etwas zu Walser erscheinen müssen:

„Dann wird Walser an den Rand eines Wäldchens geführt und…“

„…fotografiert.“ Martin Doerry und Volker Hage: „Einsam ist man sowieso“, Interview mit Martin Walser, Einleitung, Spiegel 19/2015, 137.

„So ruhig war es im Walde, als wartete alles auf den Todesschrei, der nicht kam.“ Joseph Roth – Das Spinnennetz, Köln 1988, 50.

„(M)an tauscht Erinnerungen an die letzten Treffen aus.“ Doerry/ Hage ebd. „Man“ hat mit ihm gesprochen. „Man“ hat es tatsächlich – womöglich ein wenig „vor Kühnheit zitternd“ (Walser) – gewagt, ihn so etwas wie zu kritisieren. Und vor allem hat „man“ ihm seine Opfer „zum Fraß vorgeworfen“ (Adorno). „Man“ ist zum Erfüllungsgehilfen seiner für ihn zumindest neuen Opfererscheinungsform geworden. Das „man“ der Einleitung spiegelt das typisch exkulpierende „man“ der Walserschen Antworten und überhaupt seiner Werke wider. Walser war in seinem expliziten Antisemitismus unter den erfolgreichen deutschen Nachkriegsschriftstellern immer einer der Zuspätgekommenen. Matthias N. Lorenz hat das in „Auschwitz drängt uns auf einen Fleck. Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser“ minutiös nachgewiesen; der Entschlüsselung bedurfte es bei Walser eben nicht. Umso empörter waren die Reaktionen des deutschen Feuilletons auf Lorenz’ Buch. Der letzte deutsche „Großschriftsteller“, der noch veritabel deutsches Opfertum ohne einschlägige Nachkriegsopfer-Partizipation/-Projektion zu schreiben bereit war, durfte nicht aufgegeben werden, auch wenn man sich selbst längst der „jüdischen Opfer“ als Identifikationsmodell bediente.

Walser ist ein ein sehr zu spät Gekommener und natürlich lügt er: Im jüngsten Interview mit dem Spiegel behauptet er, er habe Grass, Fischer und Jens mit seiner Paulskirchenrede anklagen wollen, Ignatz Bubis keinesfalls. Wenn auch sein Neid und seine Missgunst ob ihrer unangemessenen öffentlichen Strahlkraft den Genannten gegolten haben mögen, der Hass ergoss sich über die, die ihm als schuldig an deren Glanz und überhaupt galten, über Bubis und über Reich-Ranicki. „Man“ hat niemals um eine Debatte mit Grass, Fischer, Jens et. al. gebeten. „Man“ hat sich willig und widerspruchslos einladen lassen, zu einem Gespräch mit Bubis. „Man“ hätte niemals als Opfer von Grass, Jens, Fischer reüssieren können. Bubis hingegen oder auch Reich-Ranicki, an ihnen hat Walser sein Ressentiment hemmungslos ausgelebt, mitleidlos aus der Perspektive des überlegenen Opfers heraus: aus der des deutschen Opfers.
More later…

Reblog aus gegebenem Anlass: „„Im toten Winkel“ I: Antisemitismus kommt in Kenan Maliks Analyse des zunehmenden Islamismus in Großbritannien praktisch nicht vor“, 18. Dezember 2010

‚Bloody Jews,‘ he said. ‚Bloody Jews, bugger the Jews, I‘ve no sympathy for them.‘ […] When he saw my appalled stare, he said impatiently, ‚Oh well, I‘m sorry, but really…!‘ ‚I‘m glad you‘re sorry,‘ I replied politely, collecting myself together for a fight. But then he asked, ‚Are you Jewish?‘ When I nodded, this academic – whom I‘d met for the first time that day – put his arm around me and said, ‚I‘m sorry, but really Israel is terrible, the massacres, Plan Dalet, the ethnic cleansing, they‘re like the Nazis, they‘re the same as the Nazis…‘
Eve Garrard – Table Talk (Normblog)

Police statistics revealed that Jews were four times as likely to be attacked in the United Kingdom because of their religion than Muslims.
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad

Auf den ersten Blick gibt es kein attraktiveres Aushängeschild für Multikulturalismus als London. Zwischen Hampstead und Brixton ist die ganze Welt in all ihrer Schönheit vertreten. Und nach dem Ende der „race riots“ der 1970er und 1980er sah es so aus, als könnten Menschen aller Religionen, Kulturen, sexuellen ‚Orientierungen‘ und was auch immer zumindest dort glücklich und zufrieden bis zum Kollaps des Sonnensystems miteinander leben. Kenan Malik allerdings beschreibt in „From Fatwa to Jihad“, dass das britische Multilkulturalismus-Modell eine gefährliche Illusion ist, die darüber hinaus auch aufgrund machttaktischer Erwägungen vorangetrieben wurde. So gelungen seine Analyse der Befindlichkeiten von u.a. sich dem Islamismus verschrieben habenden Briten ‚asiatischer Herkunft’ ist, so sehr scheitert sie daran, dass Malik es weitgehend vermeidet, eine grundlegende Kontinuität britischer ‚Protestkultur’ anzusprechen: Antisemitismus. Erst wenn man Antisemitismus als fortwährend zur Identitätsstiftung praktizierte Alltagsreligion vor allem linker und islamistischer Kreise zu seinem Buch hinzudenkt, lassen sich auch die wichtigsten ungeklärten Fragen in „From Fatwa to Jihad“ beantworten. Malik, der sich immer wieder als Linker und als Aktivist gegen Rassismus seit den späten 1970ern ausstellt, kann beispielweise nicht verstehen, warum viele seiner früheren Mitstreiter übergangslos z.B. vom Asian Youth Movement oder der Socialist Workers Party in den Islamismus abgleiten konnten. Oder warum nicht unerhebliche Teile der radikalen Linken geradezu begeistert mit misogynen und homophoben Islamisten kooperieren. Ein weiteres Missverständnis Maliks ist, dass er Multikulturalismus als zwar abzulehnendes aber genuin von Minderheiten entwickeltes Widerstandskonzept von Opfern versteht, das vom Staat und den Islamisten nur missbraucht wird. Aufgrund solcher Fehlinterpretationen und bewusster oder unbewusster Ausblendungen kann man dann auch nicht begreifen, dass zwischen Hampstead und Brixton tatsächlich Welten liegen.


Stoppt den BAK Shalom
(Alle Namen außer denen der Administratoren der Gruppe werden unkenntlich gemacht.)

Bereits Maliks relevanteste Erkenntnis – basiered auf den Untersuchungen Olivier Roys, Charles Taylors und Frank Furedis, die im späten 20. Jahrhundert eine u.a. durch New Age-Religionen beförderte Zunahme von Emotionalität und ästhetisierten Ritualen auch in den monotheistischen Religionen konstatieren – nämlich dass es sich bei den in Großbritannien agierenden Islamisten um Opferdarsteller handelt, die eine Politik der Vulnerabilität, der Verletztlichkeit, Empfindsamkeit, des Gekränktseins und Leidens vorführen, ignoriert, dass es für diese Form von Gruppen-Selbstrepräsentation ein eigentlich unübersehbares historisches Beispiel gibt.
Die mit emotionsfördernden Mitteln, Ästhetisierung und Ritualen betriebene Erneuerung/ Erfindung einer als ausdrücklich authentisch exponierten Kultur, der Anti-Intellektualismus, die Opferinszenierung und der Opferkult, der Hass auf die Moderne, den Kapitalismus, den Kommunismus/ Materialismus, die pathetische Symbolik und dergleichen, und all das in Abgrenzung zu am Ende einem Feind, der für praktisch alle Übel verantwortlich gemacht wird. Da Malik aber diesen einen Feind aus noch zu erörternden Gründen nicht benennen mag, sondern bloß die durch ihn und seine ‚perfide Strippenzieherei’ – so interpretieren es die Islamisten – ‚Fehlgeleiteten’, ‚Pervertierten’, zu ‚Sündern’ gewordenen oder ‚Verdammten’, also unter vielen anderen die ‚schamlosen Frauen’, die Homosexuellen, die Atheisten als deren Angriffsobjekte identifizieren will, müssen ihm die Parallelen entgehen.
Multikulturalismus aber auch (kulturalistische) Identitätspolitik auf der einen und Ethnopluralismus auf der anderen Seite waren keine Erfindung unterdrückter Minderheiten sondern in ihren Ursprüngen ein auf Überleben als Volk ausgerichtetes Projekt der Opferimagination, an dem sich Deutschlands Eliten spätestens seit der Romantik beteiligt hatten. Der Feind stand auch deshalb fest, weil er als unüberwindbar scheinender Konkurrent um den Titel als „das eine Volk“ galt. Im Zentrum deutschvölkischer Ideologie stand Opferneid. Die Juden, die seit zweitausend Jahren überall, wo sie lebten, unterdrückt, verfolgt und/ oder ermordet wurden, waren immer noch da. Nicht Herzls „Judenstaat“ war das Vorbild der Nationalsozialisten sondern, au contraire, ihre Wahnvorstellung vom unsterblichen Volk, das sie als hinterlistigen Verderber ihres leidenschaftlich naturgewachsenen und auf dem Planeten verwurzelten Volkes und entsprechend ihren Endgegner imaginierten. Am Ende sollten alle Deutsche oder ihre Sklaven sein, nur die Juden mussten vom Angesicht der Erde verschwinden, vor allem da sie den Deutschen ausschließlich als Projektionsfläche ihrer Ängste, Begierden, Albträume und Phantasien dienten. Wären sie erst einmal restlos vernichtet, so glaubten die Deutschen, würde alles von selbst gut werden. Zur Abwehr der einen Gefahr für das eine Opfervolk jedoch war endlich alles erlaubt. Mit der ungerechtfertigten Exkulpation Heideggers (auch des Heidegger von 1927) konnte der Wahn nach 1945 weltweit reüssieren. (Vgl. Die Yrr und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie I + II)
Die von Heidegger im- oder explizit beeinflussten Philosophen waren und sind weitaus einflussreicher, als die von den Deutschen so sehr für ihren angeblich übermächtigen Einfluss verabscheuten „Spaßverderber“ Adorno, Horkheimer und selbst als Herbert Marcuse.
Trotz seiner richtigen Analyse der Probleme, die aus einer bloß kulturalistisch geprägten Minderheitenpolitik resultieren, verliert Malik kaum ein Wort über deren geschichtliche oder philosophische Hintergründe und findet Unterschiede, wo es keine gibt. Ihm gilt Multikulturalismus vor allem als ein von Machtinteressen geleitetes Regierungsprojekt zum Nachteil linker Projekte oder des Individuums, das bei ihm dennoch wieder zum etwas differenzierteren Identitätsvertreter à la Amartya Sen gerät. Macht (in Form von Geld und als Ermächtigung zum Ansprechpartner) wurde also ‚von oben’ denen gewährt, die sie anwenden sollten, um die Ruhe im Land wiederherzustellen respektive zu bewahren. Zutreffend erörtert er zudem den Rassismus im Multikulturalismus und ‚neuen linken’ Antirassismus: „It is simply that the council’s policies, like all multicultural policies, seemed to assume that minority communities had somehow arrived in Brimingham from a different social universe. Cosmologists believe that the physical universe in ist infancy was homogeneous and uniform. Multiculturalists seem to think the same about the social universe of minority groups. All are viewed as uniform, single-minded, conflict-free and defined by ethnicity, faith and culture.“ (66) Und „[o]nce political power and financial resources became allocated by ethnicity, then people began to identify themselves in terms of their ethnicity, and only their ethnicity.“ (68)
Obwohl Malik betont, dass an diesem Prozess nicht nur die konservative Regierung unter Margaret Thatcher (1979 – 1990) beteiligt war, sondern auch die radikale Linke in Form beispielsweise des damaligen Vorsitzenden (1981 – 1986) des Greater London Council und späteren Londoner Bürgermeisters (2001 – 2008) Ken Livingstone, machen seine unermüdlichen Versuche, diverse linksradikale Politbewegungen zu entschulden, jedes Verständnis von Kontinuitäten unmöglich. Erst wenn man neben Maliks „From Fatwa to Jihad“ Robert Wistrichs (ebd.) zwei Kapitel zum Antisemitismus und so genannten Antizionismus („Britain’s Old-New Judeophobes“ und „The Red-Green Axis“ – nice pun!) in Großbritannien liest, wird deutlich, wie relevant Antisemitismus seit spätestens (!) 1948 für den Zusammenhalt sowohl eines Großteils der Linken wie auch für deren Paktieren mit zu Beginn vor allem arabischen Nationalisten und später Islamisten und selbst das von Malik bestaunte Abdriften ehemaliger linker (Antirassismus-)Aktivisten in den Islamismus war und zunehmend ist. Völlig unverständlich erscheint ihm das Desinteresse an der oder die unverhohlene Akzeptanz der seiner Meinung nach Linke eigentlich abschrecken müssenden Homophopie der Islamisten. Homophobe Tendenzen sind in der Linken allerdings wesentlich verbreiteter, als sie es zugeben mag. Insbesondere in ihren ‚dekadenzphobischen’ Erscheinungsformen ist die radikale Linke mindestens so Homosexuellen-feindlich wie die konservativ-katholischen oder -anglikanischen Rechtgläubigen (in der Anglikanischen Kirche allerdings wird der Glaubenskampf offen ausgetragen, wobei sich dort auch rechte Anglikaner mit dem Islam solidarisieren, z.B. mit der Forderung, die Sharia wenigstens teilweise ins britische Recht zu integrieren).1

„’I don’t know who you think you married. But my mother was black.’
‚Your mother is who she is. First. Herself, before anything.’ […]
‚Only white men have the luxury of ignoring race.’
Da wheels, danger on all sides. This is not the route down which his mind inclines. His face works up an objection: ‚I’m not a white man; I’m a
Jew.’“
Richard Powers – The Time Of Our Singing

Kein Aspekt deutscher Ideologie war erfolgreicher als der der Opferimagination, und die ist weder links noch rechts noch mittig – sie ist ums Wohl der eigenen Opfergemeinschaft(en) besorgt. Und sie baut auf nichts auf als auf Projektion und ist entsprechend global anwendbar. Die Ideologie ‚Antirassismus’, die zur veritablen Heilslehre ausarten kann, funktioniert auch (!) als Projekt der Bestätigung der eigenen Empathie-Fähigkeit. Man ist noch nicht abgestumpft, korrumpiert, verführt, gekauft, reingelegt oder dergleichen worden und man fühlt eben mit. Den Durchblick meint man außerdem zu haben, und der lautet unisono „Cui bono?“ oder Irgendwomussdasübeljaherkommen.

Exkurs I
Kübra Yücel hat in der taz eine tränenreiche Illustration der Heilung vom Rassismus im „Schatten von Erkenntnis“ (Adorno) vorgelegt. In Paris, der Stadt der Liebe und Aufstände unterschiedlichster Natur, „verliebt“ sie sich in einen Kikoi, einen Wickelrock also, aber die Bezeichnung signalisiert ihren Respekt vor seiner ostafrikanischen Herkunft. Noch scheint auch dessen Verkäufer angemessen echt: „Er ist vielleicht fünfzig, etwas rundlich, trägt eine bunte Stoffkappe und hat ein breites Grinsen auf dem Gesicht.“ Und selbst als Yücel mitbekommt, dass er Jude ist, verspricht ihr seine marokkanische Herkunft immer noch Verbundenheit im Leiden an den Weißen, zu denen sie selbstverständlich die ‚Okkupanten’ Palästinas zählt. Diese ‚entwurzelten’ weißen Europäer, die das (fälschlich, vgl. z.B. Tilman Tarach – Der ewige Sündenbock und Alan Dershowitz – The Case for Israel) als einstmals friedlich und glücklich imaginierte Zusammenleben der dunkelhäutigen sprich: ‚authentischen Juden’ mit den Moslems durch ihre (natürlich!) Gier nach bebaubarem Land, Ertrag, Spekulationsgewinnen und entsprechend immer mehr Geld etc. erst zerstört haben. Yücels ‚Rassen-Theorie’, nicht „die Religion, sondern die ethnische [!] Herkunft von „weißen“ Israeliten sei Grund für die rassistische Politik Israels“ und fürs Elend der Welt überhaupt wird brutal widerlegt, denn beim „Schlagwort „Israel“ richtet sich der Verkäufer auf. „Israel?“ Eben noch freundlich, ist er nun angespannt. […] Ich verstehe nicht viel Französisch, aber genug: Die Araber hätten so viel Land und die Juden wollten nur ein bisschen Platz zum Leben. „Es ist das Heimatland [!] der Palästinenser“, entgegne ich. „Keiner darf sie dort verjagen.“ Wir diskutieren. Siedlungen, Menschenrechte, die UN, Rassismus und Freiluftgefängnisse. […] Will ich mein [!] Kikoi immer noch haben? Der Verkäufer sieht mein Grübeln und nimmt mir die Tüte aus der Hand. „No problem, no problem“, wiederholt er. Während er das Tuch aus der Tüte nimmt, sagt Maya zu mir: „Toll, jetzt sind wir Antisemiten.“ Mich trifft das tief. […] Aber ich will das Thema Palästina nicht so schnell zu den Akten legen und bitte Maya um eine letzte Übersetzung: „Kein Land auf dem Blut eines anderen.“ Der Verkäufer lacht [!] und sagt: „inschallah, inschallah.Alle Zitate: Kübra Yücel – Die weißen Israeliten
Yücel signalisiert deutlich, dass sie sich hereingelegt fühlt. Ihr Vertrauen galt dem dunkelhäutigen Bruder, der aber entpuppt sich ganz dem antisemitischen Klischee entsprechend als in Verkleidung sich unter das nichtsahnende Volk Mischender. Ein Kikoi-Verkäufer mit bunter Stoffkappe, der sich erst verrät, als es um Israel geht, und wenn er plötzlich Englisch spricht. ‚Der Jude’ kann sich anmalen, wie er will, er bleibt trotzdem einer. Das Inschallah am Ende des Gesprächs hilft auch nicht mehr – er ist erkannt.
Später sitzen wir auf einer Wiese. Ich lege das große Kikoi-Tuch [! „Das Tuch“] um meine Schultern. Es fängt an zu regnen. Das Tuch wird nass. Es ist schwer.“ (Ebd.)
Nass und schwer von den Tränen der verratenen Brüder und Schwestern. Das Tuch oder den Wickelrock aber hat sie dann doch nur gekauft, um nicht als das dazustehen, als was sie sich am Ende herausstellt. Und alles könnte so schön sein: die ganze bunte Welt, glücklich vereint, wenn nur nicht… Wenigstens ist man kein Rassist mehr – so traumatisch der Erkenntnisprozeß auch gewesen sein mag.

Yücel liefert sowohl eine denkbar kitschige Bestätigung von Maliks These der „politics of vulnerability/ culture of grievance“ als auch von absurder Opferimagination und ein unerträglich stereotypes Bild von Juden als nichtidentisch, changierend, hinterlistig usw. usf.2 sowie zugleich einen Hinweis auf die Mängel von „From Fatwa to Jihad“. Israel kommt im Buch vielleicht dreimal vor, u.a. in einer Reihe als verbrecherisch ausgestellter Staaten: „The [Asian Youth Movement] also saw the fight against racism as part of a wider set of struggles such as those in Ireland, South Africa, Zimbabwe and Palestine. Those struggles (like the AYM itself) had all but disappeared by the 1990s – not just physically, but intellectually, too, as the ideas that had fired them burned out.“ (Malik, 100) Jenseits davon, dass ‚die Kämpfe’ um Irland, Südafrika, Zimbabwe tatsächlich nicht mehr stattfinden, wird der um Palästina/ Israel umso vehementer, und zwar vor allem von angeblich widersprüchlichen und dennoch widerspruchslos vereinten Kräften (Linke und Islamisten) vorangetrieben. Außerdem erwähnt Malik Juden höchstens zehnmal, aber: „[The Muslim Parliament’s] model was the Board of Deputies of British Jews, the umbrella organization that seeks ‚to protect, to promote and to represent UK Jewry’ through a close relationship with the government, including ‚the privilege of personal approach to the Sovereign on state occasions’.“ (126) In dem Kontext sind Juden die Initiatoren des Urmodells einer als schädlich beurteilten Institution. Diejenigen, die mit ihrem Beispiel überhaupt erst ungerechte Beeinflussung von britischen Regierungen et al. auf Kosten des Klassenkampfs ermöglichten.
Wie Malik die Islamisten überhaupt in erster Linie als alle anderen Minderheiten ihres Einflusses Beraubende gelten. Er kritisiert die Opferhaltung derjenigen, die sich islamophob verfolgt wähnen, indem er angeblichen Islamhass mit dem Antisemitismus der Deutschen in der ersten Hälfte der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts (aber nicht darüber hinaus – der Holocaust kommt in diesem Absatz nicht vor!) vergleicht und die Gleichsetzung für absurd erklärt. Richtig schreibt Malik, dass es in Großbritannien weitaus mehr offizielle Islam-freundliche Äußerungen als Islam-Kritik gebe: „Islamophobia is matched by Islamophilia. What is most troubling is the common desire to play the victim. […] Such exaggeration is the life-blood of grievance culture.“ (Malik, 140) Und ebenso richtig stellt er die Bedrohung dar, die von Islamisten ausgeht, neben der für Leib und Leben auch die für Rede- und Kunstfreiheit.
Malik ist ein Gegner von so genannter Political Correctness. Er diagnostiziert dem Westen Feigheit, ausgelöst zunächst durch die Fatwa, die Ayatollah Khomeini gegen Salman Rushdie aussprach und die darauf folgenden gewaltättigen Auschreitungen, die Ermordung des japanischen Übersetzers der „Satanischen Verse“ und die Anschläge auf u.a. deren norwegischen Verleger. Seine Verteidigung von Redefreiheit gilt uneingeschränkt. (Ebenso macht er keinen – meiner Meinung nach eigentlich notwendigen – Unterschied zwischen Kunst- und Redefreiheit.) Sie gerät ihm jedoch mitunter allzu exkulpierend, wenn er beispielsweise den islamistischen Hasspredigern insofern keine Macht zusprechen mag, weil ihr Publikum überhaupt nicht über die Mittel verfüge, wirklichen Schaden anzurichten. Die Geschichte der Morde an Islam-Kritikern und islamistischer Attentate seit der Fatwa gegen Rushdie allerdings beweist das Gegenteil. Für Malik gibt es in puncto Redefreiheit letztlich keinen Unterschied zwischen Holocaust-Leugung, white supremacy-Behauptungen, Moslemfeindschaft, islamistischer Homophobie (islamischer Antisemitismus kommt nur an einer Stelle und auch nur angedeutet vor) etc. pp. – er kritisiert ausschließlich die Ansprüche derjenigen, die zugleich in Anspruch nehmen und verbieten wollen. All dies so unbedingt vertreten zu können, ist wiederum nur möglich, weil er die historischen Konsequenzen von Antisemitismus und seine Unterschiede zu allen anderen Vorurteilen ignoriert. (Vgl. u.a. Hadassa Ben-Itto – The Lie That Wouldn’t Die: The Protocols of the Elder of Zion, Deborah L. Lipstadt – Denying the Holocaust, Detlev Claussen – Grenzen der Aufklärung)
Trotz seiner ausführlichen Beschreibung der Konsequenzen der Fatwa behauptet Malik, dass Worte nicht töten können. Und liegt damit falsch! Inwieweit eine solche Erkenntnis Gesetze zu Sprachregelungen erfordert, ist wiederum eine andere Frage und alles andere als leicht zu beantworten. Die Gegner von dem, was man ursprünglich unter Political Correctness imaginierte, könnten sich heute nicht unterschiedlicher definieren. Sie waren einmal vor allem Konservative, die ihren Kanon (oft vorgeblich) von Linken und Minderheiten bedroht glaubten. Heute finden sie sich überall (Antirassisten, wenn es um Juden oder Israel geht, Antiimperialisten, wenn es um Israel, die US-Amerikaner etc.geht, völkische Rechtsradikale, wenn es um Israel, die Juden, die ‚Ausländer’, die ‚Rolle der Frauen’ etc. geht, ‚transatlantische’ Rechtsradikale, wenn es um ‚Ausländer’, Feminismus, Homosexuelle, Moslems, Linke etc. geht, Islamisten, wenn es um Homosexuelle, Israel, Juden, Frauen, Bekleidung, Haare, Badeanstalten, das Paradies etc. geht und auch ‚Antideutsche’, wenn es um den Islam etc. geht). Alle wollen sich mehr oder weniger albern als unterdrückt ausstellen.
Der Vorwurf von Political Correctness war ursprünglich ein Transportmittel, zur Beförderung von Opferselbstdarstellungen, insofern als weiße, heterosexuelle (und in diesem Rahmen vorwiegend wohlhabende und oft akademisch gebildete) Männer einen Weg gefunden zu haben glaubten, – in Deutschland erneut – an den von ihnen als einflussreich gewähnten Repräsentationen als Opfer teilhaben zu könnnen. Das ist, wie oben beschrieben, nicht neu. Political Correctness als Machtfaktor aber gab es erst, und da liegt Malik richtig, als sie von (Regierungs-)Institutionen als Machtmittel definiert wurde. Dies gilt in Deutschland insbesondere für die so genannte historische Korrektheit. Jedes Aufbegehren gegen sie lässt die Schlange sich in den Schwanz beißen und dient ausschließlich den als unterschiedlich ausgegebenen Opferimaginationen, die alle letztlich dasselbe zum Ziel haben: Ein gutes Opfer sein, dem am Ende alles erlaubt ist. (Im besten Falle ist das Ergebnis von sich natürlich als bloß wehrhaft gebender Poltical Incorrectness Unhöflichkeit oder platter Vulgarismus.)

Exkurs II
Tabus sind überlebenswichtig! Tabubrecher um jeden Preis sind albern pseudoprovokativ und ihre trotzig infantilen Forderungen erinnern an André Bretons künstlerisch gemeinte Absage ans Über-Ich: „mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße gehen, und soviel man kann aufs Geratewohl in die Menge schießen“. Das galt als das Einfachste, und in eben der Konsequenz bezeichnete ein deutscher Komponist den (erklärtermaßen antisemitischen) Massenmord an den Menschen im World Trade Center als „größtes Kunstwerk aller Zeiten“ (Stockhausen). Wer angesichts dessen der Freiheit der Kunst according to Al Qaida applaudieren mag und trotzdem Corporate Design als kapitalistische Werbemaßnahme verurteilt, darf ab sofort überdenken, welche Merkmale und Strukturen (kulturalistische) Identitätspolitik und Corporate Identity problemlos teilen. Und den die Wehrhaftigkeit der Völker verteidigenden antiimperialistischen Copyright-Gegnern seien die verdreht auf Urheberrecht insistierenden Video-Testamente der Selbstmordattentäter empfohlen.
Kunst ist uneinschränkbar frei und darf alles. Die von Malik geschilderten Fälle, in denen Galeristen Kunstwerke entfernten, weil sie als (von Muslimen) beleidigend empfunden werden könnten, sind Zeichen von natürlich auch Angst, aber vor allem einer korrupten Auffassung von Kunst im Zeitalter der Befindlichkeitspolitik. Auf der anderen Seite sind (insbesondere ostentativ als Provokateure agierende) Künstler zu diskreditieren, die Kritik an ihren Werken als Zensur bejammern.
Jeder, der sich als Provokateur ausstellt und sich im Nachhinein über mehr oder weniger heftige Reaktionen beklagt, ist ebenfalls nichts als Opferdarsteller und fügt dem Pool der Repräsentationsmöglichkeiten von Selbstviktimisierung nur ein weiteres Rollenmodell hinzu, auf das zurückgegriffen werden kann und werden wird.
Massenmord ist aber keine Kunst. Selbstmordattentate, die ebenso undifferenziert wie abspaltend treffen sollen (und ihre Geschichte zeigt, dass sie vor allem Juden und die von ihnen als verdorben Eingebildeten treffen), die Individuen zu einer Masse aus zerfetzten Körpern deformieren sollen, Nichtidentisches identisch machen sollen (vgl. Claussen ebd.), sind eben nicht Ausdruck von unerträglichem Leiden oder grenzenloser Empathie-Fähigkeit, sondern die letzte Konsequenz von pathologischer Opfer-Ideologie: „It is almost as if [Ziauddin] Sardar and his friends were driving themselves into a kind of self-induced hysteria, as if they felt that they had to suffer personally for their faith to be meaningful. The British sociologist Frank Furedi coined the term ‚therapy culture’ to describe the growing emotionalism of our age and its tendency to cultivate vulnerability.“ (Malik, 116, siehe außerdem allgemein zum Thema Gerhard Scheit – Suicide Attack)

While many European countries have come to associate anti-Semitism with the forces of the extreme Right, the radical Left, or the increasingly vocal Muslim minorities, in Britain anti-Semitism is also a part of mainstream discourse, continually resurfacing among the academic, political, and media elites. […] [I]n some ways British anti-Semitism (often masquerading under the banner of anti-Zionism) is more prevalent and enjoys unusual tolerance in public life.
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad

Während Scheit die antisemitischen Projektionen im Selbstmordattentat aufdeckt, schließt der politisch von der antirassistischen Linken in den 1970ern und 80ern geprägte Malik vorm Antisemitismus (in seiner Erscheinungsform vor allem als Antizionismus) als wichtigstes Bindeglied zwischen relevanten Teilen der radikalen Linken und dem Islamismus die Augen. Und während er beklagt, dass Islam-feindliche Äußerungen per Gesetz quasi verboten seien und regelmäßig rechtlich verfolgt würden, ignoriert er, dass antisemitische aka antizionistische Äußerungen in Großbritannien mittlerweile beinahe zum guten (akademischen und/ oder linken) Ton gehören (vgl. z.B. auch Gerrard, ebd.). Robert S. Wistrich beschreibt ausführlich den Antizionismus der linken eben nicht nur Dritte-Welt-Aktivisten oder prokulturalistischen Antirassisten sondern auch den z.B. der trotzkistischen Socialist Workers Party. Von weiten Teilen der britischen (radikalen) Linken würden im ‚Kampf gegen den Antizionismus’ und in der Kapitalismuskritik regelmäßig antisemitische Stereotype appliziert – dies gilt auch für die Malik maßgeblich beeinflusst habenden Gruppierungen. Der „campus war“ in den 1970ern, der, so Wistrich, zur Verbannung jüdischer Gruppen von britischen Universitäten führte, weil sie (angeblich) Israel unterstützten, wurde auch mithilfe antisemitischer Klischees geführt. Und „[a]t the heart of this campaign was the New Left brand of anti-Zionism – initially an offshot of revolutionary Marxist efforts to root themselves in black and Asian immigrant populations. […] At the same time, the anti-Zionists denied that Jews were a nation with any claim to their ancestral homeland or to collective self-determination. This was the period when the British New Left (partly influenced by Soviet and Third Worldist propaganda) began to systematically depict Israel as a „colonialist settler state““. (381) 1982 publizierte die SWP eine Broschüre mit dem Titel „Israel: A Racist State. It unambiguously asserted: „There will be no peace in the Middle East, while the State of Israel continues to exist.““ (ebd.) Die Propaganda gegen Israel glich zunehmend „(except for the Marxist jargon) […] the British National Front’s enthusiastic embrace of Palestinian national self-determination.“ (382) Und im April 1983 insistierten die Trotzkisten, dass die „„world Jewish conspiracy“ extended from Jews in Margaret Thatcher’s Conservative government to the newly appointed „Zionist“ BBC chairman Stuart Young and the „so-called Left of the Labour Party.“ (383) Ebenfalls bereits 1983 wurden Boykott-Maßnahmen gegen Israel angestrebt. Heute sind sie weit verbreiteter Bestandteil britischer Gewerkschafts- und Universitätspolitik, und – das ist weltweit einzigartig – haben dazu geführt, dass akademischer Austausch zwischen Großbritannien und Israel und sogar die Arbeit israelischer Studenten an britischen Universitäten regelmäßig unmöglich gemacht werden. Selbst die immer mal wieder Palituch-verkaufende schwedische Billigbekleidungskette H&M ist mehrfach (europaweit) von ‚fantasievollen’ Protestaktionen betroffen gewesen, bloß weil sie eine Filiale in Jerusalem eröffnete. Und so weiter und so fort. Auch in den britischen Medien wird häufig ein verzerrtes, manchmal in offenem Antisemitismus sich äußerndes Bild von Israel präsentiert – das gilt auch für Channel 4, für den Malik Beiträge produziert. Und die trotz aller öffentlichen Bemühungen um speech codes überwiegend unkritisiert blieben. (Allerdings sind seit Einrichtung des All-Party Parliamentary Committee of the House of Commons zur Untersuchung von Antisemitismus, 2006, und der London Conference On Combating Anti-Semitism, 2009, zumindest bei der BBC Bemühungen um eine zumindest etwas differenziertere Vorgehensweise zu beobachten.)


„Stoppt den BAK Shalom“

Muslim pupils sometimes vehemently react to classroom lessons about the Holocaust. The result has been that a number of schools in Britain have dropped the subject from their history lessons to avoid „offending“ Muslim pupils. They evidently fear „upsetting students whose belief include Holocaust denial,“ according to a recent goverment-funded study that confirmed the alarming extent of anti-Semitic sentiment among British Muslim pupils.
(Wistrich 428)

2003 war das Jahr der großen Demonstrationen gegen den Irak-Krieg, in deren Verlauf es in London wiederholt zu Angriffen auf als Juden erkennbare oder verdächtige Menschen kam (Jean-Pierre Taguieff schildert Vorgänge in Paris, vgl. auch Eirik Eiglad über die Anti-Israel-Demonstrationen in Oslo, 2009). Die größte Demonstration wurde von der SWP in Zusammenarbeit mit der Muslim Association of Britain (MAB) organisiert: „The Marxist-Islamist axis achieved ist first mass expression in February 15, 2003, during what was perhaps the largest political demonstration held in postwar England: one that took place under the slogan „Don’t Attack Iraq – Freedom for Palestine.“ Nearly a million people marched through the streets of London. […] The MAB banners significantly read „Palestine from the Sea to the River“.“ (415)
Britische Linke (wie auch Konservative und explizit Rechtsradikale) sind vielfältig mit selbst ausgesprochenen Islamisten vernetzt (sogar auf Parteienebene, zum Beispiel in George Galloways obskurer Respect Party, aber auch in der Organisation von Friedensdemonstrationen oder der „Gaza Flotilla“). Angesichts der jegliche anderen Ansprüche überstrahlenden Schnittmengen zwischen Islamisten und (kulturalistischen, antiimperialistischen usw.) Linken: paranoide Kapitalismus-Erklärungsmuster, Machtversprechen via Selbstviktimisierung – vor allem als Opfer von „unheimlichen Drahtziehern“, aus Opferneid resultierende Projektionen, Gemeinwohl als asketische (männliche respektive mütterliche) Verzichtserklärung und dergleichen mehr verblasst die Solidarität mit anderen Minderheiten, und Antisemitismus, Homophobie, Misogynie etc. werden ignoriert, geleugnet, um jeden Preis beiseite erklärt („eigentlich…“ oder „ursprünglich…“ oder…) oder umarmt. Malik will das nicht verstehen, weil er Antisemitismus ausblenden muss („Aber es gibt keine Antisemiten mehr.“ Adorno), der jedoch ist nun einmal grundlegend für das Verständnis all dieser Prozesse. Seine Analyse von multikulturalistischem Antirassismus als selbst rassistisch ist zutreffend, seine Analyse des Feindbilds allerdings laviert um den von entsprechenden Bewegungen im- oder explizit ausgemachten Endgegner herum, um den an der „Wurzel Nagenden“, den „völkerverderbenden Intriganten“, das „Konstrukt“, den Nichtidentischen, den ‚Urheber’ von individuellem Anspruch, Traditions- und Sittenverfall, universalistischem Denken, Feminismus, Psychoanalyse, Homosexualität, Liberalismus, Kapitalismus, Materialismus, Dekadenz überhaupt und was auch immer. Horkheimers Vermutung, dass man ‚das Feindbild Arbeiter/ Proletariat’ eigentlich durch ‚das Feindbild Juden’ ersetzen müsse, um die Wahngläubigkeit (des völkischen Nationalsozialismus) auch nur annähernd erklären zu können, ist ihm verwehrt. Und somit bleiben am Ende seines ansonsten als hervorragende Beschreibung gelten könnenden Buches allzu viele Fragen unbeantwortet. Unbeantwortet bleibt auch, warum die oftmals geradezu hysterisch anmutende Bewunderung großer Teile der Linken Europas, Nord- und Südamerikas etc. mittlerweile der am erfolgreichsten den US-amerikanischen Kapitalismus ostentativ beleidigenden Revolution des späten 20. Jahrhunderts gilt – der im Iran nämlich. Trotz Fatwa (lies: Todesurteil!) gegen einen explizit linken Autoren, unerträglich grausamer und widerlich gestaffelter Bestrafungen und gnadenloser Verfolgung alles vom islamischen Revolutionsideal Abweichenden.


„Stoppt den BAK Shalom“

Wenn es einen Fehler in den Analysen von Robert Wistrich (ebd.), Paul Berman („The Flight of the Intellectuals“) et al. gibt, dann den, dass es sich bei den Islam-verherrlichenden Liberalen und (radikalen) Linken der westlichen Welt um die eigene ‚Identität’ Hassende handelt. Sie glauben sich ihrer beraubt und wollen unbedingt zu ihr zurück! Gerhard Scheit („Verborgener Staat, lebendiges Geld“) hat den angeblichen „jüdischen Selbsthass“ zu Recht als „Resignation“ gedeutet – genau darum geht es aber bei ‚westlichen’ Islamismus-Exkulpierenden eben nicht. Sie nehmen nicht die Perspektive der ihrer Ansicht nach Mächtigen ein – aus Frustration oder als nur mit Scheitern Konfrontierte – sie identifizieren sich nicht schicksalsergeben mit der vorherrschenden Macht, sondern wähnen sich ganz im Gegenteil im Bunde mit dem – erneut – ultimativen Opfer. Das wieder einmal in direkter Opposition zum imaginierten Opfergegenvolk leidenschaftlich Authentizität, Virilität, Jugend, Aufbruch, Tradition, Respekt, Gleichheit und noch mehr absurd widersprüchliche Eigenschaften zu verteidigen hat, weil es unbedingt glauben will, sich pausenlos gegen etwas die Heil stiftende Identität Bedrohendes wehren zu müssen. Sie hassen nicht ihre ‚Identität’, sondern lehnen in ihr nur deren offzielle Machtposition (Empathielosigkeit) ab. Und die gilt ihnen als vergiftet, zersetzt und inauthentisch. Mit ihrer Bewunderung fürs Ursprüngliche, im Glauben oder Boden Wurzelnde, fürs angenommen natürlich Empfundene, für den Affekt sehnen sie sich nach nichts als einer Legitimation für das Wiederauferstehen ihrer eigenen/ eigentlichen (vgl. allg. Heidegger) Identität zurück. Das Ziel ist, nicht mehr denken zu müssen, sondern Befindlichkeiten auszuleben und andauernd bemitleidet zu werden, endlich nicht mehr in Opferkonkurrenz stehen zu müssen, sondern alle Differenzen zu beseitigen und im Opferkollektiv aufgehen zu können.
Diejenigen, die im Hinblick auf den europaweit grassierenden Antisemitismus, vor allem in Skandinavien, Frankreich, Großbritannien und Osteuropa, sich über die deutschen Zustände erleichtert zeigen möchten, seien daran erinnert, dass fast alle bisherigen Studien von einem relativ gemäßigten Antisemitismus in Deutschland vor 1933 ausgehen. Hierzulande wartet man immer nur auf die Erlaubnis, vom Opfer- in den Sichendlichwehrendürfen-Status überzugehen. Und kaum etwas ist am Ende gefährlicher als die Täter, die sich als das leidendste und daran ohnmächtig gewordene Opfer überhaupt imaginieren, und die außerdem die politischen, philosophischen, rechtlichen, ideologischen Grundlagen für den derzeit virulenten Antisemitismus und den (multikulturalistischen) Rassismus und ein tragisch irreversibles Versprechen an alle Wahngläubigen (an die linke, die mittige und die rechte Volksgemeinschaft) in die Welt gesetzt haben.

Recommended reading:
Kenan Malik – From Fatwa to Jihad. The Rushdie Affair And Its Legacy
Kenan Malik – Die Linke hat die Fatwa verinnerlicht
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad
Gerhard Scheit – Suicide Attack, Die Meister der Krise und Verborgener Staat, lebendiges Geld
Eirik Eiglad – The Anti-Jewish Riots In Oslo
Jean-Pierre Taguieff – Rising from the Muck: The New Anti-Semitism in Europe
Paul Berman – The Flight of the Intellectuals
ISF – Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten. Über Israel und die linksdeutsche Ideologie
Saul Friedländer – Kitsch und Tod
Richard Powers – The Time of Our Singing
Manfred Dahlmann – Kultur ist Zwang
Pascal Bruckner – Die Erfindung der Islamophobie
Jens-Martin Eriksen/ Frederik Stjernfelt – Kultur als politische Ideologie Rezension
Nichtidentisches – Der Lügenbolzen

+ Later: Leon de Winter – Die Angst sitzt tief
WADIblog – Mal weinen dürfen

  1. Es kommt vor, dass man sich in einem einschlägigen Etablissement neben aufgerundet achtzehnjährigen Antifas wiederfindet, die einen Freund mit „Warum bist du denn heute so schwul?“ begrüßen, woraufhin der in dem Sinne ‚verteidigt’ wird, er sähe zwar gerade so richtig blöde aus, aber schwul sei er nun wirklich nicht. Und so weiter und so fort. Linkssein und Homosexuellen-Verachtung schließen sich eben nicht aus, und über den Islamismus werden die alten – linken wie rechten – Erklärungsmuster bekräftigt. (Vgl. auch die Bezeichnung des Hamburger Publikums von Lanzmanns „Warum Israel“ durch B5-Aktivisten als „Schwule“.) [zurück]
  2. Die derzeit virulente und insbesondere Israel-feindliche „pink washing“-These kann in allen genannten Kontexten bloß als Bestätigung wahrgenommen werden. Vgl. u.a. Floris Biskamp – Ist jihadistisch das neue schwul? Ein Text zur vorgeblichen Israel-, Homosexuellen-, Feminismus-Begeisterung der sich als neu ausgebenden Rechten (die es natürlich auch nur als Opferdarsteller gibt) ist nach wie vor in Vorbereitung.[zurück]

D-Day

Aus gegebenem Anlass:

Reread aus gegebenem Anlass: „Der Kla­mauk wird zudem durch eine auch im deut­schen Nach­kriegs­film be­lieb­te Figur sank­tio­niert: den jung ge­blie­be­nen Leh­rer…“

Pennälerfilme dürften in Deutschland auch deswegen so beliebt sein, weil sie das Selbstbild der orientierungslosen und zur Mündigkeit irgendwie unreifen Adoleszenten, die es am Ende immer nicht besser wussten und so nicht gemeint hatten, bestätigen. Charismatische Leh­rerfiguren lassen die Disziplinierung harmlos erscheinen und am Ende steht das Lob des autoritären Staates selbst.
Jakob Hayner – Der neue deutsche Volkskörper, Jungle World


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Schafft ein, zwei, viele Deutsche! Der Fortpflanzungsterror der „jungen Nation“ (6.8.2011)

Der Landesvorsitzende der Jungen Union Nordrhein-Westfalen, Sven Volmering, sagte, seine Organisation fordere ‚angesichts der demografischen Entwicklung mehr und nicht weniger Kinderlärm’.
Focus.de

Und heute da hört uns Deutschland und morgen die ganze Welt…
Hans Baumann – Es zittern die morschen Knochen

Die „beliebteste Nation der Welt“ (BBC-Poll according to Welt.de) bereitet sich einmal mehr darauf vor, für ihre einzigartige Aufopferungsbereitschaft belohnt zu werden. Und opfert auf dem Altar des Fortbestands des Volkes die im Lande angeblich so geschätzte Ruhe. Unter Ruhe jedoch wird in Deutschland seit jeher nicht die Qualität Stille, also die luxuriöse Abwesenheit von Krach, verstanden sondern das ruhige Gemüt, das beruhigte Gewissen, das Ruhekissen. Dem deutschen Bedürfnis nach Ruhe wird, notfalls mit drastischen Mitteln, aus zwei erst einmal entgegengesetzt anmutenden Gründen Ausdruck verliehen: aus Neid auf allzu lautstark geäußerte Lust am Leben und aus Gleichgültigkeit oder/ und Brutalität gegenüber den Schreien der Gequälten, Misshandelten und Leidenden (Neid diesen gegenüber entsteht dann, wenn man den Opfern ihr Leiden nachträglich missgönnt und umso mehr gelitten haben will; während man sie zuvor um alles beneidete, was man ihnen nicht gönnen mochte, um sich an ihnen rächen oder gegen sie wehren zu dürfen – das ist so krude wie notwendiger Bestandteil deutscher Ideologie). All dem begegnen die Deutschen mit dem gleichen missgünstigen, misstrauischen, missmutigen, miserablen „Lass’ mich in Ruhe!“. Das gilt nicht dem Lärm sondern dessen Motivation, denn Krach produzieren sie selbst ausgesprochen gerne, wobei allerdings peinlich genau darauf geachtet wird, dass der Anlass (Schützen- oder Oktoberfeste, Humtata-Karnevalsumzüge, Fußballweltmeisterschaften etc.) unverdächtig ist und er die Gemeinschaft, welcher als angemessen empfundenen Natur auch immer sie sein mag, ausdrücklich betont.

Sicher, das plötzliche Verschwinden Hunderttausender jüdischer Nachbarn mit nichts als einem Köfferchen in der Hand konnte für den objektiven Betrachter der damaligen Zeit nur einen Kurzurlaub auf Usedom bedeuten. Und die anschließende Belegung ihrer Wohnungen samt Mobiliar durch die arischen Nachbarn belegte die These der unmittelbar bevorstehenden Rückkehr der Besitzer mit großem Nachdruck. Auch der öffentliche Abtransport Hunderttausender Juden in Güterwaggons Richtung Osten und die leere Rückreise derselben hat nur eine kleine, privilegierte und informierte Minderheit Böses annehmen lassen.
Nathan Gelbart (via hankythewanky)

Die unüberhörbarste deutsche Lärmproduktion im Wortsinne fand zwischen 1933 und 1945 statt. Die bloß deutsche Revolution ging einher mit dem schrillen Schreien ihrer Repräsentanten, mit Tschingderassabum, Gegröle, Kanonendonner, Sirenen, den „Jericho-Trompeten“ der Stukas und einem einfältigen Lied nach dem unvermeidlichen anderen. Es verwundert geradezu, dass noch keiner der sonst um abwegige Entschuldungen nicht verlegenen Volksgenossen auf die Idee kam zu behaupten, man habe einfach nichts mitbekommen können, weil’s doch im „Dritten Reich“ eh immer so laut gewesen sei. Die pausenlose Geräuschkulisse diente vornehmlich dazu, den jugendlichen Elan der Bewegung hervorzuheben – das hysterische Kreischen, anspornende Brüllen und begeisterte Johlen galt dem einen Volke als Inbegriff von Frische und Ursprünglichkeit. Die von den völkischen Jugendbewegungen des 19. Und 20. Jahrhunderts maßgeblich beeinflussten Nazis (vgl. George L. Mosses Grundlagenwerk „Die völkische Revolution. Über die geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus“) fühlten sich den Heranwachsenden genauso weit verpflichtet, wie sie mit deren Vitalität und Virilität beispielsweise grenzenloses Wachstum zu begründen in der Lage waren. In den Lagern des Jungvolks war lautstarkes Bekunden der Freude an Gemeinschaft, Kräftemessen und Bewegung an frischer Luft obligatorisch. Darüber hinaus setzten die Nationalsozialisten eine Reihe kinderfreundlicher Gesetze in Kraft, bei denen es vornehmlich darum ging, Kinder aus proletarischem Milieu nicht mehr als billige Arbeitskräfte sondern als Deutsche zu definieren und sich somit deren Zugehörigkeitsgefühls zu versichern. Alle fortschrittlich anmutenden Gesetze wiesen dementsprechend die eine Einschränkung auf: Sie galten ausschließlich für ‚Arier’. Spätestens mit den Nürnberger Rassegesetzen waren vor allem Juden von den ‚Errungenschaften’ deutscher Gleichberechtigungspolitik ausgeschlossen. Das jüdische Kind wurde mit allen daraus resultierenden Konsequenzen de facto als jüdischer Erwachsener behandelt, der im Gegensatz zu den sich noch im Werden befindlich wähnenden Volksgenossen für alles und jedes Übel verantwortlich gemacht wurde, als Repräsentant der uralten Gegenrasse, des einen Volksfeindes. Kindheit und Jugend waren den (‚erbgesunden’) Deutschen vorbehalten und wurden politisch propagiert und medial verherrlicht.
Der im Nachkriegsdeutschland unisono als unpolitisch gehandelte Film „Die Feuerzangenbowle“ (1944, Vorbild für unzählige so genannte Pennälerfilme seit den späten 1960ern!) zeugt von der Sehnsucht der Deutschen als ewig Jungenhafte von aller individuellen Verantwortung frei zu sein. Der gleichermaßen als Salonlöwe wie als Autor erfolgreiche Hans Pfeiffer, der aufgrund seiner Erziehung durch Hauslehrer nie die ausgelassenen Freuden gemeinschaftlichen Schulbesuchs erfahren durfte, verjüngt sich zunächst nur optisch, um am Unterricht eines Gymnasiums teilnehmen zu können. Der äußerlichen Verwandlung folgt die geistig-moralische, und derart geläutert produziert Pfeiffer nunmehr vor allem eines: Lärm. Der Klamauk wird zudem durch eine auch im deutschen Nachkriegsfilm beliebte Figur sanktioniert: den jung gebliebenen Lehrer, und am Ende den wieder jung gewordenen Rektor, dessen frisch, fromm, fröhlich blondes, schrill kicherndes, krakeelendes und trotz aller vorgeblichen Unschuld vor allem im besten Gebäralter sich befindendes Töchterlein Pfeiffer schlussendlich ehelichen will. Statt seiner deutlich älteren und erkennbar sexuell erfahrenen vormaligen Geliebten, einer sich ausgesprochen erwachsen und ergo blasiert gebenden (eher dunkelhaarigen) Dame von Welt, die nicht ans Herz sondern die Vernunft, das Verantwortungsbewusstsein und letztlich den Geldbeutel appelliert und vor allem unnatürlich leise spricht. Und so geriert sie sich angesichts des Tumults der sie irgendwann naiv begeistert bedrängenden Schulkameraden Pfeiffers ostentativ artifiziell und bittet die „Herren“ (!) darum, doch nicht so einen Lärm zu veranstalten.
Zweifellos hatte die deutsche Frau offiziell vor allem einen Zweck zu erfüllen, und der war die Produktion Deutscher. In einem abgesehen davon breiten Rahmen jedoch existierten im „Dritten Reich“ durchaus vielfältige emanzipatorische Bestrebungen, die problemlos in das System integriert werden konnten. Es gab eine deutsche Frauenbewegung, die unwidersprochen Rechte einfordern durfte, und Leni Riefenstahl war trotz ihrer späteren (eigentlich leicht durchschaubar grotesken aber nichtsdestotrotz erfolgreichen) Selbstdarstellung als widerständiges Ausnahmetalent, das „nur Filme machen wollte“, eine durchaus bewunderte Ikone weiblicher Kreativität. Auch Prüderie war kein herausragendes Merkmal der Deutschen von 1933 bis 1945 – au contraire – jegliche augenzwinkernde und in den Arbeitsdiensten oder Freizeitlagern unermüdlich konterkarierte Kundgebung sexueller Zurückhaltung war bloße Konzession an insbesondere katholische oder anders tugendhafte Deutsche, wie auch das „Dritte Reich“ in jeglicher Hinsicht (außer wenn es um die Juden ging!) permanent bereit war Konzessionen zu machen. Prinzipiell war Nazi-Deutschland allen gegenüber aufgeschlossen, die Deutsche herstellen, sich darin üben oder dazu beitragen wollten (Riefenstahls schöne deutsche Jugendliche sind hier ein nicht zu unterschätzender Propagandafaktor: Dies könnte Ihr Kind sein!) – auf welche Art und in welchen (heterosexuellen) Verhältnissen auch immer sie das tun mochten. Tatsächlich schafften die Deutschen darüber hinaus Freiräume, in denen die Volksgenossen wirklich alles durften: die Konzentrationslager.
Nach 1945 herrschte bequemerweise die Meinung vor, Deutschland habe zwölf Jahre lang als geknechtetes und von einer grausamen Diktatur zum Schweigen gezwungenes Volk dahinvegetiert. Ebenso bequem wurden die unzähligen Beschwerden ignoriert, die das so ganz und gar nicht stumme Volk unermüdlich an relevante Institutionen weiterleitete (vgl. Robert Gellately – Backing Hitler. Consent and Coercion in Nazi Germany). In ihnen ging es vorwiegend um die ungerechte Verteilung des tagtäglich Erbeuteten oder ‚Rassenschande’. Der Traum der Deutschen allerdings offenbarte sich genau dort, wo ihm keinerlei Grenzen mehr gesetzt wurden. Und sie schufen eine Kakophonie des Grauens. Eine Collage gewollt widersprüchlicher Melodien, wo Kitsch und Grauen sich gegenseitig bedingten, durch Schreien dirigiert und jeden Schrei übertönend.
Ganz am Schluss erst konnten die Deutschen dazu gebracht werden, endlich mit dem Lärmen aufzuhören. Für einen kurzen Moment hielten sie dann erschrocken die Luft an (© by KdP), nur um bereits im ersten Augenblick des ob der ausbleibenden Strafe Aufatmens mit ihrem Gejammer die nachhallenden Klagen ihrer Opfer um jeden Preis zu übertönen.
Der erfolgreichste deutsche Nachkriegsroman wartete folgerichtig mit einem ausschließlich Lärm veranstaltenden Helden auf. In Günter Grass’ „Blechtrommel“ (1959) trommelt und schreit das deutsche ewige Kind Oskar Matzerath vorgeblich gegen die Nazis an, die es aber bloß imitiert und ihnen die vom Volk bis zum Ende herbeigesehnte kindische Variante einer Wunderwaffe vorführt: seine zerstörerische Stimme. Ganz anders als bei der ungleich und unangemessen erfolgloseren Gisela Elsner, die in „Fliegeralarm“ drastisch das konformistische Moment von Kinderlärm ausstellt. Derweil galt dem durchschnittlichen Nachkriegsdeutschen das stille Kind aber als Ideal; es glich so weniger den als gefährlich für den Bestand erkannten Schreihälsen im „Dritten Reich“ und diente als Spiegel ihres unauffällig zu sein habenden Selbst, als Beleg dafür, dass man nicht am Lärmen teilgenommen hatte.
Es blieb der kommenden sich ebenso von Schuld frei wähnenden und zur Ruhe ermahnten Generation vorbehalten, den Krach wiederzuentdecken. Aufbauend häufig auf ähnlichen Grundlagen wie ihre völkisch motivierten Vorfahren. In den Kinderläden der 68er herrschte das angeblich natürliche und noch angeblicher fröhliche Kreischen, Grölen und Johlen der Kleinen vor. Das wiederum den Grundstock legte für die nächste Generation jammernder Deutscher, die sich seit den 1990ern noch eine zeitlang ausführlich über ihr Leiden an den ihnen von ihren Eltern grausam gewährten Freiheiten beklagen durften. Damit ist es nun vorbei. Einzig die Senioren-Union mag noch Einspruch erheben gegen das bloß ihnen nach wie vor als subversiv oder allzu bekannt gelten mögende Gekreische.


Monty Python – Hell’s Grannies

Das Baby von Familienministerin Kristina Schröder ist da. Lotte Marie heißt das Kind, Mutter und Baby sind wohlauf. Und auch der Bundesrepublik geht es bestens.
Berliner Morgenpost

Während der unüberhörbare Beifall, der Thilo Sarrazin aus allen Schichten der Gesellschaft beschallt, den Wunsch nach nichts anderem als mindestens so genannten positiven eugenischen Maßnahmen unterstreicht, sind die offiziellen Volksvertreter noch vorsichtiger in der Umsetzung des Willens und Wollens ihresgleichens. Das beliebteste Volk der Welt hat sich eben deswegen keinesfalls als rassistisch darzustellen, als kinderfreundlicher sogar noch als die „vorbildlichen Skandinavier“ hingegen soll die einstmals kinderfeindliche Nation in Zukunft dastehen. Da man hierzulande in seiner Missgunst dem Nächsten nicht einmal den Dreck unter dessen Fingernägeln gönnt, wird propagiert, es hinge gerade eben nicht vom Geld ab, dass die Deutschen sich nicht mehr so recht fortpflanzen wollen. Vielmehr sei das kinderfeindliche Klima schuld am Niedergang der Nation. So lächerlich es klingen mag, dass daraufhin zuerst ein Gesetz für Kinderlärm unter Beteiligung aller deutschen Parteien erlassen wird, so offensichtlich sind dessen problematische Traditionslinien. Und natürlich schlägt man diverse Fliegen mit einer Klappe: Ums Bezahlen für den Bestand ist man mit hochmoralischem Gestus herumgekommen; gerade die Armen im Lande werden dadurch nicht zu übermäßiger Kinderproduktion angeregt, ebenso wenig die vielen in ärmlichen Verhältnissen leben sollenden „Menschen mit Migrationshintergrund“, die sind in ihren billigen Wohnungen in oft desolaten Gegenden eh meist dermaßen unerträglichen Lärmquellen ausgesetzt, dass es auf ein bisschen mehr oder weniger nicht mehr ankommt. Man braucht auch kein schlechtes Gewissen mehr haben, wenn man den Nachbarn, der sein Kind verprügelt, nicht anzeigt, gegen Kindergeschrei kann man nun mal nichts machen. Es hat natürlich zu sein.
Hinter all dem steht auch ein „Schreit so lange ihr es noch dürft, irgendwann ist es damit vorbei!“ Und jeder weiß, dass Kindergeschrei keinesfalls prinzipiell Ausdruck von Lebensfreude ist, viel öfter zeugt es von Hilflosigkeit und verzweifeltem sich Ausgeliefertfühlen; irgendwer ist immer stärker und mächtiger. Und wenn das Kind nicht grölend herumtoben mag, und stattdessen gerne still in der Ecke sitzt und liest, gilt es fortan als die Urwüchsigkeit und die Volksertüchtigung gefährdendes Element. „Geh doch mal raus spielen“, soll kein nerviger Vorschlag mehr sein sondern der Beleg dafür, dass man das Gesetz achtet. Und das Geschrei unzufriedener, unbefriedigter, frustrierter, ignorierter etc. Kreaturen wird kurzerhand unisono als wertvoll für die Selbstentfaltung erklärt.
Auf der anderen Seite zeugt das Bemühen nahezu aller Politiker, den deutschen Nachwuchs zum Schreien zu animieren von ihrem schlichten Gemüt: Das weit verbreitete Vorurteil, die „Ausländerkinder“ seien so viel lauter als die eigenen wohlerzogenen Abkömmlinge, lässt sie offenbar vermuten, der Krach rege zum endlich ernst gemeinten Zeugungsakt an: „Ach, ich will auch was haben, das 80 Dezibel machen kann.“ (Zum Vergleich: 65 Dezibel, Beginn der Schädigung des vegetativen Nervensystems, erhöhtes Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Damit erledigt man nebenbei gleich das vor allem von weiten Teilen der Jungen Union als solches empfundene lästige Seniorenproblem mit.) Und die „ausländischen Mitbürger“, denen man sogar noch weniger gönnt als den Volksgenossen, haben gefälligst nicht besser im Kinderkriegen zu sein. Da die rassistischen Ausschreitungen vor allem seit 1989 das Bild, das sich die Welt von den reumütigen Deutschen zu machen hatte, gravierend gefährdeten, müssen andere Mittel her, um das Land als deutsches zu bewahren. Hier geht es nicht ausschließlich um die Angst vor „Überfremdung“, sondern auch um den von Wolfgang Pohrt richtig beschriebenen Neid der Deutschen angesichts von nichtimdeutschenwurzelnden Müttern vieler Kinder, die ihnen im Schlussverkauf irgendwas vor der Nase wegziehen und das auch noch mit dem deutsch imaginierten und ersehnten guten Gewissen, mit einer Rechtfertigung vor sich selbst und allen anderen. „Obwohl die BRD ein Wohlstandsland ist, spielen sich bei der Öffnung der Kaufhäuser im Schlussverkauf regelmäßig Szenen ab, die an die Verteilung von Brot an die verhungernden Kurden erinnern. {…} Es dürfte hart für die Deutschen sein, wenn sie es mit ansehen müssen, wie andere die besseren Menschen sind, wenn sie tun, was die Deutschen nicht lassen können.“ (Wolfgang Pohrt – Das Jahr danach. Ein Bericht über die Vorkriegszeit., 169)


Martin Creed – Mothers


„Serial Mom“, John Waters (1994): „Separate your garbage!“, Screenshot

Die neue junge deutsche Frau, der man lange genug eingeimpft hat, als kinderlose sei sie nicht wirklich erfüllt, und sie könne doch im neuen jungen Deutschland mühelos Job (!) und Kinder „miteinander verbinden“, macht sich entsprechend auf, ihren Bauch nicht mehr für sich zu beanspruchen, sondern ihn buchstäblich als Rammbock einzusetzen. Schwangere Frauen und solche mit Kinderwagen rempeln (vorzugsweise in als wohlhabend und/ oder grün-alternativ aufgehübschten Städten respektive Stadtteilen) rücksichts- und grundlos Passanten an, die ihnen nicht umgehend den Tribut zollen, den die zukünftigen oder frischgebackenen Mütter der Nation einfordern. Ihre unverhohlen strahlend daherkommende Aggressivität ist nicht bloß dem Stolz auf die verdienstvolle Rolle geschuldet sondern vermutlich auch der Ahnung, dass das Ganze irgendwann wird teuer zu bezahlen sein, mit dem Verlust von Stille und einem erhöhten „Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen“ oder unerwünschten Falten. Wenigstens liefert Das Gesetz auch den Rest der Bevölkerung denselben Strapazen und Gefährdungen aus, darauf wird man mit Schubsen, ungeduldigem Drängeln beizeiten vorbereitet. Und Gnade dem, der es wagt, rauchend an einer Ampel zu warten, während die Erfüllten sich in seiner Nähe befinden…
Mehr oder weniger gelungene literarische Umsetzungen des Ausgeliefertseins an Kinder gibt es zuhauf: In John Wyndhams Midwich Cuckoos bilden die (vordergründig Alien-)Kinder eine verschworene, Erwachsene, die sich ihnen in den Weg stellen, mordende Gemeinschaft; in Doris Lessings „Memoirs of a Survivor“ und „The Fifth Child“ ziehen marodierende Kinder- und Heranwachsenden-Banden durchs trostlose Land; in Tennessee Williams’ „Suddenly Last Summer“ zerstückeln und essen minderjährige Jungen ihren Vergewaltiger in einem Akt hilflos brutaler Selbstjustiz; in Ira Levins „Stepford Wives“ zieht Joanna Newsom ihrer Kinder wegen und aufgrund des Drängens ihres Mannes in die erst einmal idyllische und erschreckend saubere, vor allem aber kinderfreundliche Kleinstadt Stepford, wird ermordet und durch einen Heiligeundhure-Roboter ersetzt, der nichts mehr tut, als die Kinder zu erziehen, zu kochen, putzen, einzukaufen und ihrem Mann jeden Willen und Wunsch zu erfüllen etc. pp. Und in der britischen TV-Serie „Cracker“ (dt. „Für alle Fälle Fitz“) klagt die hochschwangere Ehefrau den Autoren eines Science Fiction-Romans an, der die Schrecken einer Invasion beschreibt, in der Aliens die Körper von Menschen in Besitz nehmen und sie von innen heraus ausbeuten, das könne nur ein Mann als Fiktion geschrieben haben. In „Alien“ (Ridley Scott, 1979) hingegen bedeuten ‚Befruchtung’ und ‚Schwangerschaft’ den sicheren Tod.
Diese unterschwellig immer vorhandene Ahnung von Ausgesetztsein konterkariert die Regierung mit einer potentiellen Mutterkreuzträgerin, die mühelos vier, fünf oder wie viel auch immer Kinder neben ihren vielen politischen Aufgaben großziehen konnte, die aber um der Zielsetzung Willen irgendwann durch eine erstgebärfähige Nachfolgerin ersetzt wurde. Deren Kind trägt dann auch entsprechend einen Namen, der zwar wie derzeit angesagt ausgesprochen deutsch ist, jedoch Erinnerungen an Astrid Lindgrens fröhlichere und harmlosere Kinder aus Bullerbü evoziert. Womit ein weiterer Kreis aus den sich an angeblich entgegengesetzten Enden der Strecke befindenden Punkte gebogen wird, wo sich notwendig natürlich deutscher Nachwuchs und natürlicher Kinderladenkrawall treffen.

Deutschland ist volljährig, aber auch noch ein Teenager. Der fühlt sich stark, hat aber noch einiges zu lernen, bekommt die Fahrerlaubnis, aber erst mal auf Probe, kann bis nach Mitternacht in der Disco feiern, muss aber mit dem Kater selber klarkommen, darf wählen gehen, spricht aber noch im Jugendslang über die Politiker. Volljährig sein bedeutet aber auch: Man kann sich endlich mal so richtig das Jawort geben.
Katrin Göring-Eckardt, Grüne (Süddeutsche.de, 2008)

Ja, Deutschland wird volljährig – Grund zu feiern. Aber auch 18-Jährige sind noch auf der Suche nach ihrer Rolle und manchmal uneins mit sich selbst. Das gilt auch für Deutschland. Also, tu nicht so erwachsen, Deutschland, erhalte dir den Charme des Unfertigen!
Holger Treutmann, Pfarrer der Frauenkirche Dresden (ebd.)

Dieses Reich hat die ersten Tage seiner Jugend erlebt, es wird weiter wachsen in Jahrhunderte hinaus, es wird stark und mächtig werden! Die Fahnen werden durch die Zeiten getragen von immer neuen Generationen unseres Volkes. Deutschland hat sich gefunden! Unser Volk ist wiedergeboren!
Adolf Hitler, Reichsparteitag der Ehre, Nürnberg 1936

Die „späte Nation“ hat als ewig junge zu gelten, nur so ist sie fähig, alles von ihr Ausgehende zu entschulden. Knut Hamsun lieferte ein Beispiel ihrer Exkulpierungsstrategien seit spätestens 1933: „Er bezeichnete Deutschland als «junge Nation», die das Recht der Jugend auf Selbstentfaltung beanspruchte. {…} «Deutschland befindet sich mitten im Umbau. Wenn die Regierung Konzentrationslager einrichtet, so sollten Sie und die Welt verstehen, dass sie gute Gründe hat», belehrte er 1934 den norwegischen Ingenieur Christopher Vibe, der sich für Carl von Ossietzky einsetzte. Als dem KZ-Insassen zwei Jahre später der Friedensnobelpreis zugesprochen wurde, entrüstete sich Hamsun lautstark. Seine eigene Nobelpreis-Medaille schenkte er 1943 dem Reichspropagandaminister Goebbels.“ (Aldo Keel – Der norwegische Nobelpreisträger: Gefeiert und umstritten)
Marcel Proust schrieb À la recherche du temps perdu in einem schalldicht isolierten Raum am Boulevard Haussmann in Paris. Das Oberverwaltungsgericht Münster aber urteilte apodiktisch und noch die individuellsten Schutzmaßnahmen als miesmacherisch denunzierend: „Wer Kinderlärm als lästig empfindet, {…} hat selbst eine falsche Einstellung zu Kindern.“

Recommended reading:
Ira Levin – The Stepford Wives (see also the 1975 movie version) + The Boys from Brazil + Rosemary’s Baby
Tennessee Williams – Suddenly Last Summer
Magnus Klaue – Lärm ist geil
Marcel Proust – À la recherche du temps perdue
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Later: Offenbar hat Götz Aly den Neidwennnichtmitmissgunst-ihnverwechselndengedanken aufgenommen und daraus womöglich doch nur wieder ‚Deutsche Opfer‘ exzerpiert. More to come!

+ Noch später: „Leider wird oft vergessen: Kinder sind unsere natürlichen Feinde. Die ihnen gemäße Staatsform ist die Diktatur. Wenn sie könnten, würden sie unser Konto plündern, uns in der Küche anketten, uns eine Magnum an die Schläfe halten und uns 24 Stunden am Tag Schokoschaumkuchen backen lassen. Wenn Sie einmal gehört und gesehen haben, was ein Kind an einer Supermarktkasse zu veranstalten in der Lage ist, um Sie fertigzumachen, dann wissen Sie: Ihren süßen kleinen Fratz, den Sie zu einem besseren Menschen erziehen wollen, können Sie jederzeit als akustisches Folterinstrument in Guantánamo einsetzen. Für den Umgang mit Kindern gilt, was für den Krieg gilt. Es gibt nur ein Gesetz: Sie oder wir. Sie sollten also wissen, was zu tun ist. Die Anwendung von Verhütungsmitteln ist einfach zu erlernen.Thomas Blum – Sie oder wir, Jungle World

Forwarded: „Politischer Islam und Kulturdialog mit dem Iran. Ta­gung zum Ver­hält­nis von Kul­tur, Po­li­tik, Ge­walt und Islam“

via zweifelunddiskurs.blogsport.de

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„23. No­vem­ber, 13 Uhr
Hum­boldt-​Uni­ver­si­tät Ber­lin

Die Ta­gung soll einen kri­ti­schen Ein­blick ver­schaf­fen so­wohl in in­ne­ris­la­mi­sche theo­re­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen, die sich um die Frage der Le­gi­ti­mi­tät po­li­ti­scher Ge­walt dre­hen, als auch be­leuch­ten, wie diese Aus­ein­an­der­set­zun­gen in sä­ku­la­ri­sier­ten, post­mo­der­nen Ge­sell­schaf­ten, bei­spiels­wei­se der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, ge­führt wer­den. Vor die­sem Hin­ter­grund wer­den Ana­ly­sen vor­ge­stellt, die sich – am Bei­spiel des Kul­tur­di­alogs mit dem ira­ni­schen Re­gime und des Ge­schlech­ter­ver­hält­nis­ses im Iran – kon­kret der ak­tu­el­len kul­tu­rel­len und po­li­ti­schen Lage so­wohl in Deutsch­land als auch dem Iran wid­men. Au­ßer­dem sol­len die engen Ver­bin­dun­gen dar­ge­stellt und un­ter­sucht wer­den, die auf allen ge­sell­schaft­li­chen Ebe­nen mit dem ira­ni­schen Re­gime be­ste­hen.
revolution islamique

Pro­gramm

13.​00 – 13.​15 Uhr
Be­grü­ßung, Vor­re­de und Vor­stel­lung der Re­fe­ren­ten
durch Bet­ti­na Fell­mann, Or­ga­ni­sa­to­rin der Ta­gung.
Sie stu­diert Phi­lo­so­phie und Kunst­ge­schich­te an der Frei­en Uni­ver­si­tät.

13.​15 – 14.​30 Uhr
Jörg Fin­ken­ber­ger: Po­li­ti­sche Ge­walt und re­li­giö­se Le­gi­ti­mi­tät im Islam
Ob­wohl der Islam heute als eine emi­nent po­li­ti­sche Re­li­gi­on auf­tritt, ist für den größ­ten Teil sei­ner Ge­schich­te das Ver­hält­nis zwi­schen staat­li­cher Ge­walt und re­li­giö­ser Le­gi­ti­mi­tät pro­ble­ma­tisch, fast feind­se­lig. Der his­to­ri­sche Be­fund ver­trägt sich wenig mit dem Selbst­bild des heu­ti­gen po­li­ti­schen Islam: sein Fix­punkt, eine re­li­gi­ös le­gi­ti­mier­te po­li­ti­sche Au­to­ri­tät, ist in der his­to­ri­schen Re­li­gi­on kaum zu fin­den und ver­trägt sich nicht mit der Ge­stalt, die diese seit 800 Jah­ren an­ge­nom­men hat. Der po­li­ti­sche Islam als Be­we­gung und als Ideo­lo­gie be­wegt sich selbst nur in schwe­ren Kon­flik­ten wei­ter, ohne diese auf ab­seh­ba­re Zu­kunft be­frie­den zu kön­nen. Ein Rück­blick so­wohl auf die po­li­ti­sche Ge­schich­te des Islam als auch auf die ver­schie­de­nen Ver­su­che ihrer Ak­tua­li­sie­rung und heu­ti­ge Kämp­fe.
Jörg Fin­ken­ber­ger ist Ju­rist und Rechts­his­to­ri­ker.

14.​30 – 15.​30 Uhr
Dr. Kazem Mous­sa­vi: „There is a chan­ge in the air“?
Über die ge­fähr­li­che Hoff­nung auf eine In­ten­si­vie­rung des deut­schen Kul­tur­di­alogs mit dem Iran unter Ro­ha­ni
Die kul­tu­rel­len und wis­sen­schaft­li­chen Ko­ope­ra­tio­nen Deutsch­lands und des Wes­tens mit dem ira­ni­schen Re­gime fin­den zu einer Zeit statt, in der das Mul­lah-​Sys­tem im In­ne­ren gra­vie­rend ge­schwächt ist. Der neue Prä­si­dent Ro­ha­ni wird als „die Hoff­nung, dass sich etwas än­dert“ sug­ge­riert und re­zi­piert, ob­wohl jeg­li­cher Kul­tur­aus­tausch und die Nor­ma­li­sie­rung der di­plo­ma­ti­schen Be­zie­hun­gen mit einem kle­ri­kal-​fa­schis­ti­schen Re­gime zum Schei­tern ver­ur­teilt sind.
Der re­li­giö­se Füh­rer Ali Kha­men­ei hofft, mit dem an­geb­lich mo­de­ra­ten Ro­ha­ni in Ko­ope­ra­ti­on mit Deutsch­land, bei­spiels­wei­se durch die Zu­sam­men­ar­beit mit Uni­ver­si­tä­ten, die Po­si­ti­on des Wes­tens gegen das ira­ni­sche Atom­pro­gramm zu spal­ten, Is­ra­el zu iso­lie­ren und zu dis­kre­di­tie­ren und die Sank­tio­nen zu be­en­den. Der Kul­tur­di­alog trägt maß­geb­lich dazu bei, diese Hoff­nung zu rea­li­sie­ren, und damit dem Re­gime den Weg zur Atom­bom­be und der Ver­wirk­li­chung sei­ner is­la­mis­ti­schen Ziele zu ebnen. Dies be­deu­tet auch ein Si­cher­heits­ri­si­ko für die in Deutsch­land le­ben­den Exil­i­ra­ner und jü­di­schen Men­schen.
Dr. Kazem Mous­sa­vi ist Spre­cher der Green Party of Iran in Deutsch­land.

15.​30 – 16.​00 Uhr
Pause

16.​00 – 17.​00 Uhr
Fa­thiy­eh Nag­hib­zadeh: „Hei­li­ge & Staats­fein­din zu­gleich“
Frau­en­bild und Männ­lich­keit in der Is­la­mi­schen Re­pu­blik Iran
Dass im Got­tes­staat Iran bru­ta­le Frau­en­un­ter­drü­ckung herrscht, wird im All­ge­mei­nen nicht ge­leug­net, aber in vie­ler­lei Hin­sicht re­la­ti­viert. So wird diese Un­ter­drü­ckung auch durch ihre Klas­si­fi­zie­rung als „pa­tri­ar­cha­lisch” ver­kannt und ver­harm­lost. Im his­to­ri­schen Rück­blick und Ver­gleich wird die Dif­fe­renz zwi­schen vor­mo­der­nem Pa­tri­ar­chat, Män­ner­herr­schaft unter der Mo­der­ni­sie­rungs­dik­ta­tur des Schahs und phal­lo­zen­tris­ti­schem Mul­lah­re­gime dar­ge­legt. Dabei soll dis­ku­tiert wer­den, was das Re­gime im Iran unter der „be­deu­ten­den und wert­vol­len Auf­ga­be“ der Frau im Islam ver­steht, wel­che Art von Männ­lich­keit in den Re­pres­si­ons­or­ga­nen der Is­la­mi­schen Re­pu­blik ver­kör­pert ist und in wel­chem Ver­hält­nis diese Kon­stel­la­ti­on zur ira­ni­schen Ge­sell­schaft steht.
Fa­thiy­eh Nag­hib­zadeh ist Co-​Re­gis­seu­rin des Films „Kopf­tuch als Sys­tem – Ma­chen Haare ver­rückt?”, pu­bli­ziert unter an­de­rem zum Ge­schlech­ter­ver­hält­nis im Islam, zu An­ti­se­mi­tis­mus und An­ti­zio­nis­mus und zur Er­fah­rung des Exils und ist im Mi­de­ast Free­dom Forum Ber­lin aktiv.

17.​00 – 18.​00 Uhr
An­dre­as Benl: Sehn­sucht nach Dif­fe­renz
Über den neuen Ver­rat der In­tel­lek­tu­el­len
Die „Char­me-​Of­fen­si­ve“ des neuen Prä­si­den­ten des ira­ni­schen Re­gimes Has­san Ro­ha­ni ruft ein­mal mehr die Kräf­te des Ap­pease­ments in der west­li­chen Po­li­tik auf den Plan. Wäh­rend diese of­fi­zi­el­le Zu­sam­men­ar­beit sich zu­min­dest teil­wei­se mit öko­no­mi­schen und po­li­ti­schen In­ter­es­sen er­klä­ren lässt, wirft der „Ap­peal“ der Is­la­mi­schen Re­pu­blik im Be­son­de­ren und des Is­la­mis­mus im All­ge­mei­nen bei west­li­chen In­tel­lek­tu­el­len und lin­ken und li­be­ra­len Ak­ti­vis­ten Fra­gen nach sei­ner ideo­lo­gi­schen At­trak­ti­vi­tät auf. Als Fou­caults Apo­lo­gi­en Kho­mei­nis 1979 auf die mör­de­ri­sche Rea­li­tät tra­fen, sah er sich noch ve­he­men­ter Kri­tik aus der Lin­ken aus­ge­setzt. Seit­dem haben sich die Kräf­te­ver­hält­nis­se von der Kri­tik des Is­la­mis­mus hin zur De­nun­zia­ti­on der so­ge­nann­ten Is­la­mo­pho­bie ver­scho­ben. Der Vor­trag soll die his­to­ri­schen und ideo­lo­gi­schen Hin­ter­grün­de die­ser Ent­wick­lung be­leuch­ten.
An­dre­as Benl ist im Mi­de­ast Free­dom Forum Ber­lin aktiv und schreibt unter an­de­rem zum Kul­tur­re­la­ti­vis­mus und zur Op­po­si­ti­ons­be­we­gung im Iran.

18.​00 – 18.​30 Uhr
Ab­schluss­po­di­um und Dis­kus­si­on

Die Ta­gung fin­det an einem Sams­tag statt.
Ta­gungs­ort ist Raum 2002 des Haupt­ge­bäu­des der Hum­boldt-​Uni­ver­si­tät,
Unter den Lin­den 6, 10099 Ber­lin“

Der Ein­tritt ist frei, um Spen­den wird ge­be­ten.

Reread aus gegebenem Anlass: En attendant Walser


spiegel.de

„Auf die Frage, woran seine Frau gestorben sei, antwortete Marcel Reich-Ranicki: „An Deutschland. Um 11.00 Uhr.““ via Reflexion
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Ein deutsches Opfer“, 15. März 2010

„[D]er Jude war gewöhnlich die Schlange, die an den Wurzeln des Baumes saß und ihn zu zerstören suchte.“ George L. Mosse – Die völkische Revolution

Die Münsterländische Volkszeitung findet, ihr Name will es so, die Lektüre mache „es leicht, Walsers Gemütsbewegungen nachzuempfinden. Ein gekränkter Mann, der Satisfaktion will und später doch jedes Zusammentreffen mit Reich-Ranicki meidet. […] Seine Gefühle sind prompt und direkt wie die eines Kindes: Ich habe mich bemüht, ich habe versucht, etwas gut zu machen. Mir ist bitter Unrecht getan worden. Ich muss mich wehren. […] Hinzu kommen Probleme eines Familienvaters der alltäglichen Art: Geldknappheit, Sorgen um die vier Töchter.“ (Diesseits der Gefühle – Martin Walsers Tagebücher, Münsterländische Volkszeitung online)
Der Unhold mochte des redlichen Schriftstellers Werke nicht loben und so mächtig war er, der Ehrl-König, dass man nie wieder etwas vom Autor hörte. Einem am Hungertuch nagenden deutschen Familienvater wurde die Existenzgrundlage entzogen, aus purer Bosheit wurde ihm „bitter Unrecht“ getan. Da sieht man ihn doch geradezu vor des armen Mannes roh gezimmerter Kate stehen und erbarmungslos die Zinsen einfordern. „Lasst mir nur die Kuh“, ruft der Gepeinigte. „Nein“, sagt der Bösewicht hinterhältig grinsend. „Die Kuh wird geschlachtet.“ Ohrfeigen möchte ihn daraufhin der arme Mann, der sich nicht anders als mit roher Gewalt zu wehren weiß, er ist ja ohnmächtig und hilflos ausgeliefert, dem Mächtigen, dem Unangreifbaren, dem über die unbesiegbare Auschwitzkeule Verfügenden.
Also besser nicht ohrfeigen, lieber einen Brief schreiben, in dem man ankündigt, was man zu tun vorhat: „Das Publikum, vor dem Sie die Motive meiner publizistischen Arbeit diffamieren, kann ich nur erreichen, wenn ich gegen Sie prozessiere oder Sie ohrfeige. Da mir zum Prozessieren das Geld fehlt, bleibt mir nichts anderes als die Ohrfeige […]. Sie werden bitte, jetzt nicht auch noch die Geschmacklosigkeit haben, diese Ankündigung als Antisemitismus zu bezeichnen.“ (Martin Walser – Leben und Schreiben, 1974-1978, zitiert nach Judith Luig – Martin Walsers ewige Wunde Marcel Reich-Ranicki, Die Welt online, Hervorhebung J6ON)1
Abgeschickt hat er den Brief dann nicht, aber in den folgenden Jahren immer wieder (!) gelesen. Zweiundzwanzig Jahre später ‚zerriss‘ Der Kritiker ihn erneut. Man liest richtig: Der Autor war trotz des rücksichtslosen Vorgehens weder verhungert, noch hatte er seine Schaffenskraft verloren.
Marcel Reich-Ranicki meinte, Auschwitz käme in Walsers literarischen Erinnerungen „Ein springender Brunnen“ (1998) nicht vor, kritisierte treffend und zu Recht und täuschte sich trotzdem: Der Roman fasst alles zusammen, was den Deutschen Auschwitz jemals bedeutet hat und beschreibt es aus dieser Sicht deutlich und angemessen: „Unser Auschwitz“ (Walser), ein Nichts.
Walser warf Reich-Ranicki im Interview mit der Süddeutschen daraufhin vor, sein „großes Problem […] besteht darin, die Literatur zugunsten der Literaturkritik abzuschaffen.“ Und rückte das Täter/Opfer-Verhältnis im deutschen Sinne zurecht: „Die Autoren sind die Opfer, und er ist der Täter. Jeder Autor, den er so behandelt, könnte zu ihm sagen: Herr Reich-Ranicki, in unserem Verhältnis bin ich der Jude.“ (19./20.09.1998)
Ein wenig später weitete er den Vorwurf offiziell aus: „Bei mir stellt sich eine unbeweisbare Ahnung ein: Die, die mit solchen Sätzen auftreten, wollen uns wehtun, weil sie finden, wir haben das verdient. […] Alle Deutschen. Denn das ist schon klar: In keiner anderen Sprache könnte im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts so von einem Volk, von einer Bevölkerung, einer Gesellschaft gesprochen werden. Das kann man nur von Deutschen sagen. Allenfalls noch, so weit ich sehe, von Österreichern. Jeder kennt unsere geschichtliche Last, die unvergängliche Schande, kein Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten wird.“ (Martin Walser – Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede, 11.10.1998)
Woraufhin er sich von Ignatz Bubis verfolgt wähnte und auch das weiterhin jammernd überlebte; Bubis nicht, der wollte nach seinen Erfahrungen mit den Deutschen in Folge der Paulskirchenrede nicht einmal mehr hier begraben werde.
Vier Jahre später traute sich Walser bereits, Reich-Ranicki im „Tod eines Kritikers“ schrifthandwerkelnd ein wenig zu ermorden (wirklich tot sein durfte er nicht, er war ja ewig), aber nur weil er ihn so liebte: „Und da muss ich sagen, die Sache selbst, mit Reich-Ranicki, die war für mich nötig. Aber das war für mich ein ganz anderes Unternehmen als das, was dann daraus geworden ist. Da gehört für mich ganz wichtig dazu, ich kann nur schreiben aus Liebe. Und das mag grotesk klingen. Ich könnte mich nicht ein Jahr lang mit einer Figur beschäftigen, wenn ich sie nicht liebte.2 Und das ist unterschiedslos bei allen Büchern, die ich geschrieben habe der Fall. Und dann habe ich geschrieben, eine unglückliche verlaufende Liebesgeschichte zwischen einem Autor und einem Kritiker. Und ich habe den Kritiker groß gemacht. Ich habe ihn in die Ebene Kennedy, Chaplin, Franz Josef Strauß einrangiert [???]. Und dann habe ich gesehen, dass das alles völlig anders empfunden wurde und gewirkt hat, als ich das empfunden habe.“ (Martin Walser über den „Tod eines Kritikers“, FAZ-Video, März 2007, Transkript)
Und nun endlich, nach vierunddreißig Jahren, hat er den Brief doch noch abgeschickt, als Teil seiner Tagebuch-Veröffentlichungen. Vierunddreißig Jahre hatte er Zeit, seine Formulierungen zu überdenken – nochmal: „Das Publikum, vor dem Sie die Motive meiner publizistischen Arbeit diffamieren, kann ich nur erreichen, wenn ich gegen Sie prozessiere oder Sie ohrfeige. Da mir zum Prozessieren das Geld fehlt, bleibt mir nichts anderes als die Ohrfeige […]. Sie werden bitte, jetzt nicht auch noch die Geschmacklosigkeit haben, diese Ankündigung als Antisemitismus zu bezeichnen.“ Das kann man dann wohl kaum noch als eine „in der Hitze des Gefechts“ gemachte „schreckliche und letztlich törichte Formulierung“ entschuldigen, wie es Reich-Ranicki noch 1998 versuchte.
Der Welt jedoch verrät Martin Walser seine Vorstellung vom Paradies:
Man sollte dahin kommen, dass Kritiker nur noch über Bücher schreiben, die sie lieben […]. Dann wäre die Literaturkritik ein blühender Garten. Als Liebender ist man attraktiver denn als Urteilender.“ (Die Welt online, ebd.)
Dem deutschen Romanverfasser verdirbt die Kritik die paradiesische Heimat; wie die Schlange nagt der Kritiker an der Wurzel seines Literatur-Baumes, zersetzend wirkt er auf die schöpferische Kraft des deutschen ‚Großschriftstellers‘. Wer würde es wagen, ihn des Antisemitismus zu bezichtigen?

Recommended reading:
Matthias N. Lorenz – ‚Auschwitz drängt uns auf einen Fleck’. Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser
Stuart Parkes und Fritz Wefelmeyer (Hg.) – Seelenarbeit an Deutschland. Martin Walser in Perspective
Axel Schmitt – „Herr Reich-Ranicki, in unserem Verhältnis bin ich der Jude“. Martin Walsers „Tod eines Kritikers“ und das Antisemitismus-Spiel in den deutschen Feuilletons
George L. Mosse – Die völkische Revolution. Über die geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus
Joachim Rohloff – Ich bin das Volk. Martin Walser, Auschwitz und die Berliner Republik
Klaus Bittermann – Wie Walser einmal Deutschland verlassen wollte. Glossen über Querdenker de Luxe und andere Würstchen
Micha Brumlik, Hajo Funke, Lars Rensmann – Umkämpftes Vergessen. Walser-Debatte, Holocaust-Mahnmal und neuere deutsche Geschichtspolitik
Frank Schirrmacher – Die Walser-Bubis-Debatte. Eine Dokumentation

Update 26.03.10
Wie viele Seelen wohnen eigentlich, ach, in der Brust des deutschen Schriftstellers?
Walser über Reich-Ranicki, im Gespräch mit Dennis Scheck: „Ich spüre ein Recht darauf, diesen Menschen ein für allemal zu hassen!“ (03/2010)
Reich-Ranicki hat die Nase voll. In einem Interview teilte er mit, Walser habe ihm einem Brief geschickt und um ein Gespräch gebeten. Reich-Ranickis angemessene Reaktion: „Ich will das nicht. Ich habe mit ihm nichts zu tun. Schluss!“ Alle Medien, die die Agenturmeldung übernommen haben, missinterpretieren übrigens Walsers Aussage, Reich-Ranicki sei „eine Ikone der Liebenswürdigkeit“ völlig, deuten sie irrsinnigerweise als Versöhnungsbereitschaft, und haben auch sonst nur etwas über Walsers Leiden an Reich-Ranicki mitzuteilen. (Siehe z.B. BZ) Bis auf die „Bunte“, die mit beiden telefoniert hatte. Walser nämlich hängte an seinen Ikonen-Vergleich noch ein „Manchmal konnte [!] man fragen, ob er sich als Kritiker nicht ein bisschen überschätze…“ Die „Bunte“ merkte zu Recht an, das sei eine „Sehr seltsame Antwort, Herr Walser!“ Woraufhin der erwiderte: „Ich halte die Lakonie meiner Antwort für geglückt.“ (Bunte 13/ 25.3.2019) So geglückt wie seine Romane eben…

Ich aber bin nun zum ersten mal in meinen Leben im Besitz einer Ausgabe der „Bunten“, werde bis auf die halbe Seite zu Walser/ Reich-Ranicki nichts darin lesen (vielleicht doch das mit den eben nicht heimlichen liftings von wemauchimmer), weiß aber aufgrund der dem Heft beiliegenden Probe, dass Ms Karans neues Parfum Pure (laut homepage: „Ein Tropfen Vanille in Wasser“ – sicher doch!) aufdringlich, einfallslos parfumig, nicht aquatisch (thanks!) und tatsächlich auch noch nach Vanille (yuckie!) riecht.

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+ Later: Nachdrücklich zur Lektüre empfohlen: sonntagsgesellschaft.wordpress.com/2013/10/27/konkret-vs-marcel-reich-ranicki/

  1. Later: Die Ohrfeigen-Passage lautet wörtlich: „Ich sage Ihnen also, dass ich Ihnen, wenn Sie in meine Reichweite kommen, ins Gesicht schlagen werde. Mit der flachen Hand übrigens, weil ich Ihretwegen keine Faust mache. (…) Sie werden, bitte, nicht auch noch die Geschmacklosigkeit haben, diese Ankündigung und ihre gelegentliche Ausführung als Antisemitismus zu bezeichnen.“ (Zitiert nach Stuttgarter Zeitung online) Zur deutschen Auffassung von Satisfaktionsfähigkeit lohnt es sich dann wieder George L. Mosse, s.o., zu lesen. [zurück]
  2. cp. Eichmann in Jerusalem [zurück]

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+ Wie üblich coming soon: alles schon ewig Angekündigte + „‚Wo ist denn da die Erotik des Themas?‘ Die Deutschen und der Iran“ + Sollten Walser, Grass et al. … wie auch immer!

Letztes Pausenbild


My Wondrously Nightmarish Mind: Breeding Space I (Detail)

Aufgrund von Ausstellungsvorbereitungen geht es erst ab September (later: dann doch eher im Oktober…, noch später: im November aber definitiv… Dezember… Januar … errr März…) weiter, u.a. mit:

Meilensteine deutscher Vergangenheitsbewältigung VII: 20 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen

Und:

„Boys and girls come out to play/ What are we gonna destroy today?“ Der „Provokateur“ als Märchenonkel

Auszug:
Im Anhang zu Wolfgang Pohrts „Der Weg zur inneren Einheit. Elemente des Massenbewußtseins – BRD 1990“ geriert sich der Autor als Märchenonkel: „Vom gefräßigen kleinen Dummerchen, das ein Trauerkloß wurde und dann ein großer Wüterich“ (ebd. 285f). Bereits 1990 schien eine Michael Ende-Parodie anachronistisch, den vorhergehenden 284 Seiten und dem kurz darauf folgenden „Jahr danach. Ein Bericht über die Vorkriegszeit“ geschuldet jedoch war ‚man’ mehr als bereit, das zu ignorieren. Offensichtlich zu unrecht, denn der Puppenkisten-Jargon scheint als mögliches Versöhnungsangebot dann doch schon lange unter all dem Ichzeigseuch gelauert zu haben. Das ist alles andere als ungewöhnlich, sondern der übliche Lauf der Dinge. Fontanes deutsches Diktum „Wer mit 19 kein Revolutionär ist, hat kein Herz. Wer mit 40 immer noch ein Revolutionär ist, hat keinen Verstand“, sucht später oder meist früher jeden Bereitwilligen heim, umso deutscher je später es anklopft. Denn deutsche Revolutionen kommen immer später aber eben desto affirmativer.
Was auch immer man an Pohrts eigentlich kaum noch überraschenden Volten bemäkeln mag, am sympathischsten sind diejenigen, die er immer noch enttäuschen kann. Steilvorlagen sind üblicherweise etwas, das man zu Ungunsten des Liefernden auszulegen bereit ist; von Pohrt erwartete man aufgrund (oder gerade trotz!) dessen zeitweiser Salinger-Mutismus-Attitüde irgendetwas Relevantes. Spätestens nach dem Interview, das er dem darob triumphierenden Jürgen Elsässer gab, war jedoch klar, dass die Provokation auch für Pohrt andernorts vielversprechender erschien.
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Wer nach dem 11. September 2001 sich keine Sorgen um die machte, die hierzulande aus rassistischen Gründen als Islamisten zu gelten hatten – beispielsweise alle als solche zu definiert haben werdenden Araber und Perser und Türken, die man oder auch nicht kannte, und die man aus der oktroyierten Verantwortung retten wollte, weil man wusste, dass die Attentäter sie unbedingt in Geiselhaft nehmen wollten – wer sich also keine Sorgen machte, hatte keine Freunde. Weil’s aber Deutschland ist, gab es mal wieder keine Individuen, und so hatten diejenigen, die nicht das Geringste damit zu tun haben wollten, Nichtfreiheiten von zu Nichts erklärten zu verteidigen. Deutschland erwies sich erneut als genauso deutsch, wie man es befürchtet hatte. Seinen Rassismus stellte man bloß deshalb hintenan, weil man sich ihm seit eh und je selbst ausgesetzt zu wähnen hatte. Am Ende kennt das „Deutsche Opfer“ vonwasauchimmer regelmäßig den einen Feind: „Die Juden“ und jeden von ihnen „Beeinflussten“. Dass die Deutschen konstant bereit sind, selbst ihren Rassismus zu(un)gunsten ihres Antisemitismus zu suspendieren, sollte jedem zu denken geben, der im „Antiislamismus“ (der u.a. deswegen keine neue Kategorie definiert, weil er eben nichts anderes ist als der übliche Rassismus respektive z.B. die alte Furcht vor der „Gelben Gefahr“) den „neuen Antisemitismus“ zu erkennen Willens ist.

Und:

„Fault-il brûler Wertmüller?“ Toward the end of fashion

Auszug:
In dem unangenehm überbewerteten Film „The Social Network“ wird behauptet, Mode könne kein Ende erreichen. Im „The Social Network“-Universum aber existiert so etwas wie Mode jenseits von H&M-Artigem nicht einmal; dort erschöpft sie sich in männlicher (!) Schlampigkeit, die das Gegenteil von einem Versprechen sein darf und trotzdem beleidigt, und allerbilligstem Groupie-Style. Selbst Dascoolemädchen (das große Versprechen seit der Dietrich in Sternbergs „Morocco“ oder Miriam Hopkins in Lubitschs „Design For Living“, der bezopften Monroe in Hustons „The Misfits“, aber spätestens seit Jean Seberg in Godards „À bout de souffle“), dessen Auftreten erst einmal allen zuvor im Film aufgetauchten Klischees von Weiblichkeit zu widersprechen scheint, ist diverse Male zu blöde, eine Flasche aufzufangen. Jean Seberg hätte das mit links und seilhüpfend gekonnt, Edie Sedgwick auf einem wie auch immer induzierten Trip kopfstehend, diverse Frauen in diversen Filmen jederzeit. In „The Social Network“ tragen alle und alles mehr oder weniger das enttäuschende Top. Selbst Harvard hat es an, zwar kein schwarzes, aber ein immerhin mahagoni-, champagner- oder hautfarbenes. Die sepiafarbenen Harvard-Szenen kommen trügerisch auf betulich altmodische Art verführend daher. Darunter köchelt der gelangweilteste und langweiligste Exzess mindestens der Filmgeschichte, bis alle erdenklichen Flüssigkeiten verdampft sind. Sollte es tatsächlich David Finchers, der seit „Fight Club“ auch nur noch und schon davor manchmal gelangweilt hat, Intention gewesen sein, Erotik filmisch endgültig zu demontieren – chapeau! Und ganz gewiss ist Facebook als Website derart langweilig designed und uniformierend, dass… egal. Aber so kann das im ‚wahren Leben’ geschehen, im Film hat es aufregender gestaltet zu werden, weil Film alles kann.
Fraglos gibt es ein Ende von Mode, im Sinne von möglich erscheinenden Schnittvariationen – und mittlerweile ist es erreicht worden. Mode kann zwar noch beeindruckend, aufregend oder schön sein, aber keinerlei Fortschritt mehr erfahren – die Grenzen sind ausgereizt, von überwältigender Opulenz bis zum Nichts hat es nunmehr alles gegeben. Insofern können die Selbstzerstörungstendenzen (die von Mode sind ebenfalls bereits erledigt, letztens erneut und sehr hübsch durch Victor und Rolf in ihrer Abendkleid meets Locher-Kollektion) von Designern wie Galliano (Vernichtungsphantasien) bis Lagerfeld (Werbung für so gut wie alles) nicht erstaunen. Der Körper als Projektionsfläche für Künstler oder Couturieurs hat ausgedient. Als seine Grenzen zu übertretende Fläche (Schönheitschirurgen schnüren Grenzen bloß noch enger und so genannte Geschlechtsoperationen werden einfach nur unerschwinglich, wenn die gesellschaftlich akzeptierten und von frustrierten Psychiatern bestätigt zu haben werdenden Grenzen in Frage gestellt werden könnten) gilt er nur noch sadistischen oder im Auftrag handelnden Folterern, Rassezüchtern oder Menschenmaterialverbessernden und dergleichen Irrsinnigen, die sich in ihrem Wahn auf immer eins mit allen und allein wähnen müssen. Der einzige Ausweg für Haute Couture wäre (nach erzwungener Anorexia nervosa respektive Bulimie in all ihren möglichen Erscheinungsformen, im Kontext immerhin: body follows fashion), die ihr vom Körper gesetzten Grenzen aufzugeben – das wäre möglich in Richtung invasiver Strategien (wie es z.B. von Selbstverletzungskünstlern – die selbst schon lange nichts fundamental Neues mehr zu bieten haben, dazu später mehr – allerdings bereits vorgemacht wurde, und worauf Heidi Klums gegeißelte und flagellierende Hofdamen längst vorbereitet werden) oder indem man einfach gleich Rauminstallationen, Performances und/ oder Videokunst inszeniert – wo es ebenfalls bereits alles Grundlegende gegeben hat. Prêt-a-porter müsste sich bloß an Stelle von Haute Couture setzen, und die Modeketten könnten schließlich mal all die sensationellen Ideen und Träume der letzten fünfzig Jahre unkaschiert und nicht verharmlost in die Fußgängerzonen transportieren.
Aber natürlich liegt Wertmüller in wenigstens einer Hinsicht richtig. Nicht insofern, als er ‚Antifa-Mode’ als geschlechtliche Gleichmacherei beklagt; das ist nun wirklich kein Problem. Albern ist nur, dass sie die beispielsweise auf Demonstrationen etc. meist sinnvolle Uniformierung des Individuums (welchen Geschlechts auch immer!) unbedingt anspruchsvoll oder -los in jeden Bereich tragen möchte; und bedingt kann das ebenso ansprechend sein, sofern es nicht Luxus oder Schönheit verachtend, gruppenzwanghaft und mit einem moralischen Impetus geschieht oder den pausenlosen Ernstfall nachdrücklich und ununterbrochen verbissen signalisieren soll etc. Dennoch: Die Möglichkeiten von Polemik werden dann suspendiert, wenn man sich mit ihren Mitteln als Opfer und sei es bloß als das ästhetischer Konventionen ausgibt.

Grundlegendes 22: D-Day


June 6, 1944

“Denn in der Tat hat Deutschland den Pazifismus diskreditiert und ad absurdum geführt, indem es praktisch vorgeführt und damit empirisch bewiesen hat, daß es Schlimmeres geben kann als den Krieg; daß Schrecken möglich sind, von denen nur eine starke Armee befreit. Deutschland selbst unter den Nazis war dieser Schrecken, gegen den es kein Mittel als Bomberflotten und Panzerverbände gab. Die Armee als wahren Sachverwalter und Vollstrecker der Menschlichkeit in die Weltgeschichte eingeführt zu haben ist das verhängnisvolle Verdienst dieses Landes. Es hatte in seinen Vernichtungslagern Millionen Menschen Grund gegeben, den Angriff durch Bomber und Kampfflugzeuge herbeizusehnen, weil der wahrscheinliche Tod im Bombenhagel die Rettung vor dem sicheren und unendlich qualvolleren Tod in der Gaskammer war.”
Wolfgang Pohrt – Gewalt und Politik, 126

15. April: Liberation of Bergen Belsen

Richard Dimbleby reporting from Bergen-Belsen April 1945 Part 1/ Part 2
„I passed through the barrier and found myself in the world of a nightmare.“

Pausenbild V

Das ist kein Paradigmenwechsel in der Erinnerungskultur – das ist eine Paradigmenergänzung, die uns ermutigt: Das, was mehrfach in der Vergangenheit gelungen ist, die Herausforderungen der Zeit anzunehmen und sie nach besten Kräften – wenn auch nicht gleich ideal – zu lösen, ist eine große Ermutigung auch für die Zukunft. Wie also soll es nun aussehen, dieses Land, zu dem unsere Kinder und Enkel “Unser Land” sagen sollen?” (Joachim Gauck – Antrittsrede, 23.3.2012)

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(D Day)

‚Ich kann beim besten Willen keinen Antisemitismus erkennen‘. Re: Kay Sokolowsky – Massenware Mythologie. Eine Kritik des Fantasy-Genres, Konkret 3/2012

Eine Vielzahl literarischer Genres wurde im 18., 19. und 20. Jahrhundert vor allem von Briten oder Franzosen (und später Amerikanern, früher z.B. von Skandinaviern) ‚erfunden‘, häufig aber irgendwie in Kollaboration beider. Die Deutschen spielten höchstens als ‚Stimmungsmacher‘ eine weltweit zumindest registrierte (Romantik – und in der Form sehr oft ironisierte, cp. William Wilkie Collins, Jane Austen et al.) Rolle.
Kay Sokolowsky irrt sich, wenn er schreibt, dass die Fantasy den „tiefverwurzelten Antisemitismus der Romantiker“ nicht adaptieren mochte und das damit begründet, dies läge vermutlich daran, „daß die Erfinder der Gattung – Henry Rider Haggard, William Morris und Lord Dunsany – aus England kamen.“ (53)
Zum literarischen Genre Fantasy kann hier mangels relevanter Leseerfahrung nichts gesagt werden. Dennoch: Bereits die Erinnerung an die Lektüre von J.R.R. Tolkiens „Lord of the Rings“ vorsehrvielenjahren lässt ahnen, dass es in Fantasy-Romanen neben dem von Sokolowsky ganz offensichtlich zu Recht konstatierten Rassismus auch antisemitisch geprägte Figuren gibt. Da Fantasy-Romane jedoch weitestgehend von als fantasiert (oder im schlimmeren Falle und von den Lesern oft als solche empfundenwerdensollende ‚authentisch’) ausgestellten „Rassen“ bevölkert sind, ist Rassismus wesentlich einfacher nachzuweisen (‚Lichtfiguren‘ vs ‚Dunkelwesen‘) als Antisemitismus (later: mehr zum Thema im Kommentar von Cyrano!).
Der von Sokolowsky aufgezählte Rider Haggard war anhaltend prägend allerdings vor allem mit seinen Abenteuer-Romanen (Spielbergs und Lukas’ „Indiana Jones“ beispielsweise basiert unübersehbar auf Haggards „Allan Quartermain“). Und in einem literarischen Kosmos, in dem (kulturelle etc.) ‚Identitäten’ in der vom Autor erfahrbaren Realität wenigstens noch gründen, tritt die sonst (auch – denn das Genre dient ebenso oft dem erfolgversprechenden Transport dessen, was man als Tabu betrachtet wissen will) dem Genre geschuldete Verklausulierung offen zutage.

Im allgemeinen ist dabei immer von >jüdischem Selbsthaß< die Rede – eine fragwürdige Bezeichnung, da sie nahelegt, den Ursprung in der Psyche der Juden zu verorten, statt ihn im Antisemitismus der Nicht-Juden zu suchen. Was als >jüdischer Selbsthaß< firmiert, wäre vielmehr als ein Nachgeben dem Antisemitismus gegenüber zu begreifen – das allerdings als Verinnerlichung bis zur Selbstzerstörung führen kann, wie bei Otto Weininger, den {Karl} Kraus verehrte.
Gerhard Scheit – Jargon der Demokratie. Über den neuen Behemoth (225)
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Reprise (cp. „The Occupation Wasn’t Televised“):
Henry Rider Haggard, der selbst aus einer jüdischen Familie stammte, war unverhohlener Antisemit und ließ in seinem gegen Ende des 19. Jahrhunderts erschienenen Roman „She“ die über zweitausend Jahre alte, unvorstellbar weise, weiße und ihr eigentlich adäquatem Luxus entsagende Gottkönigin (sie stirbt erst, als sie ihr Begehren erfüllen will!) eines im afrikanischen Urwald versteckten Volkes ihren Hass auf die Juden mit antisemitischen Stereotypen bebildern (der ebenso offensichtliche Rassismus Haggards lässt im Gegensatz zu seinem Antisemitismus jederzeit den ‚edlen Wilden’ oder insbesondere die ‚edle Wilde’ als Ausnahme oder unverstellten Ursprung zu). Der Wissenschaftler und ostentative Christ Holly, der sich unsterblich in „She“/ „Ayesha“ (Ayşe, türkisch-arabisch: lebhaft, lebensfroh, lebend, lebendig), die natürlich nach wie vor strahlend schön ist, verliebt, seufzt nur zustimmend und hat nun endlich eine Erklärung für den einzigen Mangel, den er an ihr entdecken kann – ihre Grausamkeit und Mordlust: Die Juden sind schuld:
„Ah, the fierce-hearted wolves,“ she said, „the followers of Sense and many gods – greedy of gain and faction-torn. I can see their dark faces yet. So they crucified their Messiah? Well can I believe it. That He was a Son of the Living Spirit would be naught to them, if indeed He was so, and of that we will talk afterwards. They would care naught for any God if He came not with pomp and power. They, a chosen people, a vessel of Him they call Jehovah, ay, and a vessel of Baal, and a vessel of Astoreth, and a vessel of the gods of the Egyptians – a high-stomached people, greedy of aught that brought them wealth and power. So they crucified their Messiah because He came in lowly guise – and now are they scattered about the earth? Why, if I remember, so said one of their prophets that it should be. Well, let them go – they broke my heart, those Jews, and made me look with evil eyes across the world, ay, and drove me to this wilderness, this place of a people that was before them.“
Rider Haggard – She, 1887
Dass das nicht bloße Figurenrede ist, (die auch in aktuellen Diskussionen allzu oft ohne Berücksichtigung des Kontexts oder bloß pseudorebellisch vorschnell exkulpiert wird) ist Haggards nichtfiktionalen Texten zu entnehmen, die Wendy Roberta Katz in „Rider Haggard and the Fiction of Empire“ dokumentiert hat. Rider Haggard machte später die Juden außerdem für beispielsweise die Morde an den Romanows, die Folterung und Hinrichtung Jesus Christus und die Russische Revolution verantwortlich machte, für die weltweite Ausbreitung des Bolschewismus und für die Massaker an den amerikanischen ‚Ureinwohnern’ („The States at the moment are being swamped by immigrants, an enormous part of whom are Jews from Central Europe, and does not know how to stem the torrent, although it does not desire to have more jews in the country where the native americans are vanishing under a flood of aliens.“ Zitiert nach Wendy Roberta Katz ebd., 150f).
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However, in Victorian England, the more violent strand of anti-Semitism had begun to ebb away as the British Empire arrived at its apogee. Nineteenth-century Britain was transformed into the manufacturing hub of the industrial world and the global market. The formal emancipation of the Jews in 1858, the election of a converted Jew, the exotic and unconventional Benjamin Disraeli, as prime minister, and the veritable rise of aristocratic dynasties among the Anglo-Jewish elite pointed to the emergence of a more liberal dispensation.
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad, 365

Während, wie Wistrich beschreibt, die Juden im viktorianischen England nach den Pogromen seit 1144 und ihrer vollständigen Vertreibung aus England im Jahre 1290 (‚zurückkehren’ durften sie erst in den 1650ern) endlich einen Platz in der (städtischen) Gesellschaft zu finden schienen, zeigte sich das anhaltende Ressentiment in einer Welle antisemitisch gezeichneter Figuren in der britischen Literatur. Sie sind zu finden selbst bei so renommierten Autoren wie Charles Dickens, Anthony Trollope und George Eliot (die allerdings infolge ihrer Bekanntschaft mit dem frühen Zionisten Immanuel Oscar Menahem Deutsch einen radikalen Meinungswechsel vollzog, der ihren letzten Roman „Daniel Derronda“ unüberlesbar beeinflusste). Allen voran aber ist die Gothic Novel, die unbestreitbar von den Briten aus der Taufe gehoben wurde, bereits in ihrer frühen Phase im 18. Jahrhundert (z.B. Charles R. Maturins „Melmoth the Wanderer“) insbesondere aber seit ihrer Renaissance ab Mitte des 19. Jahrhunderts bevölkert von antisemitisch stereotypisierten Charakteren, mit von nicht explizit als Juden bezeichneten wie in Bram Stokers „Dracula“ (cp. Judith Halberstams „Skin Shows: Gothic Horror and the Technology of Monsters“ und Carol Margaret Davisons „Anti-Semitism and British Gothic Literaturel“) oder unverhüllt wie in den Romanen Joseph Sheridan LeFanus oder der einzigen Gothic Novel der Amerikanerin Louisa May Alcott („A Long Fatal Love Chase“). Der Einfluss setzt sich fort in den von der Gothic Novel maßgeblich beeinflussten Horror-Erzählungen Algernon Blackwoods etc. pp.
Der Gothic Novel-Autor und nebenbei anerkannte Erfinder der Detective Novel („The Moonstone“), William Wilkie Collins war übrigens kein Antisemit und in allen seinen vielen Romanen ist eine einzige antisemitische Passage zu finden, die jedoch ist tatsächlich Figurenrede, geäußert von einem als ausgesprochen albern und oberflächlich gezeichneten Charakter (Zack Thorpe in „Hide and Seek“).
Auf der anderen Seite verabscheute der Brite H.G. Wells, neben Jules Verne Begründer der Science Fiction, ‚die Juden’, was seinen Romanen auch zu entnehmen ist.
Und so weiter und so fort.
Antisemitismus war und ist ein fast weltweit mörderisches Phänomen. Es hat mittlerweile weltweit Eingang in die Literatur gefunden; es hat Genres beeinflusst und über deren Maßen befördert.
Dass aber eben der Antisemitismus der Deutschen – im Gegensatz zu beispielsweise dem der Briten – sie Auschwitz schaffen ließ, lag auch daran, dass die Deutschen nichts haben zu dürfen glauben wollten außer ihrem Antisemitismus. Daran, dass sie sich unbedingt permanent als Opfer wähnen wollten. Dass sie sich noch, als sie ihre Opfer ausplünderten, im Gedränge triumphierend bescheiden und nicht mehr als das ihnen als wenig erscheinen zu habend Zustehende rechthaberisch und aufopferungsvoll einfordernd geben wollten. Das war ihr einziger Traum: Dabei endlich über Leichen gehen zu dürfen.
Die selbst nach dem leider bloß angeblich verlorenen Krieg ungebrochene Gefahr deutscher Ideologie liegt vor allem in dem ‚deutschen Erfolg’, den sie penibel registrierten, in der Erfüllung des Traums jedes Antisemiten, in dem Verbrechen, für das sie nie bestraft wurden.
Alles Relevante zum Thema kann man wie üblich nachlesen bei Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Jean Améry, Saul Friedländer, George L. Mosse, Alfred Sohn-Rethel, Detlev Claussen, Robert S. Wistrich, Moishe Postone, Joachim Bruhn, Frank Stern, Gerhard Scheit, Daniel Jonah Godhagen, Robert G. Moeller, Saul K. Padover, Klaus Briegleb, Tjark Kunstreich, Eike Geisel, Wolfgang Pohrt, Christian Schultz-Gerstein, Robert Gellately, Nicolas Berg etc. pp.

Pausenbild IV

Buchjournal: „Was nützt es uns, wenn wir uns der Vergangenheit vergewissern?
Thea Dorn: „Ein Land, das 99 Prozent seiner Geschichte vergisst, kann nicht vital und zukunftsfähig sein. Mein Haupteindruck von der gegenwärtigen Gesellschaft ist eine furchtbare Verzagtheit, Ratlosigkeit, fast kindliche Hilflosigkeit, ein ängstliches In-die-Zukunft-Blinzeln, vor lauter Problemen sehen wir den Wald nicht mehr. Es gibt keinen Lebensmut und keine Energie, und das, obwohl Deutschland in der Mitte Europas gut aufgestellt ist.“
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Und was ist für Sie „typisch deutsch“? Unter allen Kommentatoren verlosen wir 1 Exemplar von Thea Dorns und Richard Wagners Buch „Die deutsche Seele“!
Die Kommentarfunktion finden Sie weiter unten.

„Was heißt es, deutsch zu sein?“ Thea Dorn und Richard Wagner im Interview mit dem Buchjournal

Korrekturvorschlag:
Wie im Interview erneut belegt wird, ist es xxxx, sich permanent als Opfer von allem möglichen auszustellen. Die adäquatesten Kommentare zu den xxxx hat Eike Geisel verfasst, u.a. den folgenden:
„Die xxxx hatten zwar den Krieg verloren, sollten aber als Vernichtungsgewinnler aus ihm hervorgehen, indem sie den Ermordeten noch die Rolle des Opfers stahlen.“

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Recommended reading:
Joachim Bruhn – Was deutsch ist

Deutschland im November 2011 III: Das Lichtlein am Ende des deutschen Tunnels ist ein Fackelzug…

Als hätte die Zwickauer Zelle die Anschläge von Combat 18 kopiert. 1999 {!} bombte Combat 18 in Londons Straßen. Die Waffe – Nagelbomben. Das Ziel – Einwanderer und Schwule. Die Waffe in der Kölner Keupstraße – eine Nagelbombe. Das Ziel – Einwanderer. Die Übereinstimmung zwischen den Netz und dem Zwickauer Trio sind erschreckend. Und so wie sie in allen Blood-and-Honour-Terroranleitungen stehen. Man soll Anschläge gegen Einwanderer verüben, keine Bekennerschreiben hinterlassen, in kleinen Zellen arbeiten, Nagelbomben einsetzen und Listen von möglichen Opfern erstellen.
Monitor, 24.11.2011 (u.a. wurden in der Sendung Verbindungen des „NSU“ zu „Blood an Honour“ nachgewiesen)

Die unermüdlich und letztlich von fast allen Seiten (nahezu ausschließlich im Umfeld der Ermordeten wurde verzweifelt auf der Unschuld der Opfer bestanden – die in der deutschen Öffentlichkeit zynisch irgendwann nur noch als Nummern in der ebenso kalt wie grausam so benannten „Döner“-Mordserie gehandelt wurden, im- oder explizit selbst zu Tätern erklärt; die Benennung der Ermittlungsgruppe schloss sie mit ein: „Bosporus“1) vorgetragene Formel, man habe nicht von rechtem Terror ausgehen können, weil keinerlei Bekennerbriefe vorlagen, verweist vielfach zurück auf die Motivation und das alltägliche Handeln beziehungsweise die mindestens bequeme Ignoranz der sich damit nichts als Exkulpierenden. Zwar zutreffend aber die tatsächlichen Konsequenzen bereitwillig ausblendend wird schonmal vom „alltäglichen Rassismus“ gesprochen, der womöglich zur Mordserie oder zum Serienmord beigetragen habe. Von Einstellungs- und Vermietungspraktiken ist dann die Rede, die Personen mit so genanntem „migrantischen Hintergrund“ benachteiligen, woraufhin sich schnell diverse Deutsche einfinden, die das entweder übertrieben finden, weil es ihnen auch schonmal passiert sei oder solche, die es eben deswegen schlimm finden. Das Dilemma der Veranschaulichung wird hier evident. So sorgt das Pathos der Nachvollziehbarkeit regelmäßig dafür, dass der gerade noch erfahrbare Alltag Zurückgewiesener zum Maßstab von „Deutschem Mitleid“ wird. Das großzügigste Eingeständnis lautet dann, dass den Deutschen ‚fremdartig’ Erscheinende gravierend häufiger denn als ‚Volksgenossen’ identifizierte in jeglicher Hinsicht abgewiesen werden.
Diese Praxis wurde unter anderem geschult an Pfarrer Martin Niemöllers, zum Bonmot geratenen:
Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.

Niemöller meldete sich noch 1939 als „Ehrenhäftling“ aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen heraus als Freiwilliger zur Teilnahme am soeben in Polen begonnenen Vernichtungsfeldzug, um das ihm nach wie vor als Vaterland geltende Deutschland verteidigen zu dürfen und meinte später im von den Alliierten „besetzten Deutschland“ Verhältnisse feststellen zu müssen, „die auf Schritt und Tritt an die hinter uns liegenden Schreckensjahre erinnern“ oder behauptete, „manche durch die Besatzungsbehörden zu verantwortende Zustände und Maßnahmen seien ‚selbst unter dem Naziregime niemals gewesen’“ (Wikipedia). Bezeichnend im Text sind diejenigen, die nicht genannt werden. Niemöller war weder Kommunist noch Sozialdemokrat noch Gewerkschafter sondern deutscher Christ – dennoch: Allen Erwähnten gestand er die Möglichkeit zu, als Deutsche Opfer zu leiden, an der Katastrophe, die die Nationalsozialisten seinem Deutschland bereitet hatten. Diejenigen, die von Anfang an im Zentrum der Vernichtungspropaganda standen: die Juden ignoriert der Antisemit Niemöller, und außerdem die so genannten „Zigeuner“, die Homosexuellen oder die „Asozialen“. (Natürlich wurde eingewendet: Auch die Katholiken, darauf muss man allerdings aus naheliegenden Gründen nicht eingehen…) Antisemitismus und Rassismus unterscheiden sich zwar grundlegend, trotzdem sind Antisemiten zumeist auch Rassisten (in welcher Erscheinungsform auch immer), und Niemöllers Veranschaulichungsvierzeiler diente seit jeher auch dazu, alles von sich zu weisen, was mit Deutschem Mitleid nicht kompatibel war und immer noch nicht ist.

Das ist eine Schande, das ist beschämend für Deutschland.“ Angela Merkel, 2011

Wir sind zutiefst beschämt“. Bundesrat, 2011

Jenseits davon, dass man sich hierzulande ganz gewiss erschrocken an die weltweiten Schlagzeilen nach den rassistischen Morden zu Beginn der 1990er erinnert und erleichtert daran, dass der erste allgemein warnende Aufschrei dem Standort Deutschland galt, trägt Niemöllers – wie die Praxis im „Dritten Reich“ bewies – abwegige Drohkulisse dazu bei, auch ein wenig selbst Opfer sein zu dürfen. So oder so: Die Kommentarspalten in allen Medien liefern die Belege für noch die absurdesten Teilhabeversuche, darunter besonders häufig der ebenso abwegige – es reicht ein Blick auf unzählige Schlagzeilen der letzten Jahre – Vorwurf, dass man von Deutschen Opfern niemals spräche.
Terror aber, so meint man jetzt erst gelernt zu haben, kommt auch ohne triumphierende ad hoc Bekennerschreiben aus, rechter Terror wenigstens. Als sei er nicht deutscher Alltag seit Jahrzehnten, zum Beispiel in den „No Go Areas“ deutscher Städte oder an jeder roten Ampel, die sich „illegal“ in Deutschland aufhaltende Menschen nicht zu ignorieren trauen. Terror läuft – verkürzt – darauf hinaus, durch Gewalttaten respektive –androhung Angst und Schrecken einzujagen und die Gemeinten einzuschüchtern, abzuhalten oder zu eliminieren, während die Nichtgemeinten durch ihn entweder befriedet oder befriedigt (oder erstmal aufgeweckt) werden sollen. Wenn in Deutschland nun von einer neuen Dimension rechtsextremen Terrors die Rede ist, so gilt das bloß für das, was das deutsche Veranschaulichungspotential gerade noch hergeben mag. An den Außengrenzen der EU, auf deutschen Flughäfen, auf Polizeistationen nämlich wird das mindestens verbale Einjagen von Angst und Panik (und immer wieder auch das tätliche und das Morden) zu Zwecken der Abschreckung regelmäßig praktiziert. Ohne, dass man triumphierende Bekennerschreiben ablieferte – die „Erfolge“ werden wenn überhaupt eher beiläufig oder in Statistiken versteckt mitgeteilt. Das Einverständnis der Deutschen voraussetzend, und zwar zu Recht. Das gnadenlose Placet für beispielsweise zehntausende Tote an den Grenzen zur Europäischen Union. Mehr zu diesem Aspekt und darüber hinausgehendes ist bei Nichtidentisches – „Shocking: Nazis auf einmal Terroristen – was ging schief im Wintermärchen?“ zu lesen.
Durch die rassistischen Morde des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ – der eben vornehmlich das Produkt der so beförderten Vorstellung ist, man vollstrecke bloß den als insgeheim ausgestellten Volkswillen – müsste eigentlich für jeden der Terror sichtbar werden, den bisher alle deutschen Regierungen für die Aufrechterhaltung der Integrität der immer noch vorwiegend völkisch definierten deutschen Nation in Auftrag gegeben haben. Er wird es nicht!
Stattdessen schämt man sich mal wieder und leidet erneut an der Schande, die flugs aus dem dann doch ganz gerne nachvollzogenen Alltagsrassismus („Man wird doch wohl noch…!“) Suspendierte über Deutschland gebracht haben – ganz offiziell und mit höchsten deutschen Weihen versehen (sogar von Entschädigungszahlungen ist die Rede, ganz schnell diesmal und darauf setzend, dass die damals um Jahrzehnte verspätete geizige Geste schonmal zum Weiterziehen des Schlussstrichs beitrug) und demnächst sicherlich wieder irgendwie noch kollektiver. Das bloß einheitsstiftende Potential der Lichterketten wird bereits wieder herbeigesehnt, denn nichts erscheint schlimmer, als sich jetzt nicht kollektiv als die Guten beweisen zu dürfen. Der Bundestag, der zuletzt in zuvor unvorstellbarer Einmütigkeit (mit allen Stimmen aller Fraktionen: CDU/ CSU, FDP, SPD, Grüne, Die Linke) Israel für letztendlich die (wie dann sogar die UN befanden rechtmäßige) Verteidigung gegen erklärtermaßen gewaltbereite Personen, die in aller Öffentlichkeit zum Beispiel „Tod den Juden“ gesungen hatten, verurteilte („An dieser Stelle verzeichnet das Protokoll der Sitzung „Beifall im ganzen Hause„.), einigt sich nun ebenso einmütig auf die Verurteilung des mörderischen Neonazismus. Das anständige Volk in Form des Spiegel-Kolumnisten Jakob Augstein („Es ist eine Erleichterung, dass die Abgeordneten aller Fraktionen sich in dieser Woche in eine demokratische Lichterkette eingereiht haben – weil die Bürger es nicht tun.Spiegel.online) oder eines FAZ-Korrespondenten jedoch wünscht sich eine an- oder beschaulichere Bestückung der „nationalen Kuschelecke“ (Eike Geisel): „Der Fall hat die Politik in eine Art Starre des Entsetzen versetzt. Mehr als drei Wochen sind seit dem Tod des Terror-Duos Böhnhardt und Mundlos in ihrem Wohnmobil vergangen. Doch die Staatsspitzen haben noch immer keinen passenden Ton, keine tröstlichen Gesten gefunden. Nichts ist geschehen, um Opfer, Hinterbliebene und die fassungslose Öffentlichkeit zu einer trauernden, aber demokratische Wehrhaftigkeit demonstrierenden Gemeinschaft zu fügen.“ (FAZ.online)
Opfer, Hinterbliebene und die fassungslose Öffentlichkeit zu einer trauernden, aber demokratische Wehrhaftigkeit demonstrierenden Gemeinschaft“ zusammenzufügen, ist auch eine urdeutsche ‚Utopie’: Immer wieder werden hierzulande die Toten aus den Gräbern gezerrt, um für irgendetwas herzuhalten, um völlig undifferenziert an ihnen und mit ihnen zu leiden zu dürfen, um eine perverse Inszenierung der Lebenden, die die „Toten beneiden“ werden aufzuführen. Den Toten jedoch, deren Ermordung Schande übers Volk gebracht hat, wird in Deutschland mit der „Ungeduld des Herzens“ (Stefan Zweig) begegnet: „Es gibt eben zweierlei Mitleid. Das eine, das schwachmütige und sentimentale, das eigentlich nur Ungeduld des Herzens ist, sich möglichst schnell freizumachen von der peinlichen Ergriffenheit vor einem fremden Unglück, jenes Mitleid, das gar nicht Mitleiden ist, sondern nur instinktive Abwehr des fremden Leidens vor der eigenen Seele. Und das andere, das einzig zählt – das unsentimentale, aber schöpferische Mitleid, das weiß, was es will, und entschlossen ist, geduldig und mitduldend alles durchzustehen bis zum Letzten seiner Kraft und noch über dies Letzte hinaus.“ Dass die Deutschen in ihrer Erscheinungsform als Volk zu letzterem nicht bereit sind, haben sie in ihrer Geschichte unzählige Male bewiesen. Beispielsweise vor zwanzig Jahren, nach der damals auch schon neuen und bis dahin unvorstellbaren Dimension rechten Terrors, als sie – „die Reihen fest geschlossen“ – im „Aufstand der Anständigen“ so lange Händchen gehalten und sich im Licht der Kerzen vorteilhaft beleuchtet gefühlt hatten, dass es ihnen dann doch schon wieder zu bunt in der Republik wurde. Und zu voll, all die vielen Menschen auf den Straßen, denen man die eigene scheinheilige Empörung und den schrecklich sentimentalen Willen zur Pflichterfüllung am Gesicht ablesen konnte.

Anstatt dankbar zu sein für die unaufhörliche Präsentation unserer Schande, fange ich an wegzuschauen. Wenn ich merke, daß sich in mir etwas dagegen wehrt, versuche ich, die Vorhaltung unserer Schande auf Motive hin abzuhören und bin fast froh, wenn ich glaube, entdecken zu können, daß öfter nicht mehr das Gedenken, das Nichtvergessendürfen das Motiv ist, sondern die Instrumentalisierung unserer Schande zu gegenwärtigen Zwecken. Immer guten Zwecken, ehrenwerten. Aber doch Instrumentalisierung.
Martin Walser, 1998

Scham und Schande sind Begriffe, die sowohl eigenes Opfertum als auch ihre irgendwann unbedingt nötig erscheinende Abwehr implizieren. Mit ihnen wird das eigentliche Opfer selbst zum Täter erklärt. Durch seine bloße Existenz war es in der Lage, aus den ‚Ausauschwitzallesgelernthabenden‘ die „Unbelehrbaren“ zu exzerpieren. Auf die „peinliche Ergriffenheit“, auf die Sentimentalität folgt regelmäßig die „Ungeduld“, die „instinktive Abwehr“, der laute Applaus für den nächsten Brandstifter, der das Volk vom Mitleiden mit ‚den Anderen’ zu befreien verspricht und das Leiden der Deutschen an ihnen und an Wasauchimmer erneut zur Priorität erklärt. Spätestens in diesem Moment greift das Ressentiment. Die Entlarvung der perfiden und höchstoffiziellen Wortwahl im Kontext der Ermordung völlig wehrloser Menschen wird in der Zeit geradezu genervt klingend konstatiert: „Dass dies nach so vielen Tagen {?} endlich aufgefallen ist, ist wieder einmal dem Zentralrat der Juden in Deutschland zu verdanken. Schließlich haben Deutschlands Juden ihre eigenen Erfahrungen mit symbolischen Ausgrenzungen gemacht, die dann nicht im Serien-, sondern im Massenmord endeten. Und es ist ihren Repräsentanten, hier dem Vorsitzenden Dieter Graumann, zu danken, dass sie auch für die heutigen Opfer von Ausgrenzung immer wieder Stellung beziehen – wobei die der Juden ja nicht aufgehört hat. Und sie tun es meist früher als die übrige sogenannte Mehrheitsgesellschaft. Besser wäre es freilich, „wir“ hörten auch die entsprechenden Hinweise der türkischen und Migrantencommunities, an denen es auch diesmal nicht fehlte. Noch besser wäre, es würde auch ohne diese Hinweise etwas kritischer hingesehen.“ (Zeit.online)


Deutschland 1990, 1991, 1992: „In Eberswalde lässt man monatelang die Ermittlungen gegen Skinheads schleifen, die den Angolaner Antonio Amadeu Kiowa totgetreten hatten. Polizisten hatten zugesehen und waren nicht eingeschritten. Fünf der Täter werden Mitte September verurteilt, von denen kein einziger glaubhaft Reue zeigt. Sie kommen mit Strafen zwischen zwei und vier Jahren davon.

Was auch immer in nächster Zeit von den Deutschen zur Überwindung ihrer Schamgefühle veranstaltet werden sollte, es wurde bereits adäquat kommentiert; denn solange niemand bereit ist, die einzig relevante Konsequenz aus dem mörderischen Treiben deutscher Volksgenossen (und zwar nicht nur in deren Namen sondern mit ihrer im- oder expliziten Billigung), zu ziehen, gilt nach wie vor Folgendes:

Für all diese widerwärtigen Auftritte sind natürlich nicht die Erfinder der Lichterketten, sondern die xenophilen Gesinnungstäter selbst verantwortlich, oder wie es die Leuchtspurgenossen der taz mit pädagogischer Absicht formulierten: ‚Jeder und jede ist für seine Kerze verantwortlich.’ Erlaubt sein muß allerdings die Frage, ob derlei Unfug nicht notwendig aus dem illuminierten goodwill resultiert, ob Erfindung und Anwendung nicht mehr miteinander gemein haben, als den Initiatoren begreiflicherweise lieb ist. Und erst recht muß die Frage gestellt werden, ob das leuchtende Bekenntnis zu den Ausländern nicht nur gleichzeitig, sondern vor allem als glänzende, pseudosakrale Bestätigung des Kollektivs dient {…}. Von Leuten, die allenfalls ihre Frau oder ihre Kinder verprügeln würden, war in diesen Tagen kein Satz so oft zu hören wie: ‚Wir schämen uns als Deutsche.’ Ohne Kollektiv keine Scham. Schamgefühl macht hierzulande offenbar noch keine menschliche Regung aus, weshalb die durchaus nichtmenschliche Eigenschaft, deutsch zu sein, als Auslöser von Gesittung dienen muß.
Eike Geisel – Triumph des guten Willens. Die Selbstinszenierung der guten Seelen (1992), in ders. Triumph des guten Willens. Gute Nazis und selbsternannte Opfer – Die Nationalisierung der Erinnerung

Recommended reading:
Jochen Schmidt – Politische Brandstiftung. Warum 1992 in Rostock das Ausländerwohnheim in Flammen aufging
Eike Geisel – Triumph des guten Willens und Die Banalität der Guten
Wolfgang Pohrt – Das Jahr danach und Der Weg zur inneren Einheit
Hannah Arendt – Besuch in Deutschland

  1. ‚Hier‘ wurde angesichts der damaligen Streuung der Tatorte vor einigen Jahren spekuliert, dass mindestens ein rechtsradikaler Wahnsinniger Koordinaten für ein Hakenkreuz über Deutschland markieren wollte. Die später bekannt gewordene symbolträchtige Anzahl Anzugreifender auf der Liste des „NSU“ – 88 – und die Symbolismus-Fixierung von Nazis überhaupt legen den Verdacht einer solchen wenigstens ursprünglichen Intention nahe. [zurück]

Deutschland im November 2011 II/ Forwarded: haGalil – „Antisemitische Sprüche im Frankfurter Römer: “Die Gunst der Stunde genutzt“…“

Auszüge:
„Jutta Ditfurth sitzt für ÖkoLinX-ARL als Stadtverordnete im Frankfurter Römer. Hier wurde sie Zeuge, als nur einen Tag nach den üblichen Reden zur Reichspogromnacht eine plumpe antisemitische Äußerung in der Sitzung des Stadtparlaments ohne Folgen blieb, und stattdessen jene, die darauf aufmerksam machen wollte, zum Ziel von Spott und Rüge wurde…
{…}
In einer Pressemeldung berichtet Jutta Ditfurth:
Diskutiert wurde (am 10-11-2011) der Antrag NR 97 von CDU und Grünen über die dauerhafte kulturelle Nutzung des Hauses Gutleutstr. 8-12. In der Debatte machte der FDP-Stadtverordnete Stefan von Wangenheim Anmerkungen zur Geschichte des Hauses. Er sagte, das Haus habe früher einem Juden gehört, der dann »die Gunst der Stunde genutzt« und das Haus verkauft habe, um seine Flucht aus Deutschland zu bezahlen.
Meine empörten Zwischenrufe, das sei schierer Antisemitismus, was denn an jener Stunde »günstig« gewesen sei, ob er das antisemitische Klischee des geschäftstüchtigen Juden bedienen wolle, dass er aufhören und die Sache erklären und sich entschuldigen solle, {…} usw., blieben unbeantwortet.
Ich rief in einen toten Raum. {…} Kein CDUler, kein Grüner rührte sich. Die antisemitische Aussage ging im Römer glatt und unbeanstandet durch, nur eine SPD-Stadtverordnete sprach in ihrem Redebeitrag von »Entgleisung«.
Ich wurde vom Präsidium gerügt.
Aber es kam lautes Gegröhle und Stammtischgejohle bei FDP, CDU und Teilen der Grünen auf, als Wangenheim, statt sich zu erklären, im weiteren Verlauf seiner Rede abfällige Bemerkungen über mich machte.
{…}
Der Zigarettenfabrikant Adam Becker war Eigentümer des Hauses Gutleutstr. 8-12. Er verkaufte sein Haus 1933 an die NSDAP Gauleitung Hessen-Nassau (das Haus hieß fortan Adolf-Hitler-Haus) und bezahlte davon seine Flucht aus Deutschland. Er nutzte also, wie Stefan von Wangenheim (Mitglied einer Partei, die so vielen NS-Faschisten nach 1945 ein wohliges politisches Zuhause bot) meint, die ungeheure »Gunst der Stunde«, den angeblichen Vorteil der Situation.
{…} Am 1. April 1933 gab es in ganz Deutschland gewalttätige Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte, Büros, Arztpraxen. Die Botschaft war klar. Viele Juden begannen, ihre Flucht zu organisieren. Auch Adam Becker.
»Günstig« war die Stunde nur für ihre späteren Mörder.“
Quelle: HaGalil – Antisemitische Sprüche im Frankfurter Römer: “Die Gunst der Stunde genutzt“…

Mehr: Martin Krauss – »Gunst der Stunde 1933«. Frankfurter FDP-Politiker sorgt für Eklat im Römer (Jüdische Allgemeine.de)

The Occupation Wasn‘t Televised. Die „Occupy-Bewegung“ ist längst vereinnahmt

„Ah, the fierce-hearted wolves,“ she said, „the followers of Sense and many gods – greedy of gain and faction-torn. I can see their dark faces yet. So they crucified their Messiah? Well can I believe it. That He was a Son of the Living Spirit would be naught to them, if indeed He was so, and of that we will talk afterwards. They would care naught for any God if He came not with pomp and power. They, a chosen people, a vessel of Him they call Jehovah, ay, and a vessel of Baal, and a vessel of Astoreth, and a vessel of the gods of the Egyptians – a high-stomached people, greedy of aught that brought them wealth and power. So they crucified their Messiah because He came in lowly guise – and now are they scattered about the earth? Why, if I remember, so said one of their prophets that it should be. Well, let them go – they broke my heart, those Jews, and made me look with evil eyes across the world, ay, and drove me to this wilderness, this place of a people that was before them.“
Rider Haggard – She, 1887

Die Deutschen sind persönlich einfach noch nicht betroffen genug.“ „Occupy“-Demo-Ordner, 12.11.2011 (zitiert nach Zeit.online)

Der britische Schriftsteller Rider Haggard, der später die Juden außerdem für beispielsweise die Morde an den Romanows, die Folterung und Hinrichtung Jesus Christus und die Russische Revolution verantwortlich machte, für die weltweite Ausbreitung des Bolschewismus und für die Massaker an den amerikanischen ‚Ureinwohnern’ („The States at the moment are being swamped by immigrants, an enormous part of whom are Jews from Central Europe, and does not know how to stem the torrent, although it does not desire to have more jews in the country where the native americans are vanishing under a flood of aliens.“ Zitiert nach Wendy Roberta Katz – Rider Haggard and the Fiction of Empire, 150f) ließ in seinem gegen Ende des 19. Jahrhunderts erschienenen Roman „She“ die über zweitausend Jahre alte, unvorstellbar weise, weiße und ihr eigentlich adäquatem Luxus entsagende Gottkönigin (sie stirbt erst, als sie ihr Begehren erfüllen will!) eines im afrikanischen Urwald versteckten Volkes ihren Hass auf die Juden mit antisemitischen Stereotypen bebildern (der ebenso offensichtliche Rassismus Haggards lässt im Gegensatz zu seinem Antisemitismus jederzeit den ‚edlen Wilden’ oder insbesondere die ‚edle Wilde’ als Ausnahme zu). Der Wissenschaftler und ostentative Christ Holly, der sich unsterblich in „She“/ „Ayesha“ (Ayşe, türkisch-arabisch: lebhaft, lebensfroh, lebend, lebendig), die natürlich nach wie vor strahlend schön ist, verliebt, seufzt nur zustimmend und hat nun endlich eine Erklärung für den einzigen Mangel, den er an ihr entdecken kann – ihre Grausamkeit und Mordlust: Die Juden sind schuld.
Während Haggard seinen Feind beim Namen nannte, ist es heutzutage unter Antisemiten und denen, die sich niemals für solche halten würden, üblich zu behaupten, man dürfe ja nichts gegen „die Juden“ sagen. Entsprechend begnügt man sich weitgehend mit Anspielungen. Wie tief sich die Codes ins Voksbewusstsein gebrannt haben, lässt sich derzeit an den Slogans der „Occupy“-Bewegung erkennen. Ihre Akteure und Exkulpierer greifen immer wieder auf Motive und Bilder zurück, die vor der Aufklärung über die deutschen Verbrechen in unter anderem Auschwitz noch in einem Atemzug mit Angriffen auf Juden geäußert wurden. Da es aber seither keine Antisemiten mehr gibt (vgl. Horkheimer/ Adorno), wird jeder Vorwurf von bewusstem oder auch nur unbewusstem Antisemitismus empört von sich gewiesen. Dabei reichte es aus, sich einschlägige Literatur, die bis auf wenige drastische Ausnahmen noch ausleih- oder bestellbar ist, vorzunehmen. Vom angeblichen Judenfreund Theodor Fontane, dem der Jude am Ende vom „Stechlin“ als Teufel gilt, über Rider Haggard, Sheridan LeFanu, Algernon Blackwood, bis zu Thomas und Heinrich Mann, Fjodor M. Dostojewskij, Martin Walser und so weiter und so fort; bei allen finden sich Opfer, die sich einer unnachgiebig was auch immer raffenden Macht ausgesetzt wähnen, wie sie sich im Moment von den „Occupy“-Bewegten ausgemalt wird. Noch werden die kaum mehr als vereinzelt zu bezeichnenden Ausbrüche, in denen „Occupy“-Demonstranten ganz explizit Juden verantwortlich machen, als nicht repräsentativ dargestellt, und da man nunmal eine „offene Bewegung“ sei und sich vor allem nicht vereinnahmen lassen wolle (von wem eigentlich nicht, wenn man sich bereits von 99% hat vereinnahmen lassen?), müsse man eben mit derartigen angeblich marginalen Erscheinungen rechnen. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht mindestens eine weitere einschlägige Marginalie dokumentiert wird. Und das angesichts der (weltweit! „Deutschland kann nicht überall sein, aber es ist die Mitte, die überallhin ausstrahlt.“ Gerhard Scheit) konsequent mit Ressentiment aufgeladenen Behauptung, dass „man nichts gegen Juden sagen darf“. In Deutschland sind derlei Vorfälle noch relativ selten. Was daran liegen mag, dass die re-education zumindest ein wenig bewirkt hat oder aufgrund von German Angst, die sich allen angeblichen Verboten laut jammernd und vor allem erst einmal zu unterwerfen hat oder daran, dass man irgendwann gelernt hat, seinen Opferneid aufopferungsvoll zu bemänteln und an dergleichen Phänomenen mehr. Hinter all dem steht aber drohend die allgemeine, auch wissenschaftlich mehrheitlich vertretene Auffassung, dass der Antisemitismus in Deutschland vor 1933 als vergleichsweise „harmlos“ galt. Sobald man sich hierzulande eingestehen will, dass man sehr wohl sagen darf und dass schon lange gesagt wird, setzt womöglich erneut der run auf die begehrtesten aller Tickets ein.
Die Deutschen haben ihre „Endlösung“ im Wortsinne aufgearbeitet und ‚übernehmen’ unreflektiert die Bezeichnung „Bewegung“, und der Vorschlag der Lektüre von Romanen erscheint lächerlich, wenn schon treffende Vergleiche der „Occupy“-Parolen mit den Aussagen führender Nationalsozialisten als irrelevant abgetan werden, insofern als „nur, weil die es gesagt haben“, es ja „nicht falsch sein muss.“ Wenn in den Kommentaren zu „Occupy“-kritischen Texten „die Fahnen hoch“ skandiert und als einer der Säulenheiligen ständig Gandhi (oder auch nicht) zitiert wird. Gandhi, der Israelfeind und das Vorbild des gäbeesnochantisemitendannunteranderen Desmond Tutu, Gandhi, der den deutschen Juden 1938 empfahl: „Wenn ich Jude wäre und in Deutschland geboren […], würde ich Deutschland selbst dann noch als meine Heimat betrachten, so wie der größte nichtjüdische Deutsche, und ich würde es herausfordern, mich erschießen oder in den Kerker werfen zu lassen […]. Und das freiwillig auf sich genommene Leid brächte ihnen und mir innere Stärke und Freude…“ (Zitiert nach Castollux – Tutu und Gandhi: Keine Übermenschen – eher schlichte Antisemiten) Kraft durch Freude also?
Etwas, das sich eine „Bewegung“ nennt, die außerdem allen gerecht werden will, die sich ausschließlich als Opfer von denen, die womöglich etwas haben könnten, was man selbst nicht hat und sich deswegen nicht unbefangen zu haben vorstellen mag und es deswegen sowieso niemandem gönnt, kann nur eine deutsche Bewegung sein. Eine „Bewegung“, die Luxus ankreidet, statt ihn einzufordern, beruht auf Abspaltung, Neid und Projektion, will einebnen und nimmt ihre vorgebliche „Buntheit“ als Ausrede dafür, noch die irrsinnigsten Paranoiker als kreativen Protestler gewinnen zu können. „Paranoia ist der Schatten von Erkenntnis.“ (Adorno). Und die grellbunten Motive, mit denen die Kornkreise-, HAARP-, Ufo-, Echsen- und so weiter und so fort Gläubigen sich nahtlos in die Reihen der selbst ernannten „Empörten“ integrieren können, zeugen davon, dass man eben weiß, was gemeint ist. Neben ihnen nimmt man sich außerdem nur umso harmloser und verständiger aus und besonders tolerant.
Insbesondere in der populären deutschen und skandinavischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts gibt es die Figur des ‚Dorf-Irren’, der (im Gegensatz zu französischen Romanen von beispielsweise Victor Hugo oder britischen von u.a. William Wilkie Collins, wo er respektive sie anklagend auf gesellschaftliche Widersprüche und Missstände verweist) einerseits für comic reliefs gut ist und andererseits von kommenden Katastrophen kündet – fatalerweise sorgt der ‚Dorf-Irre’ hier fast immer dafür, dass am Ende alles gut wird; mit seinem kindisch rücksichtslosen Verhalten nämlich produziert er irgendwann eine Katastrophe, aus der die notwendige Versöhnung aller mit allem resultiert (vgl. z.B. Trygve Gulbranssen – Das Erbe von Björndahl aber auch Søren Kragh-Jacobsens Dogma-Film „Mifune“). Die „Occupy“-Bewegung, die sich wie alle Bewegungen dem Konsens verpflichtet hat, braucht den ‚Dorf-Irren’ in genau diesem Sinne. Er dient ihr zugleich als Beweis der volkstümlichen Breite des Spektrums wie auch als Drohung, die daraus entsteht, dass man allein die Wahngläubigen, wenn man nur nett zu ihnen ist, zu bändigen in der Lage ist und als Hoffnung auf die mal wieder alle einende Katastrophe; zugleich bieten die erschreckend vielen aber trotzdem noch nicht der Majorität einleuchtend erscheinenden völlig abwegigen Wahnbilder der selbst erklärten „Erwachten“ oder „der Matrix Entkommenen“ die notwendige Verschleierung der eigenen verworrenen Ahnungen, der eigenen Alltagsreligion (Detlev Claussen).
War die deutsche Spaßgesellschaft in den 1990ern eine ostentative Spaß-trotz-Auschwitz-Gesellschaft („Dies ist mein Aufruf an alle Juden der Welt, sie sollen doch mal eine neue Platte auflegen. Und nicht immer nur rumheulen.“ DJ Motte, 1995), so wird hierzulande nunmehr signalisiert, der Spaß sei jetzt endlich vorbei – Spaßhaben vorzutäuschen war der grimmig zwanglose Prolog. Wenn die „wahren Volksvertreter“ (und sie bezeichnen sich nicht nur als solche, sie sind es tatsächlich, auch davon – und von noch viel mehr – zeugen die devoten Grußadressen deutscher Spitzenpolitiker und: „Führer wird, wer sich keinen Zwang antun muß, wenn er der Masse gehorcht.“ Wolfgang Pohrt) ‚Schluss mit lustig’ machen, also letztlich zugeben, die Drohkulissen ihrer gewählten Verteter endlich ernst zu nehmen, werden sie im vorgeblichen Protest gegen sie eins mit ihnen. Wenn die Deutschen, die als deutsche Spaßgesellschaft bereits ausschließlich angetreten waren, allen außer den Deutschen den Spaß zu verderben, und die im deutschen Fußball-Sommermärchen permanent damit beschäftigt waren, No Go-Areas und dergleichen fröhlich grinsend zu leugnen und wenn man diejenigen, die Zeugnis davon hätten ablegen können, aus der U-Bahn prügeln musste, wenn also diese Deutschen erneut „erwachen“ (! Daueraufforderung der „Occupy“-Anhänger) wollen oder sich „wehren“ (dito) zu meinen müssen, deutet schon die reflexionslose (geschichtsvergessene) Terminologie auf die eigentliche Intention hin. Dem deutschen Imperativ „Erwache!“ folgt unweigerlich das „aus deinem bösen Traum! Gib fremden Juden in deinem Reich nicht Raum!“ („Heil Hitler Dir!“, Bruno Schestak, 1937) und dem „Wehrt Euch!“ das „Deutsche, kauft nicht bei Juden!“.


Original („I’m not!“)


Fälschung

Wenn die konservativen Fundamentalisten behaupten, Amerika sei eine christliche Nation, dann sollte man sich vor Augen halten, was das Christentum eigentlich ist: der Heilige Geist, die freie, egalitäre Gemeinschaft von Gläubigen, vereint in der Liebe. So sind es die Demonstranten, die zum Heiligen Geist geworden sind, während die Heiden an der Wall Street falschen Götzen huldigen.
Slavoj Žižek – Occupy-Wall-Street-Streit „Lasst euch nicht umarmen!“, 2011, Süddeutsche.online

Slavoj Žižek, der in der „Zeit“ zum Thema „Was mir heilig ist“ aus Buchenwald bloß ein kitschiges Heiligenbildchen zu exzerpieren fähig war beziehungsweise keinesfalls mehr wollte, verleiht in der Süddeutschen mit wenigen Worten der „Occupy-Bewegung“ einen Heiligenschein, der grell alles beleuchtet, was an ihr ablehnenswert ist. Natürlich war das nicht Žižeks Intention, der hatte vor, ein übermenschliches, ein allen Göttern und Götzen überlegenes Bild vollkommener Erleuchtung erstehen zu lassen – der Heilige Geist ist im Christentum reiner noch als Gott oder Jesus – der eigentlich (!) als Identifikationsfigur nahegelegen hätte, aber … das kann hier im Moment nicht auch noch erörtert werden –, reiner als der Schöpfer alles Erzeugbaren, alles Anfass- und daher Antastbaren und reiner als der Erzeugte, Anfass- und Antastbare. Er verleiht der der Gemeinschaft der sich zum Glauben bekennenden Gemeinschaft in der Kommunion die Antidote zu den von Papst Gregor definierten Sieben Todsünden (Stolz, Geiz, Wollust, Neid, Völlerei, Zorn, Trägheit): Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit, Gottesfurcht (analog zu den sieben Tugenden: Glaube, Hoffnung, Liebe, Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung). In der Trinität: Gott-Vater, Gott-Sohn und Gott-Heiliger Geist steht er für die Gemeinschaft, für das Ziel.
Anfassbares produziert Differenz und Distinktion und die Möglichkeit von einzigartig erfahrbarem Begehren; Begehren wiederum impliziert die Möglichkeit der Zurückweisung oder Verweigerung. Antastbarkeit impliziert die Möglichkeit zu verletzen, zu zerstören. Alles, was von Gott oder von Menschen erzeugt wurde, unterliegt diesen Voraussetzungen. Der Heilige Geist dient ausschließlich ihrer Aufhebung in der Gemeinschaft der vom Begehren befreiten Gleichen. Notwendiges Resultat derartig Individualität einebnender Gemeinschaftschaftsziele sind Abspaltung und Projektion. Diese generieren prinzipiell ein grundlegend Anderes, das begehrt, haben will und in der Fantasie im Überfluss zu haben hat. Und das Begehren der Gemeinschaft bricht sich irgendwann im Verlangen nach der Bestrafung und Zerstörung derer, in die man alles im Antast- und Anfassbaren Implizierte projiziert hat, Bahn.
Alles wird dann gut werden, glaubt man, und nach der Verteilung der Beute herrscht außerdem wieder Gerechtigkeit, denkt man.

»Love is evil«, sagt Slavoj Žižek und begründet das so: Das Universum als Ganzes ist Balance. Es schließt alles mit ein. Die Liebe aber ist das Paradebeispiel der Partikularität, denn statt das Ganze zu meinen, pickt sie sich ein Einzelnes heraus – sie partikularisiert, und das ist schlecht.
Cordula Bachmann – Die Transformation der Liebe, Jungle World

Um antisemitisch zu agieren, muß man weder Traktate lesen sich noch sonst irgendwie intellektuell vorbereiten; es reicht der Reiz konformistischer Rebellion.“
Detlev Claussen – Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus

In zwei Sätzen bringt Žižek ein Leitthema unter, das Rider Haggard noch umständlich erklären zu müssen glauben wollte, während um ihn herum schon längst Antisemiten die Vernichtung der Juden vorbereiteten. Mit keinem Wort erwähnt hingegen Žižek die Juden und meint ganz gewiss auch nicht sie auszugrenzen. Dennoch bedient er sich eines relevanten Motivs, das seit Jahrhunderten zu ihrer Aussonderung appliziert wurde. So lange und so nachdrücklich, bis eines ohne das andere nicht mehr gedacht werden konnte, sollte und wollte.
Solche Äußerungen treffen völlig unreflektiert auf eine selbsternannte Bewegung, mit der sich erkennbar viele identifizieren, die sich fragen: „Was und wieviel ist eigentlich schon wieder erlaubt?“ (Jean Améry – Der ehrbare Antisemitismus. Rede zur Woche der Brüderlichkeit, 1976, in: Weiterleben – aber wie? 161) Und: „Wer einigen Einblick hat […], wird geneigt sein, den Ungeduldigen zu versichern, daß in der Tat sehr vieles nicht nur gestattet, sondern geboten ist. Siebengescheite sprechen erleichtert von der Tabu-Brechung, nicht ahnend, welchen obskuren Kräften sie damit ihre Stimme leihen.

The stereotypes about Jews and money endure, and the fact that more Americans are now accepting these statements about Jews as true suggests that the downturn in the economy, along with the changing demographics of our society, may have contributed to the rise in anti-Semitic sentiments“. Abraham Foxman (ADL) (zitiert nach Shlomo Shamir – Report: U.S. anti-Semitism on the rise amid economic downturn, Haaretz.online)

Andrei S. Markovits, der der Jungle World im Interview auf die Frage inwiefern eine „Argumentation, die sich derart auf die ‚Macht der Banken’ und der Banker kapriziert, eine verkürzte Kapitalismuskritik und damit indirekt ein antiamerikanisches und antisemitisches Ressentiment“ transportiere, antwortete: „Es stimmt natürlich, dass diese Kritik furchtbar verkürzt ist, aber in Amerika werden Banker nicht mit Juden assoziiert. Die Banken waren nie jüdisch und waren im Gegenteil sogar lange Zeit sehr antisemitisch. Anders als in Europa, wo Geld immer etwas Übles war. […] Juden werden hier mit Hollywood, mit Journalismus, Medizin, Jura, mit Wissenschaft, mit Nobelpreisen, aber nicht mit Banken assoziiert. Insofern ist diese Bewegung auch nicht antisemitisch“, fällt hinter seine eigenen Standards („Amerika, dich haßt sich’s besser. Antiamerikanismus und Antisemitismus in Europa“) zurück. Muss es tun! Weil er wie viele „Occupy“ für eine progressive Veranstaltung halten will. Was sie in weiten Teilen nicht ist, auch nicht in den USA. Richtig benennt er die ostentative Israel-Feindschaft zahlreicher Demonstranten, die nun einmal – soweit richtig! – weltweit typisch für die Linke sei, und separiert sie insofern, als er sie einzelnen linken Gruppen zuschreibt. Dass die Banken in Amerika antisemitisch waren – wie übrigens auch diverse Hollywood-Studios, Verleger, Ärzte, Anwälte und Wissenschaftler (und wie übrigens die Banken in Europa) – macht sie jedoch nicht immun gegen Projektionen, die eben nicht bloß auf amerikanischer Geschichte beruhen. Was Amerika von Europa unterscheidet, ist nicht, dass es dort keinen Antisemitismus gäbe, der sich durch alle Gesellschaftsschichten zieht sondern ein immer wieder erneuertes Bestehen auf dem „pursuit of happiness“, der dem Individuum ein Vorrecht vor der Gemeinschaft gibt. Dieses Vorrecht aber ist es, was europäisch (aka deutsch und auch in den USA oft Amerika-feindlich) derzeit gravierend in Frage gestellt wird.

’Antikapitalismus’, der das Konkrete verklärt und das Abstrakte unmittelbar abschaffen möchte – anstatt praktische und theoretische Überlegungen darüber anzustellen, was die historische Überwindung von beidem bedeuten könnte –, kann politisch und gesellschaftlich im besten Fall unwirksam bleiben. Schlimmstenfalls wird er jedoch selbst dann gefährlich, wenn die Bedürfnisse, die der „Antikapitalismus“ ausdrückt, als emanzipatorisch interpretiert werden könnten. Die Linke machte einmal den Fehler anzunehmen, daß sie ein Monopol auf Antikapitalismus hätte; oder umgekehrt: daß alle Formen des Antikapitalismus zumindest potentiell fortschrittlich seien. Dieser Fehler war verhängnisvoll – nicht zuletzt für die Linke selbst.“
Moishe Postone – Deutschland die Linke und der Holocaust (being reminded of by universalestate)

Den so genannten Antizionisten oder ‚Israelkritikern’, die weltweit den Protest ausschließlich gegen zwei Nationen auf die Demonstrationen tragen, und darunter ist absurderweise nicht Deutschland (außer in Griechenland womöglich), und die sich über Grußadressen und nette „Occupy Wall Street!“-Bilder aus Gaza, dem Iran etc. freuen, sei u.a. Hans Mayer empfohlen: „Wer den Zionismus angreift, aber beileibe nichts gegen die Juden sagen möchte, macht sich oder anderen etwas vor. Der Staat Israel ist ein Judenstaat. Wer ihn zerstören möchte, erklärtermaßen oder durch eine Politik, die nichts anderes bewirken kann als solche Vernichtung, betreibt den Judenhaß von einst und von jeher.“ (Zitiert nach Améry ebd.)
Außerdem: Wer trotz aller Übereinstimmungen mit den Texten von Nationalsozialisten, die auf tatsächlich nichts aufbauten als auf ihrem Antisemitismus und am die Ende keine ‚Utopie’ vorzuweisen hatten als die einer Welt ohne Juden, nach wie vor glaubt, „nur weil die es gesagt haben, muss es ja nicht falsch sein“, und er sei deswegen noch lange kein Antisemit, sei darauf hingewiesen, dass es seit 1945 nicht nur einen „Antisemitismus ohne Juden“ sondern auch einen ohne Antisemiten gibt. Und auf Adorno/ Horkheimer, die in ihrer „Dialektik der Aufklärung“, erklärten, warum es „keine Antisemiten mehr“ gibt, Antisemitismus aber dennoch das Weltbild allzu vieler beherrscht.
Antisemitismus und Antisemiten wird es so lange geben, wie der (notwendige) Protest gegen den Kapitalismus sich im Konstruieren einer entsagungsvollen und moralisch überlegen sich imaginierenden Opfergemeinschaft erschöpft. Und in der Krise kommen sie ganz zu sich. „Occupy“ ist nicht in der Lage, diesen Mechanismus zu unterbrechen, da bloß wieder das „eine Andere“ gegen die 99% „Empörten“ evoziert wird – und damit auch das Abstrakte gegen das Konkrete. Es ist gleichgültig, dass ‚die Juden’ eben nicht die Banken beherrschen, nicht die Medien, die Anwaltskanzleien, die Wissenschaft, dass weder Israel noch die USA eine Erdbebenmaschine besitzen oder dass Echsen die Erde ganz und gar nicht besetzt haben; es ist ebenso gleichgültig, dass ein Großteil der „Occupy“-Demonstranten derartiges Gedankengut womöglich mehr oder weniger oder selbst völlig ablehnt. Dass die „Occupy“-Proteste die entsprechende Klientel magnetisch anziehen hingegen sollte zum Anlass genommen werden, sowohl die eigene Position als auch die Form, Intentionen von und „Occupy“ überhaupt einer kritischen Reflexion zu unterziehen.

Recommended reading:
Reflexion – Die Märsche der Demokraten (+++)
Cosmoproletarian Solidarity – Das Verhängnis der kapitalisierten Gattung
La vache qui rit. – Die Empörten („occupy Frankfurt“)
Yitzhak Benhorin – Anti-Semitism tainting Occupy Wall Street protests, Ynet News
Samuel Salzborn – Moneten und Mythen
Nichtidentisches – Ich bin 0,000000014 %
Manfred Dahlmann – Die Gemeinschaft der Nichtssager, Jungle World
Thomas von der Osten-Sacken – Nicht links und nicht rechts. Aber unheimlich wütend, jungleblog
+
Detlev Claussen – Grenzen der Aufklärung und Elemente der Alltagsreligion
Max Horkheimer/ Theodor W. Adorno – Dialektik der Aufklärung
Moishe Postone – Deutschland, die Linke und der Holocaust
Jean Améry – Weiterleben – aber wie?
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Antisemitism from Antiquity to the Global Jihad
Alfred Sohn-Rethel – Ökonomie und Klassenstruktur
ISF – Das Konzept Materialismus
+
Bonus Track: Reine Polemik…
Wenn sich deutsche Medien kritisch mit der „Occupy“-Bewegung auseinandersetzen, geschieht dies meistens im amerikakritischen Kontext, so beispielsweise in der „Zeit“, wo man sich u.a. eine Modestrecke in der New York Times zum Anlass von Ridikülisierung der hierzulande oft als absurderweise im Protest ungeübt geltenden Amerikaner vornahm. Sieht man sich die auf Youtube veröffentlichten Dokumentationen der deutschen Proteste an, kann man sich beruhigt zurücklehnen, eine Modestrecke lässt sich daraus tatsächlich nicht erstellen. Keine einschlägige Modekette, kein ‚Modemacher’ (Produktionsdeutsch für couturier), kein Lifestyle-Sender, keiner der von Naomi Klein so gefürchteten trend scouts (die doch nur der erste Schritt der Verwertungskette sind, die irgendwann alles in den geschätzten Second Hand Stores enden lässt, und sei es vierzig Jahre später, coming soon: „Fault-il brûler Wertmüller? Toward the end of fashion“) fände hierzulande Inspiration. Dennoch: Passenderweise suchte sich „Die Zeit“ zur Illustration ihres Artikels eine ein grün gefärbtes Palituch tragende Demonstrantin aus, und liegt damit nicht mal so falsch (s.o.). Die deutsch Empörten aber gehen vorwiegend zum Protest gekleidet wie zum Sonderangebot-Einkauf bei ihrer bevorzugten Supermarkt-Kette und stellen also die entsprechende Kundschaft ästhetisch dar. Dazu kommen noch diejenigen, welche die Wegwerfgesellschaft kritisieren und Mülltonnen als veritable und ansprechende Nahrungsdepots proklamieren wollen. Die derzeitige und sehr unangenehm geführte Debatte um Mindesthaltbarkeitsdaten ist auch ihnen zu verdanken – Steilvorlage. Statt denen, die im Müll zu wühlen haben, um überhaupt überleben zu können, Teilhabe am zunehmend realisierbaren Luxus zu ermöglichen, erklärt man sie zum Ideal; das ist Winterhilfswerk und Volxküche united.
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Later:
»Je weniger man von diesem Ort sieht, desto besser versteht man ihn. Der Sinn der Occupy-Bewegung liegt nicht darin, dass wir daran teilnehmen, sondern dass möglichst viele Leute von ihr erfahren.« Paradoxie à la Slavoj Žižek: Eine Illusion, die durchschaut ist, hat sich noch lange nicht erledigt – wir müssen uns trotzdem dazu verhalten. Die Leute müssen protestieren, damit ein Bewusstsein entsteht, aber eigentlich sind es, natürlich, die falschen Leute.Zeit.de via Teilnahmebedingungen
+ Noch mehr zum „Heiligen Geist
+ „Oft­mals wird be­haup­tet, dass es sich um keine keine ho­mo­ge­ne Be­we­gung, son­dern um die An­samm­lung von In­di­vi­du­en han­deln würde. Diese bil­den den „Schwarm“, heißt es in den Selbst­dar­stel­lun­gen der Ak­ti­vis­t_in­nen. Dabei wird un­ter­schla­gen, dass es sehr wohl ge­mein­sam Nen­ner gibt, die die Ak­ti­vis­t_in­nen auf die Stra­ßen und in die Camps ge­bracht haben.Reflexion – Die Gemeinschaft gegen die „1 Prozent“
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+ AA:B – Die schweigende Mehrheit – Zur Kritik der Occupy Bewegung

Sonstiges: Deutschland im November 2011

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Screenshot Homepage, Eckhard Uhlenberg, CDU: „Ich bin 1948 in Werl geboren und habe drei, inzwischen lange erwachsene Kinder. In Werl-Büderich bin ich auf einem wunderschönen, alten Bauernhof zu Hause, der seit vielen Generationen Heimat der Familie ist.
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Screenshot Zeit.online

Wenn wir vom Deutschen also ohnehin mehr geprägt sind, als wir uns eingestehen wollen – wäre es dann nicht redlicher, diese historischen Traditionslinien offen zu reflektieren? Und wäre es nicht hilfreicher, sich auch wieder von dem anstecken zu lassen, das diesem Land jahrhundertelang seine ungeheure Dynamik und Vitalität beschert hat? Von seiner überschwänglichen Liebe zur Kunst, zur Dichtung, zur Musik? Von seiner maßlosen Lust am Hervorbringen, am Arbeiten, am »Schaffen«? Goethes Verheißung, »wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen«, ist uns zur fremdsprachlichen Zumutung geworden.
Thea Dorns (!) am 6.11. veröffentlichtes “Kraft durch Freude”-Geleitwort zum nahenden Jahrestag der Reichspogromnacht: Die deutsche Seele…, Zeit.online
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‚Das Vergessen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung‘ – diesen jüdischen Spruch hat sich die Politik der Erinnerung angeeignet. Da aber niemand mehr erlöst werden kann, weil diese Auskunft an der Geschichte zuschanden geworden ist, soll die veranstaltete Erinnerung Erlösung von der Geschichte bringen. Die Deutschen wollen aus dem Exil, aus der Kälte der Gesellschaft in die Wärme, in die Gemeinschaft, sie wollen zu sich kommen. So ist aus der Asche der Ermordeten der Stoff geworden, mit dem sich der neue Nationalismus das gute Gewissen macht, jetzt können die Landsleute statt Menschen Deutsche sein.
Eike Geisel – Opfersehnsucht und Judenneid. Ein Kommentar zur Nationalisierung der Erinnerung, in ders. Triumph des guten Willens
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In Memoriam Herschel Grynszpan
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